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Brauchen wir eine neue Bio-Bewegung?
Regionale Kreisläufe für Lebensmittelqualität statt globaler Kreisläufe für Profit
Bio überall, wohin man auch schaut. In den Supermärkten werden die Bio-Regale immer länger. Die Produkte, die das EU-Bio-Siegel tragen, werden immer mehr. Der Preisabstand zu konventionellen Lebensmitteln wird immer geringer. Der Vrbraucher freut sich. Die Bio-Branche boomt.
Wirklich?
"Der Bio-Boom geht an den einheimischen Bio-Bauern vorbei", beklagte auf der Bio-Fachmesse im Februar 2006 der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner. Denn die Globalisierung der Märkte hat die Bio-Branche auch in Deutschland längst erreicht.
Riesige, international agierende Lebensmittel-Konzerne haben schon lange erkannt, dass sich mit Bio Geld verdienen lässt, dass es sich lohnt, dort zu investieren. Allerdings sind dabei landwirtschaftliche Betriebe in bäuerlich-handwerklichen, regional verankerten Strukturen hinderlich. Und vor allem die strengen Verordnungen zur Erzeugung hochwertiger Lebensmittel, die sich deutsche Bio-Anbauverbände wie Demeter, Bioland, Naturland, Gäa u.a. auferlegt haben, passen ganz und gar nicht zur angestrebten Massenproduktion durch die Großkonzerne.
Diese nämlich brauchen riesige Einkaufsmärkte mit mehreren tausend Quadratmetern Verkaufsfläche. Sie benötigen gigantische Zwischenlager mit einer reibungslos funktionierenden Logistik. Sie haben nur Interesse an Produkten, die immer zur Verfügung stehen - lückenlos und saisonunabhängig. Für solche Massenlager sind natürlich die hochwertigen Demeter-Produkte z.B. aus Brodowin völlig ungeeignet. Die Brodowiner Demeter-Bauern können - bei Beibehaltung der Qualität - solch große, das ganze Jahr über gleich bleibende Stückzahlen an Produkten nicht bieten. Die hohen Maßstäbe der Brodowiner und anderer Hersteller stehen der saisonal unabhängigen Großproduktion von Bio-Billig-Produkten im Weg.
Masse statt Klasse aus Brüssel
Da musste sich was ändern. Und es hat sich geändert. Die EU-Bio-Verordnung macht es möglich: Jeder Betrieb darf neben konventioneller auch Bio-Ware produzieren, was bei den Anbauverbänden wegen Vermischungs- und Verwechselungsgefahr strengstens verboten ist. Nun können in riesigen Gewächshausanlagen neben konventionellen auch biologische Tomaten produziert werden. Süßwarenfabriken dürfen neben Riegeln aus minderwertigsten Zutaten nun auch gesunde Bio-Riegel herstellen. Und wenn in Tiermastbetrieben das Bio-Futter für die Bio-Tier-Linie nicht reicht, darf großzügig auch konventionelles Futter verwendet werden. Riesige Schlachtfabriken dürfen nun auch Bio-Tiere schlachten, die vorher natürlich über große Strecken dorthin gekarrt werden müssen.
Die Folge ist, dass die Qualität der Bio-Produkte drastisch sinkt. Inzwischen sind nur noch 40 Prozent der in Deutschland verkauften Bio-Ware nach den hohen Maßstäben der Bio-Anbauverbände hergestellt. Der Rest entspricht nur noch den Anforderungen der EU-Bio-Verordnung. Skandale in der Branche, sei es bei Futter, Olivenöl oder Säften, sind die Folge. Man erkennt es aber auch daran, dass echte Korken für den hochwertigen Bio-Wein durch Gummikorken oder Schraubverschlüsse ersetzt werden. Man sieht es an schlaffer Petersilie, die in großen Lagerhallen ewig herumlag, bis sie abgerufen wurde.
Die deutsche Firma "Bergquell-Naturhöfe" verzichtet entsprechend der EU-Bio-Verordnung auf Spritzmittel und Kunstdünger. Doch es gibt weder Berg noch Quell, dafür aber Maschinen, die in der Stunde tausend Ein-Kilo-Säcke Möhren abpacken können, und eine Hühnerfarm mit etwa 30.000 Legehennen, die bis zu 100.000.000 (einhundert Millionen) Eier pro Jahr für die Supermärkte legen sollen. Da diese morgens tonnenweise Bio-Möhren, Bio-Äpfel und Bio-Fenchel brauchen, und zwar zu jeder Jahreszeit, muss die Ware aus Ägypten, Australien, Argentinien oder Israel herangeschafft werden. Was hat das alles mit Öko zu tun? Brauchen wir also eine neue Bio-Bewegung?
Qualität hat ihren Preis...
Vor drei Jahren schickte ich einen Artikel an die Presse: "Bio-Premium oder EG-Bio - Verbraucheraufklärung tut Not". Es ging darin um die gravierenden Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten der Bio-Anbauverbände und den nach sehr viel niedrigeren Standards produzierten EU-Biosiegel-Produkten. Der Kommentar in der Fachpresse war, dass es jetzt wohl Leute gebe, die die Verbraucher ganz durcheinander bringen wollten. Stattdessen sollten doch alle - egal, ob sie nun für die Qualität der Bio-Anbauverbände oder für das EU-Bio-Siegel waren - richtig zusammenhalten.
Vielleicht war es damals für viele noch nicht absehbar, dass die globale Bio-Billig-Ware so stark in den Berliner Markt drücken würde, dass sie die Existenz der Bio-Bauern in der Region Berlin-Brandenburg gefährdet. Denn diese Bauern können auf Grund ihrer hohen Maßstäbe mit den EU-Bio-Produkten preislich nicht mithalten. Was nützt ihnen die liebevolle Bodenpflege, die Einhaltung der Fruchtfolge, das Einbringen von Pflanzenpräparaten und ausschließlich natürlichem Dünger? Was nützt es ihnen, dass ihre Tiere mehr Platz haben als EU-Bio-Tiere, dass das Futter vom eigenen Hof stammt und nicht zu einem großen Teil aus konventioneller Produktion zugekauft wird, wie bei EU-Bio? Was nützt es ihnen, dass ihr ganzer Hof ökologisch arbeitet? Im Stall ökologisch und auf dem Hof konventionell zu arbeiten ist bei den Bio-Anbauverbänden strengstens verboten, bei EU-Bio aber erlaubt.
...aber was ist Qualität?
Gegenwärtig arbeitet die EU an einer weiteren Vereinfachung der Vorschriften für Öko-Lebensmittel, um den freien Warenverkehr in Europa nicht zu behindern. Die Liste der Zutaten, die nicht in Bio-Ware gehören, soll drastisch reduziert werden. Der Gentechnik-Ausschluss wird verworren und nebulös gefasst. Nur ein kleiner Teil der Verbraucher kennt die Unterschiede in der Qualität zwischen EU- und Verbands-Bio. Der größte Teil entscheidet sich demzufolge für das preiswertere EU-Bio. Es gibt viele Verbraucher, die für bessere Qualität mehr zahlen würden, wenn sie wüssten, was die bessere Qualität ist. Eine groß angelegte Vermarktungsstrategie für die Bio-Produkte der Region Berlin-Brandenburg könnte hier Abhilfe schaffen. Diese Vermarktung kann nicht der kleine Bio-Bauer leisten. Er hätte keine Chance gegen die Riesen-Werbeetats der Konzerne. Die Kapazitäten von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen in Berlin-Brandenburg, von Ernährungsinstituten, Bio-Anbauverbänden, BUND, FÖL u.a. müssten zusammengeführt werden mit dem Ziel, dass der Bio-Bauernstand und damit Arbeitsplätze in der Region erhalten bleiben und die Menschen in Berlin-Brandenburg von der hohen Qualität der Biolebensmittel profitieren können.
Einzelne Initiativen von Biohöfen, -händlern und Forschung gibt es. Die Frage ist, wer die Sache in die Hand nehmen und koordinieren könnte. Vielleicht die TU Berlin, die mit ihrem Projekt "Wohlstand hat viele Gesichter" eine Bestandsanalyse der Kompetenzen der Bio-Branche in der Region Berlin-Brandenburg vorgelegt hat. Eines halte ich für absolut notwendig: Der Staat muss im Sinne der gesunden Ernährung der Bürger mit Gesetzeskraft definieren, was eigentlich ein Lebensmittel ist und als solches verkauft werden darf.
Irina Unbekannt
Die Autorin ist Diplom-Ökonomin und und war bis 2006 Inhaberin und Geschäftsführerin von "Allercon-Naturkost" in Berlin-Pankow. Der Laden musste inzwischen einer Bio-Supermarktkette weichen.
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung
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