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***Massentierhaltung und Akkordschlachten II

Anstelle eines Holzhammers

Ich habe es mir nicht leicht gemacht. Schon lange trage ich mich mit dem Gedanken, einen Beitrag über ein kontrovers diskutiertes Thema zu schreiben. Zurückgehalten hat mich bislang nicht etwa die Befürchtung, auf Widerspruch, Häme oder Ignoranz zu stoßen. Vielmehr will ich es unbedingt vermeiden, als predigender Missionar aufzutreten, der den Menschen - in dem Fall den Lesern des RABEN RALF - vorschreibt, wie sie ihr Privatleben zu gestalten haben. Das liegt keineswegs in meiner Absicht. Ich habe mich nun doch durchgerungen, über dieses Thema zu schreiben. Es geht mir nicht darum, mit dem rhetorischen Holzhammer auf die Raben-Leser einzuschlagen, sondern einige Fragen anzusprechen, die den einen oder anderen vielleicht zum Nachdenken anregen. Thema dieser Kolumne ist das Für und Wider einer fleischlosen Ernährung. Für die einen ist sie Sinnbild eines "Öko-Fundamentalismus", andere halten sie für einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Gesundheit, des Klimas und der Welternährungslage. Für einige stehen die Rechte der Tiere im Vordergrund, während andere schlichtweg darauf pochen, dass der Mensch doch "schon immer" Fleisch gegessen habe.

Angesichts der Fülle der hierzu publizierten Meinungen, die oftmals sehr aggressiv vorgetragen werden, ist es schwer, über die ganzen "Fakten" den Überblick zu behalten. Meistens werden die Kommentare auch noch mit dem Prädikat wissenschaftlich bewiesen" versehen mdash; doch wem soll man nun glauben?

Um es vorwegzunehmen: Der Schreiber dieser Zeilen, der selbst auf Fleischkonsum verzichtet, erhebt keinen Anspruch, die Wahrheit zu kennen und das Richtige zu tun. Ich habe mir bei der Recherche Mühe gegeben, verlässliche Informationen zu erlangen. Aber ich bin kein Arzt oder Biologe, ich lege nur meine eigenen Gedanken zu diesem Thema dar. Ausgangspunkt für meine Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten, war die Frage, warum denn Tiere vom Menschen so unterschiedlich behandelt werden. Bei Hindus sind Rinder heilige, unantastbare Tiere, während sie etwa in Europa und Amerika zu Abermillionen eingepfercht werden, nur um als Steak oder Schnitzel zu enden. Hierzulande gelten Hunde als treue Freunde des Menschen, während sie andernorts als Delikatesse verspeist werden. Hat der Mensch als "Krone der Schöpfung" tatsächlich die Berechtigung, über Tiere als "nicht gleichberechtigte Geschöpfe" frei zu verfügen, wie Thomas von Aquin meinte? Können wir auf der einen Seite Wal- und Robbenfang als brutale Schlächterei brandmarken, nur weil diese Spezies bedrohte Arten sind? Hat ein Zwergwal oder ein Sattelrobbenjunges einen größeren Anspruch auf Mitleid als ein Rinder-Kalb oder ein Schwein? Mit derlei Fragen im Kopf begann ich, Informationen zusammenzutragen. Die hätten widersprüchlicher nicht sein können. Fleischverzicht schade der Gesundheit, las ich oft. Auf der anderen Seite hatte ich Freunde, die trotz vegetarischer oder veganer Ernährung keineswegs zu kränklichen "Körnerfressern" mutiert waren. Oftmals bekam ich Beleidigungen zu hören: "Ob ich denn jetzt auch einer von denen werden wolle" von den Carnivoren und "Ob ich denn die neue Wahrheit noch nicht erkannt hätte" von den Fleischverzichtern. Die Tatsache, dass derartige Diskussionen nicht ohne eine gehörige Portion Fundamentalismus auf beiden Seiten auskommen, hat aber wohl weniger mit der Thematik an sich zu tun - vielmehr ist es wohl unsere Angewohnheit, Dinge pauschal in Gut und Böse zu unterteilen, die hier Pate steht.

Wahrscheinlich war es diese Radikalität der Positionen, die mich eine Weile unschlüssig bleiben ließ. Was war nun das Richtige? Ich entschied mich letztendlich, meinen emotionalen Impulsen zu folgen. Es fiel mir ausgesprochen schwer, noch mit gutem Gewissen in ein Brathähnchen oder ein Würstchen zu beißen, nachdem ich Bilder von Legebatterien, Tiertransporten und Schweine- und Rinderschlachtungen gesehen hatte. Deren Blutrünstigkeit stellt jeden "Texas Chainsaw Massacre"-Teil eindeutig in den Schatten. Das ist mit Sicherheit ein Grund, warum diese Begriffe zwar in aller Munde, aber bildliche Darstellungen darüber in den großen Medien Mangelware sind. Bereits die österreichische Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Bertha von Suttner, meinte: "Wie viele unter uns gibt es schon jetzt, die niemals Fleisch äßen, wenn sie selbst das Messer in die Kehle der betreffenden Tiere stoßen müssten!". Das erinnerte mich an meinen Urgroßvater, der zwar nicht auf Fleisch verzichtete, aber seine selbst aufgezogenen Kaninchen nicht auf dem eigenen Teller sehen konnte.

Was ist aber Fleischkonsum dann, wenn wir zwar die geschlachteten Tiere bemitleiden und am besten aus unserem Gewissen verdrängen wollen, aber trotzdem durch unseren Konsum deren grausiges Schicksal unterstützen? Eigentlich nur noch Heuchelei. Damit mögen andere klarkommen - ich als zartbesaiteter Mensch kann es nicht.

Im Übrigen gibt es neben dem Leiden der Tiere für den Genuss des Menschen noch eine Reihe "rationeller Gründe", seinen Fleischkonsum zumindest zu überdenken.

Bekannt ist den meisten wahrscheinlich, dass sich die Haltung von mehr als 45 Milliarden Schlachttieren jährlich sehr negativ auf das Klima auswirkt. So werden durch die eingesperrten Rinder, Schweine & Co. jedes Jahr zusätzlich ca. 115 Millionen Tonnen ozonzerstörendes Methangas produziert - ein Viertel der gesamten Emission auf der Erde.

Fast die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion und 80 Prozent der Sojabohnenernte werden von den "Nutztieren" (welch ein Wort...) des Menschen verzehrt. 60 Prozent der Futtermittel für das Vieh in der Massentierhaltung werden dabei aus den so genannten "Entwicklungsländern" importiert. Die Auswirkungen dieser Zustände auf die Ernährungslage der Menschheit, ganz besonders der Armen in den vom Hunger bedrohten Gebieten dieser Erde, liegen auf der Hand. Dazu muss man sich veranschaulichen, dass rechnerisch auf einer Fläche, die nötig ist, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, im selben Zeitraum 200 Kilogramm Tomaten oder mehr als drei Zentner Kartoffeln geerntet werden könnten. Für den Anbau von einem Kilogramm Getreide werden rund 2.000 Liter Wasser benötigt - für ein Kilogramm Fleisch mindestens fünfmal soviel. Natürlich ist der massenhafte Fleischverzehr nicht die einzige Ursache für die Probleme der menschlichen Ernährungslage weltweit. Doch veranschaulichen diese Beispiele wohl, dass der Fleischkonsum im großen Stil erheblich zum Hungerleiden der armen Bevölkerung in den "Entwicklungsländern" beiträgt.

Darüber hinaus ist die eigene Gesundheit ebenfalls ein starkes Argument, auf Fleisch zu verzichten. So ist etwa die Behauptung, Vegetarier würden an Eiweiß-, Eisen-, Kalzium- oder Vitamin B12-Mangel leiden, mittlerweile vielfach widerlegt. So findet sich Eiweiß etwa in diversen Hülsenfrüchten und Nüssen, Eisen nimmt der Mensch auch beim Verzehr von Weißkohl, Vollkorngetreide oder Hülsenfrüchten auf. Kalzium ist z. B. in Grünkohl, Spinat und Wirsing enthalten. Der Mangel an B12 ist lediglich für Veganer, also Menschen die jegliche Tierprodukte ablehnen, ein Problem. Diese sollten Zusatzpräparate einnehmen. Für alle, die auf Fleisch verzichten, aber ausreichend Milch- und Eiprodukte zu sich nehmen, ist die Versorgung mit Vitamin B12 kein Problem. Dies gilt auch für Schwangere, Babies und Kinder - zumindest wenn man Forschungsstudien heranzieht, die nicht von der Fleischindustrie gesponsert wurden.

Im Übrigen wird jeder Hausarzt bestätigen, dass Fleischkonsum Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Herzinfarkt, Arteriosklerose und Krebs "begünstigt" - von Gammelfleischskandalen, Wachstumshormonen im Tierfutter und BSE ganz zu schweigen.

Ich persönlich halte Fleisch auch nicht für besserschmeckend. Keiner beißt lustvoll in einen blutigen Klumpen, denn die Zubereitung und Verfeinerung durch Gewürze und Saucen macht den Unterschied - egal ob Fleisch, Tofu oder Gemüse.

Dies sind Überlegungen und Argumente, die mich bewegt haben, auf Fleisch zu verzichten. Sie sind teils rein subjektiv, anderenteils habe ich mich auf Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern verlassen. Ich bemühte mich dabei, auf den erhobenen Zeigefinger zu verzichten - dies sind lediglich meine persönlichen Ansichten. Falls sie den Leser zum Nachdenken, zu Kritik oder Widerspruch bewegen - schreiben Sie uns!

Oliver Nowak

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2008 - Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147 raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf

23.08.08    DNR Matthias Bauer <matthias.bauer@dnr.de>
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