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Bruder Baum und Schwester Sonne: Umweltschutz mit Papier und Bleistift
Der Karikaturist Freimut Wössner im Portrait
Seine Figuren reden sich um Kopf um Kragen: Fast könnten sie einem leid tun,
die Menschen, die Freimut Wössner unter die Feder geraten - wäre da nicht
dieser liebevolle Strich, der auch noch den bösesten Alltagsbeobachtungen
des Karikaturisten einen Hauch von wohlwollendem Spott verleiht.
Seit über 30 Jahren beschreibt Freimut Wössner in Wort und Strich, was unter
deutschen Dächern los ist. Seine Cartoons und Karikaturen, stete Begleiter
in vielen Printmedien und besonders Berlinern vertraut aus taz und zitty,
widmen sich dem ganz normalen Wahnsinn des privaten und öffentlichen
Alltags, bringen uns zum Lachen, zum Nach- und ganz sicher auch Umdenken.
Freimut Wössner, Jahrgang 1945, wuchs in Stuttgart auf. 1969 verschlug es
ihn nach Berlin. Seinen beruflichen Werdegang fasst er selbst lapidar unter
"branchenübliche Irrungen und Wirrungen" zusammen. Satiriker, Co-Schwabe und
Freund F. W. Bernstein beschreibt Wössners Weg zum Zeichnen so: "Bis in die
70er Jahre hat Freimut Wössner viel gemacht, aber keinen Strich gezeichnet.
Dann absolviert er einen Zeichenkurs in der Volkshochschule Schöneberg.
Seitdem ist er im Gespräch. Er zeichnet Cartoons. Und was für welche! Er
wird zum Chronisten unseres postmodernen Biedermeiers."
Seit 1980 ist Wössner als freischaffender Karikaturist tätig; und so ist es
vielleicht kein Zufall, dass die Umweltbewegung der 80er und das, was daraus
wurde, bis heute zu seinen Lieblingssujets gehören. Mit feinem Ohr und
scharfem Auge beobachtet er die "BioFritzen".
Neben dem Spaß am Spott über Leute der eigenen Couleur liefert Wössner den
Umwelt- und Naturschützern oft Argumente von besonderer Schlagkraft in Wort
und Bild. Sei es das Waldsterben oder der Klimawandel - Wössner praktiziert
Umweltschutz mit Papier und Bleistift, wenn er den Opa inmitten einer toten
Waldlandschaft zur Enkelin sagen lässt: "Ja meinst du denn im Ernst, da wäre
auch nur einer noch in sein Auto gestiegen, wenn wir das gewusst hätten
damals?!"
Wenn Freimut Wössner Umweltpolitik "behandelt", dann meist auf diese Art:
Auf den ersten Blick harmlos, auf den zweiten schonungslos. Ein sicheres Ohr
für Tonfälle und sein literarisches Training durch Nonsens-Texte helfen ihm
bei der Inszenierung und dramatischen Zuspitzung. Ebenso hilfreich für das
Wössner'sche Werk ist wie man hört, seine Hängeregistratur: Freimut Wössner
sammelt Bild- und Wortmaterial, fein säuberlich geordnet nach Stichworten,
in Sammelmappen. Nur so ist wahrscheinlich auch die Fülle an Publikationen
zu erklären, die bis jetzt von ihm veröffentlicht wurde. Naturverbundenheit
zeigt der Wahlberliner und Familienvater aber nicht nur im politischen Sinn,
sondern immer auch im künstlerischen. Neben seinen satirischen Werken
zeichnet und malt Freimut Wössner Landschaften. Die Motive hierfür findet er
in Berlin, der Mark Brandenburg und in seiner schwäbischen Heimat;
künstlerisch kompetent begleitet wird er dabei stets von der Malerin Ade
Frey, mit der er verheiratet ist.
Manchmal träumt Freimut Wössner von einem ökologischen Utopia. Das hört sich
dann so an: "Handwerker und Dichter, Bauern und Denker haben das Land in
eine Oase des ökologischen Friedens verwandelt ... Lautlos gleiten
Solarbusse an mir vorüber ... hie und da dringt das andächtige Knirschen der
Kornmühlen aus einem geöffneten Fenster und das sanfte Knattern der
Hirsewaffeln klingt vom nahe gelegenen BioKiosk...".
Erwacht er aus solchen Träumen, greift er wieder zum Stift und zeichnet
weiter: Immer gegen den Strich und vielleicht für eine etwas bessere Welt.
Katharina Hasslinger
Die Autorin ist Mitarbeiterin der Stiftung Naturschutz Berlin.
Ein paar Fragen an Freimut Wössner
RABE RALF: Naturschutz? Warum ist das wichtig? Haben Sie etwa Kinder oder
so?
Wössner: Ich fühle mich sehr wohl in der freien Natur, deshalb möchte ich
sie schützen. Ich kam ja aus dem schönen Schwabenland in die zubetonierte
Insel Westberlin. Auf jeden Westberliner kam damals ungefähr ein Baum und
ein halber Hund. Im Frühjahr gab es auf den Strassen regelmäßig Freudentänze
um Löwenzähne und Gänseblümchen, die auf den Baumscheiben den Ausscheidungen
der Hunde getrotzt hatten.
RABE RALF: Lesen Sie die Texte im Raben Ralf auch durch - oder ist der nur
als Belegexemplar für Sie interessant?
Wössner: Nur ausgewählte Texte. Weil ich eh schon viel zum Thema lese, fühle
ich mich gut informiert.
RABE RALF: Sie stellen dem Raben Ralf Ihre Karikaturen immer noch kostenlos
zur Verfügung. Wie lange können Sie sich das noch leisten?
Wössner: Das mache ich gern. Sobald ich allerdings das Gefühl habe, dass mit
dem Raben die dicke Kohle gemacht wird, dann möchte ich auch was abhaben,
damit ich meinen Kindern endlich mal ein paar warme Handschuhe kaufen kann.
Obwohl man die ja wahrscheinlich bald nicht mehr brauchen wird.
Interview: Thomas Lemmer
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