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Wild, Wilder, Berlin: Tiere erobern die Hauptstadt
Auch Wildtiere fliehen vom Land in die Stadt und finden hier neue
Lebensräume
Abgase in der Luft, asphaltierter Boden, graue Häuserwände, Lärm und Schmutz
- die Stadt gilt nicht gerade als Hort für die Vielfalt von verschiedenen
Tier- und Pflanzenarten. Besonders Großstädte werden oft als
lebensfeindliche "Betonwüsten" bezeichnet. Doch dem ist nicht so. Auch wenn
wir den Potsdamer Platz in Berlin zunächst mit modernen Glasfassaden und
Einkaufszentren in Verbindung bringen, kann man dort durchaus einem Fuchs
begegnen. Dieser scheint sich nicht an den sterilen, künstlichen Plätzen und
Wegen zu stören. Er läuft an Touristen und Aktenkoffer-Trägern vorbei, auf
der Suche nach etwas Essbarem, die ihn vielleicht zu McDonald's, der
nächsten Imbissbude oder einem Müllhaufen führt. Am Alexanderplatz werden
Wildschweine gesichtet, im Turm des Roten Rathauses brüten regelmäßig
Wanderfalken, Steinmarder schlafen in Autos und Waschbären auf dem
Dachboden. Nicht nur die so genannten Kulturfolger, die in der von Menschen
veränderten Umgebung bessere Bedingungen vorfinden als in natürlichen
Landschaften, zieht es schon seit vielen Jahren in die Stadt. Auch seltene
oder sogar vom Aussterben bedrohte Arten finden in den verschiedenen
städtischen Biotopen ein Refugium, zum Beispiel der vom Pflanzensaft alter
Eichen lebende Heldbock, eine Käferart, die man im Pankower Schlosspark
beobachten kann.
Flucht aus der Agrarwüste
Berlin weist eine außerordentlich große Biodiversität auf. Hierzu trägt
besonders die in der Hauptstadt vorhandene Vielfalt von Lebensräumen bei,
welche auch von den unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen
gekennzeichnet sind. Große Parkanlagen, Waldbestände und Grünflächen, ein
verzweigtes Wassernetz, Gärten, alte Friedhöfe, verwildertes Brachgelände,
begrünte Hinterhöfe oder stillgelegte Gleisanlagen wie das Schöneberger
Südgelände bieten 53 Säugetier- und 180 Brutvogelarten, aber auch
zahlreichen Insekten, Amphibien und Reptilien ein Zuhause in der Hauptstadt.
Der Zuzug verschiedener Tierarten in die Städte hat dazu geführt, dass es im
urbanen Raum mittlerweile eine größere Artenvielfalt gibt als auf dem Land.
Das wärmere Klima, ein geringer Jagddruck und das große Nahrungsangebot
locken die Tiere an. Den viel bedeutenderen Grund für ihre Anwesenheit in
den Städten formuliert Cord Riechelmann in seinem Buch "Wilde Tiere in der
Großstadt": "Die Natur holt sich in ihnen zurück, was ihr auf dem Land
genommen wurde: einen Platz zum Leben."
In der Tat wurden die Tiere im Zuge der Industrialisierung schrittweise aus
ihren natürlichen Lebensräumen vertrieben. Schuld ist der Mensch und die von
ihm betriebene intensive Land- und Forstwirtschaft, die für 80 Prozent des
weltweiten Artensterbens verantwortlich ist. Die ständige Überdüngung und
das so entstehende Überangebot an Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphat
führen zu einem einseitigen Pflanzenwachstum. Nur die wenigen unter diesen
Bedingungen konkurrenzfähigen Pflanzen können sich ausbreiten und verdrängen
auf diese Weise andere Arten. Es kommt zu einem Artenschwund. Dadurch werden
Insekten auf der Suche nach Pollen und Nektar vertrieben. Mit ihnen
verschwinden auch die Vögel, da sie nicht mehr ausreichend Nahrung finden.
Statt einer ursprünglich kleinteilig strukturierten Ackerlandschaft
überwiegen heute besonders in Nord- und Ostdeutschland riesige
Monokulturfelder. Bachränder, Hecken, Waldstücke und Kleingehölze gehen
verloren und damit auch die dort lebenden Tier- und Pflanzenarten.
Durch Flurbereinigung, Trockenlegung, Begradigung von Flüssen und Straßenbau
verringert sich die Anzahl ihrer Lebensräume enorm, sodass mittlerweile 75
Prozent aller 690 in Deutschland vorkommenden Arten als "gefährdet" gelten.
Am Beispiel der Vögel erkennt man, wie dadurch das Artensterben
vorangetrieben wird: Nach einem Report von BirdLife International hat die
Individuenzahl von Feld- und Wiesenvögeln in Europa innerhalb der letzten 25
Jahre um 44 Prozent abgenommen.
Auf der Flucht vor der voranschreitenden Zerstörung suchen sich die Tiere
neue Lebensräume in der Stadt- je größer diese ist, desto mehr Möglichkeiten
gibt es für sie, einen Unterschlupf zu finden. Dabei stellen sie ihre
erstaunliche Anpassungsfähigkeit an die städtischen Bedingungen unter
Beweis. Vögel wie Mauersegler, Sperling oder Hausrotschwanz brüten in
Nischen und Hohlräumen von Häusern, an deren Wänden und Dächern Buntspechte
auf der Suche nach Beute hacken. Stare haben es sich abgewöhnt, im Winter
gen Süden zu fliegen, weil es ihnen in Berlin warm genug ist. Die
Wanderfalken vom Roten Rathaus können aufgrund der nächtlichen Beleuchtung
24 Stunden am Tag ihre Beute suchen und müssen ihre Aktivität lediglich am
Nahrungsangebot ausrichten. Die aus China stammende Mandarinente ist in
ihrem Heimatland inzwischen vom Aussterben bedroht, hat aber auf Berliner
Gewässern ein neues Zuhause gefunden.
Mutige Tiere, ängstliche Großstädter
Wildschweine, Füchse und Waschbären wagen sich als Allesfresser immer weiter
in die Innenstadt hinein und verlieren ihre Scheu vor den Menschen. Die
Kellerschnecken haben sich so sehr an das Leben bei uns angepasst, dass sie
sogar die besondere Vorliebe der Berliner für Bier teilen, was ihnen in den
aufgestellten Bierfallen oft zum Verhängnis wird. Ihre Mörder reagieren
meist skeptisch, ängstlich oder ärgerlich auf all die wilden Stadtbewohner,
sei es wegen alter Vorurteile oder negativer Erfahrungen mit den Tieren.
Während außergewöhnliche Insekten und versteckt lebende Vögel wie die
Nachtigall vom durchschnittlichen Berliner wohl bemerkt werden, lösen auf
öffentlichen Plätzen und Straßen spazierende Füchse oder Wildschweine Angst
und Entsetzen aus. Selbstverständlich sollte man vor Bachen Respekt haben,
wenn diese ihre Frischlinge ausführen. Doch die meisten Tiere flüchten, wenn
man ihnen zu nahe kommt.
Hinzu kommt bei den Stadtbewohnern die Furcht vor der Übertragung von
Krankheiten, sei es durch Füchse, Tauben oder Ratten. Dabei scheint niemand
wahrhaben zu wollen, dass in Deutschland die Tollwut erfolgreich bekämpft
wurde und keine akute Gefahr einer Erkrankung besteht. Tauben übertragen
nicht mehr Krankheiten als andere Vögel und auch Ratten sind grundsätzlich
sehr reinliche Tiere. Um sich dennoch zu schützen, sollte man die Tiere am
besten nur mit Handschuhen anfassen oder sich nachher einfach die Hände
waschen.
Leider verbreiten sensationslustige Boulevardblätter regelmäßig
Horrornachrichten über freche Füchse, wütende Wildschweine oder Motorräume
zerfressende Marder . Das verstärkt den Eindruck vom unliebsamen wilden
Tier, das nichts als Zerstörung von menschlichen Errungenschaften im Sinn
hat. Die Nebelkrähen vom Landwehrkanal sind mittlerweile so berüchtigt, dass
sich jährlich Berichte über ihre Angriffslust gegenüber Joggern und
Passanten in den Medien häufen. Natürlich stoßen die Interessen der
Stadtbewohner und der vordringenden Wildtiere oft aneinander. Der Gärtner
oder Grundstückbesitzer sieht seinen Rasen von Wildschweinen verwüstet, der
Autobesitzer sein geliebtes Gefährt vom Marder zerstört. Doch meistens sind
es die Tiere, die unter dem Interessenkonflikt stärker leiden müssen, etwa
wenn sie überfahren, vergiftet oder erschossen werden.
Bei Problemen mit den Wildtieren muss man übrigens nicht in Panik
ausbrechen, sondern kann sich an das einzigartige Berliner Wildtiertelefon,
den Tierschutzverein oder das Tierheim Berlin wenden, ebenso an die
Forstämter der Bezirke. Es ist übrigens weder erlaubt, wilde Tiere in so
genannten "befriedeten Gebieten" zu jagen, noch sie zu füttern oder mit nach
Hause zu nehmen. Einzige Ausnahme ist hier das zeitweilige Pflegen von
kranken Tieren unter Naturschutz stehender Arten.
Natur erobert sich Lebensraum zurück
Die Freude über die große Artenvielfalt im "grünen" Berlin und die
überraschende Anpassungsfähigkeit der Wildtiere an das Leben in der Stadt
kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere tierischen
Nachbarn und ihre Lebensräume auch hier ständig bedroht werden. Die Gefahr,
vom Auto überfahren zu werden, sowie Gebäudesanierungen, fortschreitende
Bebauung, Flächenversiegelung, das Abreißen von alten landwirtschaftlichen
Gebäuden und das Fällen von Bäumen führen zum Rückgang der für die
städtische Fauna bewohnbaren Gebiete. Teilweise stehen sich dabei sogar
verschiedene Umweltschutzinteressen gegenüber, zum Beispiel eine an der
Wärmedämmung ausgerichtete Architektur und der Erhalt der Altbauten als
Lebensraum für Gebäudebrüter.
Immerhin hat die hiesige Wildtierpopulation auch das Glück, dass es Berlin
an Geld fehlt, Grünflächen zu düngen. Statt penibel gepflegten Gärten mit
exotischen Pflanzen, die den einheimischen Tieren weder Nahrung noch Schutz
bieten, gibt es hier noch viele verwilderte Ecken, die bewahrt werden
müssen. Mit der Zunahme der wilden Tiere in der Stadt sollte auch der urbane
Naturschutz eine größere Rolle spielen und nicht nur auf die städtischen
Randgebiete konzentriert werden. Immerhin hat diese Entwicklung bereits dazu
geführt, dass die Stadtökologie heute als eigenständige Wissenschaft
anerkannt ist. Die Tiere in Berlin helfen uns auch dabei, die Auswirkungen
des Klimawandels auf ihr Verhalten zu untersuchen, weil sie sich schon an
das wärmere Stadtklima angepasst haben. Was aber noch viel wichtiger ist:
Sie bereichern das Stadtbild und unser Leben. In einer Welt, in der die Zeit
als Ware gehandelt wird und in Großstädten, die als Beweis für die vom
Menschen geschaffene Modernität gelten, vergessen wir oft den beruhigenden
Effekt und die ausgleichende Wirkung, die Pflanzen und Tiere auf unser Gemüt
haben. Umso wichtiger kann es für uns sein, einem Fuchs auf der Straße zu
begegnen, der uns genau daran wieder erinnert. Vielleicht ist der Umzug der
Pflanzen und Tiere in die Städte deshalb gut für uns, weil es einfacher ist,
das zu schützen, was vor unserer Haustür blüht und lebt, als Affen im
Regenwald von Indonesien.
Die Pflanzen in Berlin sorgen für sauberere Luft, besseres Wasser und ein
angenehmeres Klima, während Bodenlebewesen wie Regenwürmer die Qualität der
Böden aufwerten. Davon abgesehen ist es auch für die psychische Gesundheit
unerlässlich, Erlebnisse in der Natur zu haben, den Jahreszeitenwechsel,
Geräusche und Gerüche wahrzunehmen. Für die gesunde Entwicklung von Kindern
ist es wichtig, dass diese im Spiel Natur erfahren und erleben können. Aus
all diesen Gründen sollten wir die Tiere und Pflanzen in unserer Umgebung
akzeptieren und willkommen heißen, nicht zuletzt weil wir es sind, die sie
aus ihren ursprünglichen Lebensräumen verdrängt haben. Ist nicht ein
Maulwurfshügel im Garten harmlos gegenüber der Zerstörung ganzer Lebensräume
und Rückzugsmöglichkeiten für die unterschiedlichsten Tierarten?.
Für Leser, die sich noch weiter für die in Berlin lebenden wilden Tiere
interessieren und mehr über die Lebensweise von Füchsen, Wildschweinen,
Kröten, Fröschen, Schnecken, Vögeln und anderen tierischen Stadtbewohnern
erfahren möchten, sei ein Blick in das Buch "Wilde Tiere in der Stadt" von
Cord Riechelmann empfohlen. Mit viel Liebe und Humor geht der Autor auch auf
Tiere wie Gelbspötter, Dorngrasmücken oder Bierschnegel ein und zeigt, wem
man bei einem Spaziergang durch Berlin so begegnen kann. Auf der
beiliegenden CD finden sich sowohl theoretische Beiträge über unsere
tierischen Nachbarn als auch Vogelstimmen, Frosch- und Krötengesang, sogar
das Kontaktgrunzen und genüssliche Schmatzen einer Wildsau. Schöner ist es
nur noch, selber auf Entdeckungstour zu gehen...
Arabella Walter
Wildtiertelefon Berlin: 030 / 64 19 37 23
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2007 / Januar 2008
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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