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Ignoranz und Egoismus der reichen Laender machen Biosprit zum Krisenfaktor

Wenn wir Nahrungsmittel tanken

Biosprit ökologisch und ethisch umstritten

Lange galt Biosprit als d i e Lösung, um seinen Tank mit gutem Gewissen füllen zu können. Energie aus nachwachsenden Rohstoffen ist generell nachhaltig und außerdem klimaneutral, denn die gleiche bei ihrer Verbrennung entstehende Menge an Emissionen wurde bereits während des Wachstums aus der Umwelt gebunden. Theoretisch klingt das wunderbar, doch in der Praxis sieht es anders aus. Seit dem Biokraftstoff-Boom der letzten Jahre wird immer deutlicher, wie gefährlich eine gute Idee sein kann, wenn sie falsch umgesetzt wird. Weil die meisten Energiepflanzen in Monokulturen angebaut werden, benötigen sie übermäßig Pestizide und Dünger. Allein der daraus entstehende Aufwand macht diese Biokraftstoffe häufig klimaschädlicher als fossile Energieträger. Vor allem aber reicht die bei uns zur Verfügung stehende Fläche bei weitem nicht aus. Deshalb werden Energiepflanzenprodukte aus tropischen Ländern importiert. Und das hat katastrophalen Folgen.

So warnt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) vor einer undifferenzierten, massiven Förderung von Biokraftstoffen. In Südostasien und Amazonien wird für den Anbau von Ölpflanzen oder Soja, unter teils menschenunwürdigen Verhältnissen, Regenwald vernichtet. Dadurch ist der Lebensraum hunderttausender Ureinwohner bedroht. In Indonesien haben die landrechtlichen Konflikte in den letzten Jahren dramatische Ausmaße angenommen. Auch von Zwangsumsiedlungen wurde berichtet. Mittlerweile wird auf einer Fläche etwa dreimal so groß wie Hessen Palmöl angebaut. Weitere Plantagen sind in Planung.

Die Zerstörung des Regenwalds auf Borneo und Sumatra hat besonders verheerende Auswirkungen. Die dortigen Regenwälder sind die letzte Heimat des Orang-Utans, eines unserer nächsten Verwandten. Einer vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Auftrag gegebenen Studie zufolge werden bis 2022 wohl 98 Prozent der als Lebensraum geeigneten Regenwälder Borneos und Sumatras abgeholzt und gerodet worden sein. Die gewonnenen
landwirtschaftlichen Flächen sollen vorrangig zur Erzeugung von Palmöl dienen. Seit dem Jahr 2002 ist die Orang-Utan-Population schon um die Hälfte zurückgegangen. Nicht einmal in Schutzgebieten sind die Tiere sicher, denn auch hier wird weiter illegal gejagt und hemmungslos abgeholzt.

Besonders erschreckend ist eine Schätzung der Umweltorganisation Wetlands International. So soll Indonesien jährlich rund zwei Millionen Tonnen CO2 nur durch Abbauprozesse und Feuer emittieren. Dies entspräche etwa der Hälfte des pro Jahr emittierten CO2- Ausstoßes der Europäischen Union und klingt erst einmal völlig überzogen und unrealistisch. Doch in dem südostasiatischen Inselstaat stellen Moorwälder einen großen Teil des Regenwaldes. Sie wachsen auf bis zu 18 Meter dicken Torfschichten. Über Jahrtausende hinweg sogen sich die Torfschichten, ähnlich wie ein Schwamm, voll mit CO2. Zur landwirtschaftlichen Nutzung müssen sie entwässert werden, und dadurch gelangt das gespeicherte CO2 wieder in die Atmosphäre. Besonders viel wird freigesetzt, wenn die trocken gelegten Böden in Brand geraten.

Höchste Maispreise seit zehn Jahren

Auch Mexiko blieb vom Biosprit-Boom nicht verschont. Da US-Präsident George W. Bush aus strategischen Gründen vermehrt auf Biokraftstoffe setzt, hat sich der Preis für Tortilla, das mexikanische Nationalgericht und typisches Arme-Leute-Essen, in wenigen Wochen fast verdoppelt. Dies erklärt sich dadurch, dass Mais, aus dessen Mehl die Tortillas gemacht sind, als Grundlage für Bioethanol genutzt werden kann. Aufgrund der starken Mais-Nachfrage in den USA haben die Maispreise den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht und werden vermutlich weiter steigen. In den letzten sechs Jahren hat sich die Anzahl der US-amerikanischen Ethanol-Produzenten von gut 50 auf über 100 mehr als verdoppelt und die Jahresproduktion ist von weniger als 8 Milliarden Litern auf über 18 Milliarden gestiegen. Zurzeit sind etwa 70 weitere Fabriken im Bau.

Biokraftstoffe können ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz sein, wenn sie ohne Einsatz von Monokulturen, ohne Gentechnik und chemischen Dünger, ohne Zerstörung von Flora und Fauna und in angemessenen Mengen angebaut werden. Doch so wie derzeit mit dem Thema umgegangen wird, werden sich die globalen Probleme weiter zuspitzen und schließlich eskalieren. Es fehlt nicht nur an landwirtschaftlicher Nutzfläche. Es fehlt weiterhin auch an ökologischem Verständnis. Ignoranz und Egoismus herrschen vor.

Wenn man sich mit dem Thema genauer befasst, wird klar, dass es nur eine Lösung gibt, mit dem Klimaproblem von heute fertig zu werden: Energie sparen und effizienter nutzen. Damit kann jeder einzelne bei sich selbst anfangen. Wenn die reichen Nordstaaten dies nicht begreifen oder begreifen wollen, wird weiter versucht werden, zu jedem Strohhalm zu greifen. Aber die Umsetzung eigentlich guter Ideen wird auch in Zukunft viel zu oft das Gegenteil der gewünschten Effekte bewirken. Das beste Beispiel hierfür ist die Sache mit der Biomasse.

Mitja Fellenberg

www.gfbv.de
www.regenwald.org

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 07
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24.06.07    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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