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Billige Energie fuer schmutzige Industrie: In Island soll Gletscherwasser ein Aluminiumwerk antreiben

Billige Energie für schmutzige Industrie

Im Osten Islands soll Gletscherwasser ein Aluminiumwerk antreiben

Örn Thorleifsson wird nicht aufgeben. Er war einer der wenigen, die von Anfang an Fragen stellten, als der Bau des Staudamms am Kárahnjúkar beschlossen wurde, nicht nur weil sein Gehöft Húsey im Tal unterhalb des Stausees liegt. Er wollte vor allem wissen: Was wird aus Island? Wird die vermeintlich billige Aluminiumproduktion als neue heilige Kuh den isländischen Lebensstandard retten und den Fischfang als traditionelles Nationaleinkommen ablösen, dann stehen dem Land enorme Umbrüche bevor, wie wir auf unserer dreiwöchigen Studienreise im September 2006 erahnen konnten.

Wohin, Island?

Das im Frühjahr 2006 mit einer gewaltigen Erstauflage erschienene Buch von Andri S. Magnason "Traumland - Selbsthilfebuch für eine aufgeschreckte Nation" thematisiert Wunden im Bewusstsein der friedliebenden Isländer - Narben, die der Nation ohne eigene Armee nicht nur durch die Baustelle am Kárahnjúkar, sondern auch durch einsame Entscheidungen einiger weniger undemokratischer PolitikerInnen zugefügt wurden und werden.

Unter den knapp 300.000 Einwohnern des Landes mit einer Arbeitslosenquote von 3 % arbeiten 22 % der Berufstätigen in der Industrie (einschließlich Verarbeitung von Fisch, Energie u.a.), jedoch über 70 % im Dienstleistungssektor, also auch für den Tourismus. Die geologisch junge Insel Island ist zu elf Prozent mit Gletschern bedeckt, darunter als größter europäischer der Vatnajökull. Für den Besucher liegt der Wert der überwiegend von den Naturgewalten geprägten Landschaften in deren magisch anmutender Unberührtheit und Wildnis im ursprünglichen Sinne. Für viele Isländer ist ihre Heimat aber auch Symbol für die Herausforderung an das Geschick des Menschen, dieser zu begegnen. Der Osten Islands ist traditionell Gebiet des Fischfangs. Viele private Lizenzen wurden allerdings an große Firmen verkauft. Einige Bewohner dieser Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen erheblichen Wohlstand aufbauen konnten, erwarteten vom Staat, dass neue Beschäftigungszweige aufgebaut werden, ohne eigene nachhaltige Projekte zu entwickeln. Die wirkliche Erfolgsgeschichte des isländischen Nordens - hier wurde in Husavik die völlig neue "Industrie" Walbeobachtung "erfunden" - konnte im Osten nicht wiederholt werden.

Schneller - höher - weiter

Seit 2003 wurde unter Beteiligung internationaler Spezialisten und mit Finanzierung u.a. der Deutschen Postbank an dem gigantischen Projekt gebaut, in Medien häufig als ein Wunderwerk der Technik gepriesen. Unbestritten ist: Der Staudamm - höher als der Kölner Dom, höher gar als der höchste Damm des nicht weniger fragwürdigen Drei-Schluchten-Projekts in China - wird am Ende weit mehr als die zuvor veranschlagten 1,5 Milliarden Dollar verschlungen haben. Der Bau ist als weltweites Novum mit keinem ähnlichen Projekt vergleichbar. Die Wasserlast des entstehenden Sees Halslon mit einer Fläche von 57 km² wird mit schwer abschätzbaren Folgen auf eine tektonisch aktive Region des isländischen Festlandes mit zahlreichen Spalten und Verwerfungen drücken und gefährdet damit Siedlungen, die unterhalb des Dammes liegen. Wie im Jahr 2006 aufgrund eines "Versehens" bekannt wurde, hatte die Regierung sogar bewusst ein geologisches Gutachten zu den Erdrissen unterschlagen, als sie dem isländischen Parlament das Projekt letztmalig zur Abstimmung vorlegte ("closed until 2013").

Wissenschaftler aus Reykjavik kritisierten lange vor dem Beginn des Baus den Eingriff in die Natur und verwiesen auf die wichtige Funktion der Kárahnjúkar-Schlucht für das isländische Klima. Das Gebiet wirkt mit isolierter Lage und nahezu kontinentaleuropäischem Klima mit wenig Regen und relativ warmen Sommern als natürliche Barriere für die heftigen Staubstürme, die von Westen regelmäßig herannahen. Es schluckt einen Großteil des Staubes und führt ihn im Schmelzwasser zum Meer.

Der Stausee wird als Falle für diesen bisher ins Meer transportierten Schlamm wirken: Bei den zu erwartenden jahreszeitlichen Schwankungen der Wasserhöhe des Stausees um bis zu 70 Meter wird im Frühjahr vor der Schneeschmelze tausende Meter breit ein Streifen nackten Bodens trocken liegen. Material, das bisher zum Meer verbracht wurde, sammelt sich im künstlichen Becken und wird ausgeweht. Staubstürme können Millionen Kubikmeter Erdreich zum Abrutschen bringen und lassen menschlich verschuldete Wüsten entstehen. In Stauseen wird auch in kaltem Klima das Treibhausgas Methan produziert, ein um ein Vielfaches klimaschädlicher wirkendes Gas als Kohlendioxid. Groß-Wasserkraftwerke können also keinesfalls als generell umweltverträglich gelten, wie die isländische Regierung der Welt gerne weismachen möchte.

Widerstand

Wir treffen uns in der Hauptstadt Reykjavik mit Helena Stefansdottir und Andrea Olafsdottir und sind beeindruckt von der Energie, mit der sie sich für die natürlichen Ressourcen ihres Landes aber auch für die Stärkung seines Selbstbewusstseins einsetzen. Sie sind Akteure der Graswurzel-Organisation "FREUNDE ISLANDS" und unterstützen im eigenen Land die Arbeit der internationalen Gruppierung "SAVING ICELAND". Die Bevölkerung soll endlich darüber informiert werden, was dort im Osten des Landes in ihrem Namen eigentlich passiert, nachdem alle wichtigen Entscheidungen für das Staudammprojekt hinter verschlossenen Türen getroffen wurden. Andrea: "Wir müssen heute die Weichen richtig stellen, in 50 Jahren ist es zu spät. Island kann der Vorreiter für wirklich Grüne Energie werden, mit Aluminiumschmelzen wird die Zerstörung globaler Ressourcen aber nur beschleunigt. Die Regierung weigert sich schlicht, andere Optionen anzubieten und fördert auch keine kleinen Unternehmen mit eigenen Ideen!"

Später, einen Tag nach der offiziellen Flutung des Stausees Ende September: Vor einem Regierungsgebäude an der Laekjargata steht ein junger Mann mit Pudelmütze, eine isländische Flagge auf halber Höhe. Er wartet auf den dort residierenden Premierminister, um ihm deutlich zu machen, dass er nicht das Recht habe, ganze Teile seines Landes einem US-amerikanischen Industriegiganten zu opfern ("Iceland is dying").

Die isländische Regierung behauptete oft, der Widerstand käme nur von versprengten Umweltaktivisten, die von Randalierern aus dem Ausland unterstützt würden. Besorgte Bewohner der betroffenen Region, die auf inszenierten Jubelveranstaltungen kritische Fragen stellten, wurden dagegen systematisch mundtot gemacht. Der Vorstand des halb-staatlichen Energie-Konzerns LANDSVIRKJUN, Fridrik Sophusson, verbreitete, dass die Gegner des Staudamms allesamt neuromantische Nationalisten seien, denen Kurzschnabelgänse und Rentiere wichtiger wären als Menschen. Der Kárahnjúkar selbst besteht nach Meinung einer früheren Umweltministerin nur aus "Sand und Kies". Der Natur wird - wie im übrigen Europa - auch in Island kein Wert an sich zugebilligt. Nur so sind Stellungnahmen von politischen "Größen" zu deuten, dass Wildgänse und Hirsche ja vorübergehend ausweichen könnten. LANDSVIRKJUN kündigt in seiner unterhalb der Gletscherwasser-Pipeline errichteten Informationsausstellung großzügig an, dass nach der Fertigstellung des Stausees an benachbarter Stelle ein Nationalpark unterstützt werden würde und das Hochland durch die Verkehrserschließung dann auch für Naturtouristen viel besser erreichbar sei.

Billig - Billig

Natürliche Energie aus Erdwärme wird in Island zum Heizen genutzt. Das Land steht an der Weltspitze des Pro-Kopf-Energieverbrauchs, dessen Bedarf ohne Verbrennung fossiler Energieträger gedeckt wird. Dies geschah bisher zu über 50 % aus Erdwärme und zu 17 % aus Wasserkraft, meist an kleineren Wasserfällen gewonnen. Der bereits bestehende Energieüberfluss Islands soll nun für die Aluminium-Produktion - eine der schmutzigsten, giftigsten Industrien der Welt - verdoppelt werden. Der dafür benötigte Rohstoff Bauxit wird unter Hinnahme verheerender Umweltauswirkungen und sozialer Zerstörungen unter anderem in Brasilien abgebaut und muss in Form von Tonmineralen über gewaltige Entfernungen in die Nähe der Arktis transportiert werden. Nicht nur dadurch wird sich die umweltzerstörerische Wirkung verstärken. Rund 700 Megawatt soll das Kraftwerk im Nachbar-Tal des Staudamms künftig produzieren.

Zukunftsforscher weisen längst darauf hin, dass auch ein Recycling vorhandenen Aluminiums den Bedarf langfristig decken könnte. ALCOA will jedoch weitere Aluminiumschmelzen in Island errichten und plant hierfür auch Schließungen in Skandinavien. Schriftsteller Andri S. Magnason sagt dazu: "Wenn diese Zukunftspläne verwirklicht werden, dann wird Island das ,A' in ALCOA". Die Kárahnjúkar-Schlucht wird derzeit allein wegen der Gier der Aluminium-Industrie nach billigem Strom überflutet. Dieser geringe Preis beruht allein darauf, dass Natur nichts kostet. Die Region wird durch die Fabrik keinen Aufschwung erfahren. Langfristig ist durch die Gettoisierung der Arbeiter aus Billiglohnländern sogar sozialer Sprengstoff zu befürchten. Schon jetzt erlebten wir erhebliche Vorbehalte gegen die vielen polnischen Arbeiter, die überwiegend in der Verarbeitungsindustrie gutes Geld verdienen. Gegner des Staudamm-Projekts wurden und werden als Staatsfeinde behandelt, ihre Telefone werden abgehört. Staatliche "Eingreiftruppen" versuchten, eingeladene Unterstützer aus dem Ausland auszuweisen, regionale Marionetten-Manager des Energiekonzerns setzten Verwandte und Freunde von Staudamm-Gegnern unter Druck. Viele Menschen, die wir trafen, hoffen auf Veränderungen, die sich infolge gestiegenen Interesses der Bürger am Schicksal des eigenen Landes durch die Parlamentswahlen im Mai 2007 ergeben können. Für Örn ist eines gewiss: "Das wird die neue Island-Saga sein. Wir waren bisher stolz auf unsere alten Bücher, aber genauso werden wir nach hundert oder tausend Jahren sagen: Das waren die dummen Isländer, die damals diesen Staudamm gebaut haben!"

Toni Becker

www.netzwerk-regenbogen.de/island030621.html
www.taz.de/pt/2006/09/04/a0099.1/text
www.savingiceland.org


Zwischen Island und Brandenburg

Gedanken eines "Randalierers" über Naturzerstörung und Gentechnik

Wir betraten Island mit der Sehnsucht nach ursprünglicher Natur. Wer Natur malt, sollte Natur kennen. Tiefes Erschrecken! Die letzte Wildnis Europas kommt unter Wasser. Wem nutzt das? Die isländische Nation ist gespalten. Menschen, die ihren hohen Wohlstand erhalten und mehren möchten, stehen denen gegenüber, die auch die isländischen Wildnisgebiete erhalten wollen. Ihre Proteste, gegründet auf isländische Gesetze, ließen die Norweger Abstand nehmen vom Bau einer Aluminiumschmelze. Nicht so der US-amerikanische Konzern ALCOA. Die Gesetze wurden geändert und er baute. Nur für ihn wurde der Staudamm am Berg Kárahnjúkar errichtet. Der WWF zählt ihn zu sechs gefährlichsten der Welt. Ist nicht das allein Grund genug zum Protest? Wir protestierten mit, 2005 und 2006. Als Ausländer waren wir "Randalierer".

Wir "randalierten" auch mit einem zweisprachigen Kalender, denn sind diese Wildnisgebiete nicht Naturerben der Menschheit? Und ist es nicht nötig, darüber zu informieren? Island liegt nach neuester internationaler Erhebung bei der Bekämpfung der Korruption an erster Stelle in der Welt. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Aber ist die Natur unserer Breiten zum Beispiel im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin nicht auch Erdnatur? Hier "rechnet es sich" für den US-amerikanischen Konzern Monsanto, der mit unvorhersehbaren, nicht rückgängig zu machenden Folgen genmanipuliertes Saatgut ausbringen lässt. Wem nutzt das? Wir regen, auch zweisprachig, mit unserem Kalender dazu an, darüber ebenso nachzudenken. Solidarität tut not. Information ist der erste Schritt. Unser Kalender informiert auch in Island, denn weitere Mega-Projekte sind geplant. Und bei uns? Man sieht es nicht.

Gilbert Waligora
Künstlerisch-ökologische Arbeitsgruppe FORMICA n.e.V.

Doppelkalender "Hálendi Austurlands 2007 - Nachdenken über die letzte Wildnis Europas" und "Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin 2007 - Nachdenken über die grüne Gentechnik", 24 farbige Aquarelle, 2 farbige Karten, beidseitiges Kalendarium deutsch/isländisch, 1 Kalender 15,- Euro, jeder weitere 1 Euro weniger (plus Porto und Verpackung), zu beziehen bei: GRÜNE LIGA Berlin, Prenzlauer Alle 230, 10405 Berlin, joachim.czepa@berlin.de, Gilbert Waligora, Tel. 4223411

16.12.06    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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