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Ur-Getreide in Berlin: Ein interkultureller Garten auf dem Gleisdreieck

Ur-Getreide in Berlin
Ein interkultureller Garten auf dem Gleisdreieck

Endlich haben Senat und Bezirksamt in diesem Frühjahr das Gleisdreieck der Allgemeinheit übergeben. Auf einer Teilfläche können BürgerInnen der Stadt eigene Gestaltungen erproben. Das Ökowerk hat dieses Angebot für ein Experiment genutzt und im Mai auf einem kleinen Stück Land Urgetreide ausgesät. Es handelt sich dabei um "Einkorn" und "Emmer", die von Wildgräsern aus dem heutigen Vorderen Orient abstammen.

Ursprung unseres Getreides

Vor 10.000 Jahren hat dort mit deren gezielter Aussaat die Landwirtschaft begonnen. In einer wärmeren und regenreichen Periode nach der letzten Eiszeit drangen die Wildgräser auch auf die Berghänge im heutigen Taurus und andere Bergzonen um die Oberläufe von Euphrat und Tigris vor. Da ihre Reifezeit je nach Höhenlage unterschiedlich war, konnten umherziehende Hirtenclans und -familien zu verschiedenen Zeiten auf den zunächst kleinen, verstreuten und dünn bewachsenen Feldern ernten. Genbiologische Forschungen haben ergeben, dass der gezielte Anbau mit Einkorn im Bergmassiv "Karacadag", unweit von Diyarbakir in der Südost-Türkei, begann. Emmer wurde schon vor 17.000 Jahren gezielt als Wildgras gesammelt und gegessen, wie für das heutige Westpersien nachgewiesen wurde.

Beginnendes Erdneuzeitalter

Mit diesen beiden Ur-Getreidesorten wurde zuerst Land beackert und kultiviert. Der aus deren Samen hergestellte Brei wurde den Menschen bald eine Hauptnahrungsquelle. Die vorher nomadisch lebenden Gesellschaften konnten sesshaft werden und feste Siedlungen bauen. Mit dieser Veränderung begannen die umfassenden technischen und kulturellen Veränderungen, die wir heute "neolithische Revolution" nennen. Diese Transformation fand im - heute überwiegend von Kurden bewohnten - Gebiet der jetzigen Osttürkei, dem nördlichen Irak und dem westlichen Iran zuerst statt. Aus eben dieser Region sind seit den 60er Jahren Zehntausende von MigrantInnen in unsere Stadt gekommen. Ausgerechnet dort, wo die Menschen erstmals feste Siedlungen bauten, konnten sie nun ihr Auskommen nicht mehr finden. Auch auf diese historische "Dialektik" wollen wir mit unserer Aktion aufmerksam machen.

Steiniger Anfang

Einkorn und Emmer wurden im Bergland zuerst unter eher schwierigen Bedingungen gezielt angebaut. Auch wir haben sie auf dem Gleisdreieck einem Härtetest unterworfen. Der Boden war hoch verdichtet, durchsetzt von Steinen und Schutt. Wir haben ihn mit einfachen Werkzeugen (immerhin aus Eisen) bearbeitet. Komposterde oder andere Mittel der Bodenverbesserung standen nicht zur Verfügung. Auf einem Teil der Fläche trugen wir allerdings Grünsaat auf, um im kommenden Jahr bessere Erträge erzielen zu können. Diese Grünsaat, auch Gründüngung genannt, ist eine alte landwirtschaftliche Technik. Die Fähigkeit von Leguminosen, zusätzlichen Stickstoff aus der Bodenluft aufzunehmen wird dabei genutzt. Zu diesen besonderen Pflanzen zählen z. B. Klee, Lupinen, Phacelia (Bienentrost) oder Luzerne. Neben einem zusätzlichen Stickstoffeintrag wird auch der Boden gelockert, von Wildkräutern weitgehend freigehalten und vor Austrocknung oder Erosion geschützt.

Spannend wird es vor allem nach dem Umbruch der gesamten Fläche Mitte September, da sowohl die grüngedüngte als auch die Sommeransaatfläche für die Winteransaat genutzt werden sollen. Wir können also direkt auf der Fläche überprüfen, inwiefern Gründüngung zum besseren Gedeihen und Anwachsen des Wintergetreides beiträgt. Doch selbst in diesem Jahr ist das Getreide gewachsen und ausgereift. Anders als die ersten Ackerbauern verzichten wir allerdings auf dessen Verzehrung, da die Aktivitäten der Spätzivilisation den Boden des Gleisdreiecks kontaminiert haben.

Gesundes Korn

Von den beiden in der Antike weit verbreiteten Getreidearten, wurde besonders Einkorn noch im 19. Jahrhundert in vielen Gegenden Europas angebaut - Ende des 20. Jahrhundert war es nur noch in wenigen Landstrichen zu finden. Seitdem bemüht sich insbesondere der ökologische Anbau um seine Wiedereinführung. Beide Getreidearten werden zu Brot, Keksen und Flocken verarbeitet, auch Bier wird daraus gebraut. Dabei geht es um mehr als um Liebhaberei und Kulturgeschichte. Die ältesten Getreide waren am längsten einem gezielten Selektionsprozess ausgesetzt. Die überlebensfähigsten Varianten konnten wieder ausgesät werden, wodurch sich diese Arten widrigen und schwierigen Umweltbedingungen gut anpassen konnten. So ist Einkorn gegen viele Pilzerkrankungen wie Rostfäule resistent. Jüngeres Getreide wird heute mit aufwendigem Chemieeinsatz "geschützt". Der Ertrag pro Hektar ist geringer, weshalb eine auf Höchsterträge orientierte Landwirtschaft das Einkorn aufgegeben hat. Andererseits gilt ihr Verzehr in mehrfacher Hinsicht als gesünder. Einkorn etwa hat einen besonders hohen Gehalt an Karotin, das der Entstehung von Darmkrebs vorbeugen kann; beide Getreidearten werden als Nahrungsalternativen für Menschen empfohlen, die unter Allergien gegen den verwandten Weizen neigen. Es gibt also auch im 21. Jahrhundert gute Gründe, den Anbau von Urgetreide wieder zu betreiben.

Hartwig Berger, Babette Berndt

Die AutorInnen arbeiten beim Ökowerk Berlin.


DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 06 Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33 raberalf@grueneliga.de, www.grueneliga-berlin.de/raberalf
26.02.06    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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