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Pflanzen wandern, Menschen auch: Ueppiges Wachstum auf der groessten Brache in der Mitte Berlins

Pflanzen wandern, Menschen auch

Üppiges Wachstum auf der größten Brache in der Mitte Berlins

Zwischen den Betonbauten in Berlins Mitte ist ein Garten versteckt. Ein Hort der Begegnung und des Wachsens, umgeben von Relikten aus alten Ostbahnzeiten. Hier treffen sich leidenschaftliche Gärtner, Studenten, Frauen aus Bosnien, einzeln und in Gruppen. Sie tauschen ihr Wissen über Pflanzen aus, die oftmals ebenso weit gewandert sind wie einige der Gärtner und Gärtnerinnen selbst. Sie experimentieren und feiern Feste. Zu eben so einem Fest, dem Picknick unter Birken, sind auch wir - die
Soziologiestudentinnen aus Hannover - angereist.

Hier am Gleisdreieck werden wir regelrecht überrumpelt von so viel Engagement aus ganz verschiedenen Zusammenhängen. Es werden Kontakte geknüpft zwischen der AG Gleisdreieck, Landschaftsarchitekten, Bodenkundlern, einer Gruppe von Bosniern, Soziologen, dem Ökowerk und Hundebesitzern. Gerade aufgrund der vielfältigen Ausrichtung der einzelnen Gruppen steht der Raum offen für Eigeninitiative und Beteiligung für Stadtteilbewohner und Gartenfreunde. Diese Offenheit gegenüber allem Fremden und die unkonventionelle Art Probleme zu lösen, zeigen uns den Weg, den unsere Gesellschaft in der Zukunft einschlagen muss.

Rosenduft und Selbermachen

Der Garten selbst eröffnet sich uns erst durch die Führungen, die von den einzelnen Gartengruppen angeboten werden. Wir hören von Pionierpflanzen, die den Boden für die spätere Nutzung bereiten, vom Vorwald, der sich in den letzten Jahrzehnten gebildet hat, und über Pflanzen, die Auskunft geben können über die Intensität von Licht, Feuchtigkeit und den Säure- und Stickstoffgehalt des Bodens. Wir staunen über das üppige Gedeihen der Pflanzen, die sich das ehemals schienenüberwucherte Gelände zurück erobert haben. Pflanzen, die dort bestimmt wurden und - mit Schildern versehen - Auskunft über die vielfältigen Orte geben, an denen sie wachsen. Oft stehen darauf türkische, polnische, englische, französische und deutsche Bezeichnungen, mit denen die Gruppe der TU Berlin den bereits wuchernden Raum auf dem 35 Hektar großen Gelände informativ und kunstvoll gestaltet hat. Hinter dem Vorwald verbergen sich die unterschiedlich gestalteten Beete der einzelnen Gruppen. Während das Ökowerk einen Kartoffelversuchsacker, umgeben von Pionierpflanzen verschiedenster Art, präsentiert, haben die AG Gleisdreieck und der Südost-Europa-Kultur-Verein Hochbeete aufgeschüttet, auf denen Nutzpflanzen, Heilkräuter und Urgetreide wachsen. Die Gärtner berichten uns, dass sie aufgrund der Kontamination des Bodens nicht graben durften. Um ess- und genießbare Erträge zu erwirtschaften, musste Erde herbeigeschafft und Hochbeete angelegt werden. Im Gartenbereich des Kulturvereins sehen wir, wie Baustadtrat Franz Schulz unter großer Medienaufmerksamkeit eine Rose pflanzt. Sie ist die erste Rose im dort geplanten Rosenduftgarten, in dem auch eine Rosenpflanze stehen soll, die aus Bosnien stammt und aus der dort Rosenblättersaft gewonnen wird.

Solaröfen und Kartoffelschalen

Neben dem Zurück-zur-Natur-Gedanken finden wir auch den Wunsch, alternative Energien zu nutzen, zum Beispiel in Form von Solaröfen, die für die Heißwasserbereitung sorgen. Dies ist auch ein Aspekt des Strebens nach Selbstversorgung, um sich von im Alltag oftmals unsichtbaren Abhängigkeiten ein Stück weit zu lösen. Eindrucksvoll wurde die Kraft der Natur durch ein Projekt der Bodenkundler von der TU Berlin zum Ausdruck gebracht. In einem kleinen Film demonstrieren Künstlerinnen, wie ein mit Kartoffelschalen bedeckter Boden in Form eines Fußabdrucks den versiegelten Boden nach nur zwei Wochen in ein wucherndes Feld verwandelt. Die Kartoffelschalen wurden von den Bodenorganismen innerhalb von acht Tagen so weit zersetzt, dass der Fußabdruck bereits kaum mehr zu erkennen war. Das Gelände wurde während dieser Kunstaktion von einer Kamera permanent "überwacht" und für den Film im Zeitraffer abgespielt.

Praxis und Theorie

Zwischen den zahlreichen Führungen, die uns fast gleichzeitig und mit großer Leidenschaft ans Herz gelegt werden, haben wir Zeit, uns das Gelände genauer zu betrachten und mit denjenigen zu sprechen, die seit mehreren Jahrzehnten um die Legitimierung der Nutzung kämpfen und verhandeln. Die größte Brachfläche in der Mitte Berlins wurde bereits vor Jahren stillgelegt.

Neben den versiegelten Flächen wurde das alte Kopfsteinpflaster mit Denkmalschutz belegt, doch es gibt genug Ideen zur Nutzung dieser geschützten Areale. Die Versiegelungen allerdings verhindern den Durchbruch der Natur, schieben ihn zumindest auf, wie wir an einzelnen Stellen sehen. So können bisher nur dort Beete angelegt werden, wo sich bereits Verwaldung zeigt. Wo Eichen wachsen, ist dieser Prozess bereits in vollem Gange, erfahren wir von Elisabeth Meyer-Renschhausen. Die Privatdozentin an der FU und engagierte Gärtnerin am Gleisdreieck verbindet seit langem ganz selbstverständlich die sozialen beziehungsweise soziologischen Felder und das Gärtnern praktisch wie theoretisch miteinander.

Wasser und Musik

Sie berichtet uns als erstes vom Wasserholen. Bis eine Woche zuvor mussten die Gärtnerinnen täglich das Gießwasser in Kübeln über etwa 500 Meter von der nächsten Straßenpumpe auf das etwa sieben Meter hoch gelegene Gleisdreieck schleppen, das dauerte zwei bis zweieinhalb Stunden. Heute schenkt ihnen die Bahnverwertungsgesellschaft Viveco das Gießwasser aus dem öffentlichen Netz, das ohnehin auf dem Grundstück unterirdisch verfügbar ist. Der Brunnen, der auch Teil unserer Begehung ist, liegt etwa in der Mitte des genutzten Geländes und wurde von zwei Männern in einem Tagewerk mit einer sorgfältig zu benutzenden Abdeckung versehen. Wir stürzen uns auf das Wasser, das an diesem heißen Tag nicht nur den Pflanzen gut tut. Nachdem wir das Gelände besichtigt haben, breiten wir unsere Decke in der Nähe einer Musikgruppe aus und genießen das vielfältige Angebot an Speisen und Getränken. Resümierend halten wir fest: Statt Differenzen zu betonen, finden wir hier eine einende Kultur des Gärtnerns vor. Pflanzen wandern und Menschen auch.

Daniela Kälber

Mehr: www.berlin-gleisdreieck.de


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21.03.07    Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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