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Welt der Zwerge
Nanotechnologie wird die Welt verändern. Warum reden wir so wenig darüber?
Seit über einem halben Jahrhundert debatttieren wir über die Kernenergie und
schon ziemlich lange über Gentechnik, aber wir haben es zugelassen, dass
sich von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ein neuer Wissenschaftszweig mit
all seinen praktischen Konsequenzen durchgesetzt hat. Das Ergebnis gilt
heute als die Schlüsseltechnologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Gemeint ist die Nanotechnologie. Sie könnte die Welt stärker verändern als
alle technischen Entwicklungen bisher, zum Guten und vielleicht auch zum
Schlimmen - nur wissen die meisten Menschen bisher sehr wenig davon. Wenn
die Medien gelegentlich über "Nano" berichten, dann fast nur über die
großartigen Chancen für die Zukunft. Dafür werden in den Industrieländern
viele Milliarden an Forschungsgeldern investiert. Weniger als ein Prozent
davon fließt in die Untersuchung der Risiken.
Jenseits des Vorstellbaren
Woher rührt die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit? Daher, dass das Thema
so schwer überschaubar ist, dass es unsere Vorstellungskraft übersteigt?
Wird es verdrängt, weil es beängstigende Seiten hat, die in
Science-Fiction-Geschichten weidlich ausgeschmückt werden? Die beteiligten
Unternehmen preisen die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Sie erhoffen sich
einen Innovationsschub für fast alle Branchen. Bisher wird die
Nanotechnologie hauptsächlich für praktische Alltagszwecke genutzt, um etwa
selbstreinigende Oberflächen, kratzfeste Autolacke und transparente
Sonnenschutzmittel herzustellen. Schon jetzt sind mehr als 500 Nano-Produkte
auf dem Markt, darunter auch Lebensmittel und Getränke. 200 Unternehmen, wie
Kraft, Nestlé und Unilever, arbeiten an "Nanofood". Für die Zukunft
verspricht man sich jedoch Lösungen für viele unserer großen Probleme, zum
Beispiel im Umweltschutz, in der Ressourcen- und Energieeffizienz und der
Medizin. Forscher arbeiten an Nanorobotern, die so klein sind, dass sie in
den Körper eingeschleust werden können, um Krankheitserreger zu bekämpfen.
Kleiner, am kleinsten
Ein Nanometer ist ein milliardstel Teil eines Meters. Das ist die
Größenordnung der Atome.
Seit es technisch möglich ist, mit diesen kleinsten Strukturen umzugehen,
arbeiten die Forscher daran, Moleküle in neuen Formen anzuordnen,
Materialien zu verändern oder neu aufzubauen. Bei Partikeln in diesem
Bereich, die nur aus wenigen Molekülen bestehen, verändern sich die
Eigenschaften des Ursprungsmaterials. Das liegt wahrscheinlich an der
Oberfläche, die im Verhältnis zu ihrem Volumen stark vergrößert ist.
Ungiftige Verbindungen, wie zum Beispiel Titandioxid, das in der Kosmektik
verwendet wird, können im Nanomaßstab giftig werden. Aluminiumoxid, Material
für Zahnfüllungen, ist im Nanobereich hochexplosiv. Die Teilchen sind in der
Lage, andere Substanzen anzulagern und sie auf ihren Wegen mitzunehmen. Sie
sind imstande, die Blut-Hirn-Schranke zu durchdringen und das Immunsystem zu
überwinden. Das kann die Medizin nutzen, um Wirkstoffe in den Körper
einzuschleusen. Die Frage ist jedoch, was unerwünschte Nanopartikel im
Körper tun, wenn sie zum Beispiel eingeatmet werden. Können sie in der Lunge
ähnlich wirken wie Asbestfasern? Wir wissen auch nicht, wie sich
Nanopartikel in Wasser, Luft und Böden verhalten. Was geschieht mit den
wasserlöslichen Teilchen, die ins Grundwasser sickern und unterwegs
Giftstoffe wie Cadmium anlagern? Bis heute gibt es keine Richtlinien und
auch keine Deklarationspflicht für Nanomaterialien.
Technologischer Tsunami
Am heikelsten wird es da, wo sich die Grenzen zwischen lebender und lebloser
Materie verwischen. Hier verbindet sich die Nano-Forschung mit der
Gentechnologie zu einer unheimlichen Allianz. Lebende Maschinen, Mischwesen,
die sich selbst reproduzieren können, sind offenbar keine reine Utopie mehr.
Phantasievolle Autoren, wie Michael Crichton, malen sich schon aus, wie
diese Maschinen eines Tages die Macht übernehmen.
Auch wenn die Nanotechologie nicht annähernd so heftig diskutiert wird wie
etwa die Genmanipulation, gibt es doch sachkundige Kritiker, die Moratorien
verlangen, so lange die vielfältigen Risiken ungeklärt sind. Am bekanntesten
ist die kanadische ETC-Group, eine Bürgerrechtsbewegung, die schon zu den
ersten Warnern vor der Gentechnik gehörte. Ihr Geschäftsführer Pat Mooney
schildert in der Zeitschrift "Politische Ökologie"*, was nach Auffassung der
Gruppe auf uns zukommt: "Ein technologischer Tsunami". "Zwei Drittel der
enormen finanziellen Investitionen in diese Technologie fließen in die
Manipulation lebender Organismen, Es geht eben nicht um bessere
Beschichtungen von Bratpfannen ... sondern ganz konkret um die Erschaffung
neuer Lebensformen." Diese könnten sich explosionsartig vermehren und die
Erde bevölkern. Im Laborversuch sollen sie bereits realisiert sein.
Spätestens hier stellt sich die Frage nach einer "Nano-Ethik".
Können wir eine solche Entwicklung akzeptieren? Ließe sie sich in Teilen
überhaupt noch stoppen?
Jedenfalls müssen wir dringend darüber reden.
Marianne Weno
Die Autorin kommentiert monatlich aktuelle Entwicklungen im Umwelt- und
Naturschutz auf www.stiftung-naturschutz.de .
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - August/September 07
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