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Ökonomie:
Die gegenwärtige Krise erschüttert den neoliberalen Kapitalismus in seinen
Grundfesten. Sie verläuft sprunghaft. und niemand kann vorhersehen, wohin
sie führen wird. Der folgende Beitrag soll nicht dazu dienen, den Verlauf zu
rekonstruieren, zumal dies zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vermutlich
schon überholt wäre [1]. Er soll vielmehr zum Verständnis der Grundlagen
beitragen und die sozialen Folgen dieser Krise aufzeigen.
Von Michael Husson
DIE FUNKTIONSWEISE DER FINANZKRISE
Die Finanzkrise mag wegen ihrer Komplexität auf Anhieb verwirren, aber
trotzdem lassen sich die grundlegenden Mechanismen herausarbeiten.
Ausgangspunkt ist das Vorhandensein riesiger Mengen "überschüssigen"
Kapitals auf der Suche nach maximaler Rendite. In regelmäßigen Abständen
erschließt sich dieses Kapital neue lukrative Märkte und löst eine
Anlageeuphorie aus, die nach dem Prinzip der Self-Fulfilling Prophecy
funktioniert: Indem es sich auf den vermeintlich profitabelsten Sektor
stürzt, treibt es dort den Preis nach oben und rechtfertigt somit die
Anfangseuphorie. Die Warnungen derer, die darauf verweisen, dass die
Finanzmärkte nicht in den Himmel wachsen können, werden abgetan, da ja alles
reibungslos verläuft.
Graphik 1 gibt eine Übersicht über die zeitlichen Eckdaten: Die Börsencrashs
1987 und 1990 am Vorabend des Ersten Golfkriegs; der Boom der New Economy ab
Mitte der 90er Jahre, der zu einem wahren Börsenrausch führt; die Krise in
Südostasien und Russland sowie die Pleite des US-Hedgefonds LTCM bringen
1998 die Blase nur vorübergehend zum Abschwellen und erst 2000 kommt es zum
richtigen Börsenbeben; zwei Jahre später dann die erneute Flucht nach vorn
und schließlich die Subprime-Krise im Juli 2007.
Damit eine Spekulationsblase entstehen kann, reicht es nicht aus, dass bloß
die Geldmengen verfügbar sind, sondern es dürfen auch keine
Regulationsmechanismen im Wege stehen. Diese Reglementierung wurde durch
politische Maßnahmen und durch immer ausgefeiltere Finanzinstrumente und
undurchsichtige Transaktionen ausgehebelt. Beispiel hierfür ist die
Hebelwirkung der Derivate, mit deren Hilfe die Finanzinstitute über ein
Vielfaches ihres eigenen Kapitals verfügen. Über Derivate können
beispielsweise zukünftige Kaufs- und Verkaufsrechte erworben werden. Und
ihrer faulen Kredite können sich die Banken entledigen, indem sie sie zu
einer Art Überraschungspaket bündeln und als handelbare Wertpapiere
verbriefen. Diese geraten dadurch in Umlauf, werden außerbilanziell und
unterliegen somit nicht mehr der Bankenaufsicht zur Risikobegrenzung.
Die Subprime-Krise hat ein relativ überschaubares Marktsegment betroffen,
nämlich die Hypothekendarlehen an einkommensschwache Haushalte. In
Wirklichkeit waren diese Verträge Schwindel, weil die Banken davon ausgehen
konnten, dass die Darlehen nicht zurückgezahlt würden. Aber durch die
Verbriefung und den Verkauf der Ansprüche konnten sie sich ihrer entledigen.
Mit dem Umschwung auf dem Immobiliensektor kamen die ersten Privatkonkurse:
Ein Verkauf der Häuser, auf denen die faulen Hypothekendarlehen lasteten,
war nicht mehr möglich oder nur zu einem Preis, der noch unter dem
Anfangskredit lag. Die Immobilienkrise löste eine Kettenreaktion aus: Eine
Bank nach der anderen bemerkte ihre Verluste und bekam zunehmende Probleme,
neue Finanzquellen zu erschließen, um diese Verluste zu decken. Um zu
verhindern, dass sich die Banken gegenseitig mit in den Abgrund reißen,
pumpten die Regierungen und Zentralbanken Geld in das System oder
"verstaatlichten" sie zum Teil.
VON DER FINANZSPHÄRE ZUR REALWIRTSCHAFT
Aus dem obigen Szenario ergeben sich mehrere Fragen, besonders nach den
Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Wie jede Finanzkrise muss auch die
aktuelle Krise als ein "Ordnungsruf" des Wertgesetzes verstanden werden.
Jedes Geldvermögen hat einen bestimmten Wert. Wenn ich eine Million Aktien
besitze, deren Kurs bei 100 ? liegt, beträgt mein Reichtum 100 Millionen
Euro. Wenn sich der Kurs meiner Aktien verdoppelt, verdoppelt sich auch mein
Reichtum; wenn er um die Hälfte sinkt, verliere ich 50 Millionen Euro. Diese
Zahlen spiegeln jedoch nur den fiktiven Wert meines Geldvermögens wider. Die
Gewinne oder Verluste werden erst dann real, wenn ich versuche meine Aktien
zu veräußern, um mir etwas Konkretes zu leisten, etwa ein Haus. Die
Börsenkapitalisierung, also der Gesamtwert der Aktien an sich ist fiktiv.
Die Finanzmärkte sind vorwiegend Nebenmärkte, auf denen man bspw.
Vivendi-Aktien verkauft, um France Télécom-Aktien zu kaufen. Der Kurs dieser
Aktien kann entlang von Angebot und Nachfrage schwanken, aber diese
Transaktionen sind selbst genau so fiktiv wie der Kurs, zu dem sie sich
vollziehen. Man könnte den Preis dafür auch vertausendfachen, als wäre es
eine besondere Art von Geld, die mit dem richtigen nichts zu tun hat. Genau
so könnte man sich ein Wirtschaftssystem vorstellen, in dem jeder Mensch
Aktienmilliardär wäre, vorausgesetzt natürlich, er würde sie nicht
verkaufen. Wir hätten es also mit einer Realwirtschaft zu tun, die ihren
üblichen ruhigen Gang geht, und mit einer Finanzsphäre, die sich
exponentiell aufbläht.
Aber auf Dauer ist eine solche Divergenz nicht vorstellbar, weil zwischen
der Finanzsphäre und der Realwirtschaft Umtauschbeziehungen bestehen. Ein
Wirtschaftswachstum von 2-3 % kann keine durchgängige Rendite von 15 %
abwerfen, wie die Fondsgesellschaften behaupten. Solange die Einkünfte aus
Geldvermögen wieder neu angelegt werden, wachsen die Vermögen, ohne dass
eine materielle Bindung an die Realwirtschaft besteht, und die Diskrepanz
kann theoretisch bis ins Unendliche wachsen. Aber wenn ein Teil der
Ziehungsrechte aus diesen Vermögenstiteln in der Realwirtschaft
kapitalisiert -- mit anderen Worten: in Waren umgetauscht -- werden soll,
gilt zwangsläufig das Wertgesetz mit den Regeln von Angebot und Nachfrage.
Angenommen, dass diese neu erworbene Kaufkraft auf keine Entsprechung auf
Seiten der Produktionssphäre trifft und auch die Lohnforderungen nicht aus
der Welt schaffen kann, dann erfolgt die Regulation über die Preise, was
dazu führt, dass die Einkommen, einschließlich der Kapitaleinkünfte,
entwertet werden. Dies erklärt übrigens die starke Anfälligkeit der Rentiers
für eine Inflation, da dadurch die tatsächlichen Gewinne aus ihren Vermögen
beeinflusst werden. Wenn es zu einer solchen Entwertung kommt, schlägt sich
dies auf die Vermögenswerte durch und die Kurse der Wertpapiere müssen
fallen, um sich den realen Gewinnen, die sie erwirtschaften, wieder
anzugleichen.
------------ KASTEN -----------------------------------------------
Grafiken: Siehe getrennten Beitrag oder unter http://inprekorr.de
Die Wertpapiere stellen einen Rechtsanspruch auf den produzierten Mehrwert
dar. Solange dieses Recht nicht ausgeübt wird, bleibt alles fiktiv. Sobald
man es aber realisieren will, stellt man fest, dass es dem Wertgesetz
unterworfen ist, das schlicht und einfach bedeutet, dass nicht mehr verteilt
werden kann, als erwirtschaftet worden ist. Aus objektiver Sicht müssten die
Börsenkurse die vorweggenommenen Gewinne der Unternehmen darstellen, von
denen aus Kapitaleinkünfte ausgeschüttet werden können. Inzwischen haben sie
aber völlig abgehoben und stehen nur noch in marginaler Beziehung zu den
Kapitalrenditen, die auf der Ausbeutung der menschlichen Arbeit gründen. Nie
zuvor in der Geschichte des Kapitalismus hatte dieses Phänomen solche
Ausmaße erreicht, und nie war es möglich, dass dies ewig andauert.
DIE ÖKONOMISCHE BASIS DER FINANZMÄRKTE
Die Finanzblasen beruhen nicht nur auf den Illusionen raffgieriger
Spekulanten sondern werden durch die permanente Erzeugung überschüssigen
Kapitals genährt. Hauptquelle ist das tendenzielle Wachstum nicht
akkumulierter (reinvestierter) Gewinne, das auf zwei Entwicklungen basiert:
einerseits dem generellen Absinken der Löhne und andererseits der
stagnierenden oder gar rückläufigen Akkumulationsrate trotz
Wiederherstellung der Profitrate. Graphik 2 zeigt, dass Profitrate und
Akkumulationsrate (Nettoinvestition) bis Anfang der 80er Jahre parallel und
anschließend erheblich auseinander liefen. Das grau schraffierte Feld weist
die Zunahme des nicht akkumulierten Anteils am Mehrwert aus.
Diese nie da gewesene Konstellation wirft a priori die Frage auf, wer die
Produkte kaufen wird, wenn der Anteil der Löhne sinkt und die Investitionen
stagnieren. Mit anderen Worten: Welches Reproduktionsschema wäre vereinbar
mit diesem neuen Modell? Darauf gibt es nur eine Antwort: Der Konsum aus
nicht Lohn-bezogenen Einkünften muss den stagnierenden Konsum der
Lohnempfänger kompensieren. Und genau dies passiert, wie Graphik 3 zeigt.
Hierauf werden die Entwicklungen veranschaulicht: In den USA bleibt der
Anteil der Löhne am BIP relativ konstant, aber der Konsum der Haushalte
nimmt viel schneller zu als das BIP; in Europa bleibt das Verhältnis von
Konsum zum BIP ungefähr gleich, obwohl der Anteil der Löhne zurückgeht. In
beiden Fällen nimmt die Schere zwischen dem Anteil der Löhne und dem des
Konsums zu (graues Feld) und kompensiert das Auseinanderklaffen von Profit
und Akkumulation. Diese Kompensation wird durch die Geldwirtschaft auf
dreierlei Wegen ermöglicht. Der erste ist der Konsum der Rentiers: Ein Teil
des nicht akkumulierten Mehrwerts wird an die Bezieher von Kapitaleinkünften
verteilt, die ihn dann ausgeben. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn die
Reproduktion ist nur möglich, wenn der Konsum der Rentiers den der
Lohnabhängigen auffängt, um den Absatz zu gewährleisten. Daraus ergibt sich
zwangsläufig ein Anwachsen der Ungleichheit.
Der zweite von der Finanzsphäre ausgehende Effekt besteht in einer
Verwischung der Grenzen zwischen Löhnen und Kapitalrenditen: Ein wachsender
Einkommensbestandteil der Lohnabhängigen erfolgt in Form von Entgelten, die
sich eher als Verteilung von Mehrwert denn als tatsächlicher Lohn
darstellen. Als letztes -- und dies trifft vorwiegend auf die USA zu --
ermöglicht die Geldwirtschaft eine galoppierende Verschuldung der Haushalte,
deren Konsum wächst, ohne dass die Löhne steigen, aber die Sparquote sinkt.
Der Finanzsektor ist also kein Parasit an einem gesunden Körper. Er lebt vom
nicht reinvestierten Profit, erlangt aber mit der Zeit ein Maß an
Unabhängigkeit, das den Mechanismus weiter anheizt. Das überschüssige
Kapital zirkuliert auf der Suche nach höchstmöglicher Rendite (die berühmten
15 %) und erzielt sie auch -- wenigstens vorübergehend -- in bestimmten
Sektoren. Die Banken streichen einen wachsenden Anteil der Gewinne ein.
Diese Konkurrenz um die Höchstrendite hebt die Rentabilitätsnorm weiter an
und schmälert dadurch die als rentabel erachteten Investitionsmöglichkeiten,
wodurch wiederum neues Kapital freigesetzt wird, das sich seinerseits auf
die Suche nach Höchstrenditen in der Finanzsphäre begibt. Dieser
Teufelskreis beruht letztlich auf einer Verschlechterung der
Einkommensverteilung der ArbeiterInnen und ihrer sozialen Absicherung.
DAS ÜBERSPRINGEN AUF DIE REALWIRTSCHAFT
1987 hatte der Börsencrash die meisten Wirtschaftswissenschaftler zu der
Prognose einer drastischen Weltwirtschaftskrise verleitet. Das Gegenteil ist
eingetroffen: Ab 1988 erlebten die Metropolen einen dynamischen Aufschwung.
Die Börsenkrise hatte somit die Realwirtschaft nicht erreicht, sondern im
Gegenteil für eine Bereinigung und Anpassung gesorgt. Normalerweise besteht
die klassische Funktion einer Krise darin, die Geschäftsfelder zu prüfen und
die lahmen Enten auszusortieren. Einige Jahre später erlitt Japan, das
damals als Anwärter auf die Beherrschung der Weltmärkte gehandelt wurde,
eine Krise auf dem Immobilien- und Hypothekensektor. Die Folge war eine zehn
Jahre lange Wirtschaftsstagnation, von der sich das Land kaum erholt hat.
Der Finanzsektor ist also mehr oder weniger und je nach Ort und Zeit
unabhängig, und es stellt sich heute die Frage, ob die Finanzkrise auf die
Realwirtschaft überspringen wird. Eine Theorie besagt, dass die gegenwärtige
Konjunkturabschwächung nicht in erster Linie Folge der Finanzkrise, sondern
durch andere Faktoren bedingt sei: Anstieg der Erdöl- und Rohstoffpreise,
falsche haushalts- und finanzpolitische Maßnahmen in Europa, Konkurrenz der
Schwellenländer etc. Die Finanzkrise als solche treffe v. a. die USA und
habe relativ wenig Auswirkung auf die Weltkonjunktur. Die Nachfrage aus den
Schwellenländern ersetze die USA, so lautet die so genannte
Entkopplungstheorie. Die Intervention der Staaten und Zentralbanken
verhindere eine Kettenreaktion wie in der Großen Depression 1929 und strecke
die Verluste der Banken zeitlich. Kurzum: Die Finanz- und die
Wirtschaftssphären seien einigermaßen getrennt voneinander.
Diese Analyse beruht auf unbestreitbaren Tatsachen, zieht aber daraus nicht
die Konsequenzen, die ihrer optimistischen Grundhaltung zuwider laufen. Es
ist richtig, dass die Krise verschiedene Dimensionen vereint, was besonders
auf die steigenden Erdöl- und Rohstoffpreise zutrifft. Aber diese
verschiedenen Aspekte wirken zusammen und lassen sich letztlich auf einen
gemeinsamen Ausgangspunkt zurückführen, nämlich die heutige Beschaffenheit
der Weltwirtschaft. Es dient nicht dem Verständnis der gegenwärtigen Krise,
wenn man meint, sie in getrennte Bereiche unterteilen zu können. Dieses
zeitliche Zusammenfallen verstärkt im Gegenteil das Übergreifen der
Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Es lassen sich im Wesentlichen sechs
Verbindungskanäle aufzeigen, die von Land zu Land unterschiedlich schwer
wiegen können:
- Die Kreditklemme spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der
Finanzkrise, da die unter ihren Verlusten leidenden Banken sich nicht
refinanzieren können. Diese Einschränkungen betreffen aber auch das
Konsumverhalten und die Investitionsneigung der Unternehmen. Besonders
ausgeprägt wird dieser Effekt in den USA und Großbritannien sein, wo der
Konsum der Privathaushalte auf Verschuldung beruht.
- Die Börsenbaisse entwertet das Finanz- und Immobilienvermögen der
Haushalte (s. Graphik 1) und bremst ihren Konsum. Dies ist der so genannte
Vermögenseffekt.
- Die allgemeine Verunsicherung -- der "Vertrauensverlust" -- lastet auf
Konsum- und Investitionsklima.
- Die Immobilienkrise trägt als solche zum allgemeinen Abflauen der
Wirtschaftskonjunktur bei.
- Die erheblichen Summen, die für die verschiedenen Rettungspakete
ausgegeben werden, haben einen Rückgang der öffentlichen Ausgaben oder eine
Steuererhöhung zur Folge.
- Die Konjunkturabschwächung erreicht über Handel und Investitionen die
gesamte Weltwirtschaft.
All diese Mechanismen sind gegenwärtig wirksam, zusammen mit anderen
Aspekten der Krise (Erdöl etc.), und führen zu einer Ausweitung über die
Finanzsphäre hinaus. Insofern gibt es keine hermetische Abschottung zwischen
Finanzwirtschaft und Realökonomie, da schließlich der Finanzsektor ein
Kernpunkt des neoliberalen Kapitalismus ist.
WOHIN FÜHRT DIE KRISE?
Es wäre voreilig und überheblich, heute sagen zu wollen, wohin uns die Krise
führt, aber eine Rückkehr zur Normalität ist aufgrund der Tragweite
unwahrscheinlich. Eines steht auf alle Fälle fest, nämlich dass die
Grundlagen des US-amerikanischen Modells durch die Finanzkrise infrage
gestellt werden. Denn dieses beruht auf einem doppelten Defizit: dem
Außenhandelsdefizit und der negativen Sparquote. In beiden Fällen spielt das
Finanzwesen eine ausschlaggebende Rolle für das Zustandekommen dieser
negativen Bilanz: Auf dem Binnenmarkt hat sie die wachsende Verschuldung
besonders im Hypothekenbereich erst ermöglicht, und nach außen läge es
eigentlich an ihr, für eine ausgewogene Zahlungsbilanz zu sorgen. Sobald
aber der Finanzmarkt einbricht, verschwinden die Voraussetzungen für diese
Wachstumsmodell: Die Verschuldung der Haushalte ist fortan blockiert und der
Kapitalzufluss von außen nicht mehr gewährleistet. Dadurch führt uns die
Finanzkrise zu einer dauerhaften Konjunkturschwäche in den USA, die sich auf
den Rest der Welt übertragen wird.
Ein Ausweg aus dieser Situation wird nicht einfach sein. Eine wirkliche
Alternative wäre die Rückkehr zu einer Art "Fordismus" mit einem Anstieg der
Löhne entlang des Produktivitätswachstums, einer weniger ungleichen
Einkommensverteilung und der Wiederherstellung einer ausgewogenen
Außenhandelsbilanz. Ein solches Modell ist theoretisch denkbar, setzt aber
in der Praxis eine drastische Umkehr der gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse voraus, was momentan illusionär scheint. Der absehbare
Wahlsieg von Obama wird kaum dazu führen, dass ein Wirtschaftsprogramm wie
weiland unter Roosevelt erfolgen wird. Dafür fehlen ihm der politische Wille
und auch die Mittel, da das Rettungspaket für die Banken den Haushalt
langfristig belasten wird.
Die weitere Entwicklung der US-Wirtschaft wird weltweite Auswirkungen haben.
Eine wesentliche Stellschraube ist dabei der Dollarkurs, der weiter fallen
dürfte, weil die USA dadurch ihren Export anschieben und ihr Handelsdefizit
abbauen können. Außerdem würde sich die Staatsverschuldung dadurch faktisch
verringern. Zugleich dürfte damit die Rezession auf ganz Europa übergreifen,
da dies eine empfindliche Aufwertung des Euro zur Folge haben wird. Eine
Abwertung des Dollars oder auch der Verbleib auf gegenwärtigem Niveau wirft
auch die Frage auf, ob der Kapitalzufluss in die USA weiterhin bestehen
bleibt. Irgendwann werden die Schwellenländer und die Ölexportnationen
abgeschreckt werden, weil die Renditen nicht ausreichen und die Risiken zu
hoch erscheinen. Andererseits haben sie wenig Interesse an einem schwachen
Dollar, weil dadurch die von ihnen in den USA getätigten Anlagen entwertet
werden.
Auch ein weiterer Faktor muss in Rechnung gestellt werden: Wenn die
US-Wirtschaft dauerhaft schwächelt, geht den Schwellenländer ein wichtiger
Absatzmarkt verloren und sie werden gezwungen sein, die Nachfrage auf dem
Binnenmarkt anzukurbeln. Auch wenn es nicht einfach ist, diese Faktoren, die
sich unterschiedlich schnell entwickeln, zu gewichten, sind zwei Prognosen
dennoch möglich:
- Die Zeit um die Krise zu überwinden wird abhängig sein vom Umfang der
Geldmengen, die für die Rettung des Finanzsektors aufgewendet werden. Am
wahrscheinlichsten ist ein Szenario wie damals in Japan, wonach es mehrere
Jahre dauern wird, um die Summen aufzubringen, die jetzt verschlungen
werden, die weit jenseits der Dimensionen der früheren Finanzkrisen liegen.
Wenn keine alternativen Maßnahmen erzwungen werden, wird sich der
Kapitalismus -- wenigstens in den Metropolen -- auf ein geringeres Wachstum
und soziale Einschnitte einstellen müssen. Die wirtschaftliche Rezession ist
bereits angekommen und die maßgeblichen Sektoren, wie die
Automobilindustrie, stecken schon mitten in der Krise.
- Die Bewältigung der Krise wird einhergehen mit heftigen
Auseinandersetzungen zwischen den Hauptakteuren der Wirtschaft, die die
Auswirkungen möglichst auf die anderen abwälzen wollen. Sozialpolitisch
bedeutet dies, dass das Kapital verschärften Druck auf Löhne und
Sozialausgaben ausüben wird. Auf internationaler Ebene wird sich der
Handels- und Wirtschaftskrieg zwischen den Metropolen weiter zuspitzen und
tendenziell zu einer Aufspaltung der Weltwirtschaft führen, zumal "die USA
ihre Position als Supermacht auf dem Weltfinanzmarkt verlieren werden", wie
es der deutsche Finanzminister ausdrückt.
DIE EUROPÄISCHEN DOGMEN AUF DEM PRÜFSTAND
Die Konkurrenz lebt auch unter der Krise fort. Die Missklänge in den
Erklärungen und Entscheidungen auf Regierungsebene spiegeln dieses Dilemma
zum Teil wider: Einerseits herrscht Einverständnis, dass die Krise nach
globalen Lösungen verlangt, andererseits versucht jeder, seinen Vorteil zu
wahren und möglichst sauber raus zu kommen. Dies trifft natürlich für das
Einzelkapital zu, wie die Diskussion über die Modalitäten des Paulson-Plans
gezeigt hat, nämlich ob alle Finanzinstitute gerettet werden sollen oder nur
die "lahmen Enten". Umso mehr gilt dies für das politische Einvernehmen
weltweit, wo allerorten das Wiederaufleben der Nationalinteressen zu spüren
ist.
Das über den gesamten Weltmarkt verstreute Kapital drängt zurück in den
heimischen Hafen und unter das Schutzschild des Nationalstaats. Trotzdem
lässt sich nicht von einer "Renaissance des Nationalstaates" reden, da
dieser letztlich immer der Garant für die Interessen der Bourgeoisie ist.
Hier zeigen sich auch wieder einmal die Grenzen der Theorie des Empire: Die
Globalisierung hat weder zur Aufhebung der kapitalistischen Konkurrenz und
der Rivalität unter den Kapitalisten noch zur Bildung einer kapitalistischen
Weltregierung geführt. In Europa lassen sich die Abstimmungsprobleme dadurch
erklären, dass die Länder unterschiedlich stark von der Krise betroffen
sind. Darin zeigt sich auch, dass es kein gesamteuropäisches Kapital im
eigentlichen Sinne gibt. Solange es darum ging, Liquidität in das System zu
pumpen, konnte die EZB intervenieren, wenn auch immer nur von Fall zu Fall.
Sobald aber die Ausgaben von den Einzelhaushalten der Staaten getroffen
werden mussten, zeigte sich, dass die EU aufgrund ihrer Verfassung nicht die
Mittel hat, eine solche Krise zu meistern. Es gibt tiefe Diskrepanzen
zwischen Frankreich, das einen Rettungsplan auf europäischer Ebene
favorisiert, und Deutschland oder Irland, die jeder für sich sprechen. Diese
Differenzen werden zweifellos vorübergehend überbrückt werden, wenn sich die
Krise weiter ausdehnt. Dennoch wird es so sein, dass die Krise die
eigentlichen Grundlagen für die Schaffung eines neoliberalen Europa
dauerhaft infrage gestellt haben wird. Außerdem wird sie die strukturelle
Schwäche der europäischen Wirtschaft hervortreten lassen: "Pessimismus macht
sich breit" -- selbst auf mittlere Sicht.
DIE AUSWIRKUNGEN AUF DIE ARBEITERKLASSE
Im Moment ist die allgemeine Reaktion so, als ob die Krise eine Art
Naturkatastrophe wäre, die alle in gleicher Weise betrifft. Der französische
Premierminister Fillon appellierte natürlich auch sofort an die nationale
Einheit. In dieser allgemeinen Panikstimmung soll sich jeder wie ein
Spekulant vorkommen. Die Bankenzusammenbrüche werden so dargestellt, als
bedrohten sie in gleicher Weise die KleinanlegerInnen. Zwar steckt dahinter
kein Komplott, aber es trägt doch dazu bei, die sozialen Weiterungen mit der
Kernfrage: "Wer soll den Schaden bezahlen?" zu verschleiern.
In den Augen der Besitzenden sind zuvorderst die ArbeiterInnen von jetzt an
gefordert -- nicht so sehr als SparerInnen, sondern als Lohnabhängige oder
RentnerInnen. Die Krise hat schon Millionen Haushalte in den USA ruiniert,
aber die schwerwiegendsten Konsequenzen stehen noch aus, v. a. für die
RentnerInnen jener Länder, in denen Pensionsfonds am weitesten verbreitet
sind: USA und Großbritannien. In diesen beiden Ländern stand das
Rentensystem bereits kurz vor dem Bankrott, und die Rentenbezüge werden
durch den Börsencrash massiv sinken. Dies macht deutlich, dass es definitiv
schwachsinnig ist, mit seiner Rente an der Börse zu spekulieren. Eigentlich
sollten die Rettungspakete diesen Aspekt berücksichtigen, was der
Paulson-Plan aber natürlich nicht tut.
Die Lohnabhängigen sind doppelt unter Beschuss: zum einen direkt, weil die
Unternehmer ihre finanziellen Verluste durch noch striktere Lohnstopps
ausgleichen wollen, wobei ihnen die drohende Inflation oder der Erdölpreis
als Argument gereichen und sie die allgemeine Verunsicherung ausnutzen. Zum
anderen gibt es die indirekten Auswirkungen der Finanzkrise auf die
Realwirtschaft, die in erheblichem Umfang Pleiten und Entlassungen nach sich
ziehen werden. Die Vernichtung von Arbeitsplätzen hat in den USA oder
Frankreich bereits begonnen. Außerdem werden die ArbeiterInnen als erste von
den Kürzungen der Sozialausgaben betroffen sein, mit denen die
Rettungspakete gegenfinanziert werden sollen.
ABSCHAFFUNG DER FINANZINDUSTRIE UND SOZIALE SICHERUNG
Die Krise bestätigt in eklatanter Weise die Kritik am Finanzkapitalismus aus
Sicht der AntikapitalistInnen und/oder der GlobalisierungsgegnerInnen. Alle
Wirtschaftsanalytiker, die die Segnungen der Finanzwirtschaft gepriesen
haben, rufen inzwischen laut nach Regulierungsmaßnahmen. In Frankreich kann
Sarkozy gar nicht harte Worte genug finden, um die Exzesse des Kapitalismus
anzuprangern, während er sich zuvor noch den Ausbau der Hypothekenkredite
auf die Fahnen geschrieben hatte. Die ideologische Landschaft ändert sich
rasant und die Konfusion unter den neoliberalen Aposteln muss genutzt
werden.
Trotzdem bedeutet dies nicht automatisch, dass durch die Krise alternative
Lösungen begünstigt würden. Die neoliberalen Konvertiten salbadern nur und
legen immer wieder neue Rettungsvorschläge auf Basis des bestehenden Systems
auf: mehr Transparenz, bessere Bankenaufsicht, Trennung von Geschäfts- und
Investmentbanking, Ausweitung der Bilanzpflicht auf die verbrieften
Schuldtitel, Begrenzung der Managergehälter, Rating, Reform des
Aufsichtswesens etc.
Es geht darum, "den Kapitalismus vor den Kapitalisten zu retten" [2], wie
ein Analytiker meinte. Die o. g. Vorschläge graben der sozialliberalen
Linken das Wasser ab, da es ihrem Programm entnommen zu sein scheint.
Eigentlich ist es das absolute Minimum und lenkt im Grunde von den wahren
Erfordernissen ab. Sicherlich sind einige der Forderungen unterstützenswert,
wie etwa das Verbot von Steuerparadiesen, aber es wäre naiv, ausgerechnet
den Finanzaufsichtsbehörden oder den Regierungen die Umsetzung zu
überlassen. Vielmehr müssen diese Maßnahmen in einen umfassenderen
Forderungskatalog eingebunden werden, der an die Wurzeln des
Finanzkapitalismus reicht und die sozialen Probleme in den Vordergrund
rückt. Denn letztendlich -- um es noch einmal zu sagen -- beruht der
Finanzkapitalismus auf der bewussten Vernachlässigung der sozialen
Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit. Insofern kann man die Finanzblase
nicht ein für alle Mal zum Platzen bringen, ohne den Hahn abzudrehen, aus
dem sie sich speist.
Diese Orientierung mag von Land zu Land variieren. Für Europa wären zwei
Kernpunkte relevant. Zunächst die Verstaatlichung der Banken. Auf den
Einwand hin, dass genau dies doch im Moment geschieht, ließe sich antworten,
dass damit ja bewiesen wäre, dass es möglich ist. Aber was im Moment
passiert, läuft auf eine Sozialisierung der Verluste hinaus und dient nur
der Rettung des privaten Bankenwesens. Eine wirkliche Verstaatlichung oder
besser Vergesellschaftung muss entschädigungslos erfolgen und auf das
gesamte Finanzwesen abzielen, da es als ganzes auch für die Krise
verantwortlich ist, egal ob selbst betroffen oder nicht. Andernfalls liefe
dies nur auf eine staatliche Unterstützung zur Umstrukturierung des
Bankensektors hinaus.
Der zweite Punkt wäre die soziale Sicherung, damit die staatlichen Beihilfen
nicht wieder auf eine steuerliche Bevorzugung der Reichen hinauslaufen.
Vielmehr müssen die Lohnabhängigen vor den Folgen der Krise geschützt
werden, da ihnen dafür in keinem Fall auch nur der Funken von Verantwortung
angelastet werden kann. Gleichzeitig müssen Maßnahmen propagiert werden, die
auf eine andere Verteilung der Einkünfte hinauslaufen und argumentativ dem
Bestreben nach sozialer Gerechtigkeit entsprechen. Es muss verhindert
werden, dass die Unternehmen weiterhin riesige Dividenden an ihre Aktionäre
ausschütten und zugleich Leute entlassen oder Stellen abbauen und die Löhne
blockieren. Zur Verdeutlichung sei als Beispiel Frankreich genannt, wo die
Nettodividenden 12,4 % der gesamten Lohnsumme entsprechen (2007), während
1982 das Verhältnis noch bei 4,4 % lag.
Die Krise bietet somit die Gelegenheit, dieses Missverhältnis wieder zu
beseitigen. Statt die Löhne einzufrieren, müssen jetzt die Dividenden
eingefroren und in einen Ausgleichsfonds gesteckt werden, der unter der
Kontrolle der Beschäftigten steht und der anderweitigen Verwendung dient.
Beispielsweise könnten diese Summen darauf verwandt werden, den Entlassenen
ihr bisheriges Einkommen zu sichern (das Verbot von Dividenden würde also
das Verbot von Entlassungen finanzieren) und die Sozialversicherung, den
Sozialhaushalt und die öffentlichen Ausgaben zu finanzieren. Über die
Aufteilung muss demokratisch entschieden werden. Eine weitere Maßnahme wäre
die Sicherung der Kaufkraft der Lohnabhängigen, indem den Unternehmen, die
sich verweigern, die öffentlichen Beihilfen entsprechend gekürzt werden. Nur
mit solchen Maßnahmen ließe sich erreichen, dass diejenigen bezahlen, die
die Krise zu verantworten haben, und zugleich wäre eine Basis für eine
bessere Verteilung der Reichtümer geschaffen. Die Summen, um die es dabei
geht, liegen bei 90 Milliarden Euro -- entsprechend 5 % des französischen
BIP, was exakt dem Verhältnis der 700 Milliarden Dollar des Paulson-Pakets
zum US-amerikanischen BIP entspricht.
Michel Husson ist Wirtschaftswissenschaftler am Institut de recherches
économiques et sociales (Paris) und beschäftigt sich hauptsächlich mit der
herrschenden Beschäftigungspolitik. Er ist Mitglied der Stiftung Copernic
und des Wissenschaftlichen Beirats von Attac. Seine Bücher sind zum Teil
auch auf Deutsch erschienen. Näheres zu seinen Publikationen unter
http://hussonet.fr
Übersetzung: MiWe
Aus: Inprekorr Nr. 444/445 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum
E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
Weitere Artikel zum Thema:
Cédric Durand: An die Wurzeln gehen! Drei antikapitalistische
Sofortmaßnahmen, Inprekorr Nr. 444/445 (November/Dezember 2008)
Michel Husson: Der tendenzielle Anstieg der Ausbeutungsrate, Inprekorr Nr.
436/437 (März/April 2008)
Isaac Johsua: Immobilienboom in den USA - die Blase ist geplatzt, Inprekorr
Nr. 432/433 (November/Dezember 2007)
[1] Detaillierte Berichte sind zu finden bei Les Échos "La crise financière
mondiale au jour le jour", http:/tinyurl.com/toxico2 oder Jacques Sapir
"Sept jours qui ébranlèrent le monde" http://tinyurl.com/toxico1
[2] Luigi Zingales "Why Paulson is Wrong", September 2008;
http://gesd.free.fr/zingales.pdf
Inprekorr-l mailing list
Inprekorr-l@lists.trilos.net
http://lists.trilos.net/mailman/listinfo/inprekorr-l
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