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Lust auf Lehm
In einem 300 Jahre alten reetgedeckten Fachwerkhaus bei Berlin kann man die
Kunst des Lehmbaus kennenlernen
Nach gemütlicher Bahn- und Busfahrt steige ich im Zentrum Biesenthals aus -
der Alltagsstress ist schon fast abgehängt. Das Ziel für dieses verlängerte
Wochenende ist das älteste Haus der Kleinstadt im Landkreis Barnim. Seit
sieben Jahren bietet die Organisatorin und Handwerkerin Beatrice Ortlepp in
diesem Haus Lehmbaukurse an. Nach und nach treffen die Teilnehmer des
Schnupperkurses ein - aus allen Himmelsrichtungen, mit und ohne
Vorerfahrungen.
Das Haus selbst macht schon Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Lehm,
den die Menschen seit Jahrtausenden zum Bauen nutzen - und der sich dennoch
heute als moderner Baustoff vor anderen nicht zu verstecken braucht.
Die gelernte Maurerin, Pädagogin und Lehm-Werkerin hat auf wenigen
Quadratmetern die verschiedensten Lehmtechniken angewandt: Den großen Kamin
im Zentrum des Hauses ziert ein riesiges, farbenfrohes Lehmschlangen-Relief,
die Gefache sind in verschiedenen Techniken mit lehmverputzten Strohballen,
lehm-umwundenen Holzstaken oder Lehm-Mauerwerk restauriert. Im Erdgeschoss
zieht eine ganz organisch wirkende Wand Blicke auf sich: Mit Lehm gefüllte
Baumwollschläuche, unter anderem einige alte Hosenbeine und Strümpfe, wurden
hier geschwungen aufgeschichtet. Im Flur hat der Lehmputz eine besonders
feine Struktur. Der Trick: alte Baumwolltücher wurden komplett in eine dünne
Lehmmischung getaucht und als Lehmtapeten aufgezogen.
Der Workshop beginnt mit Materialkunde und ersten Versuchen mit dem Lehm:
Der erdfeuchte Lehm muss zunächst mit Wasser angerührt werden und über Nacht
stehen bleiben, mauken. Danach ist er noch geschmeidiger und gut zu
verarbeiten. Der Lehm für das Seminar stammt von einer Baugrube in der Nähe.
Mit ein wenig Erfahrung können Lehm-Werker schnell die Qualität des Lehms
feststellen. Lässt sich die Putzer-Mischung eineinhalb Zentimeter über den
Rand der Putzkelle schieben, bevor der Strang reißt? Geeigneter Lehm ist
wurzelfrei, fett oder mager und wird entsprechend seinen Eigenschaften und
der geplanten Anwendung mit Sand und anderen Zuschlagstoffen vermengt.
Dann geht es los. Die zahlreichen Lehm-Baustellen im Haus erlauben ein
Ausprobieren der vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten. Eine unebene
Lehm-Stroh-Wand können wir ausgleichen. Wir patschen den Lehm mit reichlich
Stoh vermischt auf die Fläche, später wird die Wand abgezogen und
gleichmäßig verputzt. Obwohl Beatrice betont, dass Lehm kein Kinderbaustoff
ist, wird ein bisschen Kind in jedem wach, dem hier die Lehmspritzer um die
Ohren fliegen.
Wenn Pause ist, spülen alle ihre lehmigen Hände ab. Der Baustoff schadet der
Haut überhaupt nicht und geht auch so gut aus Haaren und Kleidern heraus,
dass die eine oder andere Lehmschlacht nicht ausbleibt. Die Vorteile des
Lehms werden uns hautnah bewusst: Lehm ist atmungsaktiv, nimmt Feuchtigkeit
aus der Luft auf und gibt sie wieder ab, sorgt für gutes Raumklima, lässt
sich gut reparieren und komplett recyceln. Je nach Zuschlagstoff kann Lehm
auch ganz schön was aushalten. So werden die Lehmgefache von außen zum
Schluss mit einer Lehm-Kuhdung-Mischung verputzt. Die weist das Wasser ab
und sichert die Fassade für viele Jahre vor der Witterung. Im Badezimmer
spritzt es ab und an - über der Badewanne wird der Lehm wasserfest durch
Leinöl, das ihm außerdem einen dunkleren Farbton gibt. Lehm ist bunt. In
mehreren Eimern rühren wir Lehmfarbe an. Ganz schön gelb, eher rot, eher
weiß - die angenehmen Farbtöne finden allesamt Anklang.
Der Schnupperworkshop ist ein Selbstversorger-Seminar, aber selbst in den
Pausen können wir es nicht lassen, über Lehm und alte und neue
Handwerker-Tricks zu plaudern: Ein Architekt erzählt von einigen
historischen Sanierungsprojekten, ein professioneller Sanierer vom Umgang
mit fechten Lehmwänden, ein Häuslebauer von seinen aktuellen Plänen mit dem
neu entdeckten Baustoff. Dank des wunderbaren Wetters klingen die Tage
gemütlich im Garten aus, am Lagerfeuer, mit Tee aus eigenem Anbau. Am Ende
nehmen alle viele neue Eindrücke und Anregungen mit. Der Wunderbaustoff
macht Lust auf mehr und die kompetente und freundliche Anleitung von
Beatrice Ortlepp ebenfalls. Lehm braucht etwas mehr Ruhe und Geduld als
manch anderer Baustoff - auch davon lässt sich in Biesenthal etwas finden.
Jutta Sundermann
Seminar-Adresse, Referenzhaus mit Probeputzen und verschiedenen
Wandaufbauten, Ornamenten etc.:
16359 Biesenthal, Schulstr. 10 (hinter der evangelischen Kirche)
Termine 2007: 27.4.-1.5., 16.-20.5., 13.-17.6., 17.-21.7., 21.-28.7.
Kontakt: Beatrice Ortlepp, Tel. 4429850, 0177-5836481, beaortlepp@gmx.de
www.lehm.bau.ms
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 07
Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33
raberalf@grueneliga.de, www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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