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Am 11. November diesen Jahres wird unser Genosse Jakob Moneta 90 Jahre alt.
Seit mehr als 55 Jahren Mitglied der IV. Internationale ist er einer der
bedeutendsten Persönlichkeiten unsrer Bewegung. Die Redaktion wünscht ihm
von dieser Stelle aus alles Gute und noch möglichst viele Jahre freudigen
Schaffens, denn nichts ist ihm ganz offensichtlich so wichtig wie - mit der
Feder bewaffnet - für die Sache der Unterdrückten zu streiten. Aus Anlass
seines Geburtstages bringen wir einen Aufsatz, in dem er 1978 anlässlich
einer Debatte über die "Gewaltfrage" Grundsätzliches zur notwendigen
politischen und militärischen "Bewaffnung" der Ohnmächtigen ausführt und
dabei ein sehr erhellendes Licht auf einige seiner Lebensabschnitte wirft.
Wir entnehmen den Aufsatz der Sammlung Jakob Moneta: /Mehr Macht für die
Ohnmächtigen/. Reden und Aufsätze (isp-Verlag, 1991).
Von Jakob Moneta
1.
Blazowa liegt zwischen Krakau und Lemberg; westlich des Flusses San, der die
Polen von den Ukrainern trennt. In Ostgalizien heißen sie Ruthenen. Als ich
vier Jahre alt wurde, am 11. November 1918, ist die Republik Polen gegründet
worden. Josef Pilsudski ließ sich zum provisorischen Staatsoberhaupt
ausrufen. Er war einmal Mitbegründer und Führer der polnischen
Sozialistischen Partei gewesen. In Vilna gehörte er eine Zeitlang der
gleichen illegalen Gruppe an wie Leo Jogiches, Kampfgenosse von Rosa
Luxemburg, der wie sie von der deutschen Konterrevolution ermordet wurde.
1926 kam Marschall Pilsudski durch einen Staatsstreich zur Macht und
errichtete ein autoritäres Regime. Die Wiedervereinigung von Galizien, das
unter österreichischer Verwaltung, und von Kongreß-Polen, das unter
russischer Verwaltung stand, und von Preußisch-Polen, die Befreiung ihres
Landes unter Pilsudski, feierten die Polen in meiner Geburtsstadt Blazowa --
und nicht nur dort -- mit einem Judenpogrom.
Dicht zusammengedrängt saßen Juden in einem Zimmer, Männer, Frauen und
Kinder. Die Fenster hatten sie mit Matratzen verstellt, damit kein Licht
nach außen drang. Bewaffnete drangen in den Raum, schleppten einzelne
hinaus, verprügelten sie, tasteten sie roh nach Geld ab. Meine Mutter wurde
hinausgezerrt. Mein Vater wollte ihr helfen. Er erhielt einen Kolbenschlag,
der ihm das Trommelfell zerschlug. Ich sah, wie meine Mutter sich an den
Türpfosten klammerte, hörte ihren Hilferuf: "Gewalt!". Der Bewaffnete, der
sie mit Füßen trat, war ein polnischer Schulkamerad von ihr.
Der von polnischen Nationalisten genährte Judenhaß konnte sich nicht überall
an Wehrlosen entladen. Dort, wo der "Bund", die stärkste organisierte Kraft
im jüdischen Proletariat seine bewaffneten Kampftruppen gebildet hatte,
holten sich die Pogromisten meist blutige Köpfe. Gegenwehr leisteten nicht
nur Juden, sondern auch klassenbewußte Arbeiter jeder Nationalität. Für sie
war der Antisemitismus eine gefährliche Propagandawaffe des Klassenfeindes.
Man mußte ihn bekämpfen. Mit /allen /Mitteln.
Meinen Vater nannte man in Blazowa den "Deutschen". Er war von Frankfurt am
Main gekommen und hatte in dem kleinen galizischen Textilstädtchen seine
Frau gefunden. Nach dem Pogrom erstattete er Anzeige gegen die Rädelsführer.
Sie drohten ihm Rache an. Daraufhin kehrte er nach Deutschland zurück. So
kam ich 1919 nach Köln. Mit fünf Jahren wurde ich eingeschult. Schon mit
drei Jahren hatte man mir im "Cheder", einer Art Religionsschule, das
hebräische Alphabet beigebracht. In Köln ging ich vormittags zur Schule und
nachmittags ins "Cheder", wo die Bibel in hebräisch und später der Talmud in
aramäisch gelehrt wurde. Die Lehrer waren meist verkrachte Händler. Einer
hatte stets eine lange Hundepeitsche, mit der er jeden erwischte, der
unbotmäßig war oder falsche Antworten gab.
Wenn wir aus dem Cheder herauskamen, stand uns dann meist der eigentliche
Kampf bevor. Draußen wurden wir bereits von einer jungen Bande erwartet, die
sich mit HEP-HEP-Geschrei auf die Judenjungen stürzte. Wir mußten lernen,
entweder schneller zu laufen als sie oder aber uns zu wehren. Aus dem Milieu
der Cheder-Schüler gingen eine Reihe bekannter Amateurboxer hervor. Die
Selbstverteidigung hatte zu ihrer sportlichen Ausbildung beigetragen.
HEP ist eine Abkürzung für "Hierosilima est perdita" - Jerusalem ist
verloren. Ich begann von diesem verlorenen Jerusalem zu träumen. Eine
jüdische Legende sagt, daß immer um Mitternacht ein Schakal über den
verwüsteten Platz in Jerusalem läuft, auf dem die Römer im Jahre 70 nach
Christi Geburt den Tempel zerstörten. Wenn es gelingt, diesen Schakal zu
fangen, dann ersteht das alte jüdische Reich in seiner ganzen Herrlichkeit
wieder auf. Was lag näher als daß ich, fast 1900 Jahre nach der
Tempelzerstörung, diesen Schakal fangen würde. Die praktische Vorbereitung
begann ich mit meinem Eintritt in eine zionistische Jugendgruppe.
Aber noch lebten auch die Zionisten nicht in Palästina. Die deutsche
Arbeiterbewegung, damals die mächtigste der kapitalistischen Welt, zog auch
die zionistische jüdische Jugend in ihren Bann.
Neun Millionen Stimmen hatte die fast eine Million Mitglieder starke SPD in
den Reichstagswahlen 1924 erhalten und zog mit 152 Abgeordneten ins
Parlament ein. Die KPD eroberte 54 Sitze, die NSDAP -- die Nazis -- nur 12.
In Preußen hatten die Sozialdemokraten mit 229 von 450 Sitzen die absolute
Mehrheit errungen. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) hatte
4,7 Millionen Mitglieder, der Arbeiter-Turn- und Sportbund 770 000, der
Arbeiter-Radfahrbund "Solidarität" 220 000. Es gab einen
Arbeiter-Athletenbund, einen Schachbund, Samariterbund und sogar einen
Schützenbund. Die Arbeiterbewegung schuf eine Gegengesellschaft im
kapitalistischen Staat.
Als der Sozialdemokrat Hermann Müller die neue Reichsregierung bildete,
erklärte sein Innenminister Karl Severing, die neue Regierung habe die
Absicht, vier Jahre Ferien zu machen. Ferien von Regierungskrisen,
Programmentwürfen und Richtlinienberatung. In den Ferien würde man vier
Jahre praktische Arbeit zum Aufbau der Republik leisten.
Der Abglanz von all dem fiel auch auf uns, die lernende, die lesende, die
arbeitende jüdische Jugend. Wir wurden meist Sozialisten. Nicht immer durch
Karl Marx, obwohl uns die wuchtige Sprache des Kommunistischen Manifestes
mitriß. Leonhard Franks /Der Mensch ist gut /weckte unseren Haß gegen den
Krieg. Hitler ließ ihn dieses Buches wegen ausbürgern. Upton Sinclairs /Der
Sumpf /schärfte unser soziales Gewissen. Sein /Boston, /wo er den Justizmord
an Sacco und Vanzetti schildert, und Henri Barbusses /Tatsachen /wühlten uns
auf gegen die Klassenjustiz.
Im Jahre 1929 setzte die hereinbrechende Wirtschaftskrise der "praktischen
Arbeit zum Aufbau der Republik" durch die Sozialdemokraten ein rasches Ende.
Die Zahl der Erwerbslosen erreichte zwei Millionen, ein Jahr später drei
Millionen. Bis 1933 sollte sie auf sechs Millionen steigen. Dazu kamen
Millionen Kurzarbeiter. Die Landwirte erzielten für ihre Produkte in der
Krise geringere Preise. Das Handwerk und die freien Berufe gerieten in den
Strudel der Krise. Bestechungsskandale erschütterten zudem die politische
Glaubwürdigkeit der SPD. In den Reichstagswahlen vom September 1930 verloren
die Sozialdemokraten dennoch nur eine halbe Million Stimmen; die Stimmenzahl
der KPD stieg sogar von 3 ¼ auf 4 ½ Millionen. Entscheidend aber war, daß
die Nazis von 800 000 auf 6,5 Millionen anstiegen und 107 Mandate eroberten.
Von vier Millionen Neuwählern waren drei Millionen zu Hitler gegangen, 2 ½
Millionen hatte er von anderen Rechtsparteien gewonnen.
Die wachsende politische Unruhe in der SPD wurde mit
Disziplinierungsmaßnahmen und Ausschlüssen beantwortet. Im Oktober 1931
gründeten die ausgeschlossenen Reichstags-Abgeordneten Max Seydewitz und
Kurt Rosenfeld die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Ihre
Jugendorganisation, der "Sozialistische Jugendverband" (SJV), zog einen
großen Teil der sozialdemokratischen Jugend herüber. Ich trat zusammen mit
anderen Mitgliedern der zionistisch-sozialistischen Jugend in den SJV ein
und setzte so meinen Fuß auf die Straße, die mich zum Internationalismus
führte.
Zum ersten Mal kam ich in Verbindung mit jungen, idealistischen,
kampfentschlossenen, revolutionären deutschen Jugendlichen. Dies genau in
dem Augenblick, wo der Sieg der Nazis die deutsche Bourgeoisie vor dem
Sozialismus retten sollte.
Auf den Straßen Kölns kam es fast täglich zu blutigen Zusammenstößen. Von
Motorrädern aus schossen Nazis in eine Gruppe diskutierender Arbeiter.
Saalschlachten wurden ausgetragen. In der Elsässerstraße, einer roten
Hochburg von Köln, warfen Frauen ihre Mistkübel aus den Fenstern auf
Nazidemonstranten. Auf dem Weg vom Gymnasium nach Hause geriet ich stets in
diskutierende Gruppen von Arbeitern. Ich erinnere mich an die feurige Rede
eines neugebackenen Nazi, der seine Zuhörer davon überzeugen wollte, daß
Kriege nötig sind, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.
Die Antwort, einfach und klar, erhielt er in reinstem Kölsch: "Dann häng
dich doch op. Dann is doch als /ein /winniger do." (Dann häng dich doch auf,
dann ist doch bereits /einer /weniger da.)
Am 20. Juli 1932 setzte die Reichsregierung von Papen per Notverordnung die
sozialdemokratische preußische Regierung ab. Sie begründete das mit der
Notwendigkeit, selbst für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen zu müssen,
weil die Sozialdemokraten die von kommunistischer Seite hervorgerufenen
Unruhen in Preußen nicht im notwendigen Umfange bekämpften.
Dieser kalte Staatsstreich der Reichsregierung brach der Republik das
Rückgrat. Er verlief "programmäßig und ohne Zwischenfälle". So von Papen in:
/Der Wahrheit eine Gasse /(München 1952, S.218). Um 10 Uhr morgens, am 20.
Juli 1932, hatte der sozialdemokratische preußische Innenminister Karl
Severing noch erklärt, er werde "nur der Gewalt weichen". Um 20 Uhr abends
erschien die Gewalt in Gestalt eines Polizeipräsidenten nebst zwei
Polizeioffizieren, und er wich. Später sagte er, er habe Blutvergießen
vermeiden wollen.
Hätte er es doch damals nicht vermieden! Dann wären uns Millionen in
Zuchthäusern und Konzentrationslagern, Gefolterte, Erschlagene, Vergaste, im
Zweiten Weltkrieg Gefallene vielleicht doch noch erspart geblieben. Evelyn
Anderson jedenfalls schreibt über die ruhmlose Kapitulation der stärksten
Festung der Sozialdemokratie: "In allen deutschen Städten standen
Formationen des Reichsbanners und der Eisernen Front bereit, putzten ihre
Gewehre und warteten auf den Befehl zur Tat" /(Hammer oder Amboß, /Nürnberg
1948, S.206). Henning Duderstadt sagt noch bestimmter: "Wir fieberten, wir
warteten auf das Signal zum Kampf! Generalstreik! Jeder bewaffnet sich, wo
er kann. Sieg oder Tod!" /(Vom Reichsbanner zum Hakenkreuz. Wie es kommen
mußte. Ein Bekenntnis, /Stuttgart 1933, S. 31 f.).
Der "Befehl zur Tat", das "Signal zum Kampf", sie blieben aus.
Die Stationen der schrittweisen Kapitulation vor den Nazis bis zur tiefsten
Erniedrigung in den Schreiben des Führers des Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbundes (ADGB), Theodor Leipart, vom 21. und 29. März 1933 an
den Führer des Deutschen Reiches Adolf Hitler waren schändlich. Im Namen des
Bundesvorstandes erklärte Leipart, der ADGB müsse seine sozialen Aufgaben
erfüllen, "gleichviel welcher Art das Staatsregime ist". Im Reichstag
stimmten am 17. Mai 1933 die sozialdemokratischen Abgeordneten Hitlers
"Friedensresolution" zu, weil -- wie sie sagten -- dies eine Bejahung einer
friedlichen deutschen Außenpolitik und nicht ein Vertrauensvotum für Hitler
sei. In Wirklichkeit hofften sie, durch ihren offenen Verrat an der
sozialistischen Idee, ihre Organisation zu retten und gnädigst in die
"deutsche Volksgemeinschaft" aufgenommen zu werden. All das grub sich tief
in die Herzen und Köpfe derer ein, die mit Gefängnis, Zuchthaus,
Konzentrationslager oder Emigration bezahlen mußten, daß ihre Führer der
Gewalt der Mächtigen kampflos gewichen waren.
Erst als ich den Fackelzug der bewaffneten SA durch die kommunistische
Hochburg Kölns, die Thieboldsgasse, marschieren sah, vorbei an den
haßerfüllten, stummen, durch ihre Führung wehrlos gemachten Proletariern und
ihren vor ohnmächtiger Wut weinenden Frauen, wußte ich: es ist vorbei. Wir
wurden geschlagen, ohne auch nur einen Versuch zur Gegenwehr. Wir wurden
ausgeliefert.
Allen, die hinterher den "Massen" die Schuld für ihr eigenes Versagen
aufbürden wollten, muß man in Erinnerung rufen: In den letzten einigermaßen
freien Betriebsratswahlen, die von den Nazis im April 1933 durchgeführt
wurden, weil die Nazis selbst daran glaubten, sie hätten in den Betrieben an
Boden gewonnen, erhielten die Freien Gewerkschaften 73,4 Prozent der Mandate
und die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) 11,7
Prozent. Die Basis zum Widerstand war da. Aber die Führung war desertiert.
2.
Sieben Monate nach meinem Abitur, am 2. November 1933, kam ich in Palästina
im Hafen von Haifa an. Es war der Jahrestag der 1917 vom britischen
Außenminister Balfour abgegebenen Erklärung, die den Juden im arabischen
Palästina eine "nationale Heimstätte" zusicherte. Die Araber streikten an
diesem Tag. Sie protestierten gegen die Balfour-Deklaration. Wir wurden nach
Jaffa verfrachtet, wo ich mit einem halben englischen Pfund in der Tasche
landete. Mein Ziel war ein Kibbuz.
Würde man mich fragen, woher meine unverrückbare Zuversicht stammt, daß
Menschen Habsucht, Jagd nach Geld, Konkurrenzneid, Selbstsucht,
Unterwürfigkeit -- jene ihnen zum großen Teil vom Kapitalismus mühsam
anerzogenen "menschlichen" Eigenschaften -- ablegen können; würde man mich
fragen, wo die tiefste Wurzel meines Glaubens daran liegt, daß Menschen ohne
jeden äußeren Zwang als Gleiche und Freie im Kollektiv ihr Leben selbst
gestalten können, ich würde antworten: Das hat mir meine Erfahrung in der
Praxis des damaligen Kibbuz bewiesen.
Isaac Deutscher schreibt in seinen /Essais sur je problème juif /(Payot
1969, S.126 f.), ihm sei in einem Kibbuz, "dessen Mitglieder allen Grund
haben, stolz zu sein auf ihre (gesellschaftliche) Moral und die sich dessen
sehr wohl bewußt sind", folgendes passiert: Der diplomatische Vertreter der
Sowjetunion besuchte mit seinem Stab Kibbuzim, um sie mit den Kolchosen
vergleichen zu können. Nachdem er die moderne Molkerei, die Schule, die
Bibliothek und vieles andere gesehen hatte, erkundigte er sich nach dem
Gefängnis. "Das gibt es hier nicht", erhielt er zur Antwort. "Das ist
unmöglich", stieß der Diplomat hervor. "Was zum Teufel fangt Ihr mit Euren
Verbrechern oder Missetätern an?" Man bemühte sich vergeblich, ihm zu
erklären, daß es noch kein so schweres Verbrechen gegeben habe, das eine
Gefängnisstrafe gerechtfertigt hätte. Schließlich wähle man die Mitglieder
des Kibbuz sorgfältig aus. Es seien Menschen mit einer hohen sozialistischen
Moral. Man könne Mitglieder, deren Verhalten nicht gebilligt wird, auch
ausschließen. Dem sowjetischen Diplomaten wollte es jedoch nicht in den Kopf
hinein, daß eine Gemeinschaft von Hunderten Menschen ohne Gefangene
auskommen kann. Er glaubte, man wolle ihm "potemkinsche Dörfer" vorführen.
Aber welcher Anhänger unserer "sozialen Marktwirtschaft" würde glauben, daß
der "Leistungswillen" in den Kibbuzim, in denen heute mehr als 100 000
Menschen leben, durch die egalitäre Befriedigung der Lebensbedürfnisse, ohne
jegliche Geldentlohnung für die Arbeit, nicht beeinträchtigt wird? Wer von
ihnen würde glauben, daß ein Genosse aus dem Kibbuz Parlamentsabgeordneter
oder Diplomat sein kann und zu Hause als Traktorist oder Helfer in der Küche
arbeitet, wenn er hierzu eingeteilt wird? Wer von ihnen würde begreifen, daß
eine selbstverwaltete Gesellschaft ohne Vorgesetzte, ohne Polizei, mit frei
gewählten, jederzeit absetzbaren Ausschüssen unter schwierigsten Bedingungen
eine gewaltige Aufbauleistung vollbringen kann, wie die Kibbuzniks es taten?
Wer würde glauben, daß die /Gemeinschaftserziehung /der Kinder -- sie sind
nur wenige Stunden am Tag mit den Eltern zusammen -- dazu führt, daß "die
Kinder Kameraden sind, nicht Konkurrenten", daß "die Hilfsbereitschaft bei
diesen Kindern viel stärker ausgeprägt ist als das Streben nach Herrschaft.
Da keine Eltern da sind, um deren Gunst man (im Kinderhaus) buhlen könnte,
und da das Wetteifern allgemein nicht geschätzt wird, verhalten sich die
Kinder wie Geschwister; die Starken üben einen gewissen Einfluß aus, aber
sie wenden ihn auch im Interesse der Gruppe an" (Bruno Bettelheim, /Die
Kinder der Zukunft, /dtv 888, S.90).
Ich habe die Geburtswehen, die gesellschaftlichen Experimente, die
großartigen Versuche zur Herstellung neuartiger Beziehungen zwischen Mann
und Frau, zur Eingliederung von Alten und körperlich Behinderten, das Leben
in Zelten, durch die nachts Schakale liefen, wie die Legende es vom
Tempelplatz erzählte, das Leben in Baracken, Malariaanfälle, die oft
unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Orangenplantagen, in denen wir
Lohnarbeiter waren, ehe der Kibbuz Siedlungsland erhielt, fünfeinhalb Jahre
lang nicht etwa nur "ertragen". Mir war bewußt, an einem großen Abenteuer
mitzuwirken, das einmal zur Schaffung des sozialistischen Menschen führen
wird.
Viele Jahre später ging ich mit der siebenjährigen Nurith aus dem Kibbuz
Dalia durch die Altstadt von Jerusalem. Sie sah zum ersten Mal Bettler. Ich
versuchte zu erklären, was das ist, gab ihr ein paar Münzen, damit sie eine
gute Tat vollbringen konnte. Sie legte in die erste, in die zweite, in die
dritte Hand, die sich ihr entgegenstreckte, eine Münze, dann trat sie
entschlossen auf einen Bettler zu, gab ihm das ganze Geld und sagte: "Da,
nimm das und teil es mit deinen Genossen!" In diesem Augenblick wußte ich,
daß die gesellschaftliche Erziehung des neuen Menschen in Kibuzzim, in
Kommunen, den neuen Menschen hervorbringen wird.
Ich trat aus dem Kibbuz nicht aus. Ich wurde ausgeschlossen. 1936 war ein
arabischer Aufstand ausgebrochen. Wir zogen Stacheldraht um den Teil, der
als Wohnfläche diente, schafften einen Scheinwerfer an, der nachts über das
Lager kreiste, bauten aus Holz und Steinen Schanzen mit Schießscharten. Noch
kurze Zeit zuvor hatte der als Nachtwächter eingeteilte Genosse zu unser
aller Schutz nur einen Knüppel erhalten. Das war die einzige Waffe, die wir
hatten. Sie war der Grundstock zu der heute so mächtigen israelischen Armee.
Jetzt wurden illegale, geheime Waffenarsenale unter den Zeltstangen gut
versteckt eingebaut. Sie waren leicht erreichbar. Die "Hagana" -- die
zionistische "Selbstschutzorganisation" -- begann uns auszubilden: Revolver,
Handgranaten, Gewehre, Maschinenpistolen. Aber wer war der Feind?
Das Dorf Karkur, wo unser Kibbuz damals war, lag an der Grenze des jüdischen
Siedlungsgebietes. Als ich 1933 nach Palästina kam, lebten 175 000 Juden
unter 1,5 Millionen Arabern. Der "Haschomer Hazair", die
linkssozialistische, stark stalinistisch beeinflußte Kibbuzbewegung, wollte,
daß sich die arabischen zusammen mit den jüdischen Arbeitern in einer
gemeinsamen Klassenorganisation, der "Histadruth" (Gewerkschaft)
zusammenschließen. Der "Haschomer Hazair", dem auch mein Kibbuz angehörte,
erwartete, daß eines Tages ein "binationaler" arabisch-jüdischer Staat in
Palästina entstehen wird. Beides wurde von der sozialdemokratischen Mehrheit
in der Histadruth, der Mapai, abgelehnt.
Wenn man in einem solch armen Land wie in Palästina einen jüdischen Staat
mit einer jüdischen Arbeiterklasse und nicht nur eine weiße
Siedlerherrenschicht wie in Südafrika schaffen wollte, konnte dies nur auf
Kosten der arabischen Bevölkerung gehen. Darum wurde propagiert: "Kauft die
Produkte des Landes." Das waren die jüdischen Produkte, die teurer waren als
die arabischen. "Erobert die Arbeit" sagte man uns, also: ersetzt die
billige, unorganisierte arabische Arbeit durch teure, organisierte jüdische
(wobei man gleichzeitig die Histadruth, die Gewerkschaftsorganisation, für
die Araber versperrte!). "Erobert den Boden" hieß die dritte Losung. Man
kaufte von den reichen arabischen Effendis, den Großgrundbesitzern, den
Boden mit Hilfe des jüdischen Nationalfonds, der ihn ausschließlich an
jüdische Siedler verpachtete. Die armen arabischen Fellachen, die meist
Pächter waren, wurden mit Geld abgefunden, mit dem sie wenig anfangen
konnten.
Die Haltung der Mapai war durchaus schlüssig. Man mußte bereits innerhalb
des arabischen Palästina einen geschlossenen jüdischen Wirtschaftssektor
schaffen und diesen immer mehr ausweiten, wenn man eines Tages einen
jüdischen Staat haben wollte. Unterstützung hierfür kam von zwei Seiten:
vom britischen Imperialismus, der trotz aller Schwankungen stets auf der
Seite der Zionisten blieb, und von den amerikanischen Juden, die Geld
spendeten.
Daß dieser Plan aber überhaupt Erfolg haben konnte, verdanken die Araber
Hitler. Er hatte die sich auflösenden, in voller Assimilation befindlichen
deutschen Juden zunächst ins Ghetto und später in die Todes- und
Vernichtungslager geschickt. Für sie, aber auch für die nichtzionistische
jüdische Arbeiterklasse in Osteuropa, wurde Palästina zum einzigen
Schlupfloch, weil die so humanen demokratischen imperialistischen Staaten,
gebeutelt von der Weltwirtschaftskrise, sich weigerten, jüdische Flüchtlinge
in großer Zahl aufzunehmen.
Eines Tages, als ich im Kibbuz hinter unserer holzverkleideten steinernen
Schanze auf Wache stand, sah ich Flugzeuge, die wie Raubvögel immer wieder
auf einen kahlen Berg niederstießen. Dann folgten Maschinengewehrgarben, die
mit einzelnen Schüssen beantwortet wurden. Einige Stunden später kamen
britische Soldaten zu uns und erzählten, sie hätten eine arabische
"Bande" -- etwa 60 Menschen -- wie Hasen abgeschossen. Die Briten
bewunderten den Mut dieser Männer, die versuchten, mit ihren Gewehren die
britischen Flugzeuge zu treffen und die sich, wenn man sie verwundet
gefangen nehmen wollte, noch mit ihren "Djabries", den arabischen
Krummdolchen, auf die Soldaten stürzten.
(Dieser Tage las ich im /Stern, /Nr.4/78, der GSG-Kommandeur Wegener habe
sich in Mogadischu überrascht gezeigt über "die heftige Gegenwehr der
Palästinenser". Er habe geglaubt, daß Araber nicht sehr mutig seien. Jetzt
kämpften sie wie Japaner auch in aussichtsloser Position weiter. Wegener:
"Das war neu und erschreckend. Die Leute hatten eine riesige Energie und
einen fanatischen Haß."
Niemand fragt danach, ob die Wurzel dieses Hasses nicht in der unterdrückten
Freiheitsliebe dieses Volkes liegt, sowie in dem unbändigen Zorn darüber,
dreißig Jahre lang in Lagern zu vegetieren.)
Einige von uns im Kibbuz begannen damals Fragen zu stellen über unsere
"Feinde". Wir kamen zu dem Ergebnis: diesen Menschen geschieht unrecht. Wir,
die wir selber Opfer Hitlers sind, verüben an ihnen Unrecht. Wenn wir es
ernst meinen mit unserem Internationalismus, müssen wir einen Weg suchen zu
diesen arabischen Massen.
Wir wollten den Kibbuz nicht verlassen, der unsere Heimat, unsere
Lebensform, unsere Familie war. Bald aber mußten wir begreifen, daß, wer
nicht mehr Zionist ist, nicht im Kibbuz leben darf, der trotz seiner
fortschrittlichen gesellschaftlichen Experimente die Speerspitze des
Zionismus bildet. Standen nicht auch die katholischen Klöster im
Mittelalter, diese wunderbaren Kommunen, die alle damaligen Schätze der
menschlichen Kultur aufbewahrten und mehrten, im Dienste der feudalistischen
Kirche, die eine der furchtbarsten Unterdrückungsmächte war, gegen die sich
Reformation und Bauernaufstände richteten?
Wenige Monate nachdem wir den Kibbuz verlassen hatten, zwei Monate vor
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurden drei von uns Ausgeschlossenen
verhaftet und interniert. Administrativ, ohne jedes Gerichtsverfahren,
erhielten wir 12 Monate zudiktiert, die beliebig verlängert werden konnten.
Wir kamen zum ersten Mal mit dem britischen Imperialismus in Berührung, der
jüdische Nichtzionisten als Gefahr ansah.
Im Polizeigefängnis von Haifa wurden etwa 30 Häftlinge so eng in einem Raum
zusammengepfercht, daß man sich nicht einmal beim Schlafen ausstrecken
konnte. Wir lagen nachts auf dünnen Matten, die von Gefangenen aus Lumpen
geflochten waren; tagsüber saßen wir auf dem Zementboden zusammen mit
Kriminellen, mit Menschen, die offene Tbc, Geschlechtskrankheiten, die
Krätze oder Läuse hatten. Hier gab es zwischen Juden und Arabern keine
Unterschiede mehr, ebensowenig wie zwischen Politischen und Kriminellen. In
der Zelle gab es weder Tisch noch Stuhl. In der Ecke stand ein offener
Pißkübel.
Einige Tage darauf wurden wir in die Festung Akko eingeliefert. Eine Nacht
lang war ich dort mit Mitgliedern einer arabischen "Bande" zusammen, die wir
heute Partisanen oder Freischärler nennen würden. Ihre Moral, die gespannte
Aufmerksamkeit, mit der sie diskutierten, ihr Kampfwille -- einige von ihnen
waren zum Tode verurteilt und wurden hingerichtet -- hinterließen einen
tiefen Eindruck auf mich.
Tags darauf wurden wir von einem Aufseher instruiert, wir würden nun
ärztlich untersucht und müßten Fragen mit "Yes Sir" beantworten. Wir standen
in einer langen Reihe, wurden einem britischen Militärarzt vorgeführt, der
fragte: "Everything alright?" Wir antworteten: "Yes Sir". Die medizinische
Inspektion war beendet.
Nachdem 12 Monate meiner Internierung abgelaufen waren, wurde die Haft
automatisch für weitere 12 Monate erneuert. Mit uns zusammen -- wir waren
inzwischen nach Sarafand überführt worden und kamen später nach Masra -- war
ein Sekretär der Palästinensischen Kommunistischen Partei, Meir Slonim,
interniert seit sechs Jahren, ohne Prozeß, ohne Urteil.
Eines Tages wurde eine Gruppe jüdischer Strafgefangener -- 43 Mann -- in das
benachbarte Lager eingeliefert. Sie waren zu hohen Gefängnisstrafen
verurteilt worden, weil sie britischen Soldaten mit voller Bewaffnung in die
Arme gelaufen waren. Ihr Anführer hieß Moshe Dayan [1]. Natürlich wurden sie
lange vor Ablauf ihrer Strafe entlassen.
Unter uns Häftlingen übten wir Solidarität, und da wir als Internierte das
Recht hatten, Geld zu erhalten und zusätzliche Nahrungsmittel zu kaufen,
schmuggelten wir einen Teil davon in das Lager der Strafgefangenen, in dem
auch Mosche Dayan saß, mit dem ich über den Zaun hinweg fruchtlose
Diskussionen führte. Zusammen interniert mit uns waren auch die
bedeutendsten Führer der rechtsradikalen zionistischen Terroristen, wie
Abraham Stern, Abrascha Zehner und David Razill, Vorläufer Begins als Führer
des "Irgun".
Die Linken im Lager organisierten gemeinsam mit den arabischen Häftlingen,
die zu hunderten interniert waren, einen Hungerstreik, um endlich ein
ordentliches Gerichtsverfahren zu bekommen. Wir wurden zwangsernährt und
erhielten nach sieben Tagen das Versprechen, daß wir vor eine Kommission
gestellt würden, die unsere Fälle überprüfen werde.
In den zweieinviertel Jahren, die ich interniert war, habe ich nicht nur
Sprachen gelernt, eine Art Lageruniversität mitorganisiert, sondern auch
erfahren, was die drei Buchstaben CID (Criminal Investigation Department)
bedeuten, die ich vor meiner Verhaftung gar nicht kannte. Sie bedeuteten,
daß Häftlingen Holzstäbchen unter die Fingernägel getrieben wurden, daß man
Feuer unter ihren Fußsohlen anzündete, daß sie an den Händen aufgehängt
wurden, bis sie vor Schmerz brüllten; und all das, um Aussagen von ihnen zu
erpressen. Ich lernte, daß der demokratische Imperialismus im Kampf für die
Erhaltung seines Imperiums manchmal nicht weniger zimperlich ist als der
Faschismus, der auszieht, ein neues Imperium zu erobern.
Drei Monate nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion kam ich endlich
vor eine britische Untersuchungskommission. Sir Hartley Shawcross, ein in
Gießen geborener englischer Jurist, der 1945 Labour-Abgeordneter, dann
Kronanwalt und später Hauptankläger für Großbritannien vor dem
Internationalen Militärtribunal in Nürnberg war, führte den Vorsitz. Er
wollte wissen, was eigentlich gegen mich vorliege, und war ebenso wie mein
Anwalt, der bedeutende jüdische Arabist Goitein, über die "Beweise", die von
der Polizei geliefert wurden, überrascht, ja empört. Shawcross verfügte
meine Freilassung.
In den zweieinviertel Jahren meiner Internierung hatte nur ein Vetter von
mir es gewagt, mich ein einziges Mal zu besuchen. Jeder, der um die
entsprechende Erlaubnis bat, wurde von der CID darauf aufmerksam gemacht,
welchem Risiko er sich damit aussetzt.
Nach meiner Entlassung stand ich dennoch lange unter Polizeiaufsicht, was
mich nicht daran hinderte, nun zum ersten Mal wirklich mit arabischen Linken
Verbindung aufzunehmen, unter denen ich Freunde gewann. Während des Krieges
kamen wir über sympathisierende marxistische Soldaten mit der ägyptischen
Literaturzeitschrift /Megalla Gedidah /(Neue Zeitung) in Kontakt. Wir traten
in eine politische Diskussion mit den Redakteuren ein, von denen 1947 einige
an der ersten großen Massenstreikbewegung ägyptischer Arbeiter Anteil
hatten.
Als das Kriegsende kam, bereitete ich mich auf die Rückkehr nach Deutschland
vor. Einige meiner Freunde waren in die Armee, zur Marine oder zur UNRRA
(United Nations Relief and Rehabilitation Administration) gegangen und
setzten sich in Europa ab. Eine internationalistische politische Arbeit in
Palästina schien mehr und mehr aussichtslos. Die terroristischen Attentate
des rechtsextremen Irgun Zwai leumi (Nationale Militärorganisation) -- einer
ihrer Führer war der jetzige Ministerpräsident Israels, Menachem Begin --;
die Anschläge der Stern-Organisation, das britische Hauptquartier in
Jerusalem, das King David Hotel, wurde in die Luft gejagt, wobei fast 100
Menschen umkamen; der Terror vor den Raffinerien von Haifa, wo in der
Schlange der dort nach einem Tag Arbeit anstehenden arabischen Fellachen
eine Bombe explodierte, die mehr als 40 Menschen zerriß; schließlich der
blutige Pogrom gegen das arabische Dorf Dir Yassin, in dem auch Frauen und
Kinder ermordet wurden, und viele andere Attentate ließen eine friedliche
Lösung immer weniger zu. Als ich sah, wie meist orientalische Juden aus
arabischen Dörfern bei Jerusalem fortschleppten, was nicht niet- und
nagelfest war, oder armselige Behausungen niederrissen, erinnerte ich mich
wieder an den Pogrom der Polen. Nur: Hier wurden Juden zu Pogromisten.
1947 beschlossen die Vereinten Nationen -- die USA gemeinsam mit der
Sowjetunion -- die Zweiteilung Palästinas. Die Araber beantworteten dies mit
einem Generalstreik. Tagtäglich explodierten nun arabische oder jüdische
Bomben, wurden Menschen ermordet. Wenn man sich morgens verabschiedete und
zur Arbeit ging, sagte man sarkastisch: "Auf Wiedersehen in der
Abendzeitung". Dort wurden die Bilder der Ermordeten veröffentlicht.
Anfang 1948 kam ich mit einem Touristenvisum und einem Paß des britischen
Mandatsgebiets Palästina in Frankreich an. Von dieser Zeit an durchlebte ich
zuerst in Frankreich, dann in Belgien das Schicksal eines Emigranten, dessen
Mandatspaß seine Gültigkeit verlor und der stets im Clinch mit den
Polizeibehörden lag, die ihn ausweisen wollten. Denn die britische Regierung
hatte beschlossen, ihre Truppen aus dem Mandatsgebiet Palästina am 14.5.1948
zurückzuziehen. Am gleichen Tag wurde der Staat Israel ausgerufen. Die
Truppen der arabischen Staaten, die versuchten, die Entstehung des Staates
zu verhindern, wurden geschlagen. In Panik flohen Hunderttausende Araber in
die Nachbarstaaten. Sie gingen in die Diaspora wie die Juden 1900 Jahre vor
ihnen.
1933 war ich als Jude in das arabische Palästina gekommen. Als ich 1948 das
Land verließ, waren die Araber zu Juden geworden. Ich kehrte im November
1948 als überzeugter Internationalist nach Deutschland zurück. In der
falschen Hoffnung, die Geschichte würde dort weitergehen, wo sie nach der
Revolution von 1918 unterbrochen worden war.
3.
Mag sein, daß es wirklich Menschen gibt, die niemals schwanken. Die Heiligen
der katholischen Kirche etwa, oder die Bolschewiken aus der Retorte der
stalinistischen Geschichtsfälscher. Aber die Entwicklung des
Nachkriegseuropa, vor allem die enttäuschte Hoffnung auf das Verschwinden
der blutigen Herrschaft Stalins nach dem Krieg und des Sieges der
sozialistischen Demokratie in Europa und in der Sowjetunion machten mir
schwer zu schaffen.
Drei Monate vor dem Tod Stalins veröffentlichte ich eine kleine Schrift:
/Aufstieg und Niedergang des Stalinismus - Kommentar zum kurzen Lehrgang der
Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). /Unter
den Linken in der Bundesrepublik, aber vor allem unter Kommunisten in der
DDR, wo die Tradition der marxistischen Analyse durch den Faschismus und den
Stalinismus angeschlagen war, löste diese Schrift Diskussionen aus.
Ein Kapitel darin trägt die Überschrift: "Revolutionärer und bürokratischer
Terror". Es beginnt mit der Feststellung, daß, wie immer man subjektiv den
Terror, die Gewaltanwendung in der Geschichte verabscheuen mag, sich nicht
leugnen lasse, daß die Gewalt zuweilen eine Hebamme der Geschichte gewesen
ist.
"Angefangen von der puritanischen englischen Revolution bis zu den
amerikanischen Befreiungskriegen gegen die Engländer, dem Kampf um die
Befreiung der Sklaven in den Südstaaten Amerikas oder der Französischen
Revolution hat die Gewaltanwendung eine Rolle gespielt. Gewalt wird in der
gleichen Weise vom Chirurgen angewandt, der einen Patienten mit einem
Skalpell behandelt, und vom Mörder, der sein Opfer mit einem Dolch tötet.
Man kommt also um die Frage nicht herum, wer zu welchem Zweck Gewalt
anwendet. Wie unterscheidet man jedoch die revolutionäre von der
reaktionären Gewalt? Wie kann man feststellen, ob Gewaltanwendung dem
Fortschritt dient oder den Fortschritt behindert?"
Ich zitierte, was Mark Twain, einer der aufrichtigsten amerikanischen
Schriftsteller und Journalisten, ein wahrhafter Verfechter der
amerikanischen Demokratie, über die Schreckensherrschaft der Französischen
Revolution in seinem Buch /Ein Yankee am Hofe von König Artus /schrieb:
"Es gab /zwei /Schreckensherrschaften, wenn wir uns daran erinnern und es
erwägen würden. Die eine verübte Mord in heißer Leidenschaft, die andere
hatte tausend Jahre gedauert. Die eine verhängte Tod über zehntausend
Personen, die andere über hundert Millionen, aber unser Schaudern gilt nur
dem ,Schrecken des kleineren Terrors, des momentanen Terrors sozusagen: Was
aber ist der Schrecken eines raschen Todes durch das Beil, verglichen mit
dem lebenslangen Sterben durch Hunger, Kälte, Schimpf, Grausamkeit und an
gebrochenem Herzen?. . . Trotz allem scheinheiligen Gewinsel vom Gegenteil
hat noch kein Volk der Welt jemals durch gütliches Zureden und moralische
Uberredung seine Freiheit erlangt, da es ein unabänderliches Gesetz ist, daß
jede Revolution, die Erfolg haben will, mit Blutvergießen beginnen muß, wenn
auch nachher vielleicht etwas anderes genügt."
Wie aber sah es mit der Schreckensherrschaft der russischen Revolution aus?
Ich schrieb:
"Man kann ohne jede Übertreibung feststellen, daß die vom Stalinismus
angewandten Mittel den von ihm selbst angegebenen Zweck beständig verfehlen.
Die /Sowjet-Demokratie /hatte sich als hinreichend erwiesen, die
herrschenden Klassen selbst zu vernichten. Aber um die Überbleibsel (der
herrschenden Klassen) in der Wirtschaft und im zurückgebliebenen Bewußtsein
der Menschen zu bekämpfen, braucht Stalin angeblich den gewaltigen
Machtapparat seiner Geheimpolizei! In Wirklichkeit ist es so, daß das
Aufleben der Ideologie der geschlagenen antileninistischen Gruppen die immer
wieder aufflackernde Idee des echten Marxismus und Leninismus ist, der eben
nie ausstirbt, weil er von der Sowjetwirklichkeit selbst tausendfach immer
neu hervorgebracht wird: jene tiefe Sehnsucht der Massen zur Wiederbelebung
der Demokratie in der Sowjetunion und das Drängen zur Beseitigung jener
stalinistischen Kaste, die, ohne im wissenschaftlichen Sinne eine besitzende
Klasse zu sein, zehnfach die Laster aller besitzenden Klassen enthält.
Der stalinistische Terror, angeblich ein Mittel, die Klassenherrschaft zu
beseitigen, ist in Wahrheit ein Mittel, das dieses Ziel beständig verfehlen
muß, und insofern eben kein Mittel, das den Zweck heiligt, sondern ihn
schändet...
Der bürokratische Terror ist im Gegensatz zum revolutionären hinterhältig,
inquisitorisch und unehrlich. Er wendet sich mit größter Niedertracht gerade
gegen jene, die sich weigern, in diesem Regime der Unterdrückung eine
klassenlose sozialistische Gesellschaft zu sehen. Die Wahrheit ist der
größte Feind der Bürokratie, aber sie kann auf die Dauer nicht mit
terroristischen Methoden ausgerottet werden. Sie wird auch die
stalinistische Geheimpolizei überleben."
Das hat sie getan. Der 20. Kongreß der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion, die Arbeiteraufstände in den Satellitenstaaten, jetzt die
Charta 77, das Buch von Bahro, der Protest der 14 polnischen Kommunisten,
die Entwicklung der Eurokommunisten bei all ihren Mängeln -- all das
bezeugt, daß ich mich nicht in allem geirrt habe, als ich drei Monate vor
Stalins Tod den Niedergang des Stalinismus kommen sah. Dennoch, meine
optimistische Zeitrechnung, meinen Optimismus in bezug auf die Entwicklung
der Linken in den sozialdemokratischen Parteien muß ich revidieren. Die
kurze Zeitspanne eines Menschenlebens reicht eben nicht aus, um historische
Prozesse an ihr zu messen, obwohl sich der Gang der Geschichte erheblich
beschleunigt hat. Das macht uns ungeduldig.
Was für den stalinistischen Terror gilt, trifft abgewandelt auch auf den
individuellen Terror zu. Auch er verfehlt beständig den selbst angegebenen
Zweck. Er führt nicht zur "Vernichtung des Klassenfeindes", sondern hilft
seine Herrschaft zu stabilisieren. Er fördert nicht das zurückgebliebene
Bewußtsein der Massen, sondern er verwirrt es. Der individuelle Terrorist
macht sich selbst zum Helden der Geschichte, anstatt die Klasse der
Arbeitenden über ihre historische Aufgabe aufzuklären, sie ihr bewußt zu
machen, damit sie selbst wieder als Held auf die Bühne der Geschichte tritt.
Noch zweimal wurde ich nach der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus mit
dem Problem der Gewalt konfrontiert. Das eine Mal -- ich war damals
Sozialreferent im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik in Paris -- als
der Aufstand in Algerien ausbrach. Mir war, nach allem, was ich von den
Terrormaßnahmen, den Folterungen, den Razzien, den Bombardierungen in
Algerien wußte, unbegreiflich, daß die "Front de Libération Nationale" und
das algerische Volk all dem standhielten und nicht zusammenbrachen; daß die
Algerische Befreiungsfront, die seit 1954 pausenlos einem gnadenlosen Terror
ausgesetzt war, /nicht /aufgab. In einem Pariser Cafe stellte ich diese
Frage der jungen, algerischen Schriftstellerin Assja Djebar. Sie antwortete:
"Wenn ein algerischer Fellache für den FLN rekrutiert wird, erhält er zum
ersten Mal in seinem Leben ein paar Schuhe und ein Gewehr. Damit wird er zum
ersten Mal zu einem Menschen. Das Selbstbewußtsein, das er hierdurch
gewinnt, das Gefühl, daß er für die Befreiung seines Volkes kämpft, jetzt
kämpfen kann, läßt ihn alles ertragen bis zum Sieg."
Viele Jahre später kam dieser Sieg, wenn auch wiederum nicht so, wie ihn
viele erhofft und erwartet hatten: als Sieg des Sozialismus in Algerien.
Aber dennoch: Algerien wurde frei.
Das zweite Mal trat mir die Gewalt in Chile entgegen, als ich zwei Monate
nach dem Militärputsch für die Gewerkschaftszeitung /Metall /nach Chile
ging. Ich fragte chilenische Gewerkschafter, ob man der Regierung Allende
vorwerfen könne, sie habe die Verfassung verletzt, wie das damals ein großer
Teil der bürgerlichen Presse in der Bundesrepublik behauptete. Sie
antworteten:
"Wenn die Regierung Allende zugrunde gegangen ist, so höchstens darum, weil
sie sich allzu sehr an die Verfassung gehalten hat. Wir, die Gewerkschaften,
wollten rechtzeitig der Sabotage der Unternehmer und dem Boykott der von
ihnen aufgehetzten Lastwagenbesitzer und Ärzte entgegentreten. Wir
forderten, den Kampf gegen die Terroristen von >Patria e Libertad<
aufzunehmen. Aber die Regierung Allende ließ im Parlament ein Gesetz
verabschieden, das die Suche nach Waffen erleichterte. Gefunden wurden
seltsamerweise nur die spärlichen Waffen, die Arbeiter zu ihrem eigenen
Schutz in den Betrieben hatten, während die Rechtsextremisten bis an die
Zähne bewaffnet blieben. Als der Putsch der Junta begann, befahl man uns,
die Betriebe zu besetzen. Wir haben es getan. In der Hoffnung, daß die
christlich-demokratische Partei von Eduardo Frei uns gegen die putschenden
Generäle ebenso unterstützen würde, wie wir ihn unterstützt hatten, als er
an der Regierung war und General Viaux gegen ihn putschte. Aber er hat
geglaubt, die Junta werde ihm nach ihrem Putsch die politische Macht
überreichen. Sie denkt nicht daran. Wir aber waren in den Betrieben ohne
Waffen, ohne Schutz, ohne die Möglichkeit, uns zu verteidigen.
Es war falsch, daß die Regierung Allende die Armee in die Politik
hineingezogen hat, daß sie immer weiter zurückwich. Sie hätte mehr Vertrauen
zu uns, zu den Gewerkschaften, zu den in den Betrieben Beschäftigten haben
müssen, die bereit waren zu kämpfen, die aber mit leeren Händen nicht
kämpfen konnten...
Mancher von uns denkt heute: Hätte die /Unidad Popular/ doch den Mut gehabt,
zwei Dutzend Generäle und drei Dutzend Spekulanten so zu behandeln, wie man
heute mit Tausenden von uns umgeht, dann hätte uns das viele Opfer und
Qualen erspart."
Ich fühlte mich wieder wie im Jahr 1933. Die politisch und militärisch
unbewaffnete Gerechtigkeit hatte ihren Kampf gegen die waffenstarrende
Ungerechtigkeit verloren.
4.
Aber aus welchen Quellen speist sich trotz aller Niederlagen meine
Zuversicht in den Sieg des Sozialismus, den wir wollen? Die Befreiung
Algeriens, Vietnams ist nur ein Teil der Antwort. Ein anderer Teil liegt in
der Hoffnung, die jene vernichtete, in Gaskammern erstickte jüdische
Arbeiterklasse Osteuropas bis zum letzten Atemzug, bis in ihrem Todesgesang
aufrecht erhalten hat.
Die Hymne des "Bund" hatte in seltsam geheimnisvoller Weise einiges davon
vorweggenommen, vorausgeahnt. In freier Übersetzung beginnt sie:
"Vielleicht bau ich in der Luft nur meine Schlösser.Vielleicht ist mein Gott
überhaupt nicht da.Im Traum wirds leichter mir, im Traum wird es mir
besser.Im Traum ist der Himmel blau und völlig klar."
Wer nicht im KZ ermordet, nicht in den Gaskammern umgebracht wurde, wer
nicht in imperialistischen Kriegen gefallen ist, hat kein Recht dazu, den
Kampf für den Sozialismus aufzugeben.
Lenin, der größte revolutionäre Realist war es, der sagte: "Der Mensch muß
träumen können."
Im Frühjahr 1978
Aus: Inprekorr Nr. 396/397 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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[1] Moshe Dayan war später einer der einflussreichsten Militärs und
Politiker bei der (militärischen) Durchsetzung des Staates Israel. Er war
Mitglied der Mapai und der Haganah, später der Rafi ("Arbeiterliste") und ab
ihrer Gründung 1968 der "Israelischen Arbeitspartei"; von 1953--58
Generalstabschef, leitete den Sinaifeldzug; 1959--64
Landwirtschaftsminister, 1968--74 Verteidigungsminister, 1977--79
Außenminister. Anmerkung der Redaktion.
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