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Revolutionär mit Achillesferse
Michael Braungarts Thesen begeistern viele - doch bei genauem Hinsehen
werden Zweifel wach
Basel 1986: Der promovierte Chemiker und Greenpeace-Aktivist Michael
Braungart hatte nach einer zweitägigen Schornsteinbesetzung bei Ciba-Geigy
(heute ein Teil von Novartis) wieder festen Boden unter den Füßen. Nicht der
Sicherheitsdienst der Firma oder die Polizei empfing ihn, sondern der
Werksleiter, der ihn und seine Gruppe zum Frühstück einlud. Aus diesem
ersten Kontakt mit dem Gegner ergab sich eine enge Zusammenarbeit des
Umweltaktivisten mit der Industrie. 1987 gründete Braungart in Hamburg das
Forschungs- und Beratungsinstitut EPEA, dessen Dienstleistungen heute von
vielen Firmen und Behörden in Anspruch genommen werden. Braungarts heutige
Arbeitsweise war im Kern schon in der Basler Episode angelegt: Er
schockiert, geht auf Konfrontationskurs - und zeigt der Wirtschaft, welchen
Nutzen sie aus seinen revolutionären Ideen ziehen kann.
Unser Umgang mit der Umwelt ist nach Braungarts Meinung grundsätzlich
falsch: Wir versuchen, die Schäden, die wir der Natur zufügen, möglichst
klein zu halten, statt die Natur als unseren Partner anzusehen, dem wir
Gutes tun können, wenn wir es nur richtig anstellen. Könnten wir es
schaffen, uns mit unserem Wirtschaften in die Kreisläufe der Natur
einzufügen, würden Umweltschäden der Geschichte angehören. Zumindest gilt
das für alle Verbrauchsgüter. Kompostierbare Bezugsstoffe für Flugzeugsitze
sind Braungarts Vorzeigebeispiel für solche naturfreundlichen
Verbrauchsgüter.
Wo es aber nicht um Verbrauchs-, sondern um Gebrauchsgüter geht, müssen wir
geschlossene technische Kreisläufe schaffen, in welchen die verwendeten
Materialien zu "technischen Nährstoffen" werden. Komplexe technische
Produkte, die oft giftige Bestandteile enthalten, müssen nicht auf der
Müllhalde landen. Sie können die Baustoffe für neue Produkte liefern.
Braungarts bekanntestes Beispiel dafür ist ein Bürostuhl. Er besteht aus
Bestandteilen, die später als Komponenten für neue Bürostühle oder als
Baumaterialien für andere Geräte dienen können. Braungart nennt diesen Weg
der Baustoffe "Cradle to Cradle" (C2C) - von der Wiege zur Wiege, im
Unterschied zum Weg "von der Wiege zur Bahre", der unsere heutigen
Materialflüsse charakterisiert.
Diesen Überlegungen kann man ohne Vorbehalt zustimmen. Braungart wirbt für
eine ökologisch verantwortbare Produktionsweise und arbeitet an deren
Verwirklichung. Schön, dass endlich einer das tut, was grüne Bewegungen seit
Jahrzehnten fordern! Kein Zweifel, dass Braungarts Hauptmotivation die Sorge
um unsere Zukunft ist. Er weist immer wieder darauf hin, dass uns für einen
Richtungswechsel nur wenige Jahre bleiben. Wer wollte dem widersprechen!
Der blinde Fleck
Eine Enttäuschung erlebt man allerdings, wenn man Braungarts Texte und
Interviews genau liest und sich seine Vorträge auf dem Internet ansieht. Da
zeigt sich, dass der Umweltrevolutionär vor allem ein neoliberaler
Entertainer ist. Der Weg der heutigen Grünen ist ihm so zuwider, dass er
sich unermüdlich lustig macht über Energiesparmaßnahmen, über
Umweltbehörden, über sämtliche Bemühungen, Umwelt- und Klimaschäden
möglichst gering zu halten. Er attestiert allen, die das versuchen,
protestantisches Schuldbewusstsein und Lustfeindlichkeit. Er überrascht,
irritiert, provoziert und stellt Behauptungen auf, die so pauschal sind,
dass sie sich weder bestätigen noch widerlegen lassen. Ist etwa der folgende
Satz wahr oder falsch? "Wir können verschwenderisch sein, wenn wir von
Anfang an nur ungiftige Substanzen verwenden." Oder was soll man halten von
Braungarts stets wiederholter Behauptung, die Deutschen romantisierten die
Natur und seien deswegen in Umweltfragen auf dem falschen Weg?
In Braungarts Texten und Vorträgen fehlt der Konjunktiv, die
grammatikalische Form der Unsicherheit und des Zweifels. Umso stärker sind
die Zweifel, die einen beim Zuhören oder Lesen befallen: Warum stellt er
unsere sämtlichen Bemühungen in Bezug auf die Umwelt in Frage, mit keinem
Wort aber die wichtigste Ursache unserer Umweltprobleme, nämlich unsere
zerstörerische Art des Wirtschaftens? Das Rätsel findet seine Auflösung im
Wort von Norbert Bolz, wonach der Glaube, der uns hat, der blinde Fleck
unseres Denkens ist. Braungarts blinder Fleck ist sein ungebrochener Glaube
an das Wirtschaftswachstum. Dabei ist völlig ungewiss, ob sich C2C weltweit
so kurzfristig durchsetzen ließe, dass damit trotz Wirtschaftswachstum die
drohende Umwelt- und Klimakatastrophe abgewendet werden könnte. Das ist
Braungarts Achillesferse. So äußert er sich verständlicherweise nur
ausweichend zum Klimawandel. Die Begeisterung, die er gerade deswegen bei
vielen Unternehmern und Medienschaffenden auslöst, zeigt nur, wie tief die
Krise ist, in der wir stecken.
Ernst Schmitter
Wo Argumente fehlen, hilft der Charme
Michael Braungart ist immer in Eile. Die Dringlichkeit seines Anliegens
lässt ihm keine andere Wahl. Bei aller Skepsis gegenüber seinen Ideen kann
man das verstehen. Die Skepsis wächst indes, wenn man von ihm nicht bloß
Unterhaltung, sondern Aufklärung und Information erwartet. Je genauer man
ihn zu verstehen sucht, desto bestimmter wird der Eindruck, seine
Öffentlichkeitsarbeit sei eigentlich nur eine groß angelegte Werbekampagne
und Diskussionen seien unerwünscht. Wie wäre sonst zu erklären, dass er
dauernd zwei Grundregeln des Diskutierens verletzt?
Klarheit der Begriffe
Erste Grundregel: Man soll sich in einer Diskussion um Klarheit der Begriffe
bemühen. Braungarts Umgang mit dieser Regel ist hemdsärmelig. Beispielsweise
gebraucht er den Begriff der "intelligenten Verschwendung" und stellt uns
den Kirschbaum im Frühling als Vorbild hin, der sich in seiner
verschwenderischen Blütenpracht weder einschränke noch Verzicht übe.
Einspruch! Verschwendung in der Natur und Verschwendung durch den Menschen
haben fast nur den Namen gemeinsam. Der Kirschbaum, wie die meisten
Pflanzen, trägt Blüten und Früchte in verschwenderischer Fülle, weil dies
dem Überleben der Art dient. Verschwendung beim Menschen ist im Kern ein
ökonomischer Begriff und benennt im Wesentlichen die unsachgemäße Nutzung
von Ressourcen, also gerade etwas, was unser Überleben gefährdet. Nehmen wir
an, "Cradle to Cradle" sei mit den komplexen Vorgängen in der Natur so
leicht zu kombinieren, wie Braungart es darstellt: Solange das Prinzip nicht
weltweit Standard ist, bleibt dennoch die Aufforderung verwirrend und
irreführend, wir sollten es der verschwenderischen Natur gleichtun;
verwirrend, weil natürliche und menschliche Verschwendung nicht das Gleiche
sind; irreführend, weil so in uns die Vorstellung geweckt wird, C2C sei
nicht eine Utopie, sondern fast schon Wirklichkeit. "Intelligente
Verschwendung" ist ein Beispiel für ein Oxymoron, eine Stilfigur, die
unvereinbare Gegensätze als versöhnt erscheinen lässt. Man bedient sich
ihrer mit Vorteil, wenn man seine Interessen nicht offenlegen will.
Braungart treibt sein Verwirrspiel sehr weit. Sein zweites Beispiel für
intelligente Verschwendung sind die Ameisen, deren Kalorienverbrauch
Braungart zufolge demjenigen von 30 Milliarden Menschen entspricht. Er
begründet etwa seine Ablehnung des Vegetarismus mit dem Vorbild der Ameisen,
die 80-prozentige Fleischfresser seien. Dabei verliert er kein Wort über die
Zusammenhänge zwischen unserem Fleischkonsum und dem Klimawandel, wie sie
zum Beispiel in Dokumenten der Welternährungsorganisation FAO aufgezeigt
werden. Wenn wir Fleisch "nach Ameisenart" konsumieren wollten, würde das
eine kurzfristige Umstellung der Fleischproduktion (Tierfarmen,
Futtermittelproduktion, Schlachthäuser, Kühlketten, Transporte,
Zwischenhandel) auf C2C bedingen - ein unlösbares Problem! Eine
Einschränkung unseres Fleischkonsums wäre hingegen jederzeit leicht möglich.
Sie würde die riesigen Infrastrukturen für Fleischproduktion und -handel
größtenteils überflüssig machen. Für Braungart sind aber Einschränkung und
Verzicht nicht Zeichen ökologischer Vernunft. Er deutet sie als Zeichen
unverarbeiteter Schuldgefühle gegenüber der Natur und lehnt sie deshalb
radikal ab.
Mit einem Begriff geht Braungart geradezu fahrlässig um. Es ist der Begriff
des ökologischen Fußabdrucks. Zur Erinnerung: Als ökologischen Fußabdruck
einer Person bezeichnet man die Fläche Produktivland, die nötig ist, um
deren Lebensstil und Lebensstandard dauerhaft zu gewährleisten. Je nach
Lebensstil und Lebensstandard ist unser ökologischer Fußabdruck klein oder
groß. Wenn der Fußabdruck aller Erdbewohner zusammengenommen größer ist als
die verfügbare Gesamtfläche an Produktivland, lebt das System Erde über
seine Verhältnisse und gefährdet seine Zukunft. Das ist gegenwärtig der
Fall. Wir haben also ein Interesse daran, unseren Fußabdruck so rasch wie
möglich zu verringern. Das könnte zwar durchaus in Kombination mit C2C
geschehen. Aber Braungart lehnt herkömmliches Umweltdenken so heftig ab,
dass er auch für den ökologischen Fußabdruck nur Verachtung übrig hat. Wenn
er den Begriff überhaupt verwendet, verdreht er ihn bis zur Unkenntlichkeit
und behauptet zum Beispiel, ein großer ökologischer Fußabdruck könne gut
sein, wenn es sich um ein Feuchtgebiet handle. Was er damit meint, erklärt
er nicht. Das muss er auch nicht. Ist es Verblüffung oder Bewunderung?
Tatsache ist jedenfalls, dass seine Zuhörer und Interviewer ihn kaum je um
Verständnishilfe bitten. Sein unwidersprochenes Daherreden nimmt zuweilen
groteske Züge an, wie etwa eine Videoaufnahme seines Vortrags an der
Utopia-Konferenz 2008 in Berlin zeigt.[*]
Ernstnehmen von Kritik
Zweite Grundregel: Man soll seinen Gesprächspartner ernst nehmen und auf
seine Einwände eingehen. Auch diese Regel kümmert Braungart wenig. Ein
Journalist der FAZ hatte im Januar 2009 den Mut, ihn zu fragen, ob ihm
Schuldgefühle auch in Bezug auf den Klimawandel unberechtigt schienen. Nun
ist der Klimawandel, wie erwähnt, nicht Braungarts Lieblingsthema. Die von
ihm gepriesene Verschwendung verschärft ja das Problem, da er uns zur
Verschwendung nicht erst nach der Verwirklichung seiner Vision ermuntert. Er
möchte nicht wahrhaben, dass das C2C-Prinzip sehr weit von seiner weltweiten
Durchsetzung entfernt ist und dass folglich Verschwendung bis auf Weiteres
umwelt- und klimaschädigend ist. Dem FAZ-Journalisten hielt er dann einen
kleinen Vortrag über die Chemikalien, die man in der Muttermilch findet.
Niemand hatte danach gefragt. Aber der Zeitungsmann notierte fleißig und
hakte nicht nach.
Da Braungart selten vor einer kritischen Zuhörerschaft spricht, kann er sich
solche Methoden leisten. Seine Auftritte sind zumeist Heimspiele vor günstig
gestimmtem Publikum. Immer gut angezogen, immer locker, charmant,
redegewandt und schlagfertig, spart er nicht mit Witzen. Es sind übrigens
seit Jahren die gleichen Witze.
Ernst Schmitter
[*] www.youtube.com/watch?v=Oo87MMJc6Fg
Michael Braungart
Geboren 1958 in Schwäbisch Gmünd. Chemiestudium, Promotion 1985. 1985-1987
Leiter des Bereichs Chemie von Greenpeace Deutschland. 1987 gründet
Braungart in Hamburg die EPEA Internationale Umweltforschung GmbH. Zusammen
mit dem US-amerikanischen Architekten und Designer William McDonough ist er
zudem Gründer der Design- und Entwicklungsfirma McDonough Braungart Design
Chemistry (MBDC) in Charlottesville (Virginia). 1989 ist er Mitbegründer des
Hamburger Umwelt-Instituts (HUI). Michael Braungart ist Professor an
verschiedenen Universitäten (Lüneburg, Rotterdam, Charlottesville).
Bücher von Michael Braungart und William McDonough:
Einfach intelligent produzieren. Bvt, Berlin 2005
Die nächste industrielle Revolution: Die Cradle-to-Cradle-Community, EVA,
Hamburg 2008
Ein Schlagwort wird zum Bumerang
Ein Lieblingssatz von Michael Braungart ist das Einstein-Zitat, wonach wir
Probleme nicht mit der Denkweise lösen können, die zu ihrer Entstehung
geführt haben. Mit diesem Schlagwort wird Braungart unfreiwilllig zu seinem
eigenen Kritiker. Die Hauptursache unserer Umwelt- und Klimaprobleme liegt
nämlich nicht in einem falsch angelegten Umweltmanagement, wie er unablässig
behauptet. Sie liegt in unserer Wachstumswirtschaft, die längst ihre
ökologisch verantwortbaren Grenzen überschritten hat. Wer so überzeugt wie
Braungart am Wachstumsdenken festhält, sollte sich also nicht neuer
Denkweisen rühmen.
Braungart kommt das Verdienst zu, unerschrocken für umweltfreundliche
Produktionsmethoden zu kämpfen. Leider sieht er nicht - kann oder will er
nicht sehen -, dass unserer Gesellschaftskrise nicht einfach mit neuen
Produktionsmethoden beizukommen ist. Dafür ist die Krise zu komplex.
Lösungsansätze, die mit Begriffen wie "besser", "größer", "schneller"
operieren, greifen ohnehin zu kurz und lassen keine neue Denkweise erkennen.
Der Kultur- und Wertewandel, den wir nötig haben, um aus dem Schlamassel
herauszufinden, kündigt sich hingegen an im rasch wachsenden Zweifel
gegenüber dem Wachstumsdenken. Ein solcher Wandel wird vielleicht aus der
Erkenntnis heraus möglich, dass "mehr" nicht immer "besser" bedeutet, oder -
wie es Ivan Illich formuliert hat - "dass die Ausrichtung der gesamten
Ökonomie auf das ,bessere' Leben das gute Leben unmöglich gemacht hat".
Ernst Schmitter
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2010 -
www.raberalf.grueneliga-berlin.de
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