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Biokraftstoffe im "friendly fire"
Verwirrung um die Alternativen zur Erdölverbrennung
Biotreibstoffe sind der größte Angriff auf die Biodiversität!" Das sagte der
Naturwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker auf der Fachtagung
"Energie, Ressourcen, Frieden" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt im
September in Osnabrück. Die Artenvielfalt sei durch Monokulturen der
Biospritpflanzen bedroht. Der Autor von "Faktor vier - doppelter Wohlstand -
halbierter Naturverbrauch" muss es wissen. Wir wollen ihm glauben. Er bietet
auch eine Lösung an: Zellulose-Ethanol. Damit gebe es die Chance, einen
Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes zu leisten, so Weizsäcker.
Zellulose-Ethanol, das durch Vergärung von pflanzlichen (Abfall-) Stoffen
gewonnen wird, befindet sich jedoch noch in der Entwicklung. Ethanol kann in
dafür vorgesehenen Ottomotoren mit 30 Prozent weniger Energieinhalt Benzin
ersetzen. Wie lösen wir aber das Treibstoffproblem für Lkw, Traktoren und
Schiffe? Alle diese Fahrzeuge benötigen Dieselkraftstoff, also Öl. Sollten
wir also bei diesen Fahrzeuggruppen bei Erdöl bleiben, um die Biodiversität
nicht zu gefährden und für alle Ottomotoren auf Zellulose-Ethanol warten?
Öl verbrennen, um den Regenwald zu retten?
Nun haben wir aber das Problem des Klimawandels jetzt. Alle unabhängigen
Wissenschaftler sind sich einig: Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.
Einen weiteren Ausweg verspricht die Wasserstofftechnologie. In Forschung,
Militärtechnik und Raumfahrt Normalität, jedoch von einer Serienreife weit
entfernt, werden vorsichtig Zeiträume von "nicht vor 2025" genannt. Was
machen wir bis dahin?
Vorher werden uns vorübergehend (?) die Kraftstoffe der sogenannten zweiten
Generation versorgen, ist von den Vertretern der Automobilindustrie zu
vernehmen. "Biomass to liquid" oder kurz BTL nennt sich der Wunschkraftstoff
aus der 1925 entwickelten Fischer-Tropsch-Synthese. Sächsische Ingenieure
von der Firma Choren haben das Verfahren für Holz optimiert und in dieser
Technologie die Nase vorn. Eine Energiebilanz liegt jedoch bis heute nicht
vor und Kritiker sprechen von einer Ausbeute von weniger als 20 Prozent für
den Kraftstoff. Da wären wir im Wirkungsgrad wieder bei der guten alten
Dampfmaschine angelangt. Über die einheimischen Rohstoffpotenziale werden
noch theoretische Betrachtungen angestellt. Restholz aus dem kranken
deutschen Wald und Plantagen seien die Lösung. Bei Plantagen werden wir
jedoch an Monokulturen erinnert. Schon werden in Deutschland BTL-Anlagen an
großen Häfen geplant und es kommt der Verdacht auf, es gehe dann doch um
Holzimporte über große Entfernungen - vielleicht sogar, weil es am
billigsten ist, um Holz aus Regenwäldern. Eine Verfügbarkeit des
Alternativkraftstoffes sei etwa ab 2015 zu erwarten, sagen Experten.
In der Zwischenzeit bleibe uns also wirklich nichts anderes übrig als immer
mehr Erdöl zu verbrennen, damit Biodiversität und Regenwälder nicht leiden.
Das ist absurd. So kann es Ernst Ulrich Weizsäcker nicht gemeint haben.
Ist es wirklich die Schuld der Pflanzen, aus denen als Alternative zum Erdöl
Biokraftstoffe hergestellt werden können? Oder sind es die fragwürdigen
Methoden der industriellen Landwirtschaft oder multinational agierender
Konzerne oder Strukturen, in denen es einfach nur mit Großtechnik um Profite
und nicht um Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht? Ich möchte hier nicht als
Kapitalismuskritiker missverstanden werden. Aber besteht nicht auch die
Möglichkeit, Pflanzen - egal wofür - nachhaltig, dezentral, regional und
biologisch anzubauen und zu nutzen? Die Monokultur ist nicht die einzige
Möglichkeit, Pflanzen anzubauen und zu verwenden. Für die Produktion von
biogenen Kraftstoffen ist weder Regenwaldabholzung noch Naturzerstörung
zwingend notwendig.
Biosprit ist nicht gleich Biosprit
Im Moment überwiegen Berichte, die den Zusammenhang sehr verkürzen und den
Fokus auf eines richten: Biokraftstoffe! Ohne diese zu unterscheiden, werden
sie mit Regenwaldabholzung, Naturzerstörung, fragwürdigen Praktiken in der
Landwirtschaft und geringer Effektivität in Verbindung gebracht. Viele
scheinen derzeit in dieses Horn zu blasen: "Biokraftstoffe sind nicht
umweltfreundlich!" Oft genug wiederholt, erscheint so etwas der
Öffentlichkeit dann als "Wahrheit".
Biokraftstoff ist aber nicht gleich Biokraftstoff, so wie eine mit
Pestiziden behandelte karibische Banane eine gänzlich andere Ökobilanz
aufweist als ein regionaler Bio-Apfel - obwohl der Vitamin-Effekt beim
Verzehr ähnlich ist. Hier möchte ich nicht in den Verdacht geraten, Verzicht
zu predigen - es kommt mir lediglich darauf an, den Unterschied zu
verdeutlichen. Obwohl die Banane ein Naturprodukt ist, darf sie nicht Bio
heißen. Jeder Kraftstoff, der irgendwie und irgendwo aus Pflanzen,
Pflanzenteilen, Früchten oder Samen hergestellt wird, darf aber offenbar die
Vorsilbe Bio tragen, obwohl er die Bedingungen nicht erfüllt. Hier fängt das
Missverständnis an.
Mischkulturen: Ökologisch, sozial, dezentral
Biogen basierte Kraftstoffe - so werden sie korrekt bezeichnet - können aber
ökologisch vertretbar hergestellt werden. Die Möglichkeiten sind hier
vielfältig. So werden Biokraftstoffe etwa zusammen mit wertvollen
Nebenprodukten aus mehreren hundert (Öl-) Pflanzenarten nachhaltig gewonnen.
Es gibt auch dezentrale Mischkulturen, in denen mit geringstem technischen
Aufwand, ohne problematische Chemikalien und ohne fossilen Rohstoffverbrauch
Ökokraftstoffe produziert werden. Dabei entstehen keine schädlichen
Abfallprodukte und es wird kein Trinkwasser verbraucht. Auch ist es möglich,
diese Pflanzen anzubauen, ohne mit Monokulturen den Boden und den Regenwald
zu zerstören. Vielmehr wird so die Herstellung auch sozial verträglich und
gerecht gestaltet.
Mit einem Drittel Öl und zwei Dritteln hochwertigem eiweißhaltigem
Presskuchen als Ertrag ist diese Methode immer an Lebens- oder
Futtermittelproduktion gekoppelt und stellt keine Konkurrenz dar. Diese
Möglichkeit besteht jetzt sofort als Alternative zu fossilen Rohstoffen und
wird seit Jahrzehnten praktiziert.
Michel H. Matke
Der Autor ist Leiter der Bundeskontaktstelle Pflanzenöl der GRÜNEN LIGA.
http://www.grueneliga.de/themen/pflanzenoel/
http://www.inoel.de/
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2007 / Januar 2008
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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