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Drei-Schluchten-Staudamm
Fadenscheinige Rhetorik
China: Fünf Millionen Vertriebene angeblich für den Umweltschutz /
Alarmierende ökologische Folgen
Die ökologische Umgebung des Stausees ist äußerst anfällig, sie verträgt
keine Überbevölkerung", meint Yu Yuanmu, seines Zeichens Vize-Bürgermeister
der nahen chinesischen Metropole Chongqing. Somit sei die "Umsiedlung" von
weiteren drei bis vier Millionen Anwohnern des Prestigeprojektes
Drei-Schluchten-Staudamm gerechtfertigt. Die Regierung in Peking lobt den
Beschluss als "großen Beitrag für den Umweltschutz". Diese seltsame Logik
erinnert fatal an den Zauberlehrling, der ein Übel beseitigen wollte, indem
er mit einem neuen Übel gegensteuerte.
Megaprojekt begräbt zwölf Großstädte
Was ist der Hintergrund dieser grünen Rhetorik der chinesischen Kommunisten?
Nachdem bereits Jahrzehnte lang Pläne für eine Aufstauung des Jangtsekiang
in den Schreibtischen der Regierung lagen, genehmigte der Volkskongress 1992
das Projekt. Die erheblichen Bedenken schon innerhalb der KP zeigte das
Abstimmungsergebnis: Lediglich mit einer Zweidrittel-Mehrheit wurde der
Antrag angenommen - für chinesische Verhältnisse eine geradezu eklatante
Skepsis. Der Bau der Talsperre begann 1994, sie wurde früher als geplant
schon 2003 fertig gestellt. Die veranschlagten Kosten von umgerechnet 25
Milliarden US-Dollar verdoppelten sich bald. Zahlen musste die chinesische
Bevölkerung - durch eine Sondersteuer. Dies war der Regierung äußerst
wichtig, ging es doch darum, zu zeigen, dass China dieses Mega-Projekt auch
ohne Hilfe der "kapitalistischen" Weltbank realisieren konnte. Im Jahr 2006
nahm das Kraftwerk dann den Betrieb auf.
Die technischen Daten der Drei-Schluchten-Staumauer lesen sich in der Tat
beeindruckend. Mit 2,3 Kilometern Länge und 185 Metern Höhe schlägt der Damm
alle Rekorde. Der Stausee wird fast 640 Kilometer lang sein. Bis zu 85
Milliarden Kilowattstunden Strom sollen die 26 von Siemens gebauten Turbinen
ab 2009 jährlich liefern. Das entspricht in etwa der Energie aus der
Verbrennung von 50 Millionen Tonnen Kohle. Ökologische Aspekte oder das
Schicksal der Anwohner interessierten die Verantwortlichen zunächst nicht.
Bis zu 1,4 Millionen Bauern mussten bereits ihre Dörfer verlassen. Rund
25000 Hektar Ackerland gingen verloren. Bis 2009 soll der Wasserspiegel gut
65 Meter über dem bisherigen Jangtsekiang-Niveau liegen. Zwölf Großstädte,
140 Kleinstädte und über 3000 Dörfer werden letztendlich in den trüben
Fluten des Stausees verschwinden. Das Überleben bedrohter Tierarten wie des
Jangtse-Delphins oder des chinesischen Störs ist fraglich. Die Proteste
lokaler Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten wurden entweder totgeschwiegen
und ignoriert oder wie im Falle Fu Xiancais brutal unterdrückt. Der
Staudamm-Kritiker gab 2006 der ARD ein Interview, in dem er die Korruption
und Ignoranz der Behörden anprangerte. Daraufhin wurde er zu einem
Polizeiverhör geladen und auf dem Heimweg so schlimm zusammengeschlagen,
dass er querschnittsgelähmt blieb. Die von Fus Familie erwirkten
polizeilichen Ermittlungen verliefen im Sande - erwartungsgemäß, wie man
zynisch bemerken könnte.
Erdrutsche und Wasserverschmutzung
Woher kommt also das plötzliche Interesse der Regierung für Umweltfragen? In
der offiziellen Parteilinie der chinesischen Kommunisten war es in der
Vergangenheit keinesfalls üblich, Fehler einzugestehen und den bestehenden
Kurs zu revidieren. Der Grund für Umwelt-Rhetorik dürfte hauptsächlich in
den ersten dramatischen ökologischen Auswirkungen des Prestige-Projektes
liegen. Das betrifft vor allem die enorme Bodenerosion an den Hängen des
Jangtsekiang. Diese nahm stark zu, seit die vertriebenen umherirrenden
Bauern, deren zugesagte Entschädigungszahlungen und Landzuweisungen in
dunklen Kanälen versickerten, sich an den höher gelegenen Hängen des
Flusstales ansiedelten. Unkontrollierte Abholzung und das Umwandeln der
empfindlichen Waldgebiete in Ackerland führten daraufhin zu einem
drastischen Anstieg der Abschwemmung der oberen Bodenschichten. Außerdem
beeinträchtigen die ansteigenden Fluten die Stabilität der steilen Hänge des
Flusstales. Gewaltige Erdrutsche und bis zu 50 Meter hohe Flutwellen
zerstören Dörfer, in denen die leidgeprüften Bauern wegen der angedrohten
Deportation sowieso schon auf gepackten Koffern sitzen. Die Befürchtungen
der Stausee-Kritiker, die Talsperre könnte durch die ungeheuren Schwemmsände
des Jangtsekiang blockiert werden, verstärkten sich durch die
Hangabschwemmungen und Erdrutsche noch. Außerdem steigt die
Schadstoffbelastung im Flusswasser rapide an. Der Grund: Die eingeleiteten
Fabrikabwässer können nicht mehr wie früher stromabwärts fließen, sondern
werden durch den Damm zurückgehalten, sodass die schwereren
Schadstoffpartikel im Stausee zurückbleiben. Auf lange Sicht droht dieser zu
einer Kloake zu werden - eine Katastrophe für die Anwohner, die ihr
Trinkwasser aus dem Jangtsekiang beziehen.
Es gibt neben den offensichtlichen ökologischen Fehlentscheidungen der
Staudamm-Planer möglicherweise noch einen weiteren Grund für das Umdenken
der Regierung. Die Journalistin Antoaneta Bezlova von der Agentur IPS meint,
dass die nun wohnungslosen Bauern in die Städte abgedrängt werden sollen.
Damit würde die Konkurrenz um die raren Ackerflächen gelindert und das Image
und Selbstverständnis der Führung von einem "modernen" China mit einem hohen
Anteil urbaner Bevölkerung gestärkt. Die Umsiedlungen wären demnach
eiskaltes Kalkül und würden lediglich nachträglich der Öffentlichkeit und
vor allem dem Ausland als "Umweltschutz-Maßnahme" verkauft. Bezlovas Ansicht
wird durch Aussagen chinesischer Experten bestätigt, die sich allerdings nur
anonym äußern wollen. In einem taz-Artikel zum Thema hieß es außerdem, dass
sich möglicherweise korrupte lokale Kader bereichern wollen, in dem sie die
"menschenleer" gewordenen Flächen am Stausee lukrativ an
Tourismus-Unternehmen verschleudern.
Umweltargumente sollen Vertreibungen legitimieren
Was bleibt also unterm Strich von der Öko-Rhetorik der chinesischen
Kommunisten? Nicht viel. Sicher gibt es einige nicht von der Hand zu
weisende Argumente für den Staudamm. Das betrifft in erster Linie die
Möglichkeit, ohne die Verbrennung fossiler Rohstoffe und den damit
verbundenen Ausstoß von CO2 Strom zu produzieren. Damit verbunden ist
außerdem die Möglichkeit, die maroden Bergwerke und Tagebaue in China
aufzugeben, in denen unter furchtbaren Arbeitsbedingungen Kohle gewonnen
wird. Außerdem soll durch den Drei-Schluchten-Damm die Hochwassergefahr
flussabwärts gebannt werden, was für die Anwohner dort auf kurze Sicht
sicher positiv ist. Längerfristig gesehen aber dürfte der Mangel an
fruchtbaren Sedimenten, die bisher bei den regelmäßigen Überschwemmungen des
Jangtsekiang die Felder natürlich düngten, der Landwirtschaft eher schaden.
Außerdem bleibt natürlich immer die Gefahr eines Erdbebens oder Unfalls am
Staudamm, der laut Aussagen führender chinesischer Militärs zu einer
Katastrophe vergleichbar einem atomaren GAU führen würde. Darum gab es die
größten Skeptiker gegen das Projekt auch bis 1992 immer auf Seiten der
Armee, die in dem Damm eine Achillesferse der chinesischen
Landesverteidigung sah. Hinzu kommt das Problem der Wasserverschmutzung.
Dies führte immerhin dazu, dass in den letzten Jahren 1500 Fabriken am
Jangtsekiang geschlossen und bei rund 70 weiteren moderne Kläranlagen
eingebaut wurden.
Doch die enorme Bodenerosion und die Vernichtung des Lebensraumes bedrohter
Tierarten machen deutlich, dass die Wasserschutzmaßnahmen bei weitem nicht
ausreichen. Sie sind allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Darum ist
es umso zynischer, wenn die Menschenrechtsverletzungen, die
Massenvertreibungen von Millionen Menschen und die brutale Unterdrückung
jeder Kritik in der Bevölkerung durch einen Verweis auf den "Umweltschutz"
legitimiert werden.
Es ist skandalös, wenn der horrende Raubbau an dem einmaligen Ökosystem
Jangtsekiang nun durch angebliche "Öko-Maßnahmen" vertuscht und weggeredet
werden soll. Die dort siedelnden Menschen wurden und werden rücksichtslos
aus ihrer Heimat vertrieben und durch korrupte Kader um ihre ärmliche
Entschädigung betrogen. Spätestens wenn diese Menschenrechtsverletzungen mit
fadenscheinigen Umweltschutz-Argumenten begründet werden, müssen auch
ökologisch interessierte Menschen hellhörig werden. An der Existenz des
Staudammes lässt sich freilich nichts mehr ändern. Für den Bau einer Abfolge
kleinerer Dämme mit einer höheren Leistung als der eine Mega-Damm ist es zu
spät, obwohl diese Lösung für Mensch und Umwelt schonender gewesen wäre.
Aber zumindest müssen die mit dem Drei-Schluchten-Staudamm verbundenen
Probleme und Missstände im Bewusstsein der Öffentlichkeit - auch hier in
Deutschland - gehalten werden. Die konkreten Auswirkungen von Protesten
werden sich erfahrungsgemäß leider in Grenzen halten. Dennoch darf der
Missbrauch des Arguments "Umweltschutz" in den Parolen der Pekinger Führung
zur Rechtfertigung von millionenfachen Vertreibungen nicht unwidersprochen
bleiben.
Oliver Nowak
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2007 / Januar 2008
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