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Ökonomie:
An die Wurzeln gehen!
Drei antikapitalistische Sofortmaßnahmen
Der Kapitalismus hat seine eigene Art, den 160. Geburtstag des "Manifest der
kommunistischen Partei" von Marx und Engels zu feiern. Selbst wenn er
bereits vor einem Jahr in eine Phase zugespitzter Turbulenzen eingetreten
ist, befindet sich die Krise momentan erst an ihrem Beginn. Finanziell,
wirtschaftlich, sozial, politisch und geopolitisch kann sie heute als eine
globale Krise des neoliberalen Kapitalismus angesehen werden. Sie verlangt
von den antikapitalistischen Kräften, dass sie ein Programm ausarbeiten, das
auf der Höhe einer historischen Situation ist, in der sich die Linien
außerordentlich schnell verschieben können. Damit die Debatte in Gang kommt,
werden in diesem Text eine Reihe von Maßnahmen und Perspektiven um große
Orientierungen herum vorgeschlagen.
Von Cédric Durand
- GEGEN DIE FINANZKRISE VORGEHEN UND DIE MACHT DES FINANZSYSTEMS BRECHEN
Auf kurze Sicht haben die Lohnabhängigen von einem Zusammenbruch des
Finanzsystems nichts gewinnen, denn der würde das Ende des Kredites
bedeuten. Und das Ende des Kredites bedeutet die Unmöglichkeit, die realen
Aktivitäten der Produktion von Gütern und von Dienstleistungen zu
finanzieren, also eine dramatische Beschleunigung der sozialen Krise. Es
gibt daher keinen prinzipiellen Grund, sich der Rettung der Banken zu
widersetzen. Andererseits muss sich die Auseinandersetzung auf die
Bedingungen konzentrieren, unter denen diese Rettung durchgeführt werden
soll. Die ins Straucheln geratenen Banken müssen unter öffentliche Kontrolle
gebracht werden -- ohne Entschädigung ihrer Aktionäre. Man muss auch die
Öffnung der Geschäftsbücher aller Banken fordern, so dass eine wirksame
öffentliche Kontrolle über den Bankbereich möglich ist.
Außerdem öffnet die Gesamtheit der Debatten, die sich um die Neuregulierung
der Banken drehen, eine Bresche, der man sich nicht verschließen darf. Man
darf sich nicht täuschen: Die Liberalisierung der Finanzen im Laufe der
Jahre war eine Massenvernichtungswaffe gegen die sozialen Rechte und den
öffentlichen Dienst. Umgekehrt würde eine Rücknahme der neoliberalen
Maßnahmen eine wichtige Unterstützung für die Lohnabhängigen darstellen.
Unter diesem Gesichtspunkt hat die langjährige Arbeit von Attac unter
anderem gegen die Steueroasen oder für die Besteuerung der
Finanztransaktionen eine größere Bedeutung als je zuvor. Es gibt eine Reihe
von einzelnen Regelungsvorschlägen, die darauf abzielen, die Macht des
Finanzsystems zu brechen und die Krise zu beenden.
Die Diskussionen sind oft etwas technisch, aber eine Maßnahme verdient es
zweifellos, herausgestellt zu werden: die Abschaffung von Artikel 56 des
Vertrages von Lissabon, der jede Einschränkung bezüglich des Kapitalverkehrs
verbietet und dem Kapital eine wesentliche Handhabe bietet, um die
Arbeitenden und die Gesellschaften gegeneinander in Konkurrenz zu bringen.
Diese Maßnahme, die schon von mehr als 37 000 Personen unterstützt wird, die
die Petition "Spekulation und Börsenkräche: Jetzt reicht es!"
(www.stopfinance. org) unterzeichnet haben, hat außerdem den Vorteil, dass
sie europaweite Zusammenarbeit ermöglicht. Die Unabhängigkeit der
Zentralbanken bildet ein weiteres Ziel, das wir ins Visier nehmen sollten:
Nichts rechtfertigt, dass eine dermaßen wichtige Institution wie die für das
Geld der gesellschaftlichen Kontrolle entrissen ist.
2. EINEN SOZIALEN SCHUTZWALL GEGEN DIE KRISE AUFBAUEN
Nicht die Lohnabhängigen sollten die Krise bezahlen. Eine der grundlegenden
Ursachen, die zum derzeitigen Debakel geführt hat, ist die Tatsache, dass
ein zunehmender Teil des Reichtums in die Profite geflossen ist und dass er
im Laufe der 25 letzten Jahre zum größten Teil als Aktiengewinn
ausgeschüttet worden ist. Um die Lohnempfängerinnen gegen die Folgen der
Krise zu schützen, müssen die Antworten also in die Beziehungen zwischen
Kapital und Arbeit eingreifen. Das impliziert zuerst, nicht auf unsere
Sofortforderungen zu verzichten, insbesondere auf die Lohnerhöhungen, auf
das Anrecht auf eine Wohnung oder auch nach einem Nulltarif für die
öffentlichen Verkehrsmittel.
Präziser können zwei Maßnahmen vorgebracht werden. Erstens die Einführung
einer Sonderabgabe auf die Dividenden, die in einen Ausgleichsfonds unter
Kontrolle der LohnempfängerInnen eingezahlt wird. Dieser Fonds, dessen
Verwendung demokratisch erörtert werden müsste, könnte zum Beispiel das
Verbot der Entlassungen finanzieren, indem er die Einkommen der Arbeitslosen
sichern würde.
Zweitens könnte man die Kaufkraft der LohnempfängerInnen garantieren, indem
man die öffentlichen Beihilfen für die Unternehmen zurückzieht, die diese
Sicherung ablehnen würden. Solche Maßnahmen erlauben es, die Krise durch die
bezahlen zu lassen, die dafür verantwortlich sind, wobei zugleich die
Grundlagen für eine Umverteilung der Reichtümer gelegt werden.
Über diese dringenden Maßnahmen hinaus erfordert ein echter sozialer
Schutzwall eine Gegenoffensive insbesondere in den Bereichen der Gesundheit
und der Pensionen. Für die Pensionen ist es offensichtlich: Im Grunde gibt
es kein Finanzierungsproblem; die Verlängerung der Beitragsdauer ist also
nur eine List, die darauf abzielt, das System nach dem Umlageverfahren zu
schwächen. Dies geschieht, indem der Umfang der real ausgezahlten Pensionen
vermindert wird, denn es wird immer schwieriger, eine vollständige
Beitragsdauer zu erreichen. Infolgedessen werden jene, die es sich leisten
können, dazu gebracht, eine kapitalgestützte Rentenversicherung zu erwerben.
Aber die Krise des Finanzsystems enthüllt das beträchtliche Risiko, dem die
LohnempfängerInnen ausgesetzt sind, deren Altersversorgung von den
Pensionsfonds abhängt. In den Vereinigten Staaten werden Millionen Personen
die Opfer dieses Systems. Man muss auch im Gesundheitswesen handeln, indem
alle Maßnahmen wieder rückgängig gemacht werden, die den Zugang zu der
Gesundheitsversorgung immer kostspieliger gemacht haben (Eigenanteil für
Medikamente, Kürzung bei der Erstattung von Medikamenten- und
Behandlungskosten durch die Sozialversicherung, Anhebung des Eigenanteils
für die Behandlung ...). Die Rentensicherung und der freie Zugang zum
Gesundheitssystem sind nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit,
sondern auch ein Mittel, die Krise zu bewältigen: Die Unsicherheit der
Lohnempfänger über ihre Zukunft wird reduziert, damit werden auch die
sofortigen Einbrüche begrenzt, die durch einen Konsumrückgang ausgelöst
werden.
Schließlich muss auch auf dem lokalen Niveau ein sozialer Schutzwall
errichtet werden, durch die Selbstverteidigung der LohnempfängerInnen und
der lokalen Gemeinschaften: Gegen die Entlassungen muss man Unternehmen für
Unternehmen die Öffnung der Geschäftsbücher fordern, um aufzuzeigen, dass es
möglich ist, die Arbeitsplätze zu erhalten. Und warum sollten es die
Lohnabhängigen nicht machen wie die von Lip im Jahre 1974 oder die von der
Continental-Fabrik in Guadalajara in Mexiko 2005 oder die von zahlreichen
Fabriken in Argentinien nach der Krise von 2001, wo die Lohnabhängigen ihre
Betriebe übernommen und weitergeführt haben?
3. ÖKOLOGIE UND SOZIALE FRAGE VERBINDEN: EINE DEMOKRATISCHE
INVESTITIONSKONTROLLE
Über die Maßnahmen zur unmittelbaren Verteidigung der LohnempfängerInnen und
der Gegenoffensive gegen die Macht des Finanzkapitals hinaus schafft die
Krise eine gute Gelegenheit für die Gegner des Kapitalismus, ihr
Gesellschaftsprojekt ausführlicher darzustellen. Alles dreht sich darum, von
einer abstrakten Propaganda über die Übel des Kapitalismus und die
notwendige Sozialisierung der Produktionsmittel hinaus zu konkreten Losungen
zu kommen. Dabei kann man sich in der derzeitigen Lage auf zwei Elemente
stützen.
Erster Punkt: Wozu dienen die Finanzen, wenn nicht -- nach viel Umwegen und
Spekulationen -- dazu, das Kapital neu zu investieren? Heute ist die
Entwicklung der Wirtschaftstätigkeit, die allein nach dem Kriterium des
maximalen Gewinns ausgerichtet ist, in der Krise. Man braucht also einen
anderen Steuermechanismus der Wirtschaftstätigkeit.
Zweiter Punkt: Der Planet und die menschlichen Gesellschaften stehen heute
wegen der Profitorientierung der Wirtschaftsentwicklung, die mit einer
erschreckenden Geschwindigkeit das Ökosystem zerstört und extreme
Ungleichheiten produziert, am Rand des Abgrunds.
All das erfordert eine andere Orientierung der Wirtschaftstätigkeit. Da das
kapitalistische Finanzsystem auf doppelte Weise bei der Lenkung der
Investitionen versagt hat, müssen alle Banken in einen öffentlichen Pool der
Finanzierung der Wirtschaft integriert werden. Aber dieser öffentliche Pool
darf nicht eine einfache Krücke im Dienst des Kapitals sein. Er muss von
einem demokratischen Prozess begleitet werden, so dass die großen Leitlinien
der Wirtschaftstätigkeit demokratisch geplant und beschlossen werden,
entsprechend den sozialen Bedürfnissen und um einen Übergang zu einer
Entwicklung einzuleiten, bei der die Biosphäre respektiert wird.
Wir propagieren so genannte "Generalstände" -- Vertretungsorgane der
betroffenen Bevölkerungsschichten also -- als Entscheidungsträger über die
Investitionen mit dem Ziel, Ökologie und soziale Gleichheit zu fördern.
Damit wird eine Verbindung zwischen der Finanzkrise und dem Ökosozialismus
hergestellt. Das ist eine lebendige Art, dem "Manifest der kommunistischen
Partei" die besten Geburtstagswünsche auszurichten!
Aus: Rouge, Nr. 2269
[http://inprekorr.de/http://orta.dynalias.org/archivesrouge/article-rouge?id
=8676], 9. Oktober 2008
Aus dem Französischen übersetzt von Klaus Meier und Friedrich Dorn.
Aus: Inprekorr Nr. 444/445 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum
E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de
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Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
Weitere Artikel zum Thema:
Michel Husson: Der Kapitalismus in der Krise, Inprekorr Nr. 444/445
(November/Dezember 2008)
Michel Husson: Der tendenzielle Anstieg der Ausbeutungsrate, Inprekorr Nr.
436/437 (März/April 2008)
Isaac Johsua: Immobilienboom in den USA - die Blase ist geplatzt, Inprekorr
Nr. 432/433 (November/Dezember 2007)
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