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Die Bank bleibt leer
Nachruf: Kurt Kretschmann in Bad Freienwalde verstorben
Das Bild ging um die Welt: Ein großer Eichenbaum, an dem ein fünfeckiges
Schild mit einer schwarzen Eule befestigt ist. Etwas tiefer umschließt eine
Bank den Baum, auf der ein altes Ehepaar sitzt, gestützt auf ihre
Krückstöcke. Die beiden sind Erna und Kurt Kretschmann. Viel ist über sie
geschrieben worden, einfache Leute, die es nie zu großen Posten und
materiellen Reichtümern gebracht haben. Was macht sie dennoch so bekannt? Es
sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit, allen Hindernissen zum Trotz, ein
ganzes Leben in verschiedenen Systemen den eigenen Idealen und
Überzeugungen, unter Einsatz des eigenen Lebens, treu zu bleiben.
Kurt Kretschmann wurde am 2. März 1914, wenige Monate vor dem Ausbruch des
ersten Weltkrieges, in Berlin geboren und wuchs in Tangermünde auf. Seit
seiner Kindheit wusste Kurt: Krieg bedeutet Not, Elend und vor allem auch
Hunger. "Krieg dem Krieg" hieß das erste politische Buch, welches Kurt las.
Ernst Friedrich, der Autor, betreute in Berlin das "Anti-Kriegs-Museum" in
der Parochialstraße. Zwei Straßen weiter hatte Kurt eine Schneiderlehre
begonnen. An einem Sonntag besuchte er das Anti-Kriegs-Museum, in dem ihn
Ernst Friedrich durch die Ausstellung führte. Er zeigte Kurt Bilder: Ein
deutscher Priester segnete deutsche Waffen für den Sieg, ein französischer
Priester tat das mit französischen Waffen. So etwas tat die Kirche? Kurze
Zeit später trat Kurt aus der Kirche aus. Seither trug er das Abzeichen mit
den zwei Händen, die ein Gewehr zerbrechen, er war überzeugter Pazifist. Was
sollte er also im April 1933 tun? Die Nazis hatten die Macht übernommen und
seine Schneiderei stellte die Produktion auf Uniformen um. Kurt kündigte
sofort - und das bei einem Arbeitslosenheer von 6 Millionen Menschen. Mit
300 Reichsmark in der Tasche verließ er Berlin und zog zu seinem Freund
Herbert Marquart, der in Rüdnitz bei Bernau eine Laube mit 20 Bienenvölkern
geerbt hatte. Hier lebten beide zwei Jahre völlig autark, sie sammelten
Beeren, Pilze und Kräuter. Kurt war seit seinem 17. Lebensjahr Vegetarier,
um auszutesten, wie man mit den wenigsten Lebensmitteln am Leben bleiben
kann.
Der Jahrgang 1914 wurde 1935 zuerst regulär zur Wehrmacht eingezogen. Vor
der ersten Musterung hungerte Kurt eine Woche, er wurde für ein Jahr
zurückgestellt. 1936 kam dann die Einberufung zur Wehrmacht für zwei Jahre.
Danach wanderte Kurt zu Fuß von Nauen bis nach Sizilien, zwei Jahre lebte er
in Österreich, der Schweiz und Italien und erlebte die Naturschönheiten
jener Länder. Dann begann der zweite Krieg in seinem Leben.
Die zweite Einberufung erfolgte 1940. Kurt als Pazifist bekam ständig Ärger
mit Vorgesetzten, Verhöre - selbst durch die Gestapo - folgten. Im Winter
1941 kam die Abkommandierung zur Ostfront. Drei lange Winter bei
Temperaturen bis -45° überlebte er in Russland. Im Januar 1945 beschloss
Kurt, von seinem Urlaub in Bad Freienwalde nicht mehr zur Armee
zurückzukehren. Seine Frau Erna, die er 1942 geheiratet hatte, half ihm
dabei. Unter einer Gartenlaube gruben sie eine zwei Meter lange und ein
Meter breite Grube. Hier verbarg sich Kurt 74 Tage lang, um sich von der
Front überrollen zu lassen, lediglich nachts konnte er die Grube für kurze
Zeit verlassen. Endlose Zeit in einer engen und kalten Höhle, jederzeit
konnte er entdeckt und dann sofort erschossen werden. Im April wimmelte es
von Wehrmachtssoldaten im Garten neben der Laube, Stellungen sollten hier am
Oderbruch aufgebaut werden und den Durchbruch der Roten Armee auf Berlin
verhindern. Kurt musste in der Nacht sein Versteck verlassen und fand
Unterschlupf bei einem Freund auf dem Dachboden. Hier drohte neue Gefahr,
russische Granaten fegten über das Dach und konnten jederzeit einschlagen.
Endlich zogen die Deutschen ab und die Rote Armee zog in Bad Freienwalde
ein. Kurt ergab sich und sollte sofort erschossen werden. Geistesgegenwärtig
rief er: "Seid Ihr wahnsinnig, wollt ihr einen Kommunisten erschießen?". Ein
Russe verstand ihn und brachte Kurt zur Kommandantur. "Dich machen wir zum
Bürgermeister" sagte der Kommandant. Für vier Monate kam er in ein
Ausbildungslager der Roten Armee. Am Tag seiner Rückkehr nach Bad
Freienwalde wurde sein Sohn Friedhart beerdigt, er hatte die
entbehrungsreiche Zeit nicht überlebt.
Erna und Kurt Kretschmann engagieren sich nach 1945 für den Neuaufbau. Erna
wird Kreisrätin für Volksbildung, Kurt Kreisbeauftragter für Naturschutz im
Barnim. Später wechseln beide an die Müritz und bauen die erste Lehrstätte
für Naturschutz "Müritzhof" auf. Sie kehren 1960 nach Bad Freienwalde zurück
und bauen dort das Haus der Naturpflege und einen großen Lehrgarten auf. Sie
organisieren Ausstellungen, schreiben tausende Zeitungsartikel, kümmern sich
um Schulklassen und betreuen den ökologischen Anbau im Garten. Beide
ergänzen sich, sind füreinander da und lieben sich. "Ein Leben in Harmonie"
heißt das Buch über die beiden, das 1999 im Findling-Verlag erschien.
Bereits 1981 wurde der Fernsehfilm "Erna und Kurt Kretschmann - ein Leben
für den Naturschutz" gedreht. Vieles ließe sich noch berichten, die
Geschichte der Entstehung der Naturschutzeule, mit dem der nützliche Vogel
in ein besseres Licht gerückt wurde, die Gründung des Arbeitskreises
Weißstorchenschutz 1978/1979 im Kulturbund der DDR, die Gründung des
Storchenmuseums in Altgaul in einer alten Ziegelei ...
Ehrungen wurden Kurt und Erna Kretschmann erst im Alter zuteil. Im März 1999
wurden sie Ehrenbürger ihrer Heimatstadt Bad Freienwalde. Kurt wurde
Ehrenpräsident des Naturschutzbundes (NABU), dessen Mitbegründer er war,
Erna erhielt die Goldene Ehrennadel des NABU. Im Januar 2000 verstarb Erna,
fortan arbeitete Kurt allein. Er schrieb weitere Bücher - sein letztes,
"Mulch total", befasste sich mit der Mulchwirtschaft -, veröffentlichte
seine Gedichte für Erna und schenkte seinen Nachlass dem Land Brandenburg.
Am Samstag, dem 20. Januar vollendete sich ein außergewöhnliches Leben. Kurt
Kretschmann verstarb im Alter von 92 Jahren in Bad Freienwalde. Die Bank,
die jene große Eiche vor dem Blockhaus umschließt, wird künftig leer
bleiben. Bleiben werden aber eine Vielzahl Erinnerungen an zwei Menschen,
die Großes vollbracht haben und doch immer klein geblieben sind. Wir trauern
um unser langjähriges Mitglied, einem überzeugten Pazifisten, Ökologen und
Sozialisten.
Norbert Wilke
GRÜNE LIGA Brandenburg e.V.
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/März 07
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