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Freiwillige Feldbefreiung
Interview mit dem "Gendreck-weg"-Aktivisten Jörg Müller aus Strausberg
Jörg Müller 38, bezeichnet sich als freischaffender Überlebenskünstler. Er ist seit vier Monaten aktiv in der Initiative "Gendreck weg", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Felder in ganz Deutschland von genmanipuliertem Mais zu befreien. Deren letzte Befreiungsaktion fand am 31. Juli in Hohenstein bei Strausberg statt. Jörg wurde im RABE-RALF-Interview befragt von Stefanie Senger und Sabine Reichert.
Hallo Jörg, was ist deine Funktion innerhalb der Initiative?
Ich kümmere mich um die Logistik, die Bühnen bei den Demos, die Musik etc. Ich lade Leute und die Presse ein, treibe Geld auf und sorge für das Material zur Selbstdarstellung.
Erläutere uns den Aufbau und die Geschichte der Initiative. Woher kommt euer Name?
Aktivisten bei "Gendreck weg" sind Imker, Bauern und Konsumenten. Die Hauptorganisation übernehmen die Bio-Imker Jürgen Binder und Michael Grolm. Bei der Namensgebung war ich gar nicht dabei. Wir wollten aber ein neues Unwort prägen, denn ,grüne Gentechnik' - das ist bereits ein Unwort. "Gendreck weg" klingt nach Kampfansage und so soll es auch sein!
Was genau wollt ihr bewirken?
Wir wollen die Bauern und die Bürger darüber informieren, was hier geschieht. Es ist erst dann genug getan, wenn es Gesetze gibt, die den Anbau von genmanipulierten Nahrungs- und Futtermitteln verbieten.
Worin bestehen eure Aktionen?
Seit 20 Jahren informieren Greenpeace und andere über die Gefahren der Gentechik. Das ist beachtlich, das ist gut, das darf auch nicht fehlen. Nun haben wir aber eine Situation, in der Unterschriftenaktionen und Podiumsdiskussionen nichts mehr bringen. Seit diesem Frühjahr werden bei uns Genpflanzen angebaut, und sogar in Hohenstein, direkt vor meiner Haustür. Es ist Gefahr im Verzug und wir müssen schnell handeln, aus Notwehr. Daher befreien wir Felder vom Gendreck.
Eure Aktionen sind teilweise illegal. Warum startet ihr keine legalen Aktionen?
Nicht wir arbeiten illegal! Dass Monsanto [größter Gentech-Saatgutkonzern weltweit, d. Red.] hier einfach ohne unsere Zustimmung Genmais anbauen darf - das ist illegal in meinen Augen. Das, was wir machen, ist Notwehr, nichts anderes!
Würdet ihr eure Aktionen als militant bezeichnen?
Nein! Wir sind absolut friedlich. Wir haben eine Abmachung, dass wir keine Waffen einsetzen und keinen aktiven Widerstand leisten. Daher waren die Mittel für den Polizeieinsatz bei der Hohensteiner Feldbefreiung unverhältnismäßig. Wenn der Staat Ordnung schaffen wollte, würde er Gesetze gegen Gentechnik erlassen.
Ab und zu bekomme ich auch Bekennerschreiben, zum Beispiel wollte einer Maschinenstahl in Feldern verstecken, damit bei der Ernte die Maschinen der Bauern zerstört würden. Von solchen Vorhaben distanzieren wir uns öffentlich und melden sie bei der Polizei.
Ihr nennt es zivilen Ungehorsam, ist das nur Spaß?
Es macht keinen Spaß gegen so etwas Ekelhaftes wie Gentechnik zu sein. Spaß macht es aber, Erfolge zu erkennen.
Habt ihr schon Erfolge zu verzeichnen?
Wir haben das Thema Gentechnik aus dem Dornröschenschlaf gerissen und auf die politische Tagesordnung gebracht. Monsanto hat allerdings noch niemanden angezeigt, sondern Wild für die Schäden verantwortlich gemacht. Sie fürchten sich vor schlechter Presse. Deshalb überlegt Michael Grolm, sich selbst anzuzeigen.
Was sind die positiven und negativen Folgen von Genmanipulation?
Das Positive an Gentechnik ist, dass der Monopolist reich wird! Und die Tatsache, dass es noch etwas Schlimmeres gibt als Gentechnik: "Terminator-Saatgut", das sind Samen, die sich selbst unfruchtbar machen, sodass der Bauer immer wieder neue Samen vom Hersteller kaufen muss.
Negative Folgen sind erstens, dass sehr große Monokulturen entstehen, aus denen die genmanipulierten Pflanzen nie mehr rückholbar sind. Zweitens werden als Träger der neuen DNA Bakterien eingesetzt, die auch auf andere Pflanzen wirken, so gibt es schon jetzt Superunkräuter. Drittens stellt eine solche Manipulation einen enormen Eingriff in die Evolution dar, deren Wirkung unerforscht ist. Wenn der Maiszünsler, der Hauptschädling auf einem Maisfeld, an der neuen DNA verreckt, warum nicht auch die Biene, die den Maispollen sammelt? Was passiert mit den Vögeln, die die toten Zünslerlarven fressen? Wer sichert diesen ganzen Wahnsinn ab? Viertens wird in den Labors nach Frankensteins Methoden gearbeitet. Alle Menschen auf der Welt dienen quasi als Versuchsratten für die Weltgeldmacher.
Warum verwenden die Bauern dann genmanipuliertes Saatgut?
Zunächst ist dieses Saatgut in Deutschland noch sehr preiswert, weil die Firmen erst versuchen, auf den Markt zu kommen. Dann versprechen sich die Bauern davon einen geringeren Einsatz von Pestiziden, was wiederum finanzielle Gründe hat. Diese Utopie vom pestizidfreien Feld ist bereits widerlegt worden. Die großen finanziellen Schäden werden erst in Jahren auf die Bauern zukommen.
Wie können sich einzelne Bauern wehren?
Informieren! Percy Schmeiser, ein bekannter Bauer aus Kanada, berichtet aus Nordamerika, dass es dort kein Raps- oder Sojafeld mehr gibt, was nicht von genmanipulierten Pflanzen verseucht ist. "Noch habt ihr in Europa die Wahl", sagt Schmeiser
Gibt es ein Jein zur Genmanipulation?
Es gibt nur ein entweder - oder. Deshalb sprechen wir uns auch nicht für genfreie Zonen aus - es sei denn die genfreie Zone heißt Europa. Es ist gut, dass es so etwas gibt, aber das geht uns nicht weit genug. Die Züchtung im Labor ist okay, aber ein weltweiter Großflächenversuch - das nicht.
Wie stehst du zu dem Argument, dass die so genannte Dritte Welt mit genmanipuliertem Saatgut versorgt und so vielleicht tausende Menschen vor dem Verhungern gerettet werden können?
Es ist eine Lüge, das geht nicht. Das ist Träumerei. Eine Pflanze, die trotz schlechten Bodens und wenig Wasser wächst, wird auf längere Zeit schwerste Schäden mit sich bringen.
Haben Länder, die sich der Gentechnik verwehren, dadurch Chancen?
Ja, auf jeden Fall! Schon heute sind Marken wie Demeter oder Rapunzel weltweit bekannt. Die Verbraucher orientieren sich zu gentechnikfreien Zonen. Die USA und Kanada können hier kaum noch Produkte absetzen. Dies ist eine große Chance für Deutschland. Genprodukte sind einfach wertloser.
Warum meinst du, ist Genfood kein großes Thema in Deutschland?
Das Thema wäre viel präsenter, wenn es ein Siegel für genmanipulierte Nahrungsmittel gäbe, das auch für tierische Produkte mit Gentechnik-Beteiligung gilt. Außerdem ist die breite Masse einfach zu uninformiert. Und die Bauern werden absichtlich dumm gehalten. So warb beispielsweise Herr Dr. Vögler, der Verkaufsleiter von "Monsanto" in Brandenburg, auf einer staatlichen Bauernschulung im letzten Winter für die Vorzüge von genmanipuliertem Saatgut. Monsanto will die Saatgut-Weltherrschaft, das ist es!
Hast du noch ein Schlusswort für uns?
Die Leute müssen aufstehen und sagen "Nein, mit uns nicht!"
Wir danken dir für das Gespräch.
Bitte, sehr gern.
Kontakt
www.gendreck-weg.de
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BLZ 43060967
Verwendungszweck: Gendreck weg
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 06
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