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Umweltbewusstsein in Finnland - eine ganz besondere Mischung

Ympäristötietoisuus Suomessa

...heißt "Umweltbewusstsein in Finnland" und ist eine ganz besondere Mischung

Zum Thema Finnland fällt den meisten momentan als Erstes ein eher merkwürdig aussehender Rocksänger als Sieger des Eurovision Song Contests ein. Das kleine Land am nördlichen Ende Europas wirkt für viele Europäer immer noch ein wenig merkwürdig, obwohl es lange nicht mehr unbekannt ist. In jüngster Vergangenheit hat vor allem die Pisa-Studie Finnland hervorgehoben. Aber das Land schneidet auch regelmäßig erstklassig bei Studien über Konkurrenzfähigkeit oder technologische Entwicklung ab. Besonders interessant ist hier der erste Platz auf dem ESI-Index für nachhaltige Entwicklung im Jahre 2005. Finnland wird nach diesem Index als eines der umweltfreundlichsten und ökologisch gesündesten Länder der Welt gesehen. Wie kommt es, dass in diesem Land scheinbar alles gut funktioniert und es keine akuten Probleme gibt? Natürlich ist die Sache in Wirklichkeit viel komplizierter und erfordert einen tieferen Blick in die finnische Mentalität und Geschichte.

Naturbewusstsein und Fortschrittlichkeit

Finnland ist nur ein wenig kleiner als Deutschland, aber zum größten Teil mit Wald und Seen bedeckt und von 15-mal weniger Menschen bewohnt. Durch die intensive Sommerhaus- und Saunakultur ist es für den größten Teil der Finnen normal, schon in jungen Jahren auf dem Sommerhaus angeln oder schwimmen zu gehen und im Wald zu spielen oder Beeren und Pilze zu sammeln. Dadurch entwickelt sich ganz von allein ein stärker ausgeprägtes Naturbewusstsein, als es in den meisten anderen Industrieländern üblich ist.

Historisch gesehen hat sich Finnland in einer sehr kurzen Zeit rapide entwickelt. Bis vor fast hundert Jahren, als das Land seine Unabhängigkeit erklärte, war es nur ein relativ isolierter und unentwickelter Teil der damaligen Großmächte Schweden und später Russland. Anfangs trug vor allem die Forstindustrie zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Land dann zu dem heutigen modernen medientechnologischen Sozialstaat.

Das kleine Volk der Finnen war in seiner gesamten Geschichte auf sich gestellt. So waren es wohl vor allem die Isoliertheit und die kargen Lebensbedingungen, die bei den meisten Finnen eine sehr konsequente Arbeitsmoral und einen ausgeprägten Sinn für soziales Wohlbefinden hervorgebracht haben. Diese moderne, gesellschaftsorientierte Art und Fortschrittlichkeit ist die andere Seite Finnlands. Man arbeitet für das Gemeinwohl und glaubt an die technologische Entwicklung, die konsequent integriert wird.

Anderes Verhältnis zum Staat

Dieser Hintergrund und die finnische Mentalität erklären die Tatsache, dass der Staat einen enormen Einfluss aufgebaut hat. Steuern, Preise und andere Kosten sind hoch. Der Alkoholverkauf ist durch ein staatliches Monopol geregelt und das Gesundheitssystem basiert auf staatlichen Zentren. Andererseits ist auch die Leistung, die der Staat bietet, größer. Das Schulsystem, die staatliche finanzielle Unterstützung und die allgemeinen Leistungen sind in vielerlei Hinsicht besser. Andererseits bedeutet das auch, dass man vieles dem Staat überlässt und das persönliche Engagement in gewisser Weise vernachlässigt wird.

Dies zeigt sich auch beim Verhältnis zum Umweltschutz. Es gibt eine sehr ausgeprägte Umweltregulierung und -gesetzgebung mit einer eindeutigen Aufteilung der Ministerien und Ämter, welche großen Einfluss haben können. Allerdings herrscht hier dieselbe Akzeptanz gegenüber dem Staat wie in anderen Bereichen. Dadurch gibt es im Umweltschutz eindeutig weniger Eigeninitiative oder persönliches politisches Auftreten als etwa in Deutschland. Dies wird dem Staat überlassen und die Folgen von dessen Entscheidungen werden auch leichter akzeptiert.

Ein gutes Beispiel ist der Beschluss über den Bau des neuen Kernkraftwerkes in Olkiluoto. Nachdem die Regierung sich für das Kraftwerk entschieden hatte, gab es nur noch relativ wenig Diskussionen. Nun baut ausgerechnet Finnland, der nachhaltigste Staat der Welt, als erstes Industrieland nach Tschernobyl ein neues Kernkraftwerk. Ein weiterer erster Platz...

Der Preis ist Abhängigkeit

Das Wirtschaftswachstum in Finnland ist hoch und dem Land geht es besser als den meisten mitteleuropäischenStaaten. Weil Finnland nur gering besiedelt ist, die Menschen ein intensiveres Verhältnis zur Natur haben und der Staat mehr Geld hat, sich um die Umwelt zu kümmern, sieht die Situation momentan gut aus. Allerdings ist der Preis dafür die sehr starke Abhängigkeit vom Staat, die auch Risiken birgt. Denn all das funktioniert nur, solange es dem Staat gut geht und die hohe Akzeptanz da ist. Durch die EU und die Globalisierung scheint diese finnische Mentalität sich zu wandeln. Das westliche Konkurrenzdenken, das durch die Medien verbreitet wird, könnte das finnische Bewusstsein ändern und viele Probleme mit sich bringen.

Aleksi Rendel

Der Autor studiert Umweltschutz in Helsinki und absolvierte ein Praktikum bei der Grünen Liga Berlin.


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06.11.06    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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