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Punukula ist pestizidfrei - Die Erfolgsgeschichte eines suedindischen Dorfes

Punukula ist pestizidfrei

Die Erfolgsgeschichte eines südindischen Dorfes

Zusammen mit der Nicht-Regierungs-Organisation SECURE haben die ASW-Partnerorganisation Centre for World Solidarity (CWS) in Hyderabad und das angegliederte CSA (Centre for Sustainable Agriculture) in den Jahren 2001 bis 2004 im Dorf Punukula ein Programm zum pestizidfreien Landbau ("Non Pesticide Management", NPM) umgesetzt. Der folgende Beitrag beschreibt, wie die 189 bäuerlichen Haushalte nach und nach für die Idee des natürlichen Pflanzenschutzes gewonnen werden konnten. Seit 2004 kommen in Punukula keine Chemikalien mehr zum Einsatz.

Punukula im Pestizidwahn

Die Bauern des Dorfes Punukula im Khammam-Distrikt in Andhra Pradesh hatten sich erst spät auf den Weg der "modernen" Landwirtschaft begeben. 1990 ließen sich zwei Farmerfamilien aus dem Gunturdistrikt in Punukula nieder. Sie brachten den Baumwollanbau mit. Etliche Bauern aus Punukula, die zuvor nur Kichererbsen und Linsen angebaut hatten, waren angetan von ihrem Beispiel und stellten auch auf Baumwolle um.

Pestizidhändler der Umgebung erkannten schnell, dass sich hier ein Marktpotential auftat und schickten ihre Vertreter ins Dorf. Die mehrheitlich analphabetischen Bauern verließen sich auf die Informationen, die sie von den Händlern erhielten und kauften die empfohlenen Chemikalien in der empfohlenen Menge.

Bald erlagen sie der Versuchung, möglichst große Mengen verschiedener Pestizide auf ihren Baumwollfeldern auszubringen, in der Hoffnung, dass viel auch viel hilft gegen alle möglichen Pflanzenschädlinge. Wenn diese sich aber weiterhin munter vermehrten, reagierten die Bauern einfach mit noch mehr Gift.

Die unwissenden Farmer begannen, auch andere Pflanzen mit Pestiziden zu besprühen, für die sie gar nicht geeignet waren. Die angepflanzten Chilis zum Beispiel verloren durch die Chemiedusche ihre Farbe und ließen sich nur noch zu sehr schlechten Preisen vermarkten. Schließlich gab es bei den Bauern des Dorfes immer mehr Vergiftungsfälle, die ärztlich behandelt werden mussten.

Der Beginn der Transformation

Beflügelt von Erfolgen in einigen Dörfern der Umgebung ging die vom CWS unterstützte NGO SECURE im Jahr 2000 auch auf die Bauern in Punukula zu und versuchte sie für ein NPM-Programm zu gewinnen. Schon zuvor hatte SECURE Punukulas Farmer zu ihrer Lebenssituation befragt und hatte erfahren, dass das Einkommen vieler Farmer zurückgegangen war und sie sich zu verschulden begannen. Trotzdem waren viele von ihnen noch nicht bereit, den Baumwollanbau aufzugeben. SECURE sah das auch als eine Chance. Wenn es gelänge, gerade bei der üblicherweise mit besonders hohen Pestiziddosen angebauten Baumwolle Erfolge mit biologischen Methoden zu erzielen, dann würden die Bauern sich bei anderen Feldfrüchten leicht von NPM überzeugen lassen.

Von Vorteil war auch, dass SECURE schon zuvor ein
Wasserbewirtschaftungsprogramm in Punukula gestartet hatte. Fünf Frauenselbsthilfegruppen und ein 'Watershed'-Komitee halfen mit, acht Farmer für ein Pilotprogramm in NPM bei Baumwollanbau zu gewinnen. Im Watershed-Komitee sitzen Vertreter aller Familien des Dorfes. ie beraten und entscheiden gemeinsam über wichtige Weichenstellungen bei der Wasserbewirtschaftung und formulieren Regeln für die Nutzung des Landes.

Andere Bauern allerdings hielten hartnäckig an ihren konventionellen Anbaumethoden fest. "Wir spotteten über die Idee, den chemischen Pflanzenschutz aufzugeben. Wenn nicht einmal die stärksten Pestizide den Schädlingen etwas anhaben konnten, wie sollten dann Neempräparate etwas bewirken?" gibt der Bauer Margam Muthaiah heute zu.

Das Pilotprojekt war erfolgreich. Die Bauern konnten sich bereits nach zwei Jahren über die Verbesserung ihrer Einkommenssituation freuen, denn die Ausgaben für den Pflanzenschutz waren merklich zurückgegangen. Sie liegen beim konventionellen Anbau bei 30 bis 40 Prozent der gesamten Ausgaben.

2002-2003 bezog SECURE weitere Bauern in das Programm ein und weitete den biologischen Anbau auch auf andere Produkte wie Linsen, Reis und Chili aus. 59 Bauern waren jetzt dabei, und 58 Hektar wurden nach den Prinzipien von NPM bebaut. 2004 war es dann soweit, dass die gesamte Anbaufläche in Punukula auf NPM umgestellt war. Punukula war ein pestizidfreies Dorf geworden.

Der soziale Prozess

Der Erfolg des Modells Punukula verdankt sich einer guten Kooperation von Farmern, der NGO SECURE und dem CWS/ CSA. Ganz wichtig war dabei der Prozess, den die Farmer durchmachten, nachdem sie von SECURE die nötigen Denkanstöße erhalten hatten. Und natürlich der Kontakt, den sie untereinander herstellten. "Sie sahen, wie andere Bauern NPM praktizierten. Das bedeutete mehr als alles, was wir in unseren Workshops vermitteln konnten", sagt Venumadhav von SECURE.
Nicht zu unterschätzen ist auch der Beitrag der Frauen-Selbsthilfegruppen. Sie nahmen von Anbeginn an an allen Workshops teil und ließen sich schneller als die Männer von den Vorteilen des NPM überzeugen. Sie waren bereit, zusätzliche Energie und Zeit in die Beschaffung wichtiger Materialien und in die Herstellung von Extrakten für den Pflanzenschutz zu investieren. Sie diskutierten mit anderen Frauen über den Zustand ihrer Pflanzen und tauschten Erfahrungen aus.

Im Jahr 2004 schließlich kauften die Frauengruppen mit Unterstützung des CWS eine Neemkern-Stampfmaschine. Dadurch entstanden auch zwei zusätzliche Jobs. Zwei Frauen arbeiten jetzt ganztags an der Maschine.

Die Ausstrahlung des Modells

Nachdem die pestizidfreie Landwirtschaft vom CSA in Punukula und weiteren ausgewählten Dörfern zum Laufen gebracht worden war, verbreitete sich die Idee durch Mund-zu-Mund-Propaganda auch auf andere Dörfer. Aber es gab auch von SECURE angestoßene strukturierte Prozesse. Bauern, die die Methode seit zwei Jahren erfolgreich angewendet hatten, gingen zur Weitergabe ihres Wissens in andere Dörfer.

Obwohl bislang nur 1034 Farmer direkt in den von CSA organisierten Workshops geschult wurden, wirtschaften schon 4624 Bauern in insgesamt 92 Dörfern chemiefrei. Mehr als 3000 von ihnen haben ihr Know-How von anderen Bauern erhalten.

Die zunehmende Attraktivität von NPM in Andhra Pradesh überrascht angesichts der geringeren Ausgaben für NPM im Vergleich zu konventionellem Anbau nicht. Viele Bauern in Punukula und Umgebung, die sich mit dem Einstieg in den Baumwollanbau hoch verschuldet hatten, sind jetzt schuldenfrei.


Chemiefreier Pflanzenschutz

Die Prinzipien von NPM

  1. Der Lebenszyklus von schädlichen Insekten muss verstanden werden. Im Ei-, Verpuppungs- und Erwachsenenstadium sind Insekten harmlos. Nur im Larvenstadium schädigen sie die Pflanze.
  2. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Insekt in jedem Stadium seiner Entwicklung zu kontrollieren (präventiver Ansatz). Im Unterschied dazu bekämpft der chemische Pflanzenschutz die Tiere nur im Larvenstadium, das heißt, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Außerdem unterliegt er dem Missverständnis, man könne Schädlinge nur kontrollieren, indem man sie tötet.
  3. (Wieder-)Herstellung einer natürlichen Balance verschiedener Insekten und anderer Lebewesen auf den Feldern, die sich gegenseitig kontrollieren
  4. Im Sommer müssen die Felder tief gepflügt werden
  5. Diversität von Anbaufrüchten auf den Feldern, keine Monokulturen
  6. Inmitten der Hauptanbaufrüchte sollten auch schädlingsvertreibende Pflanzen wachsen
  7. Stärkung der natürlichen Abwehrkräfte der Pflanzen durch organische Düngung
  8. Saugende Insekten und Bollwurm können mit Neemkernauszügen und mit Chili-Knoblauch-Extrakt bekämpft werden
  9. Blattläuse und -fliegen lassen sich mit Kuhdung und Urinextrakt kontrollieren
  10. Um Motten anzulocken, sollten auf den Feldern Lichtfallen aufgestellt werden
  11. ...und zur Überprüfung des Vorkommens schädlicher Insekten Pheromon-Fallen

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April / Mai 2008 Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf

03.04.08    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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