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Biokraftstoffe in die richtigen Kanäle leiten
Die Blauäugigkeit ist erschütternd, die Jean Ziegler als
UN-Sonderberichterstatter zum »Menschenrecht auf Nahrung« in seinem
Zwischenbericht an die Vollversammlung der Vereinigten Nationen an den Tag
legt. Nachdem er die kommerziellen und strategischen Interessen hinter dem
derzeitigen Boom bei Biokraftstoffen benannt hat, fällt ihm nichts weiter
ein, als ein fünfjähriges Moratorium vorzuschlagen. In dieser Zeit sollen
die Auswirkungen auf die Welternährungslage, aber auch auf soziale und
ökologische Aspekte sowie die Menschenrechte untersucht werden. Die Kräfte,
die ihr massives Interesse an Biokraftstoffen erklärt haben, werden schnell
zur Tagesordnung übergehen.
Damit reiht sich ein weiterer prominenter Kritiker in die Phalanx ein, die
über alle politischen Grenzen hinweg die Sinnfälligkeit von Biokraftstoffen
in Frage stellt. Als Ikone der antiimperialistischen Linken hat sich Fidel
Castro dazu erklärt und wird wohlwollend von denen zitiert, die ansonsten
kaum für den kubanischen Weg zu begeistern sind. Auch Jean Ziegler zitiert
den kubanischen Staatchef mit dem Satz, dass es eine »unheilvolle Idee sei,
aus Nahrung Treibstoff« zu machen und zeigt damit eigentlich nur, wie wenig
beide von der Angelegenheit verstanden haben.
Schon immer wurden Substanzen, die auch als Nahrung dienen können, zu
anderen Zwecken benutzt. Angefangen vom Olivenöl, das Römer und Griechen in
ihre Lampen gefüllt haben, bis hin zu den erklecklichen Mengen Palmöl, die
der Ausgangsstoff für moderne Waschmittel sind. Ein Zehntel der Rohstoffe
für die Chemische Industrie wächst auf Äckern und Plantagen. Das hat
jahrzehntelang niemand interessiert. Es wurde erst zum emotional
aufgeladenen Thema, seitdem das Auto im Spiel ist.
Aber selbst das Auto war von Anfang an dabei. Nachdem sich Alkohol im 18.
und 19. Jahrhundert als beliebter Brennstoff für Lampen etablieren konnte,
wurden auch kleine Motoren damit betrieben, die Kleinunternehmern als
Alternative zur Wasserkraft eine unabhängige und zuverlässige Energiequelle
boten. Als die Motoren in Fahrzeuge eingebaut wurden, war der Alkohol mit
dabei. Die heute noch übliche Bezeichnung »Sprit« ist vom »Spiritus«
abgeleitet, der einen Marktanteil von bis zu 25 Prozent hatte, aber den
aufkommenden Ölkonzernen ein Dorn im Auge war. In den USA wurde der
Treibstoff dezentral von Brennereien auf dem flachen Land angeboten. Wie der
lästige Konkurrent schließlich in die Knie gezwungen wurde, ist eine
Geschichte für sich.
Voller Tank oder voller Bauch
... auf diesen plakativen Spruch wird das Problem gern verkürzt. Damit wird
unterstellt, es sei nicht genug Nahrung für alle da und die Herstellung von
Biokraftstoffen werde den Hungernden auf der Welt ihre letzte Hoffnung
nehmen, jemals satt zu werden.
Hunger ist selten eine Folge eines absoluten Mangels an Lebensmitteln,
sondern meist einer ungerechten Verteilung. Es ist mehr als genug da, um
alle satt zu bekommen. Doch das ertragreiche Land ist ungerecht verteilt.
Nicht selten sind es auch Kriege, die Menschen davon abhalten, ihre Ernte
einzubringen.
Jean Ziegler sitzt dem Mythos auf, den Hungernden könne wirksam durch
Lebensmittelhilfen aus Industrieländern geholfen werden. Insbesondere
Vertreter der Kirchen konstruieren daraus eine »Ethikdebatte« und können
sich der Zustimmung vieler sicher sein, wenn sie sagen, dass man »Brot nicht
verbrennen« dürfe. Abgesehen davon, dass überschüssiger Roggen aus der
Uckermark auch zu Brot gebacken in weiten Teilen der Welt auf wenig Zuspruch
stoßen dürfte, haben gerade die kirchlichen Hilfsorganisationen wie »Brot
für die Welt« in den letzten Jahrzehnten immer wieder betont, dass solche
Hilfslieferungen oft kontraproduktiv sind, und sie haben stattdessen
versucht den Menschen dabei zu helfen, ihre Nahrung selbst herzustellen.
Es sind nicht nur die billigen T-Shirts aus der Altkleidersammlung, die in
Afrika die lokale Textilbranche in den Ruin treiben, sondern die Märkte
werden auch systematisch mit heruntersubventionierten Lebensmitteln
überschwemmt. In Kamerun haben gefrorene Hühnerschenkel aus der EU, wo nur
die Hühnerbrust in die Gefriertruhe kommt, die einheimischen
Hühnerproduzenten, die ihre Ware komplett und lebend verkaufen, beinahe in
den Ruin getrieben. In diesem Fall gab es Gegenwehr.
Jean Ziegler erwähnt die gestiegenen Maispreise in Mexiko, die im Januar
2007 zu einer Verteuerung des Grundnahrungsmittels Tortilla geführt hat. Man
kann ihm nur zustimmen, wenn er schreibt: »Obwohl Mexiko traditionell ein
Exporteur von Mais war, ist es zum Importeur aufgrund der
'Freihandels-Abkommen' geworden, die auf dem mexikanischen Markt zu einem
unfairen Wettbewerb mit subventionierten Mais-Importen aus den USA geführt
haben und die einheimische Produktion verdrängt haben.« Aber mehr, als dass
es »ernsthafte Risiken« für die Staaten gebe, die Grundnahrungsmittel
importieren, mag er daraus nicht ableiten.
Ziegler stellt eine Erhöhung bei den Preisen für Agrarprodukte fest, meint
aber, dass nicht einmal die Bauern davon profitieren würden. Die Kleinbauern
hätten zuwenig Fläche und müssten selbst teuere Nahrungsmittel zukaufen.
Für ewig am Tropf der Industriestaaten
Die implizite Logik des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen ist,
dass bestimmte Länder für alle Zeiten am Tropf der Industriestaaten hängen
werden, von denen sie mit billigen Grundnahrungsmittel versorgt werden. Das
impliziert auch die Anerkennung der These, dass diese Industriestaaten, vor
allem die USA (»We feed the world«), diese Agrarprodukte effizienter und
billiger herstellen können als betreffenden Länder selbst.
Doch diese Behauptung, die das Leitbild der modernen Agrartechnik darstellt,
wird zunehmend in Frage gestellt, da sich die verheerenden ökologischen
Folgen der in den industriell entwickelten Ländern üblichen Form von
Landnutzung immer klarer abzeichnen.
Das Aussaugen tropischer Länder ist nichts Neues
Aber seit Jahrhunderten wird an der Herstellung und Festigung einer
Weltordnung gearbeitet, bei der vor allem die Länder in tropischen Regionen
reine Zulieferbetriebe für die Industrieländer sind. Sie mussten seit der
Kolonialzeit Rohstoffe liefern, wie Kautschuk oder Indigo und Genussmittel,
wie Kaffee oder Kakao. Dafür wurde in großem Stil die ursprüngliche
Bepflanzung in Monokulturen umgewandelt - für den Anbau von Nahrungsmitteln
genutzte Fläche ebenso wie ursprünglicher Wald. Die erzeugten Produkte
wurden keineswegs im Ursprungsland veredelt, was technisch durchaus möglich
wäre. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Begierde der Industrieländer
auf Tropenholz, pflanzliche Öle, Zellstoff, Soja oder auch Rindfleisch für
Imbissketten verlagert.
Kaum jemand von denen, die jetzt wortreich gegen die Biokraftstoffe
argumentieren, spricht darüber, wieviel Ackerland den Hungernden dadurch
entzogen wurde, dass seit einigen Jahrzehnten Sojabohnen angebaut werden,
die einzig und allein als Kraftfutter beim Mästen von Tieren gebraucht
werden. Ohne diese Proteinpakete wäre das Elend der Massentierhaltung, bei
dem Schweine in Rekordzeit auf ihr Schlachtgewicht gemästet werden oder
Turbokühe 10.000 Liter Milch im Jahr geben, schlicht nicht möglich.
Den Kritikern von Biokraftstoffen ist selten bewusst, dass bei der
Umwandlung von pflanzlichem Eiweiß in das begehrte tierische Eiweiß ungefähr
90 Prozent als glatter Verlust zu verbuchen sind. Aber treu und brav wird
die Botschaft nachgebetet, dass sich beispielsweise die Chinesen ihrer
eigentlich geradezu modellhaft gesunden Kost aus Reis, Hülsenfrüchten und
Gemüse mit geringem Fleischanteil verabschieden und sich künftig von
Fastfood ernähren.
Vertreibung der Bevölkerung ist alles andere als ein neues Problem
Jean Ziegler führt einige Beispiele an, die ihm von
Menschenrechtsorganisationen zugearbeitet worden sind und erläutern, wie
etwa in Paraguay die einheimische Bevölkerung vertrieben wurde, um für den
Anbau von Soja Raum zu schaffen. Allerdings sind solche Beispiele kaum als
Argumente gegen Biokraftstoffe geeignet, denn das hat bereits 1990 begonnen,
zu einem Zeitpunkt also, als Biokraftstoffe überhaupt noch kein Thema waren.
Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Jean Ziegler besser herausgearbeitet
hätte, dass an dem Biokraftstoff-Boom im Moment genau die Unternehmen
beteiligt sind, die in der Vergangenheit an Bananen, Soja, Rindfleisch,
Tropenholz oder Zellulose verdient haben. Sie wenden die selben Methoden an,
die sich ihrer Meinung nach bewährt haben. Sie haben noch nie freiwillig
Rücksicht auf Naturschutzgebiete oder die Interessen der einheimischen
Bevölkerung genommen. Es ist kein Zufall, dass gerade in Mittel- und
Südamerika über lange Jahre Militärdiktaturen an der Macht gehalten wurden,
die wenig auf Demokratie und Menschenrechte gegeben haben. Mit dem
wachsenden Interesse an den Bedingungen, unter denen Palmöl in Südostasien
erzeugt wird, bemerkt man plötzlich, dass dort genau die selben Verhältnisse
geherrscht haben. Die Information war bisher nur nicht über den engen Kreis
von Solidaritätsgruppen hinausgekommen.
Erst seit in Europa darüber nachgedacht wird, billiges Palmöl statt teurem
Erdöl in Kraftwerken oder in Autos einzusetzen, erreichen die Botschaften
über die Zerstörung des Regenwalds die Medien. Was seit Jahrzehnten gängige
Praxis ist, um Waschmittel, Margarine, Mayonnaise oder industrielle
Schmierstoffe herzustellen, wird nun ausschließlich den Biokraftstoffen
angelastet.
Besonders rührig ist die Organisation "Rettet den Regenwald", die seit 2006
keine Gelegenheit auslässt, um gegen Biokraftstoffe zu schießen. Was davon
in den Medien ankommt, blendet säuberlich aus, welche Schäden im Regenwald
in den Jahrzehnten davor angerichtet wurden. Nur die Biokraftstoffe sind der
Übeltäter - und auch immer mehr Umweltgruppen glauben das.
Moratorium - aber bitte konsequent
Jean Ziegler hat nicht zu einem Moratorium bei der Herstellung von
Waschmitteln aufgerufen. Er hat niemand gebeten, weniger Fleisch zu essen
oder mit dem Klopapier sparsamer umzugehen. Er hat auch kein Wort über die
Branche der Biotechnologie verloren, die einer der größten Abnehmer von
Zucker ist und die damit unbemerkt von der Öffentlichkeit viele mehr oder
weniger nützliche Dinge herstellt. Zitronensäure für »biologische«
Reinigungsmittel zum Beispiel.
Ziegler zitiert die brasilianische Landlosenbewegung MST (Movimento dos
Trabalhadore Rurais Sem Terra), die zu Recht die Sklaverei auf den
Zuckerrohrfeldern anprangert. Allerdings muss er auch zugestehen, dass ein
Drittel des Zuckerrohrs in Brasilien bei den von ihm geschätzten Kleinbauern
wächst.
Die Vorstellung, dass sich Kleinbauern zusammentun und in Genossenschaften
ein ausgewogenes Verhältnis von Nahrung und Kraftstoff produzieren könnten,
ist Jean Ziegler offensichtlich ebenso fremd wie den meisten anderen
Kritikern. Aber schon die zitierte MST argumentiert moderater und weiß
zwischen bäuerlichen Kooperativen und Agrarmultis zu differenzieren, auch
wenn sie letztlich mit demselben Produkt, sei es Kaffee oder Biokraftstoff,
zu tun haben.
Ziegler sitzt wieder dem Mythos der »Biokraftstoffe der zweiten Generation«
auf, die angeblich nur die Reststoffe aus der Landwirtschaft verwerten
sollen. Aber einerseits gehen die meisten Fachleute davon aus, dass es noch
einige Jahrzehnte dauern wird, bis die Verfahren in die großtechnische
Produktion überführt werden können, und andererseits gibt es überhaupt
keinen Grund zu der Annahme, dass dies auch den erhofften Effekt haben wird.
Wenn man demnächst aus Zellulose Ethanol herstellen kann, dann wird man
Pflanzen anbauen, die möglichst viel dieser Zellulose liefern, und auf die
essbaren Teile gerne verzichten. In bewährter Monokultur, mit Kunstdünger
und Pestiziden.
Nur ein Job für die Großkonzerne?
Auch Jean Ziegler kann sich nicht von der Vorstellung freimachen, dass
Biokraftstoffe nur ein Geschäftsfeld für die großen und multinationalen
Konzerne seien. Natürlich engagieren sich hier Weltkonzerne wie Monsanto,
Archer Daniels Midland oder Cargill, aber nicht weil sie eine besondere
Neigung zu Biokraftstoffen hätten, sondern weil es im Wesentlichen ein
Gebiet ist, in dem sie schon immer präsent und dominierend waren. Die letzte
Etappe, die Destillation von Ethanol oder die Umesterung von Pflanzenöl zu
Biodiesel, ist kein wirklich großer Schritt mehr, wenn man vorher Saatgut,
Dünger, Pflanzenschutzmittel oder Maschinen verkauft hat, mit Zucker oder
Soja handelt und die meisten Bestandteile der Prozesskette ohnehin schon im
Konzern hat.
Dabei geht unter, dass viele Formen von Biokraftstoffen in regionalem und
dezentralem Rahmen sehr effektiv produziert werden können. Die Technik ist
überschaubar und kostengünstig. Aber hysterisierte Umwelt- und Naturschützer
wollen das nicht zur Kenntnis nehmen und werfen alles in einen Topf. Wer für
eine angepasste Nutzung von Biokraftstoffen eintritt - was eine Optimierung
des Verbrauchs und eine Vermeidung von Verkehr einschließt -, wird als
williger Erfüllungsgehilfe der Großkonzerne abgestempelt.
Man kennt genügsame Ölpflanzen, die auch in ariden Gebieten wachsen. Es gibt
Pflanzen, die eigentlich nur zum Erosionsschutz angepflanzt werden, die aber
auch als Brennstoff genutzt werden können. Biokraftstoffe sind ein
vernünftiger Ansatz, wie sich ländliche Gebiete vom Diktat der Ölkonzerne
befreien können und trotzdem einen Energieträger zur Verfügung haben, mit
dem Busse und Lokomotiven fahren können oder der Strom in abgelegene
Ortschaften bringt, wo sich kein Kabel lohnt.
Das romantische Bild vom kleinen Campesino, der seine Felder auf dem
Pferderücken beaufsichtigt und die Ernte mit dem Eselskarren zum Markt
fährt, unterschägt die Tatsache, dass auch Zug- und Reittiere Futter
brauchen. Jeden Tag. Für Mitteleuropa kann man davon ausgehen, dass für die
Absicherung derartiger »Mobilität« rund ein Drittel der Agrarfläche als
Weide oder für den Anbau von Futterpflanzen abgezweigt werden müssen und
nicht für Lebensmittelproduktion zur Verfügung stehen.
Die kraftstotzenden Zugochsen wollten ihren Treibstoff auch, wenn gerade
nichts zu pflügen war. Da schien der Traktor die bessere Alternative zu
sein, der nur etwas schluckt, wenn er etwas leistet. Erdöl schien ja in
unbegrenzten Mengen da zu sein, so hat man in der Mitte des 20. Jahrhunderts
gedacht, als die Zugtiere abgeschafft wurden und Porsche noch Traktoren
gebaut hat. "Öl schafft Nahrung" wurde damals geworben.
Es muss kein Öl ins Zuckerrohr
Heute, nachdem sich dieses System etablieren konnte, wird von Kritikern der
Biokraftstoffe unentwegt vorgerechnet, wieviel fossiler Treibstoff bereits
in den landwirtschaftlichen Produkten steckt, und sie kommen nicht selten zu
dem Ergebnis, dass man es lieber ganz bleiben lassen solle.
In Mitteleuropa kann selbst ein Biobetrieb energieautark wirtschaften und
muss allenfalls ein Zehntel seiner Fläche für energetische Zwecke
reservieren. Das ist trotz moderner Maschinen und höherer Lebensqualität nur
ein Drittel des einstigen Wertes mit Zugtieren. In den tropischen Ländern
stellt sich das Verhältnis noch günstiger dar. Zuckerfabriken und Ölmühlen
können viel mehr Strom erzeugen, als sie selbst brauchen und ganze Regionen
versorgen.
Es hat viele Gründe, warum sie es noch nicht tun, denn selbst in Deutschland
ist es noch keine zehn Jahre her, dass die Stromerzeugung aus Biomasse
höchst skeptisch betrachet wurde. Heute ist es der Exportschlager und
deutsche Motoren erzeugen Strom aus kubanischem Biogas.
Der Bericht von Jean Ziegler an die Vollversammlung der Vereinten Nationen
war auch in diesem Punkt in keiner Weise hilfreich und sollte dringend
nachgebessert werden. Er war ja nur als Zwischenbericht bezeichnet worden,
sodass vielleicht noch Hoffnung besteht.
Roland Schnell
http://www.fnbb.org/
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