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Rezension: Fisch kaputt - Vom Leerfischen der Meere

Weltmeer leer?

Die Ozeane im Schleppnetz industrieller Fischerei

Wer kann sich seine wöchentliche Speisekarte heutzutage schon ohne Fisch vorstellen? Es könnte sein, dass die Ressource Meer mit ihrem Fischreichtum schon bald aufgebraucht sein wird. Denn seit Beginn der industriellen Fischerei Anfang der 50er Jahre ist der Gesamtbestand von Speisefischen in den Weltmeeren um 90 Prozent zurückgegangen. Allein in der Nordsee sind die Bestände von Scholle und Kabeljau so stark reduziert, dass beide ganz zu verschwinden drohen.

Schuld daran sind weniger die Mengen des Abfischens als vielmehr die rücksichtslosen Fangmethoden der Fischereiindustrie, die das gesamte Ökosystem Meer zu zerstören drohen. Das Abfischen der Nordsee mit Schleppnetzen, die mit Eisenstangen über den Meeresboden gezogen werden, hat zur Folge, dass für jedes Kilo Seezunge 16 Kilo anderer Fische und Meerestiere - der so genannte Beifang - sterben müssen. Jahrhundertealte Korallenriffs und artenreiche Unterwasserparadiese werden somit gnadenlos geschliffen. Auf dem geschundenen Meeresgrund wird zusammen mit anderen tierischen und pflanzlichen Lebewesen auch der Laich kommender Fischgenerationen unwiederbringlich zerstört.

Moderner Kolonialismus

Wurden in der frühen Neuzeit Land und Leute Afrikas kolonialisiert, so sind es heute die Küsten dieses Kontinents. Die EU gibt dort jedes Jahr 300 Millionen Euro für Fischereilizenzen aus. Begünstigte sind vor allem spanische, portugiesische, französische und holländische Industriefischer. Die betroffenen Küstenländer sind infrastrukturell und technisch nicht in der Lage, organisierte Formen von Wilderei und Piraterie zu kontrollieren. So wird nicht nur quantitativ überfischt. Auch die Methoden, sind so zerstörerisch, dass die EU selbst sie nicht zulassen würde. Aber nicht nur der Lebensraum Meer wird ausgebeutet, sondern auch die Menschen. In Senegal, wo 600 000 Menschen an der Küste leben, hat sich beispielsweise die Produktivität des Meeres seit 1950 halbiert. Regionalen Fischern bleibt kaum eine Chance, gleichwohl die einheimische Wirtschaft eng mit der Fischerei verknüpft ist. Aber zu Gunsten der Großindustrie und auf Kosten der kleinen Fischer werden zwingende Maßnahmen mit bürokratischer Schwerfälligkeit verschleppt.

Nachhaltiges Fischen ist möglich

Charles Clover, dreimaliger Preisträger des British Environment Media Award, sieht aber durchaus Möglichkeiten, den Raubbau an der Meereswelt zu stoppen. Staaten wie Neuseeland oder Island haben große Gebiete vor ihren Küsten zu Fischereisperrzonen erklärt. In wenigen Jahren erholten sich dort die gefährdeten Bestände. Hilfreich könnte nach Meinung Clovers auch eine Zertifizierung für nachhaltiges Fischen sein, so dass der Verbraucher erkennen kann, ob er womöglich Produkte aus "ozeanischer Wilderei" erwirbt.

Ob Wildfang oder Zuchtfisch aus Aquakultur, ob Garnele, Kabeljau oder Lachs - wer in den nächsten Jahrzehnten noch Fisch und Meeresfrüchte essen will, muss sich bewusst machen, dass auch die Früchte des Meeres nur in einem gesunden Ökosystem gedeihen können.

Andreas Schmidt

Charles Clover: Fisch kaputt - Vom Leerfischen der Meere und den Konsequenzen für die ganze Welt, Riemann Verlag, München 2005, 447 S., ISBN 3-57050056-X, 23,- Euro


DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung, Juni/Juli 2005
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23.06.05    DER RABE RALF <raberalf@grueneliga.de>
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