|
Klimakiller Vattenfall
Vattenfall will eine Milliarde in ein fossiles Großkraftwerk investieren
Obwohl alle Welt vom Klimaschutz redet, will der Stromkonzern Vattenfall 2012 ein riesiges Steinkohlekraftwerk in Berlin in Betrieb nehmen. Eine Milliarde Euro soll der "Spaß" kosten. Mit 800 Megawatt elektrischer Leistung und 650 Megawatt Wärmeleistung soll das Kraftwerk das größte der Stadt werden. Bisher war "Reuter West" im Bezirk Spandau mit 600 Megawatt das stärkste Vattenfall-Heizkraftwerk in der Hauptstadt. Der Strommonopolist in Ostdeutschland und Hamburg hat zwar noch keinen Antrag auf Genehmigung bei der Umweltverwaltung oder beim Bezirk gestellt, aber das Ziel sei es, noch in diesem Jahr die nötigen Genehmigungen zu klären, sagte ein Konzernsprecher: "Dann können wir 2008 mit dem Bau beginnen."
Der Konzern Vattenfall, der 2005 den kommunalen Versorger Bewag aufgekauft hatte, möchte das neue Kraftwerk jährlich mit zwei Millionen Tonnen Steinkohle aus Polen beliefern. Der favorisierte Standort ist Lichtenberg, denn dort soll das bereits existierende Vattenfall-Werk "Klingenberg" ersetzt werden. Die Riesenanlage mit Kraft-Wärme-Kopplung soll Strom und heißes Wasser für das Fernwärmenetz im Ostteil der Stadt produzieren. Bündnis 90/Die Grünen haben ausgerechnet, dass das Werk jährlich fünf Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) ausstoßen würde. Das wäre ein Fünftel der derzeit von Berlin verursachten Menge. CO2 ist die Hauptursache für die Erderwärmung.
Berliner CO2-Einsparerfolg wäre dahin
CDU und FDP verbünden sich mit Grünen und Naturschützern: Das Steinkohlekraftwerk dürfe nicht gebaut werden. Dieser Meinung ist auch Katrin Lompscher (Linkspartei.PDS). Die Umweltsenatorin weist darauf hin, dass durch das Kohlekraftwerk der CO2-Einsparerfolg von 16 Prozent, den Berlin seit 1990 erzielt hat, wieder aufgehoben werden würde. Sogar CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger hält den Bau eines Steinkohlekraftwerks für "nicht vermittelbar": "Wenn wir den Weltklimabericht ernst nehmen, sollten wir Schadstoffausstoß vermeiden. Wir müssen regenerative Energien nutzen." Auch nicht nachvollziehbar sei es, zwei Millionen Tonnen Kohle pro Jahr aus Polen zu ordern, wenn gleichzeitig in Deutschland mit dem Ende der Subventionierung auch der Steinkohleabbau auslaufe. Der Lichtenberger Grünen-Fraktionsvorsitzende Michael Heinisch befürchtet außerdem, dass die Spree für die Anlieferung der jährlichen zwei Millionen Tonnen aus Polen ausgebaggert werden muss. Das bedeute weitere negative Folgen für Natur und Umwelt.
Klares "Nein" vom Senat gefordert
Auch die Umwelt- und Verbraucherverbände sind entsetzt. Als "energiepolitische Überlegungen von vorgestern" bezeichnete die Verbraucher-Initiative die Planung von Vattenfall. Der Konzern habe offenkundig die Klimaschutz-Debatten der letzten Jahre nicht wahrgenommen, da er auf den Klimakiller Steinkohle setze. Gefragt seien jedoch erneuerbare Energieträger. Auch die erheblichen Einsparpotenziale bei Verkehr, privaten Haushalten oder energetischen Gebäudesanierungen seien längst nicht ausgeschöpft. Der Umweltverband BUND verlangt ebenfalls ein deutliches "Nein" der Berliner Politiker zu den Vattenfall-Plänen. Allerdings hat das Unternehmen nach Angaben der Umweltsenatorin einen "Genehmigungsanspruch", wenn alle gesetzlichen Auflagen erfüllt werden.
Vattenfall hält sich mit Details zurück
Vattenfall wiegelt ab: Die Pläne seien in einem zu frühen Stadium, um schon über Details zu reden. Man prüfe derzeit mehrere Standorte, auch sei noch nicht entschieden, welcher Brennstoff eingesetzt werde. Allerdings sei das umweltfreundlichere Erdgas derzeit nicht in ausreichenden Mengen am Markt zu bekommen, auch sei es zu teuer. Umweltsenatorin Lompscher vermutet dennoch, dass Vattenfall dabei ist, seine Unternehmensstrategie zu überprüfen - nicht zuletzt wegen der Debatte in Politik und Öffentlichkeit.
Kohle führt in die Sackgasse
Während unmittelbar giftige Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid und Schwermetalle weitgehend aus dem Kraftwerksrauch herausgefiltert werden können, lässt sich der CO2-Ausstoß nicht verhindern. Die Menge des klimaschädlichsten Treibhausgases hängt vom Verbrauch fossiler Brennstoffe ab. Versuche, das CO2 in den Boden zu leiten statt es in die Luft abzugeben, stecken im Frühstadium. Eine neue Studie für das Bundesumweltministerium zweifelt sogar generell an der Wirtschaftlichkeit solcher CO2-Einlagerungsprojekte, auf die Vattenfall meist verweist, wenn es um Klimaschutz geht.
Rund 750 Gramm CO2 entstehen pro Kilowattstunde Energie aus Steinkohle. Gas schneidet mit etwa 360 Gramm dagegen wesentlich besser ab. Für ein Gaskraftwerk spricht auch laut Grünen-Energie-Experte Michael Schäfer, dass sich das fossile Erdgas später durch Biogas ersetzen lässt. Bei einem Kohlekraftwerk entfiele diese Alternative. Biogas ist allerdings auch nur im regionalen Maßstab umweltfreundlich, denn für die benötigten großen Mengen könnte man den Bedarf nur durch Importe etwa von Palmöl aus Indonesien decken.
Einzige Lösung: Erneuerbare Energien
Doch wo soll dann ein Kraftwerk seinen Antrieb hernehmen? Ein Großteil der Kraftwerksleistung kann, so Schäfer, durch Energie-Effizienz "ersetzt" werden. Ein weiterer Teil kann nach den Vorstellungen der Grünen durch einen Kraftwerkspark als Mix aus erneuerbaren Energieträgern gedeckt werden. Für den kurzfristig nicht zu deckenden restlichen Strom- und Wärmebedarf setzt die Oppositionspartei auf moderne Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung. Vattenfall empfiehlt sie zum Beispiel den "systematischen Betrieb von Solaranlagen auf großflächigen Gewerbedächern" oder "Investitionen in Tiefenerdwärme im Umland".
"Das Kraftwerk ist viel zu groß dimensioniert", sagt Stefan Richter, Geschäftsführer der GRÜNEN LIGA Berlin. Die Stadt brauche solch ein großes fossiles Kraftwerk nicht, da selbst Erdgas nur eine Übergangstechnologie sei. Effizienzbemühungen und der Ausbau erneuerbarer Energien würden nur behindert werden.
Manja Treue
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2007
Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33
raberalf@grueneliga.de, www.grueneliga-berlin.de/raberalf
Liegt aus in Berliner Bibliotheken, Ökoläden, Kulturstätten...
Ins Haus für halbjährlich 10 Euro, Probeexemplar kostenlos.
Erscheint in geraden Monaten. Redaktionsschluss 10. des Vormonats.
Nachdruck erwünscht, bitte Quelle angeben, Belegexemplar schicken.
"Best of Rabe Ralf" im Serien-Archiv: www.grueneliga-berlin.de/rabeserien
|