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Nachruf auf Kurt Kretschmann, Nestor des ostdeutschen Naturschutzes (1914-2007)

Die Bank bleibt leer

Nachruf: Kurt Kretschmann in Bad Freienwalde verstorben

Das Bild ging um die Welt: Ein großer Eichenbaum, an dem ein fünfeckiges Schild mit einer schwarzen Eule befestigt ist. Etwas tiefer umschließt eine Bank den Baum, auf der ein altes Ehepaar sitzt, gestützt auf ihre Krückstöcke. Die beiden sind Erna und Kurt Kretschmann. Viel ist über sie geschrieben worden, einfache Leute, die es nie zu großen Posten und materiellen Reichtümern gebracht haben. Was macht sie dennoch so bekannt? Es sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit, allen Hindernissen zum Trotz, ein ganzes Leben in verschiedenen Systemen den eigenen Idealen und Überzeugungen, unter Einsatz des eigenen Lebens, treu zu bleiben.

Kurt Kretschmann wurde am 2. März 1914, wenige Monate vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, in Berlin geboren und wuchs in Tangermünde auf. Seit seiner Kindheit wusste Kurt: Krieg bedeutet Not, Elend und vor allem auch Hunger. "Krieg dem Krieg" hieß das erste politische Buch, welches Kurt las. Ernst Friedrich, der Autor, betreute in Berlin das "Anti-Kriegs-Museum" in der Parochialstraße. Zwei Straßen weiter hatte Kurt eine Schneiderlehre begonnen. An einem Sonntag besuchte er das Anti-Kriegs-Museum, in dem ihn Ernst Friedrich durch die Ausstellung führte. Er zeigte Kurt Bilder: Ein deutscher Priester segnete deutsche Waffen für den Sieg, ein französischer Priester tat das mit französischen Waffen. So etwas tat die Kirche? Kurze Zeit später trat Kurt aus der Kirche aus. Seither trug er das Abzeichen mit den zwei Händen, die ein Gewehr zerbrechen, er war überzeugter Pazifist. Was sollte er also im April 1933 tun? Die Nazis hatten die Macht übernommen und seine Schneiderei stellte die Produktion auf Uniformen um. Kurt kündigte sofort - und das bei einem Arbeitslosenheer von 6 Millionen Menschen. Mit 300 Reichsmark in der Tasche verließ er Berlin und zog zu seinem Freund Herbert Marquart, der in Rüdnitz bei Bernau eine Laube mit 20 Bienenvölkern geerbt hatte. Hier lebten beide zwei Jahre völlig autark, sie sammelten Beeren, Pilze und Kräuter. Kurt war seit seinem 17. Lebensjahr Vegetarier, um auszutesten, wie man mit den wenigsten Lebensmitteln am Leben bleiben kann.

Der Jahrgang 1914 wurde 1935 zuerst regulär zur Wehrmacht eingezogen. Vor der ersten Musterung hungerte Kurt eine Woche, er wurde für ein Jahr zurückgestellt. 1936 kam dann die Einberufung zur Wehrmacht für zwei Jahre. Danach wanderte Kurt zu Fuß von Nauen bis nach Sizilien, zwei Jahre lebte er in Österreich, der Schweiz und Italien und erlebte die Naturschönheiten jener Länder. Dann begann der zweite Krieg in seinem Leben.

Die zweite Einberufung erfolgte 1940. Kurt als Pazifist bekam ständig Ärger mit Vorgesetzten, Verhöre - selbst durch die Gestapo - folgten. Im Winter 1941 kam die Abkommandierung zur Ostfront. Drei lange Winter bei Temperaturen bis -45° überlebte er in Russland. Im Januar 1945 beschloss Kurt, von seinem Urlaub in Bad Freienwalde nicht mehr zur Armee zurückzukehren. Seine Frau Erna, die er 1942 geheiratet hatte, half ihm dabei. Unter einer Gartenlaube gruben sie eine zwei Meter lange und ein Meter breite Grube. Hier verbarg sich Kurt 74 Tage lang, um sich von der Front überrollen zu lassen, lediglich nachts konnte er die Grube für kurze Zeit verlassen. Endlose Zeit in einer engen und kalten Höhle, jederzeit konnte er entdeckt und dann sofort erschossen werden. Im April wimmelte es von Wehrmachtssoldaten im Garten neben der Laube, Stellungen sollten hier am Oderbruch aufgebaut werden und den Durchbruch der Roten Armee auf Berlin verhindern. Kurt musste in der Nacht sein Versteck verlassen und fand Unterschlupf bei einem Freund auf dem Dachboden. Hier drohte neue Gefahr, russische Granaten fegten über das Dach und konnten jederzeit einschlagen. Endlich zogen die Deutschen ab und die Rote Armee zog in Bad Freienwalde ein. Kurt ergab sich und sollte sofort erschossen werden. Geistesgegenwärtig rief er: "Seid Ihr wahnsinnig, wollt ihr einen Kommunisten erschießen?". Ein Russe verstand ihn und brachte Kurt zur Kommandantur. "Dich machen wir zum Bürgermeister" sagte der Kommandant. Für vier Monate kam er in ein Ausbildungslager der Roten Armee. Am Tag seiner Rückkehr nach Bad Freienwalde wurde sein Sohn Friedhart beerdigt, er hatte die entbehrungsreiche Zeit nicht überlebt.

Erna und Kurt Kretschmann engagieren sich nach 1945 für den Neuaufbau. Erna wird Kreisrätin für Volksbildung, Kurt Kreisbeauftragter für Naturschutz im Barnim. Später wechseln beide an die Müritz und bauen die erste Lehrstätte für Naturschutz "Müritzhof" auf. Sie kehren 1960 nach Bad Freienwalde zurück und bauen dort das Haus der Naturpflege und einen großen Lehrgarten auf. Sie organisieren Ausstellungen, schreiben tausende Zeitungsartikel, kümmern sich um Schulklassen und betreuen den ökologischen Anbau im Garten. Beide ergänzen sich, sind füreinander da und lieben sich. "Ein Leben in Harmonie" heißt das Buch über die beiden, das 1999 im Findling-Verlag erschien. Bereits 1981 wurde der Fernsehfilm "Erna und Kurt Kretschmann - ein Leben für den Naturschutz" gedreht. Vieles ließe sich noch berichten, die Geschichte der Entstehung der Naturschutzeule, mit dem der nützliche Vogel in ein besseres Licht gerückt wurde, die Gründung des Arbeitskreises Weißstorchenschutz 1978/1979 im Kulturbund der DDR, die Gründung des Storchenmuseums in Altgaul in einer alten Ziegelei ...

Ehrungen wurden Kurt und Erna Kretschmann erst im Alter zuteil. Im März 1999 wurden sie Ehrenbürger ihrer Heimatstadt Bad Freienwalde. Kurt wurde Ehrenpräsident des Naturschutzbundes (NABU), dessen Mitbegründer er war, Erna erhielt die Goldene Ehrennadel des NABU. Im Januar 2000 verstarb Erna, fortan arbeitete Kurt allein. Er schrieb weitere Bücher - sein letztes, "Mulch total", befasste sich mit der Mulchwirtschaft -, veröffentlichte seine Gedichte für Erna und schenkte seinen Nachlass dem Land Brandenburg. Am Samstag, dem 20. Januar vollendete sich ein außergewöhnliches Leben. Kurt Kretschmann verstarb im Alter von 92 Jahren in Bad Freienwalde. Die Bank, die jene große Eiche vor dem Blockhaus umschließt, wird künftig leer bleiben. Bleiben werden aber eine Vielzahl Erinnerungen an zwei Menschen, die Großes vollbracht haben und doch immer klein geblieben sind. Wir trauern um unser langjähriges Mitglied, einem überzeugten Pazifisten, Ökologen und Sozialisten.

Norbert Wilke
GRÜNE LIGA Brandenburg e.V.


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22.03.07    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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