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Monsanto oder Mao?
Über falsche Alternativen in Indien
Buchbesprechung
Gerhard Klas: Zwischen Verzweiflung und Widerstand.
Indische Stimmen gegen die Globalisierung.
Edition Nautilus, Hamburg 2006, ISBN: 3-89401-490-3,
155 S., 12,90 EUR
Gerhard Klas, Journalist und Mitglied im Kölner Rheinischen
JournalistInnenbüro, suchte Stimmen gegen die kapitalistische Globalisierung
in Indien und versammelt in diesem Band Einführungen, Reportagen und
Interviews mit AktivistInnen aus sozialen Bewegungen und Parteien.
Zu Wort kommen u.a. Vandana Shiva und Murali Ramisetti, die vom Scheitern
der "Grünen Revolution" berichten, vom Verdrängen der Artenvielfalt im
Landbau, vom Widerstand gegen die internationalen Chemie- und Gen-Multis mit
ihren Pestiziden und künstlichem BT-Baumwollsaatgut, die Bauern und
Bäuerinnen in die Verschuldung und nicht selten in den Selbstmord treiben.
Sie setzen sich für organischen Landbau und die Nutzung des bäuerlich
verfügbaren traditionellen Wissens ein.
In zwei Gesprächen mit AktivistInnen der Deccan Development Society (DDS) im
Bundesstaat Andhra Pradesh wird deutlich, dass in der Landwirtschaft tätige
Kleinbäuerinnen weniger anfällig sind für die Verlockungen des modernen
Konsums und die Strategien des Agrobusiness als ihre Ehemänner. Die
maschinelle Landwirtschaft wird abgelehnt, weil sie LandarbeiterInnen
verdrängt. Beklagt wird aber auch, dass viele ehemalige AktivistInnen aus
NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) inzwischen die Seiten gewechselt haben
und eine Politik des blanken Opportunismus und der Geldmacherei betreiben.
Thomas Kocherry aus Kerala berichtet von seiner beeindruckenden
Organisierung der FischereiarbeiterInnen im National Fishworkers Forum
(FFF), die sich nach dem Tsunami vom Dezember 2004 mit gandhianischen
Widerstandsformen gegen die als "vergiftete Hilfe" (S. 67) bezeichnete
Fischtrawlerimporte aus der EU wehrten, weil diese den traditionellen
Fischfang mittels einfach gebauter Katamarane zerstören.
Das Buch ist leicht verständlich und spannend geschrieben und bietet einen
informativen, punktuellen Einblick in die Diskussionen indischer sozialer
Bewegungen, die mit den drei separaten Sozialforen in Mumbai 2004
(Weltsozialforum, eher sozialdemokratisch orientierte NGOs;
Mumbai-Resistance, eher marxistisch-maoistisch; und Peoples Movement
Encounter, eher parteiungebundene Basisbewegungen) einen Höhepunkt
erreichten.
Deutlich wird auch, dass der indische Staat die Funktion hat, die Proteste
auf die politische Ebene zu orientieren und sie dadurch zu integrieren.
Bedauerlich und aufgrund ihrer langjähriger Erfahrungen auch unverständlich
finde ich, dass selbst Symbolfiguren der indischen sozialen Bewegungen wie
Kocherry und Medha Patkar (gandhianisch inspirierte Aktivistin von der
Bewegung gegen Staudämme) inzwischen dabei sind, eine Art grüne Partei zu
gründen, um die Umwelt-, Dalit- (Bezeichnung für ehemalige "Unberührbare")
und Adivasi- (Bezeichnung für ehemalige "Stammesvölker") Bewegungen im
politischen System zu repräsentieren. Dabei gibt es bereits seit langem
Dalit- und Adivasi-Parteien, die in einzelnen Bundesstaaten sogar bis zur
parlamentarischen Zusammenarbeit mit den Hindu-Nationalisten gingen! So ist
die knallharte neoliberale Politik der hindu-nationalistischen BJP-Regierung
der 90er Jahre, die viele mit der Illusion abwählten, damit auch gegen den
Neoliberalismus zu stimmen, inzwischen einer bürgerlichen, von der
traditionellen Kongresspartei geführten und von den KommunistInnen der
CPI/Marxist (CP/M) tolerierten Regierung gewichen, die dieselbe Politik nur
etwas weicher fortsetzt.
Das Buch endet mit 60 Seiten Storys, Berichten sowie vier langen Interviews
mit AktivistInnen aus den ML(marxistisch-leninistischen)- und den
maoistischen Parteien bzw. Guerillas Indiens, von denen ich aus
libertär-gewaltfreier Sicht nur das letzte mit dem ML-Aussteiger Pradeep
Kumar, dem Organisator des asiatischen Sozialforums 2003 und Auftaktforum
für Bombay/Mumbai 2004, hilfreich finde, denn er thematisiert wenigstens die
durchweg autoritäre Struktur dieser Organisationen, während die anderen
interviewten Parteimitglieder immer nur darüber reden, ob denn deren
materialistische Analyse auf der Höhe der Zeit sei. Pradeep Kumar:
"Wenn du behauptest, ein Marxist zu sein - warum bist du dann nicht in einer
kommunistischen Partei, werde ich oft gefragt. Ich bin raus, weil ich
frustriert war von den vielen Zerwürfnissen und Spaltungen der letzten 15,
20 Jahre. Einige von uns begannen auch die Debattenkultur unserer ML-Partei
zu kritisieren. Warum ist die demokratische Grundlage in der Partei so
schwach? Meiner Meinung nach liegt das am demokratischen Zentralismus. (...)
Debatten werden immer wieder mit Verweis auf den demokratischen Zentralismus
abgewürgt." (S. 137)
Indien: Terra incognita des Kommunismus
Einige Befragte beziehen sich explizit auf die Tradition Gandhis, doch Klas
fragt mehr nach ihrer Position zu den marxistischen und maoistischen
Parteien. In Europa ist unbekannt, dass es in Indien Millionen Menschen
gibt, die in ML-Parteien und Guerillas (in Indien seit 1967 "Naxaliten"
genannt) und deren Vorfeldorganisationen (Frauen-, Bauern-,
Gewerkschaftsverbände) organisiert sind. Für die anhaltende Attraktivität
maoistischer Gruppen gibt es Gründe, die nach Klas in der andauernden
Massenarmut liegen. Doch das an Indien und Nepal (auch dort gibt es eine
maoistische Guerilla-Partei) angrenzende Tibet ist ebenfalls arm, nur ist es
von China besetzt, daher ist dort die Opposition der LamaistInnen
durchgängig religiös.
Die ideologische Ausrichtung erklärt sich m.E. also eher als
Gegner-orientiert. Nach allem, was heute über Mao und den Maoismus bekannt
ist - und dieses Wissen wird den von MaoistInnen organisierten Bauern und
Bäuerinnen vorenthalten oder als bürgerlich-reaktionäres Geschwätz abgetan
(1) - ist es für mich ein autoritärer Akt, wenn sich zwei der wichtigsten
Guerillas Indiens, die Peoples War Group und das Maoist Communist Centre
(MCC) noch im Jahre 2004 unter dem Label CPI-Maoist vereinigen. Der Zulauf
zu den MaoistInnen in Indien hängt also m.E. stark damit zusammen, dass sie
in Indien noch nie an der Macht waren. Was dann passieren könnte, lässt sich
etwa an der fast durchgängigen Solidarität der indischen "Naxaliten" mit Pol
Pot in Kampuchea vermuten oder auch an ihrer weitgehenden Solidarität mit
Pakistans Militär bei dessen genozidartigem Massenmord in Ost-Pakistan
(heute Bangla-Desh) 1971 - weil Pakistan Chinas außenpolitischer Verbündeter
war (und ist).
Selbst bei einer Position der angeblichen Öffnung hin zu sozialen Bewegungen
bleibt der ganze Jargon, das Weltbild hermetisch marxistisch-leninistisch
abgeriegelt. Bei einer Veränderung der "Parteilinie" wirken dann manche
Begründungen geradezu abstrus: Was soll ich etwa von Kavita Krishnan aus der
"nationalen Leitung" der CPI/ML-Liberation denken, wenn sie den Übergang
ihrer Partei vom Guerillakampf der 70er Jahre zum heutigen Parlamentarismus
damit begründet, dass "man revolutionäre Politik in Indien nicht ohne eine
Beteiligung am politischen Mainstream machen kann" (S. 115f.)? Oder wenn sie
eine m.E. richtige und notwendige Kritik an der CPI-Maoist so vorträgt:
"Wir unterscheiden uns von Organisationen wie der Peoples War Group oder dem
MCC. Sie gleichen den alten anarchistischen Parteien." (S. 115) Hoppla,
wieso ist die Mao-Guerilla plötzlich eine "anarchistische Partei"?
Der Jargon bleibt ganz dem falschen Anarchismusverständnis Lenins aus seinem
"Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus" verhaftet,
eine polemische Schrift gegen Parteien wie die damalige linkskommunistische
KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei), die Lenin aufgrund von deren das
Parlament als Tribüne des Klassenkampfs ablehnenden Tendenz als zugleich
"terroristisch" wie "anarchistisch" bezeichnete.
So wird die CPI-Maoist von der CPI/ML-Liberation als "anarchistische Partei"
bezeichnet, weil sie über die angeblich notwendige Gewalt hinaus sozusagen
zuviel Gewalt anwendet und dadurch die Zivilbevölkerung gefährdet. Hier wird
deutlich, dass Kavita vom wirklichen Anarchismus als sozialer Bewegung und
ideengeschichtlicher Strömung keine Ahnung hat.
Ich habe auf mehreren Indienreisen in unzähligen Gesprächen mit
verschiedenen "Naxaliten"-Fraktionen diese marxistische Begrenztheit ihres
politischen Horizonts immer wieder wahrgenommen. Aufgebrochen habe ich sie
nur bei ML-AussteigerInnen gefunden, die sich dann auch ideologisch
zurücknahmen und in sozialen Bewegungen und Menschenrechtsgruppen ohne
dieses marxistisch-paternalistische Avantgarde-Verständnis aktiv wurden. Mir
gegenüber sagten die ML-AussteigerInnen, die ML-Kader in den sozialen
Bewegungen betrachteten die Aktiven oft genug wie potentielles
Organisierungs-Material für ihre eigene Partei.
Erst nach ihrem Ausstieg nahmen einige der indischen Ex-MLerInnen dann auch
den Anarchismus als eigenständige Strömung wahr, übrigens lasen sie dabei
als erstes Peter Marshalls weltweit sehr verbreitetes Buch:
Demanding the Impossible. A History of Anarchism.
Für mein Gefühl macht Klas in seinem Buch den Fehler, zuwenig in den
Bewegungen aktive ML-AussteigerInnen wie Pradeep Kumar und zu viele ML-Kader
zu interviewen. Gänzlich ungenießbar wird das für mich bei den auffällig
langen Interviews mit altehrwürdigen Chefideologen aus der CPI/Marxist, die
beide immer noch einem von Jahrzehnten der radikalen Ökologiebewegung kaum
getrübten Fortschritts-, Produktivitäts- und Modernisierungsmythos
nachhängen, der bei der CPI/M-geführten Regierung im Bundesstaat
Westbengalen bis zur Zusammenarbeit mit westlichen Marken-Multis (wo bleibt
da der Slogan: "No Logo!"?) oder zur Vertreibung von Fischerfamilien geht,
was Kocherry anspricht.
Sitaram Yechuri etwa, der CPI/M-Chefideologe, ist für mich nicht eine Stimme
gegen, sondern für die kapitalistische Globalisierung.
Wie in China und der dortigen KP, die eben gerade die Enteignung verbietet,
geht diese ökonomisch sozialdemokratische Kapitulation vor dem
kapitalistischen Weltmarkt wunderbar zusammen mit krudestem Stalinismus:
"Aber bei allen Fehlern, die Stalin gemacht hat: Es gibt vier Bereiche, in
denen seine Verdienste für den Sozialismus nicht in Frage zu stellen sind:
Für den ideologischen Kampf innerhalb der KPdSU nach dem Tode Lenins, für
den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft, für den Sieg über den Faschismus
und für die Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg. In diesen
Bereichen können die Verdienste Stalins nicht ausradiert werden." (S. 106)
Der Gulag, der Hitler-Stalin-Pakt, die Stimmen der französischen KP für den
Algerienkrieg usw. usf. Alles wird ausgeblendet. So können soziale
Bewegungen kein Vertrauen zu KommunistInnen fassen. Die indische Linke hat
ihre Hausaufgaben nicht gemacht - im Gegensatz etwa zu Mexiko.
Sal Macis
- Anmerkung
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(1): Als Standard, der heute nicht mehr in Zweifel gezogen werden kann, gilt
m.E. folgende Darstellung des Maoismus: Jung Chang/Jon Halliday: Mao,
Blessing Verlag, München 2005, 975 S.
Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 318, Monatszeitung für eine
gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 36. Jahrgang, April 2007,
www.graswurzel.net
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