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Anarchistische Abrechnung
Kritische Studie "Demokratie" will die Volksherrschaft als Macht-Ideologie
entlarven
Der hessische Umweltaktivist und Buchautor Jörg Bergstedt ist in der
Vergangenheit schon oft angeeckt. Die NABU-Jugendorganisation verließ er im
Streit. Mit dem Gesetz kam er in Konflikt, etwa durch Aktionen gegen
Gen-Felder oder weil seiner anarchistischen "Projektwerkstatt" kriminelle
Umtriebe unterstellt wurden. Nicht zuletzt machte er sich auch mit
Publikationen unbeliebt, in denen er Nichtregierungsorganisationen wie
Attac, Legitimation und Erfolg absprach.
Auch mit seiner Studie "Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine
Abrechnung" geht Bergstedt nicht auf Schmusekurs. Erschienen ist das Buch im
hauseigenen SeitenHieb-Verlag. Auf 206 Seiten geht der Autor hart mit dem
Demokratie-Verständnis, wie es in Deutschland von Politik und Medien geprägt
wird, ins Gericht. Anspruch des Buches ist es, die Demokratie kritisch zu
analysieren und sie als perfide Macht-Ideologie zu entlarven, die auf
dogmatischem Gut-Böse-Denken basiert. Der Fetisch "Volksherrschaft" würde
lediglich unpopulär gewordene Leitbilder wie Religion, Nation oder Rasse
ersetzen und so weiter zur Unterdrückung des Individuums beitragen.
Was sich möglicherweise zunächst nach paranoider Verschwörungstheorie
anhört, ist jedoch eine durchdachte Interpretation. Dabei gelingt Bergstedt
der Spagat, eine fundierte Studie zu schreiben, welche gleichzeitig gut
lesbar ist. Er beschreibt die sich wandelnden Bilder der Demokratie vom
antiken Athen über die Römische Republik und romantische Vorstellungen des
19. Jahrhunderts bis heute. Dabei will der Autor dem Leser begreiflich
machen, dass sich die vielen verschiedenen Demokratie-Formen fundamental
unterscheiden und es keineswegs eine ungebrochene Traditionslinie von Wirken
Perikles zum deutschen Bundestag und damit "hin zur Freiheit" gibt. Wichtig
ist ihm dabei, zu zeigen, dass Ideen wie "Demokratie" oder "Volk" keine
geschichtlichen Wahrheiten sind, sondern immer gedankliche Konstrukte - das
postmoderne Zauberwort "Diskurs" ist demnach einer seiner zentralen
Begriffe. Konkrete Beispiele etwa zur politischen Arbeit in Parlamenten oder
der schwer durchschaubaren Logik des Verhältniswahlrechts machen seine
beißende Kritik anschaulich. Die Volksherrschaft selbst ist für Bergstedt
das Problem, welches es zu überwinden gilt. Denn die Demokratie hierzulande
ist für ihn eine Art Oligarchie, in der die Machteliten dem Einzelnen nur
vorgaukeln, seine Meinung zu vertreten.
Nach dieser vernichtenden Abrechnung mit den bestehenden Verhältnissen fällt
das Kapitel zu Alternativen nur kurz aus. Die Lösung ist für Bergstedt die
Emanzipation von traditionellen Kollektiv-Werten. Als konkrete
Positiv-Beispiele führt Bergstedt lediglich sehr kurz die
Internet-Enzyklopädie Wikipedia und Sozialforen als offene ungebundene
Versammlungen auf. Diese seien prinzipiell gute Ideen, würden aber zu oft
von lobbystarken Machteliten missbraucht.
Zwar erhebt der Autor ausdrücklich nicht den Anspruch, Alternativen zum
bestehenden System auszuleuchten. Dennoch bleibt beim Rezensenten der
Eindruck zurück, dass Bergstedt frei nach dem Motto des Slime-Songs
"Brüllen, zertrümmern und weg" schreibt - Kommunen und Projektwerkstätten
lassen sich nicht ohne weiteres in allen Lebenssituationen aufbauen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist der leichtfertige Umgang mit Begriffen wie
"Diskurs". Solche beliebten Worthülsen sind ein verlockend einfaches
Erklärungsmuster. Doch erläutert Bergstedt nie, was genau er darunter
versteht. Wenn der Autor aber meint, er könne quasi als "Außenstehender"
einen gesellschaftlichen Diskurs kritisieren, dann erliegt er der Illusion,
er hätte eine Art "privilegierten Zugang zur Wahrheit". Doch letztendlich
steht Bergstedt selbst in einer Denktradition, die er ausführlicher
reflektieren sollte. Auch würdigt der Autor mit keinem Wort die relative
Freiheit hierzulande, die es ihm überhaupt ermöglicht, ein solches Buch zu
publizieren.
Bei dem Buch handelt es sich dennoch um eine lesenswerte Studie - nicht nur
für Bergstedts besondere "Freunde" vom Bundesverfassungsschutz. Darum wird
es vom Rezensenten auch ausdrücklich empfohlen. Gerade für Leser, denen
solche Sichtweisen bisher eher fremd waren, kann es eine spannende
Aufforderung sein, eigene Standpunkte zu hinterfragen. Denn eins stellt
Bergstedt klar: Es sind keineswegs nur "bösartige Machteliten", welche das
Individuum in gesichtslose Gruppenschemen pressen wollen. Die
"Selbstdisziplinierung" des Einzelnen als unauffälliges Schaf in der Herde
spielt dabei mindestens eine gleichbedeutende Rolle.
Oliver Nowak
Jörg Bergstedt:
Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung
SeitenHieb-Verlag, Reiskirchen 2006
206 Seiten, 14 Euro
ISBN 978-3-86747-004-9
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/ März 2008
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