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Der Aufstand der Anständigen
Gentechnik unter Beschuss - Feldbefreiungen und Gerichtsprozesse
Das Thema Gentechnik ist gewöhnlich nur für Negativschlagzeilen gut: Kontaminierte Bio-Felder, übermächtige Gen-Saat- Konzerne, Zerstörung der Artenvielfalt und Bilder von grausamen Tierversuchen. Dem ein oder anderen mag da der Mut sinken, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen. Doch in diesem Jahr gerät das Bild der angeblich unaufhaltsamen Gentech-Walze ins Wanken. Gentech-Konzerne werden erfolgreich verklagt, Umweltschützer machen in friedlichen Aktionen reihenweise Gentech-Felder unschädlich und massive Proteste zwingen Forschungsinstitute, ihre Gen-Versuche abzubrechen. Und all dies wird von vielen erst als Auftakt gesehen - eine bunte Gen-Gegnerschaft aus Bauern, Umweltschützern, Antiglobalisierungsgruppen und anderen Engagierten könnte tatsächlich den Anstoß geben, die Gentechnikexperimente dahin zu verbannen, wo sie hingehören: in den Mülleimer der Wissenschaftsgeschichte. Immerhin sind 70 bis 80 Prozent der Menschen hierzulande - je nach herangezogener Studie - gegen die gentechnische Veränderung von Tieren und Pflanzen. DER RABE RALF gibt nach einer kurzen Darstellung der Faktenlage einen Überblick über die verschiedenen Aktionen und Erfolge der Gentech-Gegner.
Im Prinzip ist die Gentechnik eine Form der Züchtung, bei der zur Erreichung bestimmter Eigenschaften von "Nutzpflanzen und -tieren" über Artgrenzen hinweg fremde Erbanlagen in die Gensequenzen der Lebewesen eingepflanzt werden. So werden beispielsweise in Getreidesorten Gene eingepflanzt, die sie gegen "Schädlingsbekämpfungs"-Gifte immun machen sollen. Dadurch ändern sich aber auch andere Eigenschaften der Pflanze, etwa Geschmack und Reproduktionsfähigkeit. Die Gentechnik wird dreigegliedert. In der "grünen" oder Agro-Gentechnik wird mit Pflanzen gearbeitet. Die "rote Gentechnik" experimentiert mit Tieren und "weiße Gentechnik" bezeichnet die medizinische Forschung.
Risiken nicht abschätzbar
Die Kritik an der Veränderung der Erbsubstanzen von Lebewesen entzündet sich hauptsächlich an drei Punkten. Zum einen ist die ethische Vertretbarkeit von Gen-Experimenten äußerst umstritten. Weshalb dürfen sich Wissenschaftler anmaßen, nach Belieben die einzigartige Erbsubstanz von Lebewesen zu verändern, nur weil sich der Konzern, der ihre Forschung bezahlt, davon einen materiellen Nutzen verspricht? Durch die Bevorzugung bestimmter Gene und die damit verbundene Zerstörung anderer Erbsubstanzen geht die natürliche Artenvielfalt, die "Biodiversität", unwiederbringlich verloren. Dies ist bei weitem nicht nur ein ethisches Problem. Dem Menschen geht so beispielsweise eine einzigartige "medizinische Schatzkiste" in Form von zahllosen bislang unentdeckten Wirkstoffen in den Ökosystemen der Welt verloren (siehe Seite 3 dieser Ausgabe).
Ein anderes Gegenargument ist die Unabschätzbarkeit der Risiken. Kein seriöser Wissenschaftler kann mit Sicherheit die Folgen seiner Gen-Manipulationen vorhersagen. So gelangen etwa die Unkrautgift-Sequenzen von Genmais in Boden und Grundwasser. In den USA sind zum Beispiel Rinder nach der Verfütterung solchen Genmaises unfruchtbar geworden - die Forscher hatten dies natürlich nicht beabsichtigt. Außerdem werden "Unkräuter" durch die massenhafte Anreicherung des Bodens mit dem Bekämpfungsstoff zunehmend resistent - ebenfalls ein "unerwünschter" Effekt. Es ist darum Irreführung, wenn von den "Risiken der Gentechnik" die Rede ist. Das suggeriert, dass es positive Auswirkungen geben kann, wenn die Risiken abschätzbar sind. Doch in Wahrheit ist die Gentechnik selbst das Risiko, denn ihre Auswirkungen sind unvorhersehbar.
Ein drittes Hauptargument gegen die Gentechnik sind die sozialen Folgen der Agro-Gentechnik. Hier stehen vor allem die aggressiven US-Gentech-Konzerne wie Monsanto und ihre Patent-Machenschaften in der Kritik. Nach US-Recht gehören alle Pflanzen oder Tiere, die ein bestimmtes verändertes Gen aufweisen, dem Konzern. Der verkauft zum Beispiel das Saatgut an Bauern und bereichert sich so. Wenn durch Pollenflug etwa Gentech-Pflanzen auf Bio-Felder gelangen, beansprucht der Konzern daraufhin die gesamte Ernte als sein Eigentum, verklagt die Bio-Farmer auf Schadenersatz und bereichert sich ein zweites Mal. Durch die aggressive Außenpolitik der USA werden auch Kleinbauern in Krisengebieten wie dem Irak zum Kauf des teuren Gentech-Saatgutes gezwungen (siehe Seite 7).
Feldbefreiungen gegen Genversuche
Doch mittlerweile weht den Gentech- Protagonisten ein kalter Wind entgegen. Viele lokale Initiativen stellen sich den Forschungsinstituten und Saatgut-Konzernen entgegen. Durch ihre Offenheit, ihre Gewaltlosigkeit und ihre konkreten Ziele sind sie weitgehend frei von parteipolitischen Interessen und unabhängig von den oftmals starren Strukturen großer Umweltschutzverbände. Selbst in den Mainstream-Medien stoßen Initiativen wie "Gendreck weg!" zunehmend auf ein positives Echo.
Eine sehr effektive Taktik sind die so genannten "Feldbefreiungen". Dabei werden Felder, auf denen gentechnisch manipulierte Pflanzen versuchsweise oder kommerziell angebaut werden, aufgesucht und die bewussten Pflanzen herausgerissen oder zerstört. Meistens werden diese Aktionen angekündigt, obwohl sie juristisch gesehen strafbar sind. Im baden-württembergischen Oberboihingen hielten "Gendreckweg"-Aktivisten ein Versuchsfeld der Fachhochschule Nürtingen gut anderthalb Wochen besetzt. Dort testete das Institut die gentechnisch veränderte Maissorte Mon 810, die übrigens in Frankreich, Polen, der Schweiz, Österreich und Griechenland aufgrund der Risiken bereits verboten ist. In einem Zeltlager harrten die Aktivisten trotz Regen und Kälte aus und errichteten weithin sichtbare Holztürme, an die sich einige Teilnehmer anketteten, um eine Räumung zu verhindern. Es fanden Vorträge und Konzerte statt. Nach Angaben der Initiatoren spendeten Bauern aus der Umgebung großzügig Lebensmittel, um die Gentech-Gegner zu unterstützen und sich mit ihnen und ihrem Anliegen zu solidarisieren. Viele Neugierige besuchten das Lager, um die Besetzer zu unterstützen. Die Aktion hatte schließlich Erfolg: Die Leitung der Hochschule erklärte, auf die Aussaat des Gen-Maises zu verzichten. "Das hat gezeigt, dass wir gemeinsam der Gentechnik Einhalt gebieten können!", freute sich Jochen Fritz von "Gendreck weg".
Weniger reibungslos verlief eine Feldbefreiung in Gatersleben in Sachsen- Anhalt. Ausgerechnet in der Nähe einer der größten Genbanken in Europa mit einer Sammlung von natürlichen Weizensorten war ein Genversuchs- Feld angelegt worden. Aus der Genbank bekommen unter anderem Bio-Bauern ihr Saatgut - die Gefahr der Verunreinigung liegt auf der Hand. In der Morgendämmerung des 21. April machten Anti-Gentech-Aktivisten das Versuchsfeld unschädlich, wurden dann jedoch von der Polizei festgenommen und müssen jetzt mit einem Prozess und Schadenersatzansprüchen rechnen (siehe Seite 10).
Brennpunkt Hessen
Im hessischen Gießen hat sich die Auseinandersetzung um die Gentechnik in den vergangenen Jahren zugespitzt. Immer wieder kam es dort zu Feldbesetzungen von Flächen, auf denen die Universität Gießen gentechnisch veränderte Pflanzen "zu Forschungszwecken" aussäte. Vier Gentech-Felder waren 2008 dort geplant, alle vier wurden nach und nach von Gentech-Gegnern besetzt. In Niedermöllrich bei Wabern und Rauischholzhausen im Ebersdorfergrund verhinderten Bürgerinitiativen die Aussaat von manipulierten Pflanzen von Monsanto und der Uni Gießen. In einer spektakulären Aktion hielten Aktivisten im April auch das erste Gen- Gerste-Versuchsfeld in Gießen besetzt, errichteten einen Turm und einen Betonblock, an den sie sich ketteten. Wenig später gab Uni-Versuchsleiter Professor Kogel, nach - plötzlich hieß es, dieses Jahr sei gar keine Aussaat geplant gewesen und der Versuch werde in den USA fortgesetzt. Ein Riesen-Erfolg für die Gentech-Gegner.
Auch das letzte verbliebene Versuchsfeld in Groß Gerau wurde Ende April in ähnlicher Weise besetzt. Die Erfolgschancen der Feldbesetzer stehen hier wohl auch ganz gut, denn wie sich an den anderen Gen-Feldern gezeigt hat, machen die Besetzungen die Aussaat und damit den wissenschaftlichen Versuch so gut wie unmöglich. Die Forschungseinrichtung und Monsanto brechen die Versuche dann ab und behaupten, um ihr Gesicht zu wahren, es seien gar keine Experimente dort geplant gewesen. Es ist also offensichtlich, dass gezielte Proteste und gewaltfreie Aktionen äußerst effektiv sein können - ermutigend für Initiativen und Aktivisten auch in Zukunft.
Sogar ein für Februar geplanter Prozess gegen vier Gießener Gentech- Gegner wegen einer Feldbefreiung im Jahr 2006 wurde fallen gelassen. Die Aktivisten hatten es regelrecht auf eine Gerichtsverhandlung abgesehen, denn sie wollten so öffentlich die Frage aufwerfen, ob Gentechnik im Freilandversuch wirklich so unbedenklich ist, wie von den Forschern behauptet. Dazu hätten die Wissenschaftler der Uni Gießen unter Eid als Zeugen aussagen müssen und so Risiken und Gefahren öffentlich eingestehen müssen. Offenbar war das den Verantwortlichen nicht geheuer. Das Verfahren gegen zwei Angeklagte wurde eingestellt, das gegen die anderen beiden bleibt fraglich.
Auch im niedersächsischen Northeim war Ende April noch ein Feld besetzt, auf dem die Firma KWS Saat AG Zuckerrüben freisetzen wollte, denen ein Gen eingepflanzt wurde, das die Rüben gegen das berüchtigte Monsanto- Unkrautgift "Roundup Ready" immun macht. So könnte das Gift zur Bekämpfung der "Unkräuter" massenhaft über das Feld versprüht werden. In Falkenberg/Elster in Brandenburg machten Gentech-Gegner durch massenhaftes Pflanzen von Bio-Kartoffeln einen geplanten Versuch der BASF mit Gentech-Kartoffeln zunichte. In Bayern wollen Anti-Gentech-Initiativen das neue Seehofer-Gesetz (siehe RABE RALF April/Mai 2008, S. 12) ausnutzen, um durch gezieltes Anlegen von Biofeldern die Genfelder unmöglich zu machen. Denn mindestens 300 Meter Abstand müssen diese jetzt voneinander haben. Im fränkischen Kitzingen werden die wenigen Gen-Bauern von der Mehrheit der Bevölkerung offen angefeindet.
Auch im Ausland belegen etwa der erfolgreiche Hungerstreik des französischen Bauernführers José Bové gegen Genmais oder die Niederlage Monsantos gegen den kanadischen Biobauern Percy Schmeiser diese Entwicklung (siehe RABE RALF April/Mai 2008, S. 26).
Die ausgewählten Beispiele machen deutlich, dass der Vormarsch der Gentechnik keineswegs unaufhaltsam ist. Hartnäckiger Widerstand und gezielte Aktionen können gegen die "übermächtigen" Saatgut-Konzerne und Genforschungsinstitute Erfolg haben.
Oliver Nowak
www.gendreck-weg.de
www.projektwerkstatt.de/gen
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 2008 - Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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