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Energiefragen der Zukunft: Ein globaler Blick
Bei globaler Anwendung würde das gegenwärtige Energieverbrauchsmodell der
westlichen Industriestaaten zwangsläufig kollabieren. Abgesehen davon, dass
fossile Energieressourcen bald knapp werden und Kernenergie kein wirkliches
Entwicklungspotential hat, sind auch erneuerbare Energieträger keineswegs
beliebig expandierbar. Ein generelles Umdenken im Energieverbrauch ist mit
Blick auf die Zukunft mehr als dringlich.
Interview mit Helmut Haberl
Helmut Haberl[1] ist stellvertretender Institutsvorstand des Instituts für
Soziale Ökologie in Wien, Vizevorsitzender der Institutskonferenz des
IFF-Soziale Ökologie und als Professor an der Universität Klagenfurt tätig.
Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem Ökosystemforschung,
Umweltforschung, Energieforschung und erneuerbare Energien.
Frage: Wie charakterisieren Sie die Energiesituation zu Beginn des 21.
Jahrhunderts?
Haberl: Die Entwicklung des globalen Energieverbrauchs kann nicht so
weitergehen, wie sich das in den letzten hundert Jahren abgezeichnet hat.
Der Energieverbrauch in den Industrieländern hat sich auf einem Niveau
stabilisiert, das sicherlich nicht global verallgemeinerbar ist. Das heißt,
man kann dieses Energieverbrauchsniveau nicht auf heute sechs Milliarden
oder in 50 Jahren auf neun Milliarden Menschen ausdehnen. Das sprengt sowohl
die Ressourcenverfügbarkeit der fossilen Energieträger als auch die
ökologische Tragfähigkeit, sowohl was die Biomasseversorgung, als was auch
die fossile Energie betrifft, da die Klimawirkungen als Folge der Emissionen
von Treibhausgasen nicht erträglich sein werden. Der Energieverbrauch der
Menschheit würde sich im Vergleich zu heute ungefähr verfünffachen. Das ist
aus ökologischen Gründen mit der derzeitigen Technologie nicht möglich. Und
um die Frage vielleicht gleich vorweg zu nehmen, auch auf Basis der
Kernenergie ist das total undenkbar. Selbst wenn man das Risikopotenzial für
zumutbar hielte, ist es technisch kaum vorstellbar, mit Kernenergie so viel
Energie bereitzustellen.
Frage: Der Kapitalismus hat sich nur aufgrund der fossilen Energie ausdehnen
und seine Entwicklung über den Globus vorantreiben können. Jetzt scheint der
Zeitpunkt gekommen zu sein, dass es mit der fossilen Energie in absehbarer
Zeit zu Ende geht und eine weitere Expansion des Kapitalismus nicht mehr so
möglich ist wie bisher.
Haberl: Ich würde in dieser Frage erstens einmal das Wort Kapitalismus
streichen, denn das war nichts, was die kapitalistischen Staaten gegenüber
den realsozialistischen ausgezeichnet hat. Diese haben die Energie auch
nicht effizienter verwendet; tendenziell sogar noch ineffizienter. Ich würde
lieber von einem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft sprechen.
Wir beobachten, dass sich gegenwärtig weltweit ungefähr ein Viertel der
Menschheit in das Industriezeitalter begeben hat und ungefähr drei Viertel
der Menschheit dabei sind, das zu versuchen.
Ich will zwischen Planwirtschaften und Marktwirtschaften gar nicht
unterscheiden. In beiden Fällen basiert die Industrialisierung auf den
Bedingungen einer Agrargesellschaft: Bei Agrargesellschaften stammt die
Energie aus der Fläche, also letztlich aus der Land- und Forstwirtschaft.
Und die ist durch das Wachstum der Pflanzen auf einem Territorium, über das
man eine Kontrolle hat, und von dem man seine Ressourcen beziehen kann,
begrenzt. Das Industriesystem zeichnet sich dadurch aus, dass zusätzlich zu
dieser Biomasse, die im Industriesystem zur Ernährung von Menschen,
Nutztieren usw. nach wie vor gebraucht wird, andere Energiequellen
dazukommen - quantitativ im Wesentlichen die fossile Energie.
In den Industrieländern hat man nun einen Zustand erreicht, in dem drei
Viertel der Energie aus fossiler Energie und ein Viertel aus der Biomasse
bezogen werden, wobei das Verbrauchsniveau um das Fünffache gestiegen ist.
Global wird sich diese Entwicklung auf der Basis der uns zur Verfügung
stehenden Technologien nicht fortsetzen. Natürlich auch aus Gründen der
Verfügbarkeit fossiler Energie - beim Öl setzt möglicherweise bereits eine
Verknappung ein - und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: Es ändert
nicht viel daran, ob wir jetzt oder doch erst in zwanzig Jahren "Peak Oil"
erreichen, also jenen Punkt, ab dem die globale Erdölförderung zurückgehen
wird. Wir haben seit 1973 den vierten Ölschock und immer noch nichts daraus
gelernt: Die Forschungsgelder fließen in die Atomenergie, sie gehen nach wie
vor in die fossile Energieforschung. Energieeffizienz und erneuerbare
Energie werden zwar auch erforscht, aber in einem unverantwortlich niedrigen
Ausmaß. Man müsste hier massiv umsteuern, sowohl was die Forschung als auch
was die Technologiepolitik, die Infrastrukturpolitik und die Steuer- und
Abgabenpolitik betrifft. Eigentlich sind das die wesentlichen Stellgrößen
und da passiert wenig bis gar nichts.
Krise des Industriesystems?
Frage: Das heißt, wir stehen eindeutig vor einer weit reichenden Krise des
Industriesystems. Kann man deshalb annehmen, dass das Wirtschaftswachstum in
den nächsten Jahrzehnten weltweit gesehen im bisherigen Ausmaß nicht mehr
möglich ist? Oder ist es so, dass die reichen Industriestaaten über Kriege
die Rohstoffe für sich beanspruchen und die anderen in diesem System
überhaupt nicht hochkommen lassen? Welche Szenarien kann man sich hier für
die nächsten 50 Jahre ausmalen?
Haberl: Es ist sicher eine denkbare Variante, dass die Industrieländer
sagen, okay, wir wollen unsere Versorgung mit militärischen Mitteln sichern,
egal auf wessen und zu welchen Kosten. Ob sich das so abspielen wird, kann
man schwer sagen. Es ist aber ein Szenario, über das man nachdenken muss und
über das auch bereits nachgedacht wird. Es wäre zweifellos eine elendige
Welt, die wir da vorfinden würden. Die andere Möglichkeit wäre, andere
Optionen der Versorgung mit Ressourcen und Energie zu erforschen und
umzusetzen.
Frage: Nehmen wir das Beispiel China. In China steigt die Nachfrage nach
fossiler Energie, um die Industrialisierung im klassischen Sinne
voranzutreiben, extrem.
Haberl: China ist auf dem schmutzigen Weg der Industrialisierung und ich
kann mir nicht vorstellen, dass dieser Weg in China, in Indien und den
anderen dicht besiedelten Ländern Asiens funktionieren wird, wenn das Öl
knapp wird. In den dünner besiedelten Ländern kann ich mir noch eher
vorstellen, dass sie beispielsweise nicht so sehr mit fossiler Energie,
dafür aber mit mehr Biomasse durchkommen werden. Aber in den dicht
besiedelten Ländern ist das undenkbar, denn die Biomassemengen, die man hier
bräuchte, können dort nicht produziert werden. Hier wird es sicherlich so
sein, dass es ohne ein anderes Entwicklungsmodell nicht geht - die
Kernenergie reicht auf keinen Fall aus.
Energieeffizienz
Ein wichtiger Punkt in diesem ganzen Bereich ist sicherlich der effiziente
Einsatz von Energie - nur muss man sagen, wir haben jetzt in vielen Regionen
in der Welt gesehen, dass Effizienzsteigerung in der Regel durch das
Wirtschaftswachstum kompensiert wird, sodass wir zwar laufend
Effizienzsteigerungen beobachten, der Verbrauch in Summe aber trotzdem
steigt. Bei einem Übergang von weitgehend agrarischen Subsistenzländern ins
Industriesystem wird man zwar phantastische Effizienzsteigerungen haben,
aber trotzdem eine deutliche Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauches an
Ressourcen. Das geht sich ganz einfach nicht aus, es sei denn, man hat
grundlegend andere Technologien und eine andere Infrastrukturentwicklung.
Das ist nicht nur eine Frage der effizienteren Technik, sondern da geht es
auch um andere Lebensweisen, um andere Formen von Infrastruktur usw.
Frage: Es geht also um ein grundlegend anderes Entwicklungsmodell. Kann sich
das bestehende marktwirtschaftliche Modell so weiterentwickeln? Muss sich
hier nicht eine andere, solidarischere Gesellschaftsform herausbilden, damit
es bei einer zukünftigen Weltbevölkerung von neun Milliarden noch eine
Entwicklungsmöglichkeit gibt?
Haberl: Ob die grundlegende Form der Güterverteilung über Märkte verläuft
oder nicht, scheint mir nicht so wichtig, denn Märkte haben auch ihre
Vorteile. Aber ich teile Ihre Meinung, dass eine Politik, die darauf aufbaut
Märkte zu entwickeln und sonst keine Eingriffe in Wirtschaft und
Gesellschaft setzt, die Probleme nicht lösen kann, da der Markt gegenüber
der Zukunft weitgehend blind ist. Erwartungen über zukünftige Entwicklungen
spielen zwar schon eine gewisse Rolle bei der Entstehung von Marktpreisen,
aber hier geht es um Monate, bestenfalls wenige Jahre, und sicherlich nicht
um eine Vorausschau über die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Das
sind Dinge, die können eigentlich nur über gezieltes gesellschaftliches
Handeln eingebracht werden, das heißt letztendlich über das politische
System. Gegenüber einer Politik, die nur auf Deregulierung setzt, bin ich
sehr skeptisch, wenn man die ökologischen Probleme in den Griff kriegen
will. Das kann ich mir nicht vorstellen. Das heißt aber nicht, dass diese
Gesellschaftsform nicht nach wie vor marktwirtschaftlich orientierte
Elemente haben kann.
Neue Entwicklungsziele und Lebensweisen
Eine wichtige Frage ist eigentlich für mich jene nach grundlegenden
Entwicklungszielen und Lebensweisen. Wir haben es heute mit einer
Entwicklung zu tun, die sehr stark auf Einkommen als Zielgröße für
wirtschaftliche Entwicklung setzt. Ich frage mich, ob nicht eine stärkere
Orientierung an Lebensqualität im Sinne von freier Verfügbarkeit über Zeit
und die Freiheit zu entscheiden, in welcher Organisationsform man arbeiten
möchte, die wichtigeren Dinge sind.
Frage: Das würde die Produktivitätsentwicklung in Frage stellen, oder?
Haberl: Nicht unbedingt. In der neueren Managementliteratur spricht man sehr
wohl darüber, dass man die Leute motiviert, indem man ihnen klarmacht, wofür
sie arbeiten. Dass man ihrer Arbeit einen Sinn gibt. Man sieht dann, dass
die Leute bereit sind effizient zu arbeiten und das mit Lust. Glaubt man
hingegen ihnen etwas aufzwingen zu können, so werden sie in der Regel
innerlich opponieren und weniger gut arbeiten. Menschen muss der Sinn ihrer
Arbeit ersichtlich sein. Ein weiterer Faktor ist die Dimension der
Arbeitszeitpolitik: Bis vor 30 Jahren sind in den Industrieländern die
Arbeitszeiten konstant gesunken. Dieser Trend ist gestoppt und sogar zum
Teil umgekehrt worden. Hier müsste eine andere Orientierung vorgenommen
werden, zum Beispiel dass Produktivitätszuwächse im Sinne von
Bruttoproduktionswert pro Arbeitsstunde nicht mehr durch höhere Einkommen
ausgezahlt, sondern eher in Form von Arbeitszeitreduktionen weitergegeben
werden. Das könnte die Lebensqualität verbessern und nicht ständig die rein
einkommensorientierten Zielfunktionen in der Wirtschaftspolitik
weitertreiben.
Ein anderer wichtiger Punkt ist die Infrastrukturentwicklung, zum Beispiel
in Form von Verkehrssystemen, von Siedlungsstrukturen, von Organisation der
Produktion, weil wir ganz einfach sehen, dass in den Industrieländern
insbesondere im Transport- und Verkehrsbereich die höchsten Zuwächse im
Ressourcenverbrauch und in den Emissionen stattfinden. Das kann man
sicherlich nicht nur durch technische Maßnahmen wie das Drei-Liter-Auto in
den Griff bekommen, sondern im Grunde genommen nur durch andere
Verkehrssysteme.
Die europäisch integrierten Just-in-time-Produktionssysteme, in denen ein
Joghurt 15.000 Kilometer transportiert wird, bis es auf einem
Frühstückstisch landet, dürften nicht fortgeführt werden. Das ist nur die
Spitze des Eisberges, das haben wir in allen Bereichen der Produktion. Diese
Infrastrukturen werden alle mit enormen öffentlichen Mitteln aufgebaut und
instand gehalten. Niemand kann sagen, dass dies nicht politisch
beeinflussbar ist.
Frage: Die Liberalisierung der Märkte - wie die WTO sie verlangt - und die
immer größere Konkurrenz durch Billiglohnländer favorisieren genau diese
Variante des zunehmenden Verkehrs, wobei die ökologischen Kosten des
Transports nie aufgerechnet werden. Hier müsste weltweit eingegriffen
werden.
Haberl: Das ist natürlich nicht nur europäisch zu denken. Es fehlt ja nicht
nur die Internalisierung aller ökologischen Folgekosten; diese
Infrastrukturen sind ja alle öffentlich finanziert. Hier geht es um
volkswirtschaftliche Kosten, die von ganz anderen getragen werden als von
denen, die sie verursachen. Hier ist die Frage der Kostenwahrheit schon
einmal ein wesentlicher Teil.
Soziale und ökologische Folgen der Klimaerwärmung
Frage: Wie würden Sie den Widerspruch von der ökologischen Seite her sehen?
Was ist entscheidender: Die Gefahren der klassischen industriellen
Entwicklung, wie wir sie derzeit in China und Indien erleben, und ihre
ökologischen Folgen zu bekämpfen oder die soziale Frage der
Arm-Reich-Entwicklung, die das neoliberale System verursacht, zu lösen?
Haberl: Ich will das nicht gewichten, denn ich denke, es gibt dabei
vielfältige Querverbindungen. Die Klimaerwärmung stellt ein globales Problem
dar, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass die Ärmeren stärker davon
betroffen sind als die Reichen. Die Reichen können es sich viel leichter
leisten, Gegenmaßnahmen zu treffen. Sie leben überwiegend in Gebieten, die
gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels viel weniger anfällig sind. Auf
der anderen Seite gibt es diese enorme, in den letzten Jahrzehnten rasch
gewachsene Ungleichverteilung des Reichtums. Diese Umverteilung ist einer
der wesentlichen Mechanismen hinter den globalen Spannungen, die zu
Terrorismus und Kriegsgefahr führen. Da kann ich nicht gewichten und sagen,
das eine ist schlimm und das andere ist weniger bedeutend.
Klimawandel im politischen Bewusstsein
Frage: Georg W. Bush sagt, die Ökologie sei wirtschaftsschädlich und Kyoto
interessiere ihn nicht.
Haberl: Das mag Georg Bush so sehen, aber auch in den USA setzen sich in den
letzten Jahren andere Sichtweise durch. Nicht einmal der australische
Ministerpräsident John Howard bestreitet mehr, dass es einen Klimawandel
gibt. Ich habe den Eindruck, dass die Argumentation, dass der Klimawandel
nicht real sei, massiv an Glaubwürdigkeit zu verlieren beginnt und nirgends
mehr haltbar ist. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, sind
natürlich sehr unterschiedlich. Die australische Regierung hat gleich
gesagt: Dann brauchen wir eben die Kernenergie. Georg Bush vertritt eine
ähnliche Auffassung. Ich halte diesen Weg sowohl von den Investitionen, die
er erfordert, als auch von den Vorlaufzeiten, die er benötigen würde - bei
den Mengen an Energie, um die es geht -, für vollkommen absurd. Jenseits der
Frage, für wie gefährlich man die Kernenergie hält, muss man bedenken, dass
es beim Uran ebenso Engpässe geben wird, wenn man nicht in die
Brütertechnologie und die Wiederaufbereitung geht. Wir haben eine Eskalation
der nuklearen Verseuchungspotenziale zu erwarten, wenn man ernsthaft diesen
Weg gehen will. Dazu kämen noch riesige technologische Probleme, da die
Brutreaktoren noch nirgendwo reibungslos funktioniert haben. Auch die
Wiederaufbereitungsanlagen haben überall große Probleme hervorgerufen. Dazu
kommt die Endlagerung, die ein weiteres ungelöstes Problem darstellt, weil
es um so gigantische Zeiträume geht. Das heißt, selbst wenn man die
Leichtwasserreaktortechnologie für akzeptabel hielte, wäre die
Nukleartechnologie kein Ausweg. Diese Option ist aus meiner Sicht nicht
realisierbar, wenn man weiß, um welche Energiemengen es sich dabei handelt.
Wir haben ungefähr 400 Kernreaktoren in der Welt. Mit denen erzeugt man
wenige Prozent des Weltenergiebedarfs. Eine Verzehnfachung wäre immer noch
zu wenig, wenn man weltweit einen ungebremsten Übergang ins Industriesystem
forciert. Hier stößt man ohne Brüter und Wiederaufarbeitung sehr schnell an
die Grenzen der Uranverfügbarkeit. Beachtet werden muss auch: Wir haben
heute Planungszeiten von acht bis zehn Jahren für ein Kernkraftwerk, das
heißt die Kernenergie kann gar nicht so schnell ausgebaut werden. Dazu
kommt, dass man dafür große Mengen an qualifiziertem Personal benötigt. Es
würde daher 20 bis 30 Jahre brauchen, bevor wir wirklich spürbare Zuwächse
in diesem Bereich haben könnten. Und die Kernfusion steht laut Angaben ihrer
Befürworter schon seit einem halben Jahrhundert konstant rund etwa 50 Jahre
vor ihrer Markteinführung. Das Geld dafür sollte man lieber in
Energieeffizienz und erneuerbare Energien stecken.
Alternative Energien
Frage: Die Solarenergie ist ausreichend vorhanden, nur die Technologie wird
nicht weiterentwickelt.
Haberl: Solar- und Windenergie stehen nicht beliebig zur Verfügung, ihre
Verfügbarkeit ändert sich im Zeitverlauf. Bei ihnen braucht man erst ein
richtiges Speichermedium, wenn man sie in großem Maßstab einsetzen will.
Biomasse ist letztlich gespeicherte Solarenergie und daher attraktiv. Was
bei Biomasse viel zu wenig gesehen wird, ist, dass sie zwar erneuerbar, aber
auch begrenzt ist. Wir sehen jetzt schon in Österreich beispielsweise, dass
die Papier- und die Plattenindustrie über den Boom der Pellets-Heizungen
jammert, da der Rohstoff Holz zu teuer wird. Wenn man solche Ideen verfolgen
will, wie es unsere abgewählte Regierung verfolgt hat, und verstärkt in den
Bereich des Biokraftstoffs zu gehen versucht, so wird man das nur mit
massiven Importen können. Eine deutliche Ausweitung der Verwendung biogener
Kraftstoffe ist auf der Fläche Österreichs nicht durchführbar, dafür fehlt
die nutzbare Landwirtschaftsfläche. In ganz Europa wird jetzt schon
versucht, die Landwirtschaft in Richtung Bioenergie zu führen und zur
gleichen Zeit werden riesige Mengen Soja aus Brasilien importiert, wo daher
der Regenwald flachgelegt wird, damit wir unsere Zuchttiere füttern können.
Das ist eine scheinheilige Politik. Bei der Biomasse muss man sich wirklich
überlegen, wo die Nachhaltigkeitsgrenzen liegen. Wenn man sich das
einigermaßen ökologisch sensibel anschaut, dann sieht man sofort, dass die
Potenziale viel geringer anzusetzen sind, als viele es sich erhoffen.
Das heißt, ich sehe eigentlich nicht, wie man eine massive Abkehr von der
fossilen Energie einleiten kann, wenn man nicht das Verbrauchsniveau in den
industrialisierten Ländern verändert. Historisch war es bisher so, dass die
Effizienzgewinne durch Mehrkonsum aufgefressen worden sind. Es ist nicht
gesagt, dass das nicht geändert werden kann.
Ökosteuerstudien haben gezeigt, dass eine Änderung in der Steuer- und
Abgabenpolitik, die die Ressourcen belastet und die Arbeit entlastet, selbst
bei weiterem Wirtschaftswachstum eine Verringerung des Energieeinsatzes
bewirken können. Diese Politik ist leider nicht umgesetzt worden. Sie wäre
nur ein Element in einem umfassenderen Bündel, das ich schon erwähnt habe.
Die Zukunft erdölfördernder Länder
Frage: Wie schätzen Sie die Entwicklung jener Länder ein, die sehr reich an
Rohstoffen sind und über die Deviseneinnahmen ein nachhaltiges
Entwicklungsmodell finanzieren könnten? Ich denke an den arabischen Raum, an
Russland und Venezuela. In den letzten Jahren ist in diesen Ländern kein
Ansatz für eine solche Entwicklung sichtbar geworden. Werden sie nach
Ausschöpfung ihrer Ressourcen in 30 oder 40 Jahren wieder als arme Länder
dastehen?
Haberl: Saudi-Arabien ist sicherlich jenes Land, das noch am längsten Öl
haben wird und es wird dann, wenn andere schon fast nichts mehr fördern,
noch immer davon profitieren, weil das Öl dann noch wesentlich teurer sein
wird. Das große Problem, das ich sehe, ist, dass diese Länder mit den
Einkommen, die sie aus ihren unterirdischen Schätzen lukrieren, wenig weise
umgehen. Mein Eindruck ist, dass sie - wenn sie dieses Einkommen nicht
einfach in Form von Luxusgütern verheizen - auf Entwicklungsmodelle setzen,
die so tun, als ob es diesen Reichtum an fossiler Energie, den sie gerade
verkaufen, ewig geben würde. Denken wir bloß an Dubai mit einer
Tourismusinfrastruktur, die natürlich nur ins Fossilzeitalter passt. Wer
sollte denn dort Urlaub machen, wenn nicht Menschen, die mit Flugzeugen
dorthin fliegen und sich dann mit einem hohen Energieaufwand einige Wochen
auf künstlichen Inseln vergnügen. Ich denke, das ist eine Form von
Infrastrukturentwicklung, die sehr wenig Zukunftspotenzial hat, angesichts
der Tatsache, dass das fossile Zeitalter sich seinem Ende zuneigt.
Diese Länder hätten sehr wohl das Potenzial sich anders zu entwickeln, das
heißt sie könnten sich so entwickeln, dass sie mittel- und langfristig einen
Vorteil aus ihren Öleinnahmen ziehen können. Sie hätten die Mittel dafür;
sie tun es aber nicht.
Wenn sie die Mittel wenigstens so einsetzen würden, dass sie neben dem
Rohstoff exportierenden Industriezweig andere Produktionszweige aufbauten.
Sie könnten auch einen Teil in Alternativenergien und in Energieeffizienz
stecken. Das Geld fließt aber fast ausschließlich in den Luxuskonsum der
oberen Schichten bei gleichzeitiger Armut großer Teile der Bevölkerung bzw.
in die Abwerbung von Arbeitskräften aus anderen Regionen.
Ich sehe keinen Aufbau von Strukturen, die ein zukunftsweisendes Konzept
bereit halten für den Fall, wenn das Öl einmal versiegt.
Die Dienstleistungsgesellschaft im Zeichen des Ressourcenverbrauchs
Frage: Das Informatikzeitalter wurde einmal angekündigt als jenes, welches
das industrielle Zeitalter ablösen wird. Man erkennt zwar eine
Parallelentwicklung, aber man sieht, dass die technologische Revolution in
keiner Weise - auch wenn es eine neunzigprozentige
Dienstleistungsgesellschaft in den reichen Ländern geben könnte - die
Energiefrage löst.
Haberl: Informatikzeitalter oder Dienstleistungsgesellschaft: Das ist so ein
Missverständnis, auf das man eigentlich nur kommen kann, wenn man sich den
Industrieprozess nur in Geldeinheiten anschaut. Das wird schon deutlich,
wenn man sieht, wie viele Menschen in diesen Bereichen arbeiten und wie viel
Geld in diesem Zweig erwirtschaftet wird - in Form von Dienstleistungen, von
Geldwerten oder von Produkten.
Betrachtet man die Entwicklung jedoch biophysisch, dann sieht man, dass die
Ressourcenumsätze des Industrie- oder des Agrarsektors deswegen nicht
schwinden, weil ihre Produkte relativ weniger wert werden. Ganz im
Gegenteil: All die Dienstleistungen und Informatikwaren kommen zu den
anderen, ressourcenintensiven Produkten dazu. Physisch bleibt das Industrieund
Agrarsystem erhalten; es beschäftigt nur immer weniger Leute und es wird
in diesen Sektoren zum Teil weniger Geld erwirtschaftet.
Die österreichische Landwirtschaft, die vor 200 Jahren 70 bis 80 Prozent der
Bevölkerung beschäftigt und den größten Teil des Volkseinkommens erzeugt
hat, ist ökonomisch enorm geschrumpft. Heute stellt sie einen Sektor dar, in
dem zwei bis drei Prozent der Bevölkerung arbeiten und nur noch ein
vernachlässigbarer Teil des Volkseinkommens erwirtschaftet wird. Aber die
Biomasseumsätze im Agrarsektor haben sich verdoppelt. Wenn man auf die
Ökonomie nur als Geldprozess schaut, dann sieht man eben die wesentlichen
Ressourcenflüsse nicht, die hinter diesen Geldflüssen stehen. Daraus
entsteht dann eine so absurde Idee wie die, dass eine
Dienstleistungsgesellschaft automatisch entmaterialisiert wäre. In diesen
Bereichen könnten wir bereits ein Wirtschaftswachstum haben, das weniger
Ressourcen verbraucht, als wenn wir dieses Wirtschaftswachstum
beispielsweise durch Steigerung der Stahlproduktion erzeugt hätten. Wir
brauchen weniger Ressourcen pro Einheit BIP, aber deswegen sinkt nicht unser
Ressourcenverbrauch, weil wir die materialintensiven Grundproduktionen nach
wie vor haben. Das andere kommt noch dazu.
Das ist einfach eine Sichtweise, die nicht sieht, wie diese Ressourcenflüsse
stattfinden, und die rein auf einer monetären Perspektive aufbaut.
Akteure und Chancen der Veränderung
Frage: Wer könnten Ihrer Meinung nach die Akteure für eine notwendige
Veränderung in der Gesellschaft sein? Ökologiebewegungen,
Sozialforumsbewegungen auf Weltebene oder NGOs à la Greenpeace?
Haberl: Das ist natürlich eine schwierige Frage. Es gibt zwei Optionen.
Entweder die von Ihnen erwähnten und andere Akteure realisieren, was da auf
uns zukommt, werden aktiv und es gelingt Veränderungen einzuleiten, bevor es
zu einem großen Knall kommt. Oder wir werden tatsächlich in "Peak Oil"
hineinlaufen und dann erst reagieren. Meine Prognose ist, dass es sehr
unangenehm werden wird, wenn wir in die "Peak-Oil"-Situation unvorbereitet
und ohne vorausschauend zu handeln hineinlaufen. Wenn wir in den nächsten
zehn bis zwanzig Jahren noch weitere riesige Mengen Geld in den Aus- und
Aufbau einer Infrastruktur stecken, die nur mit billigem Öl funktioniert,
dann werden wir eine sehr harte Landung haben, wenn das Öl auf einmal nicht
mehr billig sein wird - und zwar dauerhaft. Wir würden jetzt schon viel
besser dastehen, wenn wir in den letzten Jahrzehnten auf die Warnungen zum
Beispiel des Club of Rome reagiert hätten. Wenn das, was man bei dutzenden
wirtschaftswissenschaftlichen Simulationsstudien herausgefunden hat, stimmt,
nämlich dass man beispielsweise sozialökologische Steuerreformen durchführen
kann, ohne das Wirtschaftswachstum zu verringern, wären wir wirtschaftlich
gar nicht so schlecht ausgestiegen und hätten sogar mehr Beschäftigung
gehabt. Wenn wir diesen Weg in der entsprechenden Weise gegangen wären,
hätten wir vielleicht sogar eine gerechtere Verteilung zustande gebracht.
Aber wir haben eben keine sozial-ökologische Steuerreform umgesetzt, und so
haben uns diese Ölpreissteigerungen viel härter getroffen als notwendig. Was
passiert, wenn das Öl physisch knapp wird? Momentan deutet einiges darauf
hin, dass wir noch für einige Jahre eine Schonfrist haben. Wenn man die
wieder tatenlos verstreichen lässt, und wenn die Wachstumsdynamik - vor
allem in China und Indien - so weiter geht wie jetzt -, dann wird das keine
weiche Landung werden.
Frage: Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Johann Schögler.
[1] http://www.iff.ac.at/socec/staff/haberl.php
Aus: "Energiewirtschaft und -politik im Osten: Angebotsorientiert und schwer
erneuerbar", In: Ost-West-Gegeninformationen, 18. Jg., Nr. 2, 2006, ca. 50
S., 5,- Euro incl. Porto
http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/csbsc/ostwest/18-2-06.html
Ost-West-Gegeninformationen, Mozartgasse 3, A-8010 Graz,
Tel. 0043 316 380-2377, Fax -9735
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