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Erhoehte Kinderkrebsraten um deutsche Atomkraftwerke entfachen Ursachenstreit

Leukämie für Energie?

Erhöhte Kinderkrebsraten um deutsche Atomkraftwerke entfachen Ursachenstreit

Es hat lange gedauert. Studie über Studie, Interpretation über Interpretation - seit Dezember 2007 liegt endlich das Ergebnis der bisher aufwändigsten und umfassendsten Untersuchung zu Kinderkrebs um deutsche Atomkraftwerke vor. Die Fall-Kontroll-Studie mit dem Titel "Kinderkrebs um Kernkraftwerke" (KiKK) wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegeben und vom Mainzer Kinderkrebsregister durchgeführt. Ein unabhängiges Expertengremium aus Atomkraftgegnern und -befürwortern begleitete sowohl Gestaltung als auch Durchführung der Studie. Von 1980 bis 2003 wurden Daten der 16 Standorte aller deutschen Kernkraftwerke gesammelt und nun ausgewertet. Das Ergebnis ist erschreckend: Kinder unter fünf Jahren, die in einem Fünf-Kilometer-Umkreis vom "Klimaschützer der Woche" wohnen, haben ein um 120 Prozent erhöhtes Leukämierisiko und erkranken zu 60 Prozent häufiger an Krebs. Außerdem steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmender Wohnortnähe zum Kraftwerksstandort. Innerhalb des Fünf-Kilometer-Umkreises muss im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von 29 zusätzlichen Krebserkrankungen von Kleinkindern im untersuchten Zeitraum ausgegangen werden. Betrachtet man den 50-Kilometer-Radius, handelt es sich sogar um 121 bis 275 mehr Erkrankungen als im Durchschnitt zu erwarten gewesen wären. Das entspricht acht bis achtzehn Prozent der dortigen Krebserkrankungen bei unter Fünfjährigen. Die Abhängigkeit des Krebsrisikos von der Entfernung vom Atomkraftwerk konnte für alle untersuchten Standorte nachgewiesen werden.

Verharmlosung in der Öffentlichkeit

Schon aus den Daten einer früheren Untersuchung, der Michaelis-Studie von 1997, hatte der Wissenschaftler Alfred Körblein im Gegensatz zu den Autoren eine nachweisbare, signifikante Erhöhung der Kinderkrebsrate um deutsche Kernkraftwerke erkannt. Unterstützt wurde er dabei von der atomkritischen Ärzteorganisation "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" (IPPNW). Mit Hilfe des IPPNW-Aktiven Reinhold Thiel veröffentlichte Körblein eine weitere Studie. Aber erst durch öffentlichen Druck und nachdem 10.000 Protestbriefe aus der Bevölkerung eingegangen waren, wurde die KiKK-Studie ins Leben gerufen. Doch schon wieder werden die Ergebnisse - so Professor Eberhard Greiser, Mitglied des Expertengremiums, in der taz - "verharmlost" und sogar "falsch" in der Öffentlichkeit dargestellt. Sei es die Behauptung der Leiterin der KiKK-Studie, Prof. Maria Blettner vom Kinderkrebsregister Mainz, dass außerhalb des Fünf-Kilometer-Radius kein erhöhtes Risiko für Kinderkrebs bestehe, ihre Weigerung, die Ergebnisse unabhängig prüfen zu lassen, ihr Fernbleiben von einer Diskussion mit dem Expertengremium oder ihre Relativierung der "geringen" Anzahl von Krebsfällen im Vergleich zu Verkehrsunfällen, der "Todesursache Nr. 1" in Deutschland.

Strahlung als Ursache?

Die Autoren der KiKK-Studie präsentieren ihre Interpretation der Ergebnisse der Öffentlichkeit in Sätzen, die für den durchschnittlichen Leser schwer verständlich sind. "Aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens kann die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden", heißt es da. Tatsächlich macht die Studie keine konkreten Aussagen zur Ursache des erhöhten Erkrankungsrisikos. Die Mitglieder des begleitenden Expertengremiums schließen radioaktive Strahlung aber nicht aus. Dafür spricht, dass das Krebsrisiko mit der Entfernung kontinuierlich abnimmt und besonders das Leukämierisiko in der Nähe der Atomkraftwerke steigt. Leukämien gelten als besonders wahrscheinliche Strahlungsfolgen. Obwohl keine Störfaktoren gefunden wurden, die das Ergebnis der Studie von außen beeinflusst haben könnten, geben die Autoren diese, den statistischen Zufall, geringe Fallzahlen oder auch nicht näher erläuterte "Selektionsmechanismen" als mögliche Ursache für die festgestellten Krebsraten an.

Andere, wie Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, klammern sich an die gültigen Strahlenschutzgrenzwerte, um die radioaktive Strahlung als Krebsverursacher auszuschließen. Diese beruhen allerdings hauptsächlich auf teils fehlerhaften Daten von den Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki. Das heißt, es handelt sich um über 50 Jahre alte Werte, die nur für Erwachsene gelten und sich lediglich auf Erbgutschäden an den Keimzellen, nicht aber auf allgemeine Krebsrisiken beziehen. Noch viel weniger kann man sie auf Kleinkinder übertragen: Da sich ihre Zellen noch viel öfter teilen, werden Mutationen auch schneller weitergegeben.

Das Wissen darüber, was von der Strahlung letztendlich im Körper ankommt, beruht hauptsächlich auf Simulationen. Gemessen werden kann nur die Dosis der Radionuklide in Luft und Abwasser. Unter Einbeziehung vieler Parameter kann es bei den weiteren Rechnungen zu groben Unterschätzungen kommen. So wurde um die russische Atomwaffenschmiede Majak eine viermal höhere radioaktive Strahlung gemessen als nach dem deutschen Risikomodell zu erwarten gewesen wäre. Zudem gibt es keinen Schwellenwert für die gesundheitlichen Auswirkungen von radioaktiver Strahlung.

Behauptungen, dass um andere Kraftwerke oder auch nur bei Bauvorhaben ähnliche Krebsrisiken gefunden wurden, versuchen Wissenschaftler zum Beispiel mit der Populations-Mix-Hypothese zu begründen. Durch neue Arbeitsplätze angelockt, zieht es bestimmte Bevölkerungsgruppen in die Nähe des betreffenden Kraftwerks. Dort wird ihr Immunsystem mit neuen Viren konfrontiert, von denen es möglicherweise überfordert ist. Gerade kleine Großstadtkinder, die sterile Umgebungen gewöhnt sind, könnten davon betroffen sein. Doch weder mit dieser Hypothese noch mit der größeren Pestizidverwendung auf dem Land lässt sich der eindeutige Rückgang der Krebserkrankungen mit der wachsenden Entfernung vom Atomkraftwerk erklären. Da ist es auch nicht sinnvoll, die im Normalbetrieb des Kraftwerks emittierte Strahlung mit der von Hochspannungsleitungen oder beim Bergsteigen zu vergleichen, wie es Peter Kaatsch, Co-Autor der KiKK-Studie und Chef des Mainzer Krebsregisters, tut.

Fest steht, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu erhöhten Emissionen radioaktiver Stoffe in die Umgebung von Atomkraftwerken gekommen sein muss. So stellte man am Standort Krümmel bei Hamburg starke Kontaminationen der Umgebung fest, die sich nicht auf die offiziell angegebenen Emissionen zurückführen lassen. Auch fand man dort besonders oft so genannte dizentrische Chromosomen im Blut von Anwohnern. Diese Anomalien werden auf eine starke Strahleneinwirkung zurückgeführt.

Konsequenzen ziehen

Es wird nicht nur Zeit die Strahlenschutzgrenzwerte zu überprüfen, sondern vor allem die Verheimlichung illegaler Emissionen durch die Betreiber der Kraftwerke zu verhindern - durch eine bessere Überwachung und den sicheren Atomausstieg. Die gehäuften Leukämiefälle sind nicht ein kleines Opfer für den großen, gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Kernenergie, wie von deren Befürwortern behauptet wird. Vielmehr handelt es sich um die Durchsetzung der Interessen der Atomlobby zum Leidwesen der anwohnenden Kinder und Familien.

"Der im Jahr 2000 vereinbarte schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie mit langen Restlaufzeiten basierte auf der Voraussetzung, dass vom laufenden Betrieb der Atommeiler keine Gefahr ausgeht", sagt Wolfgang Jüttner, SPD-Fraktionschef im Niedersächsischen Landtag. "Betrachtet man das jetzt festgestellte Krebsrisiko, war diese Grundannahme offenbar falsch", so Jüttner. Trotz der vermehrten Pannen wie in Brunsbüttel und Krümmel halten die Energiekonzerne dennoch an längeren Restlaufzeiten für die teilweise über 30 Jahre alten Atommeiler fest.

Während die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen zu Recht schlussfolgert, dass "das im europäischen Umweltrecht verankerte Vorsorgeprinzip gebietet, die deutschen Atomkraftwerke umgehend stillzulegen", schreibt der Spiegel: "Leukämie ist heutzutage kein Todesurteil, sondern heilbar." Von 1980 bis 2003 seien auch 214 Kinder an Grippe und 3320 durch Verkehrsunfälle gestorben.

Wir müssen aufpassen, dass der vermeintliche "Klimaschützer Atomkraftwerk" jetzt in der Öffentlichkeit nicht auch noch zum "Kinderschützer" gemacht wird. Die vorliegende Studie hat uns eindeutig das Gegenteil bewiesen. Relativierende Vergleiche sind hier ethisch äußerst fragwürdig, wenn nicht sogar zynisch.

Arabella Walter

http://www.ippnw.de/Atomenergie/Atomkongress/

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/ März 2008 Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
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03.04.08    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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