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Graswurzelarbeit in Südindien
Das Anantapur-Umweltschutzkomitee fördert ökologische Landwirtschaft für Kleinbauern
Von Detlef Stüber, ASW
Der Bezirk Anantapur im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh hat den zweitniedrigsten Niederschlag in ganz Indien. Nur die Wüstenregion Rajasthan ist noch trockener. Dazu kommt, dass es meist monatelang gar nicht regnet und dann ein kurzer, starker Monsunregen schwere Erosionsschäden verursacht. Seit 1950 steigt die Zahl der Dürren, sieben von zehn Jahren sind davon betroffen.
Eine ökologisch unverträgliche Landnutzung laugte die Böden zusätzlich aus. Wenn Bauern durch Kredite die Möglichkeiten hatten, industrielle Agrartechniken anzuwenden, verursachten sie Schäden mit Chemieeinsatz und starken Grundwasserpumpen. Arme Familien dagegen plünderten in ihrer Not alle erreichbaren Pflanzenteile. Saisonal flüchteten 88 Prozent der Familien.
1990 riefen 13 regionale Nicht-Regierungs-Organisationen ein Netzwerk ins Leben, das Anantapur-Umwelt-Schutz-Komitee - APPS. Deutsche Partnerorganisation ist die die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW). Das Umweltschutzkomitee leitete eine umfassende Kampagne zum Schutz und zur Regenerierung der Umwelt ein. Betroffene Flächen konnten als geschützt in die behördlichen Verzeichnisse eingetragen werden, um zukünftige Übergriffe auf das Land zu verhindern.
Es wurden Bodenschutzgruppen bzw. Nutzergruppen aus Kleinbauern organisiert und geschult. Diese bekamen das Recht Produkte der geschützten Flächen (z.B. Honig, Wurzeln, Futter, Gummi, Seifennüsse) zu sammeln und zu verwerten. So können auch Dalits (Kastenlose) und Adivasi (Ureinwohner) Nutzungsmöglichkeiten für öffentliche Ressourcen erhalten. Durch die kollektive Organisation der Weidewirtschaft soll das Grünland ausgeweitet und als Ergebnis wiederum das Viehfutter vermehrt werden.
Verantwortlich für die Sicherung der Landflächen und Vegetation als Lebensgrundlage sind die Dorfgemeinschaften, die nun das ökologische Gleichgewicht als nachhaltiges Überlebensmodell achten.
Besonders Frauen nahmen diese Herausforderung engagiert an. Als erstes legten sie Regeln fest: Künftig dürfen keine Vögel mehr geschossen, nur tote Äste als Brennholz gesammelt werden, Ziegen nur dort weiden, wo sich Landflächen schon etwas erholt haben.
Als sehr schwierig erwiesen sich Einigungen über die Nutzung instand gesetzter oder neuer Brunnen. Hier war die Vermittlung durch das APPS eine große Hilfe.
In Abhängigkeit vom Grundwasserspiegel legen die Nutzergruppen saisonal fest, was angebaut wird und wer dafür wie viel Wasser nutzen darf. Gemeinsam haben sie beschlossen, dass viel Wasser verbrauchende Pflanzen wie Reis oder Baumwolle nicht angebaut werden dürfen. Auch der Nährwert der Produkte ist wichtig. Bevorzugt werden nun Hirse, Linsen und Erdnüsse. Der Anbau ist nachhaltig - ohne chemische Dünger oder Pestizide. Zwischen den Mischkulturen pflanzen die Gruppen schädlingsvertreibende Nutzbäume wie Neem.
Etwa die Hälfte der angebauten Produkte vermarkten sie, die andere Hälfte dient der eigenen Ernährung. Zehn Jahre nach Beginn des Zusammenschlusses sind die Erfolge sichtbar. Der Grundwasserspiegel in den Schutzgebieten hat sich erholt. In der Bevölkerung ist ein verstärktes Bewusstsein für den Erhalt des ökologischen Gleichgewichts entstanden. Sie hat hierin ihre Lebensgrundlage erkannt. Inzwischen sind 28.000 Familien aus 165 Dörfern involviert und "bewirtschaften" fast 300 Quadratkilometer Boden. Der bemerkenswerteste Erfolg ist, dass alle Familien nach der ökologischen Erneuerung in den Dörfern bleiben können und nicht mehr massenweise in die Städte abwandern müssen. Alle Kinder der betroffenen Dörfer gehen jetzt zur Schule. Heute nehmen auch arme Familien und besonders viele Frauen aktiv an Ausbildungsmaßnahmen, Versammlungen und demokratischen Prozessen teil.
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/März 2008 - Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
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