|
Permakultur will gelernt sein
Fremde Landschaften lesen, eigene Wege reflektieren: Ein Seminarbericht
Oberhalb des unterfränkischen Dorfes Wargolshausen steht das Strohballenhaus. Mit seinen 400 Quadratmetern ist es das bisher größte in Deutschland. Hier, auf dem Biolandhof, findet das Seminar der Permakultur-Akademie statt. Zwei Wochen lang wollen wir gemeinsam neue Wege betreten. Noch erscheint es allen unmöglich, in dieser Zeit so viele Informationen aufzunehmen, dass ein fertiges Permakultur-Design für diesen Hof, diesen individuellen Ort, entwickelt werden kann. Der Kurs läuft nach der Methodik des "Action Learning". Dieser spiralförmig wachsende Kreislauf beginnt bei der Reflexion, hieraus entwickelt sich die Idee, daraus das eigentliche Design und alles endet - oder beginnt - mit der Umsetzung.
Kooperation statt Konkurrenz
Drei Dozent/innen vermitteln je vier Tage das Basiswissen. Jascha Rohr, Gründer der Permakultur-Akademie in Deutschland, gibt eine Einführung in die permakulturelle Bewegung und ihre Pioniere und erklärt Grundbegriffe.
Ziel der Permakultur ist die Entwicklung einer lebendigen Kultur auf der Grundlage natürlicher Muster. Aus dem ursprünglich landwirtschaftlichen Ansatz der "permanent agriculture" entwickelte sich das komplexe Gesamtkonzept für eine "permanent culture", eine Kultur der Nachhaltigkeit. Permakultur bezieht heute auch Stadt- und Regionalplanung, soziale Strukturen und Finanzmanagement, Energieversorgung, kooperative Ökonomie und Softwareentwicklung ein.
Essenziell für ein permakulturelles System sind Multifunktionalität und Flexibilität. Das setzt vielfältige Beziehungen der Elemente untereinander voraus und bewirkt die Wechselwirkung von verschiedenen Fachbereichen. Diese Voraussetzungen lassen eine Eigendynamik, eine natürliche Weiterentwicklung des Systems zu. Ganz nach dem Prinzip: Kooperation statt Konkurrenz.
Eine Feld-und-Wald-Begehung übt aktives Landschaften Lesen. An der Erde eines konventionell bebauten Bodens im Vergleich mit ökologisch bebautem Boden, wilder Wiese oder Waldboden lässt sich die Bodenqualität ablesen. Geprüft wird dies mit allen Sinnen: an der Erde riechen, die Festigkeit ertasten, wer sich traut auch den Geschmack prüfen. Das Zählen der Tier- und Pflanzenarten auf einem kleinen Bodenstück gibt Aufschluss über die Befindlichkeit der Landschaft.
Ressourcen und Begrenzungen
Durch diese Übung werden die Begrenzungen und Ressourcen der Landschaft erkannt und können nun als Potenzial genutzt werden. Dieses Beobachten und Wahrnehmen von Begrenzungen und Ressourcen ist Ausgangspunkt aller Gestaltung - nicht nur der äußerlichen, auch der inneren Zustände der Menschen.
Der nächste Dozent, Harald Wedig, erfahrener Landschaftsgärtner, gibt die Grundkenntnisse über ökologische Faktoren weiter: Boden, Wasser, Bäume, Klima und Tierwelt, aber auch Architektur. Alle Themenbereiche werden direkt mit der uns umgebenden Umwelt in Beziehung gesetzt, denn ein Gestalter muss die Gegebenheiten des Ortes studieren und daran angepasst immer neue Lösungen finden: Wie ist der Umgang mit Ressourcen? Wie sind Wasser- und Energieversorgung geregelt? Wie sind die klimatischen Bedingungen?
Die Dozentin Ulrike Oemisch ist Landschaftsplanerin und Gestalterin sozialer Räume. In den letzten Tagen des Seminars üben wir mit ihr Designmethoden und reflektieren Gruppenprozesse. Auch das Wahrnehmen der eigenen Potenziale findet nun seinen Raum.
Schließlich gehen die Teilnehmer/innen in die Planungsphase für die Designs des Biolandhofes, die mit einer Präsentation vor kleinem Publikum und vor der begeisterten Familie des Biolandhofes endet. Der eine oder die andere wird sich vielleicht für das zweijährige Teilzeitstudium entscheiden (siehe unten). Alle verlassen das Seminargelände sichtbar angeregt von dem intensiven Erfahrungsaustausch.
Isabelle Faragallah
Permakultur-Design: Neues Ausbildungskonzept
Im August hat in Deutschland der erste Ausbildungsjahrgang zum Diplom-Permakultur-Designer begonnen. Das Konzept der Permakultur-Akademie ist in das Unesco-Dekade-Programm "Bildung für nachhaltige Entwicklung" eingebettet.
Das neue Ausbildungskonzept beruht auf der permakulturellen Designmethode sowie einer neu entwickelten Mustersprache für Bildungssysteme. Damit lassen sich alle Elemente eines komplexen Systems berücksichtigen und so verknüpfen, dass sie sich gegenseitig begünstigen. Ganz nach dem permakulturellen Prinzip: Das Problem ist die Lösung.
Im Vordergrund steht dabei, die Bedürfnisse der Systeme, in denen wir leben, zu integrieren, indem die Ressourcen und Begrenzungen erkannt und genutzt werden. Dies geschieht durch die Synthese von traditionellem Wissen und neuesten Technologien.
Ziel des zweijährigen Teilzeitstudiums ist die Planung, Entwicklung und Erhaltung nachhaltiger Lebensräume, ob im sozialen, ökonomischen oder ökologischen Sinne. Die Grundlage bilden ein zweiwöchiger Permakultur-Designkurs und ein Einführungsworkshop. Danach ist eine fundierte Entscheidung für das Studium möglich.
Die Arbeit an eigenen Designs mit selbst gewählten Inhalten wird begleitet von zwei graduierten Permakultur-Designern. Hinzu kommen ein Fernkurs für Selbstorganisationskompetenzen und ein Praktikum im eigenen Fachbereich. Ob Architektur, Stadt-, Landschafts- und Regionalplanung, kooperative Ökonomie oder Softwareentwicklung: die Einbeziehung des Systemnutzers in den Planungsprozess ist essenziell.
Weitere Ausbildungsbausteine sind Akademiewochenenden und regelmäßige Arbeit an der Dokumentation. Die Entwicklung des eigenen Lernweges wird ständig reflektiert.
Die Veranstaltungen finden dezentral im gesamten Bundesgebiet auf permakulturellem Gelände und in Tagungshäusern statt. Das flexible Ausbildungskonzept hat an sich selbst den permakulturellen Anspruch, offen zu sein und auf die Bedürfnisse der Studierenden einzugehen. Neben dem regulären Studium gibt es auch Einstiegsmöglichkeiten in eine verkürzte Ausbildung. Noch ist der Diplomabschluss nicht staatlich anerkannt. Doch der nachhaltige Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und dem ethischen Grundgedanken, auf soziale Bedürfnisse einzugehen, könnte bald Konsens werden. I.F.
www.permakultur-akademie.net
Nächstmöglicher Einstieg in die Ausbildung: Februar 2008.
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 07
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf@grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
|