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Der Klimawandel ist da
Zehn Schritte, mit denen die Welt noch zu retten ist
- Schluss mit dem Selbstbetrug
Gern wird beim Klimaschutz mit dem Finger auf die USA gezeigt. Nicht zu
unrecht. Richtig ist aber auch, dass nur fünf Länder mehr Kohlendioxid
emittieren als Deutschland: Japan, Indien, China, Russland und die USA. Und
alle haben mehr Einwohner als wir. Es ist wahr: Wir Deutschen sind
schlimmste Klimasünder.
2. Strafe muss ein
Wer seinen alten Kühlschrank im Wald abkippt, macht sich strafbar: "Illegale
Müllentsorgung". Dasselbe Prinzip kann für CO2 nicht falsch sein. Die EU hat
Regeln aufgestellt, wie die völkerrechtsverbindlichen Kyoto-Ziele zu
erreichen sind - also muss sie auch dafür sorgen, dass die Vorgaben
eingehalten werden.
Wer die Atmosphäre illegal als Kohlendioxid-Müllkippe benutzt, muss dafür
bestraft werden. Die EU hat viele Mittel dazu: Etwa die Regionalförderung
kürzen - dann werden die Leute mehr Klimaschutz von ihrer Regierung fordern.
3. Angemessener Preis für CO2
Haus- und Wohnungseigentümer wissen: Die Müllabfuhr ist teuer.
Häusle-Besitzer haben eine kluge Strategie entwickelt, diese Kosten zu
minimieren: die Verpackung bleibt im Laden. Wundersamerweise haben deshalb
manche Läden ihre Anbieter gedrängt, weniger Verpackung zu verwenden.
Gleiches muss auch für den Klimamüll gelten: Der Verursacher zahlt. Das ist
die ursprüngliche Idee des CO2-Emissionshandels. Den unsichtbaren Klimamüll
machte die EU mittels Aktien sichtbar. Jeder große CO2-Produzent bekam am
Anfang eine bestimmte Menge Aktien kostenlos zugeteilt. Wer Müll einspart,
kann die überzähligen Aktien verkaufen, wer zu viel Müll produziert, muss
Aktien dazu kaufen. So rechnet sich Klimaschutz auch betriebswirtschaftlich.
Dumm nur, wenn die EU-Kommission allzu lasche Vorgaben macht. Die deutsche
Industrie hat erklärt, im Jahr 2010 mit Zertifikaten für 451 Millionen
Tonnen CO2 auszukommen. Was macht die EU? Genehmigt 456 Millionen! Die
Folge: Der CO2-Preis verfällt immer mehr. Kostete eine Tonne vor Jahresfrist
noch 30 Euro, wird sie heute für nicht mal mehr einen Euro gehandelt. Da
lohnt sich Müllvermeidung nicht.
4. Die Wirtschaft knebeln
Wirtschaftsminister Glos behauptet, die EU betreibe Klimaschutz zu Lasten
der deutschen Industrie. Völlig daneben: Sie versucht es trotz der
deutschen Industrie! Nach dem Kyoto-Protokoll muss die Bundesrepublik ihren
CO2-Ausstoß um 21 Prozent senken. Anfang des Jahrzehnts war man diesem Ziel
schon mal ganz nahe. Seitdem aber steigen die deutschen Emissionen wieder:
2005 war Deutschland Europas größte Dreckschleuder.
Die EU muss hart bleiben! Die Deutschen müssen mehr tun. Gerade mal 6
Prozent Einsparung hat ihre Klimapolitik gebracht. Dass sie sich dennoch als
Klimaweltmeister aufführen, liegt an der DDR-Wirtschaft: Deren Zusammenbruch
nach 1989 brachte minus 11 Prozent.
5. Spritfresser verbieten
Der Ex-Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern hat einen Bericht über den
Klimawandel für die britische Regierung verfasst: Falls nicht schnell und
umfassend gehandelt wird, kommen auf uns größere wirtschaftliche Schäden zu
als durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts.
Deshalb war es eine gute Idee von EU-Umweltkommissar Dimas, Autos mit über
130 g/km CO2-Ausstoß ab 2012 zu verbieten. Denn wieder bekriegen die
Deutschen die Welt - ihre Granatwerfer heißen heute VW Touareg, Porsche und
Mercedes. CO2-Ausstoß: um die 300 g/km.
6. EU-Kommission umbauen
Der Grieche Stavros Dimas ist ein guter EU-Umweltkommissar, doch in dieser
EU muss er scheitern. Wollen wir das Klima retten, müssen wir
Industriekommissar Verheugen gegen einen Klimakommissar austauschen. Dessen
Fahrplan für die ersten 100 Tage: Europaweite Ökosteuer nach deutschem
Vorbild. Jedes Jahr 10 Prozent weniger neue CO2-Zertifikate. Verbot von
Neuwagen mit CO2-Ausstoß über 100 g/km ab 2010. Sofortige Besteuerung von
Flugbenzin. Baustopp für die neuen Braunkohlekraftwerke von RWE und
Vattenfall.
7. Energie dezentral erzeugen
Fossile Kraftwerke und AKWs nutzen nur 30-40 Prozent der Primärenergie, der
Rest ist Abwärme. Kleine Blockheizkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung im
Keller holen doppelt so viel aus einer Tonne Brennstoff heraus. Dächer, die
Solarkraftwerke sind, Biogas vom Bauern - kleine, dezentrale Kraftwerke sind
deutlich effizienter.
Sie werden sich aber nicht durchsetzen können, solange Großkraftwerke
arbeiten. Die Moloche sind sehr viel billiger, solange der
Kohlendioxidausstoß fast nichts kostet. Deshalb: Braunkohlekraftwerke
abschalten. Genauso wie die Atomkraftwerke.
8. Effizienz-Revolution anzetteln
Das schnellste CO2-freie Kraftwerk heißt "Effizienz". Experten glauben, dass
Europa ein Viertel seines Energiebedarfs einsparen kann.
9. Bäume pflanzen
Bäume verzögern die Klimakatastrophe: Sie setzen Kohlendioxid in Holz um.
Wälder sind gigantische Kohlenstoff-Speicher. Dumm ist nur: Die Wälder
verlieren jeden Tag mehr Bäume als neue hinzu kommen. Brandrodung und
illegaler Holzschlag "produziert" jedes Jahr 25 Prozent der Treibhausgase.
Warum? Wegen uns! Aus brasilianischen Urwäldern werden oft McDonalds-Weiden,
aus indonesischen Hölzern Gartenmöbel.
Bislang erlaubt die EU ihren Mitgliedsstaaten, nur 10 Prozent der
CO2-Zertifikate zu versteigern. Das wird ab sofort gestrichen: 80 Prozent
der Verschmutzungsrechte werden versteigert. 40 Prozent der Einnahmen
fließen in einen Waldfonds für die Wiederaufforstung Afrikas und eine
Polizei, die illegalen Holzhandel unterbindet und so die Wälder rettet.
10. Unten bleiben
Nichts ist klimaschädlicher als der Flugverkehr. Das britische
Tyndall-Institut hat errechnet, dass im Jahr 2040 allein die zivile
Luftfahrt jene Treibhauswirkung entfalten wird, die in der EU dann insgesamt
noch erlaubt sein wird.
Wer trotzdem unbedingt fliegen muss, darf sich einen Ablassschein kaufen:
die Ausgleichsagentur Atmosfair berechnet Ihre Klimaschuld - und Sie zahlen
für globale Klimaschutzprojekte. Doch eigentlich hilft dem Klima nur eins:
Flugverweigerung.
Nick Reimer
Im Mai erscheint von Nick Reimer und Thoralf Staud: "Wir Klimaretter - so
ist die Wende noch zu schaffen" (Kiepenheuer & Witsch).
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 07
Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin, Tel. 030 / 443391-47, Fax -33
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