Nadeshda
Forum: cl.medien.raberalf
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>

Gemeinschaftliche Dachgaerten als attraktive Wohnform fuer Mieter in der Grossstadt

Dachgärten für alle

Erholung auf Berliner Dächern statt im Park

Endlos lange Alleen voller Verkehr, große belebte Plätze und hier und da ein Einkaufszentrum - so erleben viele tagtäglich die Berliner Innenstadt. Es mangelt einem in der Hauptstadt nicht an Dienst- und Warenleistungen, doch was ist mit Gesundheit? Was ist mit Erholung in der Natur, mit Durchatmen an frischer Luft? Zwar gibt es Parks, doch sind diese oft verdreckt und auf beruhigende Erholung und wohltuendes Alleinsein hofft man vergebens. Der Trend in Großstädten ist eindeutig: Die Natur leidet und Grünflächen weichen allmählich farblosen und gläsernen Fassaden.

Gegen diesen Trend setzt sich die Umweltaktivistin Silke Kollwitz ein. In ihrer Heimatstadt Berlin möchte sie dafür sorgen, dass mehr Grünflächen entstehen, die für alle leicht zugänglich sind und nebenbei auch zur Luftverbesserung dienen. Es sollen nicht nur neue Parks gebaut oder die bereits bestehenden Parks besser gepflegt werden. Kollwitz dachte sich: Wenn in der Großstadt schon alles voller Häuser ist, warum dann nicht die Dachflächen eben dieser vielen Häuser begrünen und für die Bewohner zugänglich machen? Immerhin rund ein Drittel der horizontalen Fläche in Berlins Innenstadt machen die Dächer aus.

Für genau diese Sache gründete Silke Kollwitz den Verein "Dachgärten für alle!". Er hat sich zum Ziel gesetzt, den gemeinschaftlichen Dachgarten als attraktive Wohnform für Mieter von Wohnungen in der Großstadt anzupreisen und umsetzbare Konzepte für den Umbau von Dächern zu entwickeln. "Der Gemeinschaftsdachgarten wäre der ideale Ort, um seine Nachbarn kennen zu lernen", so Kollwitz. "Während man die Sonne genießt, ist man viel aufgeschlossener und freundlicher gestimmt, als wenn man im Hof den Mülleimer ausleert", meint sie.

Dachgärten nur für Reiche?

Derzeit ist die Situation so, dass die meisten vorhandenen Dachgärten auf den Häusern in der Stadt zu teuren Penthouse-Wohnungen gehören, also nur wenigen, wohlhabenden Leuten zugänglich sind. Bewohner der unteren Etagen bekommen vor allem im Winter nur wenig Sonne in ihre Wohnungen. Im Sommer ist es stickig in den Häuserschluchten und die Parks sind überfüllt. Gerade hier wäre ein Dachgarten, den alle Nachbarn teilen, eine angenehme Alternative für die weniger wohlhabenden Berliner.

Mehr Dachgärten, die für alle Mieter eines Hauses zugänglich sind, hätten in der Tat einige Vorteile in gesundheitlicher, sozialer und umweltpolitischer Hinsicht. Denn der Mensch braucht Sonnenlicht, um das wertvolle Vitamin D bilden zu können und gerade in der Großstadt mangelt es vielen an gesunder Sonnenstrahlung. Dies führt nicht selten zu depressiven Verstimmungen und Antriebslosigkeit bei vielen Großstädtern.

Um zu einer gesunden Dosis Sonne zu kommen, auch bei wechselhaftem Wetter, wäre es von großem Vorteil, wenn man "mal eben" aufs eigene Dach gehen und sich kurz sonnen könnte. Auch bliebe man dort verschont vom hektischen Großstadtalltag, den der Spaziergang zum nächsten Park mit sich brächte und könnte sich prima erholen. Auf dem Dach haben die Berliner Weitblick und sind nicht von allen Seiten mit Mauern umgeben. Es ist dort ruhiger als in den Häuserschluchten und das beengende Gefühl, immer nur in einem riesigen Häusermeer eingeschlossen zu sein, kann für einige Augenblicke vergessen werden. Auch lässt sich in dieser freien Höhe ein Sonnenauf- und Untergang oder ein Sternenhimmel allein oder mit Freunden wunderbar genießen. Für Städter sicher eine der angenehmsten Arten der Erholung. Ein positiver Nebeneffekt eines zugänglichen Dachgartens kann auch die Begegnung mit Nachbarn sein. Eine Begegnung in entspannter, angenehmer Atmosphäre, in der man leichter ins Gespräch kommt und eher Kontakte knüpft, als im Treppenhaus oder im grauen Innenhof. Vielleicht brächte dies ein gemeinschaftlicheres Wohnen mit sich und würde der tristen Großstadtanonymität ein wenig entgegenwirken.

Begrünte Dächer tragen natürlich auch zur Luftverbesserung in Städten bei, da Pflanzen Sauerstoff produzieren. Außerdem könnte eine mit Erde, Substrat und Pflanzen angelegte Dachfläche als zusätzlicher Wasserspeicher dienen, wodurch weniger Regenwasser in die Kanalisation gelangen würde. "Das kann den Hausbesitzern die Hälfte der Abwasserkosten sparen", meint Silke Kollwitz. Ein weiterer Vorteil für Hauser wäre eine erhöhte Wärmedämmung durch die Erdschicht auf dem Dach. Hierdurch könnte Heizenergie eingespart werden.

Zur Realisierung der Idee der "Dachgärten für alle" müssten in erster Linie die Hauseigentümer von den Vorteilen überzeugt werden. Es müssten realisierbare Konzepte zum Aus- und Umbau von Dächern vorgelegt werden.

Wohnungssuchende sollten gezielt bei Maklern und Hausverwaltungen nach Wohnungen mit Gemeinschaftsdachgärten nachfragen. Ebenso sollten Wohnungseigentümer bei ihren Hausversammlungen einen Dachgarten als neue Investition vorschlagen.

Ein weiterer Vorteil für Hausbesitzer wäre auch die steigende Attraktivität von Wohnungen der unteren Etagen. Denn auch wenn diese Wohnungen wenig bis keine Sonne abbekommen, würden Mieter möglicherweise eher einziehen, wenn sie die Möglichkeit haben, einen Dachgarten zu nutzen. Leerstand würde eher vermieden. Für den Hauseigentümer wäre die Anlage eines Dachgartens zwar eine größere Investition, doch eine, die sich aufgrund der Steigerung der Wohnqualität für die Mieter auszahlen würde.

Dächernutzung im Visier der Wissenschaft

Nicht nur Silke Kollwitz mit ihrem Dachgarten-Verein weist auf die Vorteile der Begrünung von Dachflächen hin. Ein internationales Forscherteam hat in der Fachzeitschrift Bioscience auf die Vorteile der Nutzung dieser großen Flächen hingewiesen und nennt die gleichen Argumente. Die Wissenschaftler sehen Dachgärten allerdings als größere gärtnerische Herausforderung an. Die Bedingungen für Pflanzenwachstum seien auf Dächern ungünstig, da Pflanzen dort teilweise starker Sonneneinstrahlung sowie abwechselnd extremer Trockenheit und Nässe ausgesetzt seien. Hohe Windgeschwindigkeiten tragen den Boden schneller ab und könnten den Pflanzen schaden. Es müssten für die Begrünung von Dachflächen geeignete Pflanzenarten gefunden werden, die unter härteren Bedingungen gedeihen können, so die Wissenschaftler. Auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis müsse genau untersucht werden. Möglicherweise seien Dachgärten nicht das effektivste Mittel, die Umweltprobleme in Städten anzugehen. Zu den Vorteilen der Dachgärten für die Mieter verlieren die Forscher jedoch kein Wort.

Auch andere Experten aus Forschung und Wirtschaft beschäftigen sich mit dem Thema. In Berlin forscht die Technische Universität im Zusammenhang mit Dachphysik über Dachbegrünung. Auch die Fachhochschule in Neubrandenburg beschäftigt sich mit Dachgestaltung ebenso wie die Ufa-Fabrik Berlin. Die Firma Zinco aus Baden-Württemberg entwickelt integrierte Dachkonzepte für Solaranlagen und Dachbegrünung. Eine Nutzung von Dachflächen für Solaranlagen schließe die Nutzung als Grünfläche nicht aus, sondern könne dies sogar noch begünstigen. "Die Wirkung der Photovoltaik-Anlage wird durch die Kombination mit einer Dachbegrünung verbessert", heißt es auf der Internetseite der Firma. Die Verdunstungskühlung durch die Pflanzen stelle eine günstig niedrige Umgebungstemperatur sicher.

Was können die Berliner tun, wenn sie sich einen Dachgarten auf ihrem Haus wünschen? Auf ihrer Internetseite hat Silke Kollwitz einen Musterbrief veröffentlicht, den man an seinen Vermieter bzw. Hauseigentümer senden kann. Schließlich ist er es, der überzeugt werden muss, um die Sache in Gang zu bringen. In dem Musterbrief sind alle Argumente übersichtlich zusammengefasst. Es müssen aber auch die Mieter abwägen, ob sie bereit sind, möglicherweise mehr Miete zu zahlen für die zusätzliche Nutzung eines Dachgartens und ob sie dessen Pflege auf sich nehmen wollen.

Ingo Kirchhoff

www.dachgaertenfueralle.de
www.ufafabrik.de/oekologie
www.zinco.de

--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/ März 2008 Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf

03.04.08    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>
Forum: cl.medien.raberalf