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Interview mit "Gendreck-weg"-Aktivistin ueber die Feldbefreiung in Gatersleben

Mit Rübenhacken gegen Genweizen

Ein Interview mit der "Gendreck-weg"-Aktivistin Christiana Schuler über die Feldbefreiung in Gatersleben

Von Arabella Walter

Am 21. April zerstörten sechs FeldbefreierInnen ein Versuchsfeld für Genweizen, das sich auf dem Gelände des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben (Sachsen-Anhalt) befindet. Dort lagern auch über 60.000 Getreidesorten in einer Genbank, von denen jährlich ein Zehntel zur Vermehrung angebaut wird. Die AktivistInnen befürchten eine Kontamination des Saatguts der international bedeutsamen Genbank durch die Pollen des genetisch veränderten Weizens.

Christiana Schuler ist freiberufliche Agraringenieurin und beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Gentechnik. Seit zwei Jahren kümmert sie sich in der Initiative "Gendreck - weg" um die Vorbereitung von Feldbefreiungen, hat auch schon an solchen Aktionen teilgenommen und war diesmal außerdem für die Pressearbeit zuständig.

Wir sprachen mit Christiana über ihre Motivation und über die Feldbefreiung in Gatersleben am 21. April.

RABE RALF: Was ärgert dich am meisten an der Verbreitung gentechnisch veränderter Organismen (GVO)?

Am größten ist mein Ärger darüber, dass die Verbreitung von GVO durch Agrarkonzerne wie Monsanto überall passiert, obwohl dies keiner will. Zahlreiche Umwelt- und Verbraucherschutzverbände sind gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Protestmails und Unterschriftensammlungen haben den Widerwillen der Bevölkerung gezeigt. Ungefähr 90 Prozent der Deutschen wollen keine genveränderten Nahrungsmittel. Durch Feldbefreiung möchten wir der Ausbreitung der Agro-Gentechnik etwas entgegenstellen.

Wie macht ihr das?

In den letzten Jahren haben wir öffentliche Feldbefreiungen durchgeführt, die vorher angekündigt wurden. Bevor die Versuchspflanzen blühen und ihr Erbgut durch Pollen verbreitet werden kann, müssen möglichst viele Leute auf das Feld gehen und die Genpflanzen herausreißen.

Was geschah in Gatersleben?

Das Schlimme in Gatersleben ist, dass es sich um ein Versuchsfeld für Genweizen handelt. Weizen ist das wichtigste europäische Grundnahrungsmittel. Dieses Feld liegt in unmittelbarer Nähe zu einer der größten Genbanken für Kulturpflanzen in Europa, die Saatgutproben für Züchter, Bauern, Unternehmen, Privatpersonen, Forschungs- und Entwicklungshilfe-Projekte auf der ganzen Welt aufbewahrt.

Damit das Saatgut seine Keimfähigkeit nicht verliert, muss es immer wieder im Freiland ausgesät und aufgezogen werden. Die neu entstandenen Samen können dann erneut eingelagert werden. In der Genbank befinden sich auch zahlreiche Saatgutproben von Weizenarten und mit Weizen kreuzungsfähigen Pflanzen. Wächst Genweizen neben solchen Erhaltungszucht-Flächen und gelangt zur Blüte, wird ein "Schatz der Menschheit" verseucht, der über Tausende von Jahren gezüchtet wurde.

Gab es im Vorfeld Proteste?

Ja. Doch trotz 30.000 Einwendungen aus der Bevölkerung, die das Umweltinstitut München gesammelt hat, wurde das Versuchsfeld 2006 erlaubt. Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer äußerte ebenfalls Bedenken, sprach sich aber tatsächlich lieber für einen Umzug der Genbank aus...

Kannst du kurz den Ablauf der Feldbefreiung schildern?

Diesmal konnten wir die Feldbefreiung nicht vorher ankündigen, sonst hätten wir es nicht geschafft. Das Feld war nur 30 mal 35 Meter groß und sehr gut bewacht. Sechs Leute haben am 21. April um fünf Uhr morgens mit Rübenhacken das Feld betreten. Bevor die Polizei und der Wachschutz mit einem Hund eingreifen konnten, war ein Großteil der Parzellen zerhackt. Vorher haben wir ein großes Weizenbrot mit der Aufschrift "Unser tägliches Brot ohne Gentechnik" gebacken, das dann gegen Ende der Aktion auf das Feld gelegt wurde. Der Wachhund interessierte sich lustigerweise mehr für das Brot als für uns. Die eintreffende Polizei nahm die FeldbefreierInnen fest. Da es keine angekündigte Aktion war, müssen wir die kommenden Gerichtsverhandlungen wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch in Kauf nehmen.

Was habt ihr mit dieser Aktion erreicht? War sie deiner Meinung nach erfolgreich?

Insgesamt war die Aktion ein großer Erfolg. Wir haben drei Viertel der Fläche zerstört, bevor die Polizei kam. Besonders wichtig ist uns auch die Gewaltfreiheit, die wir vorher im Konsens festgelegt haben. Es gab keine Rangeleien, niemand ist weggerannt. Als die Polizei eintraf, wurden die Hacken auf den Boden gelegt. Wir wollen symbolisieren, dass es nicht darum geht, etwas kaputt zu machen. Mit unserem Gesicht und unseren Namen stehen wir für unsere Aktionen ein.

Du bist sicher immer noch motiviert weiterzumachen...

Auf jeden Fall. Auch die Unterstützung von außen ist für mich sehr motivierend. Uns spenden oft Menschen Geld, die zwar gegen die Ausbreitung der Agro-Gentechnik sind, aber sich selber nicht trauen, aufs Feld zu gehen, zum Beispiel Bauern. Wir sind auf diese Spenden angewiesen, unter anderem, um die Vorbereitung der Feldbefreiungen und die Gerichtskosten bezahlen zu können. Teuer wird es besonders dann, wenn im schlimmsten Fall auch noch Schadensersatzleistungen von uns gefordert werden. Glücklicherweise war die Solidarität mit den Leuten bisher immer sehr groß.

Biodiversität ist in aller Munde und auch diesmal wieder Thema des RABEN RALF. Kannst du zum Abschluss noch etwas darüber im Zusammenhang mit der Aktion in Gatersleben sagen?

Für mich ist die Biodiversität in der Landwirtschaft so etwas wie das "Kulturerbe der Menschheit". Ein Genweizenfeld an sich ist schon ein Angriff auf dieses Erbe. Ein Versuchsfeld direkt neben einer Genbank ist eine furchtbare Bedrohung für die Artenvielfalt.

Das Interview führte Arabella Walter
Infos: www.gendreck-weg.de

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 2008 - Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147 raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf

22.08.08    DNR Matthias Bauer <matthias.bauer@dnr.de>
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