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[IPK] Erste Schritte der Arbeiterbewegung in Bosnien-Herzegowina
Inprekorr inprekorr at comlink.org
So Mär 4 21:50:05 CET 2007
- Balkan
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10 Jahre nach dem Krieg erwacht die Arbeiterbewegung in Bosnien-Herzegowina
wieder zum Leben. Die Schwierigkeiten sind erheblich und die Bürokraten
nicht immer eine gro0e Hilfe.
Von Goran Markovic
Wie bekannt hat Bosnien-Herzegowina eine Phase von Bürgerkrieg und
explodierendem Nationalismus durchlitten, der nicht nur die Vernichtung
ökonomischer Ressourcen, sondern auch die Spaltung der Arbeiterklasse
entlang ethnischer Linien zur Folge hatte. In der Sozialistischen
Bundesrepublik Jugoslawien hatte die Arbeiterklasse nie vorher bekannte
Rechte, konnte sie aber wegen ständiger Spannungen mit der herrschenden
Bürokratie häufig nicht wahrnehmen. Ungeachtet dessen hatte die
Arbeiterklasse die Möglichkeit, in einigen Betrieben eine Entscheiderrolle
einzunehmen, und ihre soziale Position war sehr stark. Die Gewerkschaften
waren unter de-facto-Kontrolle der Kommunistischen Partei, wenn auch nicht
in dem Ausmaß wie in den Ländern des Sowjetblocks. Unsere Arbeiterinnen und
Arbeiter hatten keine Klassenkampferfahrungen. Sie unterstützten ein System,
das sich als sozialistisch bezeichnete, in dem sie aber nicht wirklich die
herrschende Klasse waren.
Die Zerstörung Jugoslawiens und der sozialistischen Werte verursachte große
Enttäuschung und Desorientierung unter den Arbeiterinnen und Arbeitern. Kurz
nach der formalen Auflösung des kommunistischen Systems begann der
Bürgerkrieg, und die Arbeiter wurden in die nationalen Armeen eingegliedert.
Nationalistische Gefühle breiteten sich aus. Alles was im Land geschah,
nicht nur während des Kriegs, sondern bis zum heutigen Tag, beeinflusste die
Arbeiterklasse stark in negativem Sinne, so dass sie nicht in der Lage ist,
irgendeine unabhängige Rolle in den sozialen Kämpfen zu spielen. Man könnte
sogar sagen, dass eine organisierte Arbeiterbewegung in Bosnien-Herzegowina
nicht existiert.
Die Beschäftigten in Bosnien-Herzegowina haben nicht viel Erfahrung mit
Klassenkämpfen. Die meisten von ihnen verbrachten ihr halbes Arbeitsleben in
Betrieben, in denen sie extrem abgesichert waren und sogar das Recht zur
Selbstverwaltung und zur Wahl und Kontrolle der Manager hatten. Danach
kämpften sie im Krieg, und viele von ihnen verloren ihren Arbeitsplatz als
Folge des Krieges und der Privatisierungen nach dem Krieg. Die wenigen, die
ihre Arbeit behielten, haben nicht viele Rechte und stehen unter ständiger
Bedrohung, ihren Job zu verlieren, nicht nur wegen Bankrotts ihres
Unternehmens, sondern auch wegen der Tyrannei ihrer Unternehmer.
ALTE...
In einer solchen Situation ist es wichtiger denn je, einen organisierten
Kampf für die Rechte der Beschäftigten zu entwickeln. Aber das ist ziemlich
schwierig. Die offiziellen Gewerkschaften haben ihre Infrastruktur nach
Krieg schnell wieder hergestellt. Es entstanden zwei Organisationen entlang
der ethnischen Grenzen: die Allianz der Gewerkschaften der Republik Srpska
ist ein bürokratischer Zusammenschluss in der Republik Srpska, während die
Allianz Unabhängiger Gewerkschaften von Bosnien und Herzegowina ein solcher
Zusammenschluss in der Föderation von Bosnien und Herzegowina ist. [1] Beide
wurden aus den Überresten der früheren Allianz Unabhängiger Gewerkschaften
von Bosnien und Herzegowina gebildet, die bis zum Kriegsausbruch existiert
hatte. Obwohl die bürokratischen Strukturen sehr schnell erneuert wurden,
bedeutet das nicht, dass wirklich lebendige Organisationen entstanden sind.
Die Beschäftigten staatseigener Unternehmen blieben formal weiter
Gewerkschaftsmitglieder, sie haben ihren Mitgliedsstaus aus der
Vorkriegszeit praktisch erneuert. Doch Gewerkschaften existieren nicht
wirklich als ernsthafte Organisationen. Ihre Grundeinheiten in den Betrieben
halten keine regelmäßigen Treffen ab. Arbeiterinnen und Arbeiter treffen
sich nur, um formell ihre Gewerkschaftsvorstände zu wählen, die ihren
Mitgliedern nicht wirklich verantwortlich sind und oftmals auch nicht viele
Aktivitäten entfalten. Gewerkschaftsführungen berichten nicht über ihre
Politik und ihre Aktivitäten. Höhere Gewerkschaftsleitungen werden total
bürokratisch bestimmt, ohne dass aktive Arbeiterinnen und Arbeiter
irgendeine Chance hätten, eigene Kandidaten durchzubringen. Beschäftigte
zahlen ihre Mitgliedsbeiträge oft so, dass die Buchhaltung ihrer Unternehmen
1% ihrer Bruttogehälter einbehält und an die Gewerkschaften überweist. Vor
einigen Jahren tauchte die Information auf,, dass die Allianz der
Gewerkschaften der Republik Srpska finanzielle Unterstützungen von der
Regierung der Republik Srpska erhielt.
... UND NEUE GEWERKSCHAFTEN
Wenige Jahre zuvor waren oppositionelle Gewerkschaften entstanden. Sie waren
als Ergebnis von Fraktionskämpfen innerhalb der Gewerkschaftsbürokratie
gebildet worden. Die Grundsatzprogramme und Aktivitätsformen dieser
Gewerkschaften unterscheiden sich nicht von denen der offiziellen
Gewerkschaften, und sie sind auch meist aus der Gewerkschaftsbürokratie
zusammengesetzt. Gewöhnliche Gewerkschaftsmitglieder haben nie auch nur
irgendeine Rolle bei den Entscheidungen über die Spaltung der offiziellen
Gewerkschaften gespielt. Derzeit arbeiten zwei offizielle
Gewerkschaftsorganisationen im Bund der Gewerkschaften von Bosnien und
Herzegowina zusammen, der keine neue Organisation sondern ein ziemlich
lockeres Bündnis zweier offizieller Gewerkschaften ist. Er ist, wie seine
Bestandteile, dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften angeschlossen.
Es ist unmöglich, eine genaue Zahl der Gewerkschaftsmitglieder zu nennen. Es
ist ziemlich sicher, dass praktisch alle Beschäftigten der staatseigenen
Betriebe wegen des Automatismus' Mitglieder sind. Auf der anderen Seite gibt
es in Privatunternehmen keine Basisorganisationen, außer in den gerade erst
privatisierten Staatsbetrieben. Um die Bedeutung dieser Tatsache zu
verstehen, muss man sich daran erinnern, dass die Wirtschaft von Bosnien und
Herzegowina überwiegend aus Klein- und Mittelbetrieben besteht, nachdem vom
sozialistischen Regime aufgebaute große Einheiten zerstört worden sind. In
diesen kleineren Unternehmen gibt es jeweils nur wenige Beschäftigte und sie
haben nicht einmal die elementarsten sozialen Rechte. Gewerkschaften haben
nichts getan, um sie zu organisieren und ihre Arbeitsbedingungen zu
verbessern. Einige Quellen behaupten, dass 40% aller Beschäftigten im
schwarzen Sektor arbeiten. Auch wenn wir nicht sicher wissen, ob diese
Zahlen exakt sind, können sie doch nicht weit von der Wahrheit entfernt
sein, wenn man an Folgendes denkt: offizielle Arbeitslosenrate ist 44%,
obwohl verschiedene Schätzungen der realen Arbeitslosigkeit zwischen 21% und
31% schwanken. [2] Der Gegensatz zwischen offizieller und realer
Arbeitslosenrate ist Ergebnis der Methode der Bestimmung von
Erwerbslosigkeit. Offizielle Stellen registrieren alle Menschen, die eine
Arbeit suchen und keine reguläre Beschäftigung haben, wozu nicht nur die mit
Teilzeitjobs, sondern auch diejenigen gehören, die Vollzeit schwarz arbeiten
und daher nirgends als Beschäftigte registriert sind. Beschäftigte im
privaten Sektor sind völlig schutzlos. Oft arbeiten sie 12 oder sogar 14
Stunden am Tag trotz der strikten gesetzlichen Grenzen von 8 Stunden am Tag
und 40 Stunden in der Woche. Man kann sehen, dass Problem des Schutzes der
Arbeiterklasse im (inzwischen vorherrschenden) privaten Sektor der
Wirtschaft eine große Bedeutung bekommen hat.
PRIVATER SEKTOR
Die offiziellen Gewerkschaften behaupten, die Arbeiterinnen und Arbeiter im
privaten Sektor würde kein Interesse an irgendeiner Form gewerkschaftlicher
Organisierung zeigen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn es stimmt nicht,
dass sie kein Interesse gezeigt hätten, sondern sie haben Angst, sich
gewerkschaftlich zu organisieren. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und
der völligen Schutzlosigkeit der Beschäftigten gehen diejenigen, die es
wagen zu protestieren und Gewerkschaften zu organisieren, ein hohes Risiko
ein, ihren Job zu verlieren. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter, die am
härtesten ausgebeutet werden, arbeiten gewöhnlich in kleineren Betrieben
oder Geschäften, wo es ohne Verbindungen und Solidarität zwischen den
Betrieben praktisch unmöglich ist, einen Streik oder ähnliche Aktionen zu
organisieren. Bislang haben wir keine Bereitschaft zu solchen Aktionen
gesehen. Mehr noch, die Beschäftigten in diesen Unternehmen sind meist jung
und glauben nicht an die Möglichkeit von Kämpfen. Die meisten sind
eingeschüchtert, unerfahren und, was ein sehr großes Problem ist, mit
provinziellem Bewusstseinsstand. Leider haben die offiziellen Gewerkschaften
nur allzu sicher nicht versucht, diese Beschäftigten in alternativen
Organisationsformen zu organisieren oder ihnen in anderer Form zu helfen
sich zu organisieren.
Vor wenigen Jahren hatte die Allianz der Gewerkschaften der Republik Srpska
zu einem eintägigen Generalstreik aufgerufen, der völlig scheiterte. Er war
ohne klare Ziele oder konkrete Forderungen organisiert worden, und die
Arbeiterinnen und Arbeiter, die bereits jedes Vertrauen in die Führung
verloren hatten, verweigerten in vielen Fällen die Teilnahme. In 2002
organisierten dieselben Gewerkschaften einen Protesttag in der ganzen
Republik Srpska. Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Rentnerinnen und Rentner
versammelten sich zu Stadtforen und formulierten ihre Forderungen. Diese
Proteste waren nur schwach besucht. In Bijelma beispielsweise, einer Stadt
mit 50 000 Einwohnern, beteiligten sich nur 400. Die Kommunistische
Arbeiterpartei von Bosnien und Herzegowina (Radnicko-komunisticka partja
Bosne i Hercegovine -RKP) beteiligte sich an dieser Aktion für sich allein
und verteilte Flugblätter mit konkreten Forderungen, die die Arbeiter
stellen sollten. Wir forderten auch von den Organisatoren, an der Kundgebung
formell teilnehmen zu dürfen. Da dies abgelehnt wurde, schickten wir einen
Genossen als Vertreter der "unabhängigen Rentner", um zu der Versammlung zu
sprechen.
KERNE VON ORGANISIERUNG
Anfang diesen Jahres schlug die RKP den örtlichen Führungen der
Gewerkschaften und Rentnerverbände in Bijelina vor, gemeinsame Aktionen als
Protest gegen die Entscheidung des Stadtparlaments, die Bezüge des
Bürgermeisters auf monatlich 1600 Euro (was das Siebenfache eines
Durchschnittslohns ist) zu erhöhen, vorzubereiten, doch sie lehnten unter
dem Vorwand ab, dass dieses Thema nicht in ihre Kompetenz falle und dass sie
sich nicht an den Aktionen irgend einer Partei beteiligen wollten.
Tatsächlich verweigern die Gewerkschaften strikt jede Kooperation mit
politischen Parteien und bemühen sich, ihren überparteilichen Charakter
herauszustellen, obwohl sich die oppositionellen Gewerkschaften der Republik
Srpska noch vor wenigen Jahren an einer vom Bund Unabhängiger
Sozialdemokraten organisierten Protestaktion beteiligten, während die
Führung des Bundes Unabhängiger Gewerkschaften von Bosnien und Herzegowina
2002 ein Treffen mit einer Delegation der Sozialdemokratischen Partei hatte.
Häufig werden von der Basis Aktionen organisiert, die von den zentralen
Gewerkschaftsführungen nicht gebilligt oder unterstützt werden. Streiks
werden hauptsächlich im Gesundheits- und Bildungssektor organisiert. Sie
werden oft von Funktionären geführt, die zur zentralen Gewerkschaftsführung
gehören, und sie sind manchmal recht erfolgreich. Leider kann man das nicht
von den Funktionären in anderen Sektoren sagen, vor allem in Industrie und
Handel, die wirtschaftlich am Boden liegen und in denen die Beschäftigten am
schlimmsten ausgebeutet werden. Wenn die Gewerkschaftsbasis oder die
Beschäftigten in den Betrieben Streiks organisieren und Hilfe von ihren
Führern fordern, bekommen sie oft zu hören, es sei zu spät für einen Streik
und unmöglich, ihnen auch nur technische und juristische Hilfe zu geben. Auf
der anderen Seite sind unsere Streikenden in einigen Fällen fest
entschlossen zu streiken, haben aber keinerlei Erfahrung. Manchmal müssen
sie Gewerkschaftsgruppen neu zu gründen oder ein Streikkomitee zu bilden,
wenn keinerlei Gewerkschaftsstrukturen existieren. Aber manchmal denken sie
auch, dass sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten an einem Streik
beteiligen müssten, und wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, lassen sie
den Gedanken an einen Streik fallen. Manchmal konnten Mitglieder der
Kommunistischen Arbeiterpartei von Bosnien und Herzegowina (RKP)
Gewerkschaftern mit juristischer oder organisatorischer Hilfe beistehen, so
in den Städten Modrica, Banja Luka und Bijeljina. In Banja Luka konnte auf
einer Betriebsversammlung von 600 Arbeiterinnen und Arbeitern der
RKP-Präsident zu den Anwesenden sprechen. In Bihac schrieb die
kommunistische Zeitung Stimme der Freiheit während eines 100-stündigen
Hungerstreiks über den Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter und die Zeitung
wurde von den Streikenden selbst verteilt. In Zenica nahmen Beschäftigte
einer Fabrik Teile der Parteiplattform in ihren Forderungskatalog auf und in
Sarajevo verlasen Arbeiterinnen und Arbeiter bei einer Verkehrsblockade
unser Solidaritätstelegramm.
Generell gibt es mehr aktive Arbeiterinnen und Arbeiter auf Basisebene. Auch
wenn man noch nicht von einer organisierte Arbeiterbewegung im Lande
sprechen kann, bilden sich doch erste Konturen in Form untereinander nicht
vernetzter Aktiver ohne ausreichend Erfahrung und mit nur unklaren
Vorstellungen, was und wie es zu tun ist. Die meisten sind klar
links-orientiert, aber keine Parteigänger, mit Respekt vor den
revolutionären Traditionen Jugoslawiens, aber ohne revolutionäre
Perspektive. Die meisten respektieren den Wunsch der RKP nach Kooperation
und Unterstützung, aber sie fürchten, dass jeglicher Kontakt mit Kommunisten
ihren Kampf erschweren könnte. Aber viele Dutzend sind mit unserem Vorschlag
einverstanden, eine Konferenz aktiver Gewerkschafter zu organisieren und ein
Koordinationskomitee der Arbeitergewerkschaften zu bilden. Eine Konferenz,
die angeblich von unserer Partei veranstaltet werden soll. Doch
unglücklicherweise haben weder wir noch unsere Genossen von den
Gewerkschaften genug Geld, um so etwas zu organisieren. Trotz ihrer
Bereitschaft, auf diesem Treffen zusammenzukommen und sogar im Komitee
mitzuarbeiten, sind viele nicht bereit, mit den Gewerkschaften zu brechen,
denen sie formal angehören.
Die offiziellen Gewerkschaften haben die vorherrschende neoliberale
Ideologie akzeptiert und unterstützen den Prozess der Privatisierung. Obwohl
sie immer wieder die Notwendigkeit der Erfüllung des sozialen Programms
betonen, haben sie noch nie gesagt, wie das erreicht werden soll.
Ausgearbeitete Programme ökonomischer und sozialer Maßnahmen, die die
Regierung umsetzen soll, sind von den Gewerkschaften noch nie vorgestellt
worden. So kann man wohl sagen, dass sie weder ein Grundsatzprogramm noch
irgendeine Idee haben, welches die zur Durchsetzung dieser Ziele
erforderlichen Mittel sind. Im Jahre 2002 hatten die Gewerkschaftsführer ein
Treffen mit dem Hohen Repräsentanten [3] und akzeptierten die Notwendigkeit
der Umsetzung der Bankrottpolitik. Ihre offizielle Position dazu ist
folgende: Der Übergang zur Marktwirtschaft auf Grundlage privaten Eigentums
ist notwendig und sogar nützlich, obwohl er mit Sozialprogrammen ergänzt
werden sollte, die jene unterstützen, die ihren Arbeitsplatz im Zuge von
Privatisierung und Bankrott verlieren könnten.
GEGEN PRIVATISIERUNG
Kämpferische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter haben eine etwas andere
Position, obwohl sie denken, dass irgendetwas anderes als der Kampf für
unmittelbare und sehr gemäßigte Forderungen blanke Utopie wäre. Doch in
vielen Fällen forderten sie die Rücknahme der Privatisierung ihrer Betriebe,
und dies manchmal sehr erfolgreich (die Unternehmen "Alhos" in Sarajevo und
"Zitoprerada" in Bihac), während in anderen Fällen der Prozess der
Rückumwandlung noch anhält (zwei Fälle in Bijeljina und einigen anderen
Städten). Kämpferische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, ohne Antrieb
oder gar Unterstützung durch die Führer aus den höheren Sphären ihrer
Organisationen, griffen zu radikalen Kampfmethoden, um ihr Ziel, die
Privatisierungen rückgängig zu machen, durchzusetzen. Einige organisierten
Hungerstreiks während andere den Verkehr oder Regierungsinstitutionen
blockierten. Bei diesen Aktionen wurden sie von Arbeiterinnen und Arbeitern
aus anderen Städten unterstützt. In einzelnen Fällen organisierte die
Kommunistische Arbeiterpartei von Bosnien und Herzegowina symbolische
Solidaritätsaktionen. In einem großen Betrieb in Banja Luka mit Namen
"Cajavec" stellte eine unabhängige Gewerkschaft die bislang radikalste
Forderung auf. Sie forderte von der Regierung, die Privatisierung des
35%.igen Staatsanteils rückgängig zu machen und diesen der Gewerkschaft zur
Verwaltung zu übergeben. Wir haben diese Forderung eindeutig unterstützt. In
einem Betrieb im Industriezentrum von Zenica kauften die Arbeiterinnen und
Arbeiter Aktien auf und wurden Mehrheitseigner. Trotz dieser positiven
Beispiele haben die Beschäftigten der meisten Betriebe kein klares Bild
davon, was sie nach der Umkehr der Privatisierung tun sollen. Wir haben
versucht sie zu überzeugen, nicht bei dieser Forderung stehen zu bleiben,
denn nach der Umkehr der Privatisierung würden neue folgen, die ihre
Position alle andere als verbessern würden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich eine Arbeiterbewegung in Bosnien
und Herzegowina in elementaren Konturen abzeichnet. Die Arbeiterinnen und
Arbeiter haben sehr wohl verstanden, wer ihre Feinde sind und woher ihre
Probleme kommen. Sie verstehen auch sehr gut, dass eine ethnische Spaltung
der Arbeiterklasse zu nichts anderem führen würde als zu neuen und tiefen
Niederlagen. Die meisten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gehören zu
einer älteren Generation. Junge Beschäftigte beteiligen sich an den Kämpfen
nur in verschwindend kleinem Anteil. Unsere Arbeiterinnen und Arbeiter
brauchen die Hilfe von ihren Genossinnen und Genossen im Ausland um zu
lernen zu kämpfen und sich in konkreten Situationen richtig zu verhalten.
Und sie brauchen Hilfe beim Aufbau klassenkämpferischer Gewerkschaften.
Goran Markovic ist Präsident der Kommunistischen Arbeiterpartei von Bosnien
und Herzegowina (RKP). Diese Partei wurde 2000 gegründet; sie ist gegen
Nationalismus und für Arbeiterselbstverwaltung, partizipatorische Demokratie
und den Wiederaufbau eines sozialistisch-föderalen Jugoslawiens. Internet:
http://www.rkp-bih.cjb.net/?lang=english
Übers.: Björn Mertens
Aus: Inprekorr Nr. 424/425 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: inprekorr at comlink.org
Bestellungen: Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] Im Abkommen von Dayton 1995 blieb Bosnien-Herzegowina zwar erhalten; es
wurde aber -- etwa entlang der Waffenstillstandsgrenzen --in zwei
"Einheiten" geteilt: die (serbische) Republik Srpska und die (bosniakische)
Föderation von Bosnien und Herzegowina -- d.Üb.
[2] Andere Wirtschaftszahlen: Preissteigerung 1% pro Jahr, öffentliche
Verschuldung entspricht 60% des BIP und das Haushaltsdefizit liegt bei 3%
des BIP. Das BIP pro Kopf beträgt nur 8% des EU-Durchschnitts erreicht etwa
60% des Vorkriegswerts. Ausländische Direktinvestitionen stiegen von
161,1 Millionen Euro in 2000 auf 344,4 Millionen Euro in 2004. Die
Auslandsverschuldung macht 33% des BIP aus. Die Wirtschaftswachstumsrate war
unmittelbar nach dem Krieg sehr hoch, hauptsächlich in Folge der
ausländischen Investitionen in die Infrastruktur. Doch dann fiel sie schnell
und 2003 lag die Wachstumsrate nur noch bei 3,5%. Schätzungen zeigen
deutlich, dass 60% der Betriebe ihre Potenziale und Möglichkeiten nicht voll
ausnutzen. Das Außenhandelsdefizit hat einen Rekordwert von 3 Mrd. Euro in
2004 erreicht, was 50% des BIP entspricht. Wenn offizielle Zahlen etwa 20%
der Bevölkerung unter der Armutsgrenze sehen, ist das eine krasse
Unterschätzung des Problems.
[3] Von der UNO eingesetzter faktischer Staatschef mit diktatorischen
Vollmachten -- d.Üb.
NADESHDA Mailbox e.V._ / 0211-9053863 (X.75) / 0211-9345453 (V.34)
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