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Rezension: Radikal mutig - Meine Anleitung zum Anderssein

Radikal mutig

Hanna Poddigs Reiseführer für ein widerständiges Leben

Ich bin ja immer skeptisch, wenn jemand sich oder eine Sache einfach nur als "anders" bezeichnet. Allerdings weiß ich auch, dass Buchtitel nicht auf die Goldwaage gelegt werden dürfen. Laut Rückseite ist Hanna Poddigs Buch "ein Reiseführer für ein aktivistisches, widerständiges Leben". Das klingt schon ansprechender.

Im ersten Kapitel geht es um ein Thema, das ich in diesem Buch am wenigsten erwartet hätte: Essen aus Containern fischen. In Spanien, wo ich lebe, nennt man das "Essen recyceln". Nachdem ich die rührende Solidarität unter Menschen am Container erlebt habe, fühle ich mich mit Hanna gleich auf Du und Du. Auf humorvolle Weise macht sie uns auch mit der rechtlichen Seite des Containerns vertraut. Und sie thematisiert in diesem Kapitel die vielen Menschen aufgezwungene Globalisierung und die daraus resultierende Armut.

Hanna war fünf Jahre bei der Umweltorganisation Robin Wood aktiv, sie besteigt Gebäude und Bäume zu Demonstrationszwecken, kettet sich an Bahnschienen, um radioaktive Transporte aufzuhalten, macht mit bei Besetzungen von Gentechnik-Äckern. Wer einmal gesehen hat, mit welcher Brutalität die Polizei gegen Gentechnikgegner vorgeht, muss ihren unermüdlichen Einsatz umso mehr würdigen. Dass sie für diesen Einsatz schon mehrmals im Gefängnis gesessen ist, sollte niemanden verwundern - außer denen, die seit Jahren im Dornröschenschlaf liegen.

Hanna will auch mit ihrem Alltagsverhalten Kritik und eine Diskussionskultur anregen - genau die Dinge, die ich sonst bei vielen Aktiven vermisse. Ich könnte mit ihr sicher sehr kontrovers (und dabei mit gegenseitigem Respekt) über die Nutzung von Tierprodukten und die vegane Ernährung diskutieren. Bei Fleisch aus Massentierhaltung sind wir uns natürlich einig, nicht aber bei Produkten aus Extensivhaltung auf Weiden, die sich nicht als Ackerland eignen. Hannas Respekt gegenüber den nichtmenschlichen Tieren erfreut mich selbstverständlich. Klasse finde ich, dass sie ihren Einsatz mit einem veganen Tiramisù-Rezept bestärkt.

Anders als viele Tierrechtskämpfer begegnet Hanna aber auch allen Menschen mit Respekt, auch Andersdenkenden, auch denjenigen, über deren Verhalten sie sich ärgert. Deutlich spürbar ist ihre soziale Kompetenz. Im letzten Kapitel erläutert sie, wie sie oft in Schubladen gesteckt wird, in denen sie nichts zu suchen hat.

Immer wieder zu finden ist Hannas Anliegen, das Nebeneinander verschiedener Wege gelten zu lassen. So legt sie Wert darauf, dass klassische Naturschützer, die sich um Kröten oder Fledermäuse kümmern, und Aktivisten, die beispielsweise Autobahnen verhindern wollen, einander wertschätzen und in Diskussion treten. Dem kann ich, der ich Tausende von Kröten über Straßen getragen, reichlich biologisches Gemüse produziert, einige Bücher zur Völkerverständigung geschrieben, aber bislang nur an einer einzigen Bauplatzbesetzung teilgenommen habe und noch nie im Gefängnis gesessen bin, mich uneingeschränkt anschließen.

Hanna kennt recht gut ihre Rechte im Umgang mit der Polizei, besser als die meisten Polizisten. Und sie kann die "Verteidigungspolitischen Richtlinien" zitieren, nach denen das klar formulierte Ziel der Bundeswehr ist: "Aufrechterhaltung ... des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in der Welt". Sie lässt es nicht dabei bewenden, die Bundeswehr, die Atomkraft und die Gentechnik abschaffen zu wollen, sie fordert auch die Beseitigung der dahinter stehenden Herrschaftsstrukturen. "Weil mir aber bei diesen Maximalforderungen wenige Menschen spontan zustimmen ..." Ich stimme ihr da jedenfalls voll zu! Alles andere erschiene mir halbherzig, insbesondere angesichts der furchtbar engen Zusammenarbeit der Staatsorgane mit der Gentech-Lobby.

In Kapitel 7 thematisiert die Autorin das Schlagwort der "Gewaltlosigkeit", das in vielen Nichtregierungsorganisationen benützt, aber eigentlich nie definiert, sondern je nach Bedürfnissen als strategische Parole eingesetzt wird. Mit dieser wohlklingenden Phrase bin ich auf Grund eigener Erfahrungen noch viel skeptischer als sie. Hanna beendet ihre Ausführungen mit dem Gandhi-Zitat: "Wenn nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt besteht, dann bin ich für Gewalt." Erfrischend finde ich Hannas Kritik an Al Gore und Hermann Scheer, die sich mit Ökosprüchen in Szene setzen und die Wachstumsideologie überhaupt nicht in Frage stellen.

Ich vermute, dass Hanna Poddig mindestens 100 Stunden in der Woche gemeinnützig aktiv ist. Und dann kommen Leute daher, die vielleicht jede Woche 40 Stunden ihres Lebens für einen öden und nutzlosen Bürojob verschwenden, und sagen ihr, sie solle doch mal arbeiten gehen. Offensichtlich bereitet es ihnen Angst, zu sehen, dass das Leben auch lebbar ist, ohne es sinn- und freudlos zu vergeuden. Wenn ich einen 90-Stunden-Job in der Landwirtschaft genieße, beneide ich auch nicht die armen Leute, denen 42 Stunden stupide Fabrikarbeit zu viel sind. Und die sich vielleicht für eine 35-Stunden-Woche einsetzen bei Tätigkeiten, die lieber 0 Stunden gemacht werden sollten ... Hannas Ausführungen zum Thema "arbeiten gehen" sprechen mir sehr aus dem Herzen. Ebenso die sehr erfrischende Abrechnung mit der Demokratie als Wiegenlied für Unmündige.

Da die Autorin selber ihren Einsatz mit Begeisterung und Überzeugung lebt und spürbar ihr Leben genießt, zeigt sie kein Bedürfnis, andere zu einem Einsatz zu verpflichten, wie ich es bisweilen von Leuten erlebt habe, die sich freudlos (und vermutlich erfolglos) engagieren. Hanna findet: "Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!"

Wer Argumente zum Thema Gentechnik braucht, findet in diesem Buch eine Menge Kompetentes. Auch wer sich für Mars TV, Biowein, kritische Aktionärinnen, verkrustete Strukturen in Umweltverbänden, Schwarzfahren oder Umgang mit Eifersucht interessiert, kann das Werk mit Gewinn lesen. Und wer bisher nicht den Mut fand, sich von sinnloser Arbeit, Schubladendenken, Gesetzen und Demokratie zu emanzipieren, findet hier Ermutigung.

Bewundernswert ist die Selbstreflexion der noch sehr jungen Autorin (Jahrgang 1985), die ich so von Unter-30-Jährigen eigentlich nicht kenne (und zu der auch ich in ihrem Alter nicht ansatzweise fähig war), von Menschen fortgeschrittenen Alters auch eher in Ausnahmefällen. Sie sucht nicht nach Feindbildern und Verschwörungstheorien, sondern hinterfragt ihren eigenen Beitrag, den sie dazu leistet, dass das System ist, wie es ist. Und genau deswegen tut sie etwas, handelt in ihrem Konsumverhalten, in ihrem Umgang mit Menschen und anderen Tieren. Und ich stelle wieder fest: Je mehr ein Mensch seine Ideale wirklich lebt, desto toleranter ist er gegenüber Andersdenkenden. "Ich habe nie verlangt, dass sich Menschen vor mir rechtfertigen", schreibt Hanna. Ja, viele Menschen erwarten von anderen regelrecht Intoleranz und Rechtfertigungsdruck - und sind irritiert, wenn diese ausbleiben. Ich finde es angenehm, zu wissen, dass ich anderer Meinung sein kann als sie, ohne dass sie mich als "faschistisch", "(un)demokratisch" oder "verhaltensgestört" beschimpft, wie es manche selbsternannten "Toleranten" mit Andersdenkenden tun.

Konsequenterweise bedeutet Hannas Respekt gegenüber allen auch, dass sie die Abschaffung aller Gefängnisse fordert (ich höre schon einen entsetzten Aufschrei unter den Lesenden: Nein, nur die Gefangenen freilassen, die sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen! Nur die, die links sind! Nur die, die niemanden getötet haben, außer #). Aber sie als Aktivistin weiß natürlich aus eigener Erfahrung, wie unmenschlich es darin zugeht, und vor allem, dass Gefängnisse die Ursache der Probleme nicht beseitigen. Eine Forderung, zu der die meisten Menschen viel zu feige sind und die auch ich mich meist nicht zu formulieren traue. "Ich glaube, Strafe schafft Kriminalität." Offen und ehrlich, das ist Hanna Poddig, eben radikal mutig und mit souveränem und mitreißendem Stil. Eines der wenigen Bücher, die ich mit Freude von vorne bis hinten durchgelesen habe. Es informiert, rüttelt wach, ermutigt und regt zum Nachdenken, zum Diskutieren und zum Handeln an. Voller Ungeduld warte ich auf eine spanische Übersetzung.

Gereon Janzing

Hanna Poddig: Radikal mutig
Meine Anleitung zum Anderssein
Rotbuch Verlag, Berlin 2009
244 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-86789-085-4

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2010 - www.raberalf.grueneliga-berlin.de

12.04.10    Absender/-in: Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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