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Noch einmal Victor Wendland
Fortführung der Diskussion um "Verdrängte Geschichte" im Berliner Naturschutz
Anmerkung der Redaktion: Auslöser dieser Diskussion war unser Titelbeitrag "Verdrängte Geschichte" von Bernd Schütze in der Februar-Ausgabe:
http://de.indymedia.org/2005/01/103804.shtml
Der Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Naturschutz Berlin, Norbert Meisner, hatte den Beitrag in der April-Ausgabe heftig kritisiert:
http://www.grueneliga-berlin.de/informieren/rabe_ralf/rabe_archiv/04_05_2005/wendland.html
Bernd Schütze antwortete darauf mit einem Offenen Brief, den wir hier unverändert dokumentieren.
"Wir wissen nicht, wie Wendland über das Nazi-Regime und die Judenverfolgung gedacht hat."
Sehr geehrter Herr Dr. Meisner, kann es ein größeres Armutszeugnis für einen Preisstifter geben, als dieses Bekenntnis gegenüber der Gretchenfrage ehrungswürdiger Identität? Was wäre dann die Botschaft des Wendlandringes: Mitwirkung bei der Judenverfolgung und Beteiligung am NS-Regime waren uns gleichgültig, für uns ist unter allen Umständen und egal in welcher Ausprägung allein Naturschutz soziales Gebot? Das kann und will ich nicht glauben. Ich bitte Sie herzlich, erneut darüber nachzudenken. Vielleicht kann ich Sie mit dem folgenden darin unterstützen.
Selbstverständlich gab es im Bund für Vogelschutz jüdische Mitglieder, teilte mir 2003 Helge Mai (NABU) mit. Gehen wir zurück in das Jahr 1934. Der Bund schaltet sich und andere gleich, nennt sich nun Reichsbund, zeigt Flagge, bekennt sich reichsweit zum Nationalsozialismus, bekräftigt dies mit der Einführung des Arierparagraphen. Diesen "gab es" nicht einfach, wie Sie schreiben, dazu bedurfte es aktiven Handelns, Anträge im Vereinsregister waren zu stellen, das Ganze wurde diskutiert. In der Ortsgruppe Berlin geht es dabei, so wissen wir, auch darum, zu beschließen, ob der Briefkopf des Vereins zukünftig dick gedruckt den Vermerk: "Juden werden nicht aufgenommen!" tragen soll. Hermann Helfer, Wendlands Vorgänger, stimmt gegen diesen Beschluss, möchte das aber nicht als Judenfreundlichkeit ausgelegt wissen. Er gibt sein Amt als Leiter ab. In der rund 100-jährigen Verbandsgeschichte des heutigen NABU Berlin wird 10 Jahre lang der Arierparagraph angewendet. Ein Mann übernimmt allein die Führung und damit die Verantwortung für die gesamte Zeit: Dr. Victor Wendland. Das wissen wir. Was die Anwendung des Arierparagraphen in Vereinen bedeutete, wissen wir u.a. aus der Geschichte Hilzheimers. Jedes einzelne Mitglied wurde im Auftrag der Führer aufgefordert, einen Ariernachweis einzureichen, säumige Einreicher wurden gemahnt, die eingereichten Daten wurden geprüft. Für jeden Einzelfall war zu entscheiden, ob die Mitgliedschaft bestehen bleibt, zustande kommt oder verweigert oder beendet wird. Die 'arische' Großmutter war entscheidend für die Mitgliedschaft, der Wille zum Vogelschutz zweitrangig. Viel Arbeit für einen Verein, viel Verantwortung für einen Ortsgruppenführer. Vogelschützer wurden von den eigenen Kameraden danach sortiert, ob sie die nationalsozialistischen Rassekriterien erfüllten. Sie wurden von diesen an die Behörden gemeldet. Dies geschieht nicht nur 1934, sondern Jahr für Jahr bis 1944 - wir wissen, in welchem Umfeld. Dies ist eindeutig Diskriminierung, Denuntiation, der Beginn der Selektion, Teil der Vorbereitung der Deportationslisten. Wieviele Berliner Vogelschützer hat dieser Vorgang die Vereinsmitgliedschaft, die Wohnung, das Vermögen, die Familie, das Leben gekostet?
Dr. Wendland ist nicht einfach nur "Beamter", wie Sie sagen, sichert nicht nur "irgendwie seine Existenz", er macht im Gegenteil seit 1924 Karriere im Reichswehrministerium, Reichskriegsministerium und im Oberkommando der Wehrmacht. Das Oberkommando der Wehrmacht ist die willige Steuerungszentrale des Hauptmachtinstruments der Nazis im 2. Weltkrieg. Victor Wendland ist als Fachmann für slawische Sprachen das 'Ohr am Mund der Opfer' in Polen und Russland, also im Zentrum des nationalsozialistischen verbrecherischen Weltanschauungskrieges. Seine Erkenntnisse werden in Einsatzbefehle transformiert. Er wirkt offenbar so aktiv mit, dass er in den 40er Jahren erneut befördert wird, vom Oberregierungsrat zum Ministerialrat. Das wissen wir. Beförderungen gehen regelmäßig mit Prüfungen der fachlichen, damals aber insbesondere der nationalsozialistischen weltanschaulichen Eignung des Kandidaten einher. Offensichtlich hat Dr. Victor Wendland diese Prüfungen der Nationalsozialisten bestanden.
Mir persönlich reichen diese Kenntnisse - über Wendland, aber auch über die Zeit - völlig, um begründet daran zu zweifeln, dass Dr. Victor Wendland geeignet ist, heutigen Demokraten als Vorbild zu dienen. Ein ranghoher Beamter des Oberkommandos der Wehrmacht ist nicht nur "Unterstützer des NS-Systems", er ist aktiver Teil desselben. Dasselbe gilt für einen Ortsgruppenleiter im nationalsozialistischen Naturschutz, der Jahr für Jahr den Arierparagraphen anwendet. Der Naturschutz dieser Zeit ist nicht "Nische", wie sie behaupten, sondern ebenfalls Teil des Systems. Einschlägige Fachschriften verkünden, "Judentum und deutsche Natur" seien "unvereinbare Begriffe", Lina Hähnle lässt ein "dreifach sieghaftes Heil" erklingen. Damalige Akteure bewerten die Zeit des Nationalsozialismus auch noch lange nach 1945 als "hohe Zeit des Naturschutzes", beklagen offen das Ende des autoritären Staates.
Weiteres Indiz seiner Untauglichkeit als Vorbild für demokratische Naturschützer ist Wendlands Verhalten nach 1945. Warum duldet er, dass in den Laudatien verharmlosend von seiner Tätigkeit "in einem Ministerium" gesprochen wird, obwohl er im OKW ranghoher Beamter war? Warum setzt er sich als Redakteur, Herausgeber und Autor des wichtigsten Naturschutzorgans Berlins niemals öffentlich mit seiner Rolle als Reichsbundsortsgruppenführer bei der Umsetzung des Arierparagraphen auseinander? Warum ehrt er den 100. Geburtstag von Dr. Heinroth, NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Organisation innerhalb der NSDAP), oder lässt Hermann Helfer, ebenfalls NSV, ehren, übergeht aber den 25. Todestag/85. Geburtstag und 100. Geburtstag Hilzheimers? Warum wird die 75. Sitzung des Landesbeauftragten in seinem Blatt gefeiert, das mit Hilzheimer unmittelbar verknüpfte zeitgleiche 50. Jahresfest des Berliner Stadtnaturschutzes aber nicht? Warum wird das entwürdigende Ausscheiden Hilzheimers aus "Mitteilungen" und dem Volksbund von Dr. Wendland, immerhin dessen späterer Nachfolger in der Schriftleitung, nie thematisiert?
"Hätte es sich gezeigt, dass Wendland ein Unterstützer des NS-Systems war, dann hätte man selbstverständlich den Preis umbenennen müssen."
Sehr geehrter Herr Dr. Meisner, Sie verlangen "Beweise", das Vorliegende reicht Ihnen nicht. Nach meiner Meinung hat es sich gezeigt, dass Victor Wendland Teil des Systems war und es ihm offensichtlich nie nötig erschien, sich dazu öffentlich zu stellen. Welche Funktionen er hatte, wissen wir, wie er sich im einzelnen verhalten hat, hat er verschwiegen. Wir Täter/Täterkinder haben leider einen Hang zur Hörigkeit. Wir neigen dazu, selbst dann noch, wenn der Betroffene direkt am Grubenrand mitgemordet hat (das ist bei Wendland wenig wahrscheinlich), der Legende vom Befehlsnotstand zu glauben, alle anderen Täter sind uns schlimmstenfalls Mitläufer, lieber aber Bomben- oder andere Opfer. Wir erklären in absurder Weise die Täter zu Opfern ihres eigenen Tuns. Aus den Helden wurden Jammerlappen, voller Selbstmitleid und Wut auf "Auschwitzkeule" und Nestbeschmutzer. Verantwortung wird abgeschoben, entpersonalisiert. Wir sind verroht, das menschliche Maß ging uns verloren. Das Gespür dafür, dass Unterstützung beim diskriminierenden Verhalten gegenüber den Nächsten beginnt, dass Mitwirkung ganz sicher der aktive rassistisch begründete Ausschluss von Vereinskollegen ist, ebenso die Duldung von und Mitwirkung bei Berufsverboten, das Stellen von Anträgen auf Arierparagraphen, deren Umsetzung etc., das ist uns fremd. Vielleicht müssen wir erst auf die Enkel und Urenkel warten, bis Einsicht und Trauer möglich werden. Dann wird vielleicht nicht mehr unverantwortlicher Korpsgeist für Täter und Mitläufer die Reaktionen auf Texte über die Opfer beherrschen, sondern Bewusstsein für das Unrecht und Einfühlung in deren Leid. Dann ist Erinnern an jüdische Opfer nicht mehr "verdienstvoll", sondern selbstverständlich, geprägt von Verantwortung und Achtung, den Grundvoraussetzungen für ein vielfach noch zu entwickelndes demokratisches, an Menschen- und Bürgerrechten orientiertes Selbstverständnis im Naturschutz. Ich würde mich sehr freuen, wenn auch uns Alten wider Erwarten der Weg in diese Richtung noch gelänge. "Aber das ändert nichts an der Tatsache, das mit den Toten kein Gespräch mehr möglich ist." (Gershom Sholem)
Bernd Schütze
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 05
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