|
Offener Brief
Leipzig, 15.11.2007
An alle
Sozialverbände,
Gewerkschaften und
Arbeitnehmervertretungen in Leipzig
Per Mail
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Drei Jahre nach der Einführung von Hartz IV und dem neuen SGB II werden
Erwerbslosen erhebliche Einkommensverluste und Einschränkungen ihrer
sozialen Grundrechte zugemutet. Hartz IV wird keine vernünftigen
Arbeitsplätze für 5 bis 6 Millionen Arbeitslose produzieren. Auch
Leiharbeit und 1-Euro-Jobs sind keine geeigneten Instrumentarien für eine
vernünftige und tragfähige Arbeitsmarktpolitik. Wenn also im Zusammenhang
mit Hartz IV und dem SGB II Arbeitsangebote geschaffen werden sollen, so
kann es sich nur um öffentlich geförderte Beschäftigung handeln.
Mit Bestürzung, großer Sorge und nicht zu letzt mit erheblicher Empörung
müssen wir beobachten, dass die bisherigen Förderinstrumente des SGB III,
die mit befristeten, aber regulären sozial versicherungspflichtigen
Arbeitsverhältnissen und anschließenden Ansprüchen auf
Lohnersatzleistungen verbunden waren, offensichtlich politisch für
Arbeitslosengeld II - Berechtigte nicht gewollt sind. Das frühere
Versprechen, durch die Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und
Sozialhilfe alle Erwerbslosen in den Genuss der SGB III Förderinstrumente
kommen zu lassen, entpuppt sich so als Farce.
Des Weiteren beklagen wir die Zunahme von Leiharbeit und die Zunahme der
1-Euro-Tätigkeiten, welche gemeinnützig sein sollten. Das rückt
automatisch öffentliche Einrichtungen sowie die Träger der freien -
gemeinnützigen Wohlfahrtspflege in den Mittelpunkt. Der Kahlschlag in
allen Bereichen des sozialen Hilfesystems und der sozialen Sicherung, die
Ausdünnung von Leistungskatalogen bei sozialen Tätigkeiten und die damit
verbundenen Entlassungen aus regulierten Arbeitsverhältnissen produzieren
gewissermaßen täglich die „Zusätzlichkeit“, mit der 1-Euro-Tätigkeiten in
diesem Bereichen gefordert und begründet werden.
Die Perspektiven erscheinen uns nach wie vor bedrohlich und können auch
mit Fakten belegt werden: Erzieherinnen, die bei der Schließung ihrer
Kitas arbeitslos werden, sollen nach einem Jahr Erwerbslosigkeit dieselbe
Tätigkeit in einer anderen Einrichtung erledigen – erzwungenermaßen und
für 1 Euro die Stunde. Entlassene Krankenpflegerinnen arbeiten
anschließend für 1 Euro in irgendwelchen Pflegediensten, erwerbslose
Maschinenschlosser oder Landschaftsgärtner leiten für 1 Euro
Beschäftigungsprojekte für Jugendliche an – die dort ihrerseits selbst auf
1 Euro Basis arbeiten.
Die Spirale des Lohndumpings und der Entwertung von Qualifikationen
scheint schier endlos.
Wir plädieren für die Schaffung von sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigungsmöglichkeiten für den ersten und zweiten Arbeitsmarkt sowie
für einen flächendeckenden Mindestlohn in allen Branchen sowie eine
würdige Grundsicherung für weiterhin Arbeitslose.
Mit den angeblichen Erfolgsfaktoren Leiharbeit und 1-Euro-Job feiern die
Bundesregierung und die Wirtschaftsverbände den angeblichen Rückgang der
Arbeitslosigkeit.
Ebenfalls mit Besorgnis und Wut müssen wir eine steigende Kinderarmut
konstatieren und zugleich eine breite Zunahme der Verelendung breiter
Bevölkerungsteile registrieren. Eltern die ihre Kinder aus finanziellen
Gründen von der Schulspeisung abmelden. Regelsätze, die alle Empfänger von
ALG II und deren Kinder an jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe
ausschließen und nicht einmal den Nahrungsbedarf von Kinder und
Jugendlichen deckt. Eine Erhöhung der Hartz IV – Regelsätze und der
Regelsätze für Kinder sowie ein kostenloses Mittagessen in Kinder und –
Schuleinrichtungen wäre ein erster Anfang, Armut und Not in unserem Land
wirksam mit Soforthilfeinstrumenten anzugehen. Zu diesem Zweck hat die ASG
Leipzig-DIE LINKE. auch eine Weihnachtsbeihilfe gefordert und auf den
Stadtvorstand unserer Partei eingewirkt, einen entsprechenden Antrag im
Stadtrat über die Fraktion zu stellen. (anbei die Forderung nach
Weihnachtsbeihilfe und offener Brief an OBM Burkhard Jung). Dieses
Ansinnen ist leider knapp abgelehnt worden, jedoch gleichfalls beginnen
die Gespräche für eine Weihnachtsbeihilfe 2008.
Erlauben sie uns in diesen Zusammenhängen einige Fragen zu formulieren und
Ihre Auffassungen und Ansichten kennen zu lernen:
Teilen Sie unsere Auffassung, dass es bei den 1 Euro – Jobs primär um die
Prüfung der Arbeitsbereitschaft der Erwerbslosen geht?
Teilen Sie unsere Besorgnis in Bezug auf den Verdrängungseffekt solcher
Tätigkeiten?
Unterstützen Sie die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns? Und falls
ja, in welcher Höhe?
Unterstützen sie die Erhöhung der Regelsätze beim ALG II? Welche Höhe
würden Sie als angemessen betrachten?
Wie hoch sollten Ihrer Auffassung nach und angesichts steigender Mieten
die Kosten der Unterkunft sein?
Wären Sie ebenfalls für ein kostenloses Mittagessen in Kindergärten,
Schulen und Kindertagesstätten?
Würden Sie eine Weihnachtsbeihilfe in unserer Stadt befürworten und
unterstützen?
Welche Maßnahmen würden Sie erachten um gegen Kinderarmut und wachsende
soziale Verelendung breiter Bevölkerungsteile vorzugehen?
Auch wenn Sie unsere Beurteilungen nicht in vollem Umfang teilen sollten,
erwarten wir gespannt Ihre Antwort auf unser Schreiben.
Mit freundlichen Grüßen
Maximilian Meurer, WolfgangTeske Sprecher der
ASG Leipzig- DIE LINKE
Ingo Groepler - roeser
Mitglied im Stadtvorstand Leipzig, DIE LINKE.
- Verteiler
-
Arbeiterwohlfahrt
Diakonie
Paritätischer Wohlfahrtsverband
Deutsches Rotes Kreuz
Caritasverband
DGB
IG Metall
Verdi
NGG
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft VERDI
Sozialverband Deutschland
VDK
Arbeitslosenverband Deutschland LV Sachsen
Katholische Arbeitnehmerbewegung KAB
|