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Wohlstandsnotstand in den Industrieländern

Auf der Suche nach dem Glück
Wohlstandsnotstand in den Industrieländern

Der Nordwesten der Welt, also auch Deutschland, hat die materielle Höherentwicklung weit getrieben und ist jetzt offensichtlich an deren Ende angelangt. Gehälter schrumpfen, damit auch Lebensstandards, öffentliche Einnahmen ebenso - und damit auch die Leistungen des Staates. Die Verheißungen materiellen Glücks werden immer unsicherer und unglaubwürdiger. Das ändert sich auch nicht mehr.

Dieser Prozess findet erkennbar im Zuge der Globalisierung statt. Daher muss auch global gefragt werden: Wie kann eine Angleichung des Wohlstands im Norden und Süden, des Ostens und des Westens aussehen? Welches wäre der global verträgliche Wohlstand? Elemente der Angleichung kommen ja bereits auf uns zu - allerdings begleitet von unserer heftigen Ablehnung. Aber können wir eine globale Wohlstandsangleichung systematisch angehen und willentlich organisieren?

Ich argumentiere zuerst mathematisch, indem ich drei weltweit durchgeführte Messungen befrage. Zusammen sollen sie das Maß für einen zukunftsfähigen globalen Wohlstand ergeben. Der "World Values Survey" untersucht subjektiv empfundene Zufriedenheit und Glücksgefühle der Menschen. Der so genannte "Index der Menschlichen Entwicklung" ist eine erhellende Kombination aus Brutto-Inlandsprodukt, Schulbildung und Gesundheitsversorgung. Beim "Ökologischen Fußabdruck" schließlich wird der Umweltverbrauch und die Umweltverschmutzung eines Landes gemessen und umgerechnet auf die Landfläche, die pro Einwohner nötig wäre, um diesen Verbrauch realisieren zu können. Weltweit stehen eigentlich, bei gegenwärtiger Bevölkerungszahl, pro Erdbewohner nur etwa 1,8 Hektar zur Verfügung.

Einkommen ist keine Glücksgarantie

Was Glück und Zufriedenheit betrifft, rangieren beispielsweise die Venezolaner weit oben auf Platz 24. Das ist nur ganz knapp unter dem deutschen Glücks-Platz, dem 23sten! Dabei beträgt der Verbrauch an natürlichen Ressourcen und deren Verschmutzung in Venezuela nur 2,3 Hektar pro Einwohner, in Deutschland aber 4,5 Hektar. Im "Index der Menschlichen Entwicklung" sehen wir die Venezolaner auf Platz 68 von 177 untersuchten Ländern. Damit gehört Venezuela zu den Staaten mit einer mittleren, also verträglichen menschlichen Entwicklung. Deutschland nimmt bei dem Index zwar einen besseren 19. Platz ein, sollte aber mit seinem hohen Brutto-Inlandsprodukt eigentlich weiter oben stehen.

Glücklicher als Venezolaner und Deutsche sind übrigens die Kolumbianer (Platz 18) - und das mit 30 Prozent des deutschen Brutto-Inlandsprodukts und nur einem Viertel (1,2 Hektar) von unserem Ökologischen Fußabdruck.

Einkommen und Glücksempfinden haben ganz offensichtlich nur wenig miteinander zu tun. Materieller Wohlstand ist von daher auf der Suche nach dem Glück nicht hilfreich. Vielmehr können Menschen ungefähr so glücklich wie die Deutschen sein, wenn sie einen gegenüber Deutschland halbierten Umweltverbrauch und einen kargen, aber Überleben sichernden materiellen Standard haben. Ein finanzielles Aufwärts in Richtung Nordwest-Welt brauchen Länder wie Venezuela oder das noch ärmere Kolumbien nicht.

Fraglos fehlt den Bewohnern der sehr armen Länder viel, erschütternd viel. An Grundnahrungsmitteln und Wasser, an Bildung und Gesundheitsversorgung, an Demokratie und bürgerlichen Freiheiten. Ureinwohner sind ausgeschlossen, in vielen Familien herrscht Machotum und Gewalt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist extrem. Mehr Glück aber brauchen sie nicht. Bei der "Menschlichen Entwicklung" hingegen müssen, beim Ökologischen Fußabdruck können sie noch zulegen.

"Wohlstandsangleichung"?

Was müssen wir bei uns tun, wenn "Wohlstandsangleichung" ein richtiges Ziel ist? Wenn die Abwärtsspirale uns längst erfasst hat?

Ich versuche es wieder mit Zahlen: Wenn in Ostdeutschland das Bruttoinlandsprodukt und das durchschnittliche Einkommen auf 70 und in Westdeutschland auf 60 Prozent ihrer jetzigen Höhe schrumpfen würden - und ähnlich auch deutscher Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung -, sollten wir bei der menschlichen Entwicklung an ähnlicher Stelle stehen wie Venezolaner oder Kolumbianer. 60 oder 70 Prozent des durchschnittlichen Einkommens von jetzt: Das ist gerade die Geldmenge, von der ab man im gegenwärtigen Deutschland von relativer Armut spricht, etwa 750 Euro. Das sollte deutscher Durchschnitt werden. Zum Beispiel mit einem bedingungslosen Bürgergeld für jeden und jede von 600 Euro und weiteren 150 Euro, die man selbst erarbeitet. Das Bürgergeld oder Grundeinkommen würde zugleich dafür sorgen, dass niemand unter die absolute Armutsgrenze sinken könnte.

Ein erster Schritt in Richtung Wohlstandsangleichung könnte innerhalb der EU getan werden. Auch hier müssten wir versuchen, einen chaotisch auf uns zu kommenden und zugleich unaufhaltsamen Prozess wenigstens noch zu zähmen, das "Naturereignis" zu kultivieren. Ziel könnte ein EU-Standard irgendwo zwischen den heutigen Niveaus von Litauen und Belgien sein.

Unzufriedenheit im Kopf

Globale Wohlstandsangleichung gelingt nicht nur mit Statistik und Mathematik. Sie ist vor allem ein mentaler Prozess. Dafür braucht es viel. Das größte Hindernis auf diesem Weg ist der Vergleich. " An sich geht es mir damit gut, aber der andere hat mehr." Schon geht es mir schlecht. Bei vielen kommt der Vergleich mit dem früheren Lebensstandard hinzu.

Ich als Christ sehe es als befreiend, wie Jesus von Nazareth die Armen selig spricht und dabei unmittelbar wird mit Brot, Wasser, Wein, Akzeptanz, Trost. Eine solche Familie der Armseligen schafft ein mental und emotional stabiles Netz, das Jesus das "Reich(!) Gottes" nennt. Ein Blick zu den armen und ärmsten Völkern der Welt mit ihren hohen Glückswerten kann dies illustrieren: Stolz auf familiäre Netzwerke, Glück beim Singen und Tanzen, Freude beim Teilen eines Brotes.

Dieses Glück glänzt nicht, es ist herb und rau. Aber tragfähig und globalisierbar.

Hans-Peter Gensichen


DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 06
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13.06.06    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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