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Der G8-Gipfel in Schottland - ein Erlebnisbericht

Viele Fragen offen
Der G8-Gipfel in Schottland - ein Erlebnisbericht

Vom 5. bis 8. Juli 2005 fand im Gleneagles-Golfhotel nahe Edinburgh, Schottland, das Treffen der acht führenden Wirtschaftsnationen statt, der so genannter G8-Gipfel. Im Rahmen dieser jährlichen Treffen kommen die Staatschefs von Japan, Frankreich, Deutschland, den USA, Großbritannien, Kanada, Russland und Italien zusammen, um über globale Fragen wie Wirtschafts-, Außen- oder Entwicklungspolitik zu beraten. Auf dem diesjährigen Gipfel sollte vornehmlich über Afrika und den Klimawandel gesprochen werden. Jahr für Jahr entstehen am Rande der G8-Zusammenkünfte große Gegencamps, wie das Ökocamp in Stirling, das ausschließlich von G8-Gegnerinnen und -Gegnern bewohnt war.

Ein Ökocamp für alle

Das Camp war für uns Neuankommende leicht zu finden, da es Tag und Nacht von der Polizei eingekesselt und aus der Luft durch Hubschrauber bewacht wurde. Für uns hieß das, nie zu wissen, ob und wann wir hinein- oder herauskamen. Lästig waren die Polizeihubschrauber, die immer wieder über dem Camp kreisten oder standen. Sie verstärkten das Gefühl der ständigen Überwachung, der wir seit unserer Ankunft in Schottland ausgesetzt waren.

Seinen Namen verdankte das Camp einer ökologisch durchdachten Organisation, die sich in Ökoduschen und -klos zeigte. Auch die Volksküchen, die das in Abschnitte eingeteilte Camp bekochten, boten ausschließlich vegetarische und teilweise vegane Gerichte gegen geringes Entgelt an.

Menschen im unterschiedlichsten Alter und aus vielen Teilen der Welt, vornehmlich aus Europa, bewohnten das Camp. Die einen wohnten wie wir in eigenen kleinen Zelten, die anderen waren über die verschiedensten Organisationen mit großen Zirkuszelten angereist. So ergab es sich, dass sich jeden Abend eine große Zahl Bewohnerinnen und Bewohner vor einem der großen Zelte zusammenfand und gemeinsam zu Trommelmusik unter einem riesigen Regenbogenbanner tanzten, sich die Feuerspiele einiger Jongleure ansahen oder einfach an großen Lagerfeuern beieinander saßen und diskutierten.

Bunt gegen Schwarz

Die Demonstrationen in und um den Tagungsort der "Großen Acht" in Gleneagles waren ebenso wie die Abende im Camp bunt und ideenreich. Es gab Trommler, eine Clownsarmee, die selbst den ernsten britischen Polizisten am Wegesrand ein Lächeln entlockte, überdimensionale Bushs, Blairs und Schröders, große Banner der verschiedensten linken und grünalternativen Gruppierungen.

Die große Demonstration rund um das Tagungsgelände der G8 - ein Golfhotel in den schottischen Lowlands - war typisch für die gesamten Proteste während des Gipfels. Denn unter den vielen tausend friedlichen Demonstrantinnen und Demonstranten gab es auch Schwarzvermummte, die versuchten mit militanten Mitteln auf das Gelände des Hotels zu gelangen. Tatsächlich erreichten sie ihr Ziel, das Gleneagles-Golfhotel zu stürmen, nicht, doch auf die Titelseiten der einheimischen und internationalen Presse schafften sie es dennoch. Über uns, die wir mit Worten, nicht mit Gewalt, versuchten die Öffentlichkeit zu erreichen, berichtete dagegen niemand!

Die liebe Presse

Diese Art der öffentlichen Berichterstattung über den G8-Gipfel war wiederum bezeichnend, wie wir nach den Tagen des Protestes und langen Unterhaltungen mit Menschen, die auch an vorhergegangenen G8-Gipfel-Gegencamps teilgenommen hatten, feststellen mussten. Das schöne Ökocamp in Stirling fand in den Zeitungen lediglich als Ursprungsort der blutigen Krawalle in Gleneagles und Ausgangsort einer Burger-King-Plünderung in der Innenstadt Erwähnung. Kein Wort über das solidarische Zusammenleben der G8-Gegnerinnen und -Gegner im Camp, denen jegliches Agieren im und um das Camp durch die scharfen Polizeikontrollen und Ausgangssperren schwer gemacht wurde. Kein Wort über die Schikanen, die die Sicherheitsbeamten uns allen in den Weg stellte, um zu verhindern, dass zu viele Menschen auf die Demonstrationen in und um Gleneagles gingen. So sperrten sie ganze Autobahnen und Landstraßen ab riegelten das Gelände um das Golfhotel weiträumig mit einem hohen Zaun ab.

Kooperation statt Dominanz

Die Fragen, die letzten Endes offen blieben, waren: Wie wollen die "Großen Acht" jemals das Verständnis der gesamten Bevölkerung finden, wenn sie sich so sehr zurückziehen und den Bürgerinnen und Bürgern dadurch nicht wenigstens das Gefühl einer Teilhabe vermitteln? Wie sollen sich die Menschen bei einer solchen Abschottung der Machthaber gegenüber der Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen fühlen? Woher sonst als von eben dem Gefühl, dominiert zu werden von den Beschlüssen dieser Wenigen, kommt die Wut derer, die in letzter Konsequenz Steine für Argumente halten?

Solange die Politik der G8 nicht transparenter und demokratischer wird, werden auch die gewaltsamen Proteste nicht aufhören und es wird immer wieder ähnliche Szenen wie in Gleneagles oder gar Genua geben.

Sabine Reichert

Die Autorin leistet ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) als Redakteurin beim RABEN RALF.


DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 06 Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33 raberalf@grueneliga.de, www.grueneliga-berlin.de/raberalf
26.02.06    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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