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(K)ein Spielraum für Graffiti -Writer
von Katrin Klitzke
Aktive Raumnutzung für die einen, kriminell für die anderen
Die (Sub)Kultur des HipHop und mit ihr das Graffiti-Writing entwickelten sich in den späten 1960ern an der Ostküste der USA. Insbesondere New York gilt als Entstehungszentrum der gekritzelten "tags" und bunten "pieces". Ursprünglich war das Writing eng mit der afroamerikanischen Gangkultur verbunden und diente der Markierung der jeweiligen Häuserblöcke und Stadtviertel. Bald ging es auch darum, in der ganzen Stadt sichtbar zu werden. Die Züge der New Yorker Untergrundbahn eigneten sich hervorragend als Oberflächen. Dort konnten die Graffitis nun durch die gesamte Stadt reisen und von vielen gesehen werden. "All city"-präsent zu sein und die aktive Erkundung und (Be-)Nutzung des Stadtraumes wurden nach und nach wichtiger Selbstzweck des Writings. Mit weniger Freude als ihre HerstellerInnen betrachteten jedoch die Bahnbetreiber und andere Autoritäten die bunten Bilder. Sie entwickelten Methoden zur Beseitigung und stellten Personal zur Überwachung der Gleise ein. Damit ließen sich zwar die Graffitis punktuell entfernen, an manchen Orten vielleicht auch vorsorglich verhindern; die Praxis an sich konnte jedoch nicht unterbunden werden. Das unerlaubte Spiel in und mit der Stadt und das Rollenspiel mit den staatlichen Autoritäten bestimmen das Writing und machen es zu einer urbanen, kulturellen Praxis.
Vorsicht, iss kuhl mähn!
HipHop hat seither mehrere Phasen der Kommerzialisierung durchlebt und sich zu einer der weit verbreitetsten Jugendkulturen entwickelt. Mittlerweile haben auch Firmen, die eine junge und hippe Kaufgruppe ansprechen wollen, die Ästhetik des Writings in ihre Werbekampagnen aufgenommen und kokettieren auf diese Art mit Authentizität und "street credibility".
Diese Prozesse änderten dennoch nichts an der Tatsache, dass das Writing nach wie vor illegal ist und weiterhin kriminalisiert wird. Die aktuelle Debatte und die Verschärfung der Gesetzgebung belegen dies sehr deutlich. Zwar ist die Illegalität maßgebend für das Writing und ohne die damit verbundenen Risikomomente würde es sicherlich an Attraktivität verlieren und seine Aura verblassen. Das Verhältnis zwischen unerlaubtem Handeln einerseits und Kriminalisierung andererseits scheint aber in jüngster Zeit aus den Fugen geraten zu sein.
Welche Ängste und gesellschaftlichen Prozesse kommen hier u.a. zum Ausdruck?
Wem gehört die Öffentlichkeit?
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Frage, wem der öffentliche und halböffentliche Raum gehört und wer sich hier wie äußern und verhalten darf. Im Alltagsverständnis gelten diese Räume zwar als für alle zugänglich, aber in der realen Praxis ist dies nicht so. Die hegemonialen Verhaltensregeln, die offiziell oder inoffiziell für diese Räume gelten, dienen der Disziplinierung und sollen die (gesellschaftliche) Ordnung aufrechterhalten. Wer diese Ordnung stört wird verwiesen und/oder bestraft. Die meisten Menschen ordnen sich freiwillig diesen Regeln unter und begeben sich damit mehr oder weniger unbewusst auch in die Rolle der passiven PassantIn. Writer tun dies aber nicht: Zum einen verbreiten sie überall dort, wo es ihnen passt, ihre Zeichen, die aber wiederum nur von ihresgleichen entschlüsselt werden, daher durchaus auch als "Geheimbotschaften" gedeutet werden können (Hier soll es bewusst nicht um die oft kritisierte Ästhetik der Graffitis gehen. Auch Werbung kann "hässlich" sein, darf aber dennoch installiert werden). Zum anderen wagen sie sich an Orte vor, wohin sich sonst kaum jemand traut: Sie klettern auf hohe Hausdächer, stromern in U-Bahnschächten, hangeln an Autobahnbrücken entlang. Diese Art aktiver Raumnutzung und -aneignung widerspricht gesellschaftlich anerkannten Verhaltenskodexen. Daher lassen sich die Writer auch leicht als Kriminelle darstellen; sie weichen von der Norm ab und tun Dinge, die viele Menschen nicht verstehen und die ihnen Angst bereiten können, wenn sie diese nachmachen müssten. Aber sind Writer deswegen tatsächlich kriminell?
Hubschraubereinsatz?
Da die Suche nach Abenteuer, Gefahr und das Rollenspiel zwischen Writern und Bahnpersonal bzw. staatlichen Autoritäten Teil des Writings ist, muss es aus Sicht der Sympathisantin nicht um eine sofortige Legalisierung gehen, wohl aber um ein Infragestellen und Kritisieren der kriminellen Stigmatisierung. Daher die Forderung nach einer konstruktiv ausgerichteten Stadtpolitik, die sich auf das Graffiti-Writing als gewachsene kulturelle Praxis einlassen sollte, anstatt dieses mit teuren, repressiven Maßnahmen unterbinden zu wollen. Die mehr als 30jährige Geschichte des Writings zeigt außerdem, dass dies ein mühsamer und uneffektiver Weg ist. Das Writing sollte vielmehr als Anlass genommen werden, verstärkt über Raumkonzepte nachzudenken.
Hierbei ist nicht der voreilige Rückgriff auf Sicherheitsdenken und Kontrollstrategien gefragt, sondern eben eine Inspiration durch jene, die den (halb)öffentlichen Raum als kreativen Spielraum begreifen und aktiv an diesem teilhaben wollen.
Die Autorin ist Studentin der Europäischen Ethnologie an der HU-Berlin und arbeitet derzeit an ihrer Magisterarbeit über Graffiti und Street Art. (http://www2.hu-berlin.de/ethno .)
Begriffserklärungen
Writer (engl. to write - "schreiben"): Sprüher, Graffitti-Künstler; Eigenbeschreibung, die innerhalb der Szene verwendet wird
tag (engl. "Marke, Etikett, Kennzeichen"): Buchstabenkürzel, das mit einem Spezialstift (z.B. Edding) sehr schnell geschrieben wird; die "Unterschrift" des Writers
piece (engl. "Stück"): ein- oder mehrfarbig gesprühte, große Buchstaben, können auch mit Bildmotiven kombiniert werden
street credibility (engl. "Straßen-Glaubwürdigkeit"): erzeugt durch den Mythos der Straße als Ort der Wahrhaftigkeit, des Abenteuers, zivilen Ungehorsams etc.
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung
Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33
raberalf@grueneliga.de, www.grueneliga-berlin.de/raberalf .
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New York gilt als Entstehungszentrum der gekritzelten „tags“ und bunten
„pieces“. Ursprünglich war das Writing eng mit der afroamerikanischen Gangkultur
verbunden und diente der Markierung der jeweiligen Häuserblöcke und
Stadtviertel. Bald ging es auch darum, in der ganzen Stadt sichtbar zu werden.
Die Züge der New Yorker Untergrundbahn eigneten sich hervorragend als
Oberflächen. Dort konnten die Graffitis nun durch die gesamte Stadt reisen und
von vielen gesehen werden. „All city“-präsent zu sein und die aktive Erkundung
und (Be-)Nutzung des Stadtraumes wurden nach und nach wichtiger Selbstzweck des
Writings. Mit weniger Freude als ihre HerstellerInnen betrachteten jedoch die
Bahnbetreiber und andere Autoritäten die bunten Bilder. Sie entwickelten
Methoden zur Beseitigung und stellten Personal zur Überwachung der Gleise ein.
Damit ließen sich zwar die Graffitis punktuell entfernen, an manchen Orten
vielleicht auch vorsorglich verhindern; die Praxis an sich konnte jedoch nicht
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wollen, die Ästhetik des Writings in ihre Werbekampagnen aufgenommen und
kokettieren auf diese Art mit Authentizität und „street credibility“. </P>
<P class=MsoNormal>Diese Prozesse änderten dennoch nichts an der Tatsache, dass
das Writing nach wie vor illegal ist und weiterhin kriminalisiert wird. Die
aktuelle Debatte und die Verschärfung der Gesetzgebung belegen dies sehr
deutlich. Zwar ist die Illegalität maßgebend für das Writing und ohne die damit
verbundenen Risikomomente würde es sicherlich an Attraktivität verlieren und
seine Aura verblassen. Das Verhältnis zwischen unerlaubtem Handeln einerseits
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u.a. zum Ausdruck? </P>
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<P class=MsoNormal>Wem gehört die Öffentlichkeit?</P>
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der öffentliche und halböffentliche Raum gehört und wer sich hier wie äußern und
verhalten darf. Im Alltagsverständnis gelten diese Räume zwar als für alle
zugänglich, aber in der realen Praxis ist dies nicht so. Die hegemonialen
Verhaltensregeln, die offiziell oder inoffiziell für diese Räume gelten, dienen
der Disziplinierung und sollen die (gesellschaftliche) Ordnung aufrechterhalten.
Wer diese Ordnung stört wird verwiesen und/oder bestraft. Die meisten Menschen
ordnen sich freiwillig diesen Regeln unter und begeben sich damit mehr oder
weniger unbewusst auch in die Rolle der passiven PassantIn. Writer tun dies aber
nicht: Zum einen verbreiten sie überall dort, wo es ihnen passt, ihre Zeichen,
die aber wiederum nur von ihresgleichen entschlüsselt werden, daher durchaus
auch als „Geheimbotschaften“ gedeutet werden können (Hier soll es bewusst nicht
um die oft kritisierte Ästhetik der Graffitis gehen. Auch Werbung kann
„hässlich“ sein, darf aber dennoch installiert werden). Zum anderen wagen sie
sich an Orte vor, wohin sich sonst kaum jemand traut: Sie klettern auf hohe
Hausdächer, stromern in U-Bahnschächten, hangeln an Autobahnbrücken entlang.
Diese Art aktiver Raumnutzung und -aneignung widerspricht gesellschaftlich
anerkannten Verhaltenskodexen. Daher lassen sich die Writer auch leicht als
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Stigmatisierung. Daher die Forderung nach einer konstruktiv ausgerichteten
Stadtpolitik, die sich auf das Graffiti-Writing als gewachsene kulturelle Praxis
einlassen sollte, anstatt dieses mit teuren, repressiven Maßnahmen unterbinden
zu wollen. Die mehr als 30jährige Geschichte des Writings zeigt außerdem, dass
dies ein mühsamer und uneffektiver Weg ist. Das Writing sollte vielmehr als
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<P class=MsoNormal>Hierbei ist nicht der voreilige Rückgriff auf
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<P class=MsoNormal><o:p>DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung<BR>Prenzlauer
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href="mailto:raberalf@grueneliga.de">raberalf@grueneliga.de</A>, <A
href="http://www.grueneliga-berlin.de/raberalf">www.grueneliga-berlin.de/raberalf</A>
. <BR>Liegt aus in Berliner Bibliotheken, Ökoläden, Kulturstätten... Ins
Haus für halbjährlich 10 Euro, Probeexemplar kostenlos. Erscheint in geraden
Monaten. Redaktionsschluss 10. des Vormonats. Nachdruck erwünscht, bitte Quelle
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