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Die neue Machtergreifung
Mit Gentechnik zum Saatgutmonopol - ein kanadischer Farmer warnt vor
Monsanto
"Ihr könnt später nicht sagen, Ihr hättet nichts gewusst!" Diesen Satz
wiederholt Percy Schmeiser in der rappelvollen Kirche von Bad Freienwalde am
13. Januar bestimmt fünfmal. Der 77jährige Bauer aus Kanada bereist
Deutschland und Österreich, um vor den Gefahren der Gentechnik zu warnen.
Denn noch in dieser Woche soll im Deutschen Bundestag ein Gesetz
verabschiedet werden, das den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen
zulässt. Zwar soll zum Nachbarbauern ein Sicherheitsabstand von 150 Metern
eingehalten werden, aber, so weiß der Farmer aus Kanada, das hilft nicht.
Überall Gentechnik
In Kanada sind die gentechnisch veränderten Pflanzen jetzt überall. Der Wind
trägt den Samen des Gentech-Rapses von Monsanto, Nestlé oder Bayer 200
Kilometer weit. Und die gentechnisch veränderten Pflanzen kreuzen sich
überall ein. In Kanada ist der Anbau von Ökoraps nicht mehr möglich. Aber
nicht nur das. Raps ist ein Kreuzblütler, aus Verbrauchersicht eine
Kohlpflanze (lat. Brassica). Und die Kohlpflanzen sind untereinander alle
nahe verwandt: Raps und Radieschen, Meerrettich und Senf, Blumenkohl und
Chinakohl, Weißkohl oder Rosenkohl: In Kanada ist der Anbau von ökologischem
oder auch nur gentechnisch unbelastetem Kohl nicht mehr möglich. Dabei ist
Kohl eines der Grundnahrungsmittel der Menschheit seit Tausenden von Jahren
Die Verunmöglichung von Ökoanbau ist gewollt. Damit ist nicht nur das
Lebenswerk des Bauern Percy Schmeiser und seiner Frau zerstört, die Zucht
von Öko-Rapssaat. Jetzt muss der Bauer auch noch an Monsanto zahlen. Denn
laut US-amerikanischem Patentrecht gehört jeglicher Raps, in dem sich das
Monsanto-Gen nachweisen lässt, dem Konzern. Daher verklagte Monsanto
Schmeiser 1998 auf 19.000 Dollar Schadenersatz: Er habe unbefugt
Monsato-Raps auf seinen Feldern ausgesät. Schmeiser hatte niemals
Monsanto-Saatgut gekauft. Aber der Genraps hatte sich in seine Ökosaat
eingekreuzt. Daher gehörte sein Saatgut jetzt Monsanto, komplett. Ganz egal,
in welchen Mengen sich das gentechnisch veränderte Saatgut auf Percy
Schmeisers Feldern nachweisenließ, es gehörte Monsanto. So will es das USPatentrecht.
Drohen, erpressen, aufhetzen
Percy Schmeiser nahm sich einen Anwalt. "Die Erfahrungen, die wir dann
machten mussten, möchte ich keinem Menschen wünschen!" Denn nun wurden er
und seine Frau von Monsanto Tag und Nacht beschattet. Wo auch immer sie auf
ihren Äckern zugange waren, stand da ein Auto und jemand beobachtete sie.
Seine Frau bekam erpresserische Anrufe. Nach zehn Jahren zermürbender
Gerichtsprozesse durch alle Instanzen bekam Percy Schmeiser vor dem Obersten
Gerichtshof Kanadas Recht, leider nur zu einem geringen Teil. Er muss nicht
zahlen. Aber seine Saat gehört weiterhin Monsanto. Weil sich das
manipulierte Gen in seine Saat eingekreuzt hat. Die Freisetzung von
gentechnisch verändertem Saatgut ist offenbar das Mittel, alle Farmer einer
Region zu zwingen, ihr Saatgut nur noch bei einem der drei bis fünf
internationalen Saatgutmultis (Monsanto, Nestlé, Bayer...) zu kaufen.
Der systematische Terror, den das kanadische Farmerpaar erfahren musste,
gehört offenbar zur Strategie der Marktübernahme des Saatgutmonopolisten.
Immer wieder erhalten Percy Schmeiser und seine Frau Anrufe von
verzweifelten, am Telefon weinenden Bäuerinnen, die mit Drohbriefen von
Monsanto zu Zahlungen erpresst werden. Percy Schmeiser hält dem Publikum
einen solchen Brief entgegen. Auch an Farmer, die nie Monsanto-Saatgut
gekauft haben, schreibt die Firma: "Wir haben von einem Ihrer Nachbarn
erfahren, dass Sie unbefugt Monsanto-Saat angebaut haben... Wir fordern Sie
zu einer Zahlung von ... Dollar auf, da wir anderenfalls Ihre Felder
verpfänden lassen müssen." Diese Briefe säen - offenbar bewusst -
Misstrauen, Furcht und Schrecken in den Dörfern. Statt sich untereinander zu
helfen, haben nun alle Farmer voreinander Angst und igeln sich ein. Entsetzt
grübeln sie: Wem verdanke ich diesen Brief? Tatsächlich fordert Monsanto
alle Farmer per Radio auf, Nachbarn, die sie verdächtigen, anzugeben. Dass
aber eine große Firma, die mit Klagen gegen Unschuldige, Detektiven und
Einschüchterungsanrufen arbeitet, solche Verdächtigungen auch einfach
erfinden kann, darauf kommen die meisten der verzweifelten Farmer nicht.
Soll man in Europa wirklich das Saatgut einer Firma zulassen, die skrupellos
einen derartigen Bürgerkrieg entfacht?
Im Gegensatz zu dem, was die Gentechnikindustrie bisher behauptete, werden
die veränderten Gene von den sie aufnehmenden Tieren nicht einfach wieder
ausgeschieden. Vielmehr lagern sie sich auch in den Körpern der Menschen ab.
Sie können unter anderem Sterilität bei Menschen und Tieren bewirken. In den
USA wurden mit gentechnisch verändertem Mais gefütterte Schweine steril,
berichtet Schmeiser. Und: Aus den gentechnisch veränderten Raps-Samen der
drei Kanada dominierenden Saatgutfirmen entstand eine ganz neue Rapspflanze,
ein Superunkraut. Das wird nun mit teurem Hypergift bekämpft.
Der Staat verdient mit
Atemlos hat die bunte Zuhörerschaft in Bad Freienwalde dem jugendlich
wirkenden Referenten zugehört. Eine Frau meldet sich: Was machen Sie mit dem
Geld, das Sie und Ihre Frau bei der Verleihung des alternativen Nobelpreises
im letzten Jahr erhielten? Die Anwaltskosten bezahlen und weiterklagen, ist
die klare Antwort. Am 23. Januar ging Percy Schmeiser zum Gegenangriff über.
Nun verklagt er Monsanto auf Schadenersatz. Die großen Konzerne sollen für
die systematischen Umweltzerstörungen, die sie begehen, zur Rechenschaft
gezogen werden. Bei Percy Schmeisers Leidensweg durch die Instanzen der
kanadischen Gerichtsbarkeit wurde offenbar, dass der kanadische Staat
Mitverdiener ist. Nicht nur, dass die meisten Felder, von denen gentechnisch
veränderte Saat auf die Felder Unbeteiligter flog, staatseigene Felder
waren. Der Staat erhielt auch einen Teil der Profite, die Monsanto mit dem
Verkauf seiner Gentech-Saat machte. Daher hat Percy Schmeiser den
kanadischen Staat jetzt in Genf beim Internationalen Gerichtshof verklagt.
Und er fordert: Der Staat darf nicht weiterhin dermaßen fahrlässig mit der
Gesundheit seine Bürger umgehen. Die Menschen haben ein Recht auf eine
umfassende Kennzeichnung aller Lebensmittel. Der kanadische Staat soll die
Freiheit der Wissenschaften wieder herstellen, die verschwunden ist, seitdem
alle Universitätsforschung von Privatfirmen "gesponsert" wird. Und er soll
das Recht eines jeden Farmers auf die Verwendung seines eigenen Saatguts
garantieren.
Elisabeth Meyer-Renschhausen
http://www.percy-schmeiser-on-tour.org/
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April / Mai 2008
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raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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