- Myanmar
- Hintergründe zur Krise in Birma und die Notwendigkeit der Solidarität
Von Danielle Sabaï
Demonstrationen haben in Birma Seltenheitswert. Die unter der Kontrolle
einer ausgesprochen repressiven Militärjunta stehende Bevölkerung hat die
gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen für Demokratie 1988 noch
nicht vergessen. Damals kamen mindestens 3000 DemonstrantInnen ums Leben,
Tausende wurden verhaftet. Und doch hat die in Armut und Not lebende,
demokratischer Rechte beraubte, der Willkür ausgelieferte Bevölkerung trotz
strikter Überwachung durch paramilitärische Milizen die Junta erneut
herausgefordert. Die Demonstrationen ließen sich nicht aufhalten und waren
die größte Mobilisierung der letzten 20 Jahre. Mitte August gingen die
Menschen in Rangun erstmals auf die Straße, als die Benzinpreise um zwei
Drittel erhöht, der Dieselpreis verdoppelt und der Preis von Erdgas
verfünffacht wurde. Die Bevölkerung war über diese unerwartete, extreme
Preiserhöhung schockiert. Viele mussten plötzlich mehr als die Hälfte ihres
Einkommens für den öffentlichen Transport ausgeben, der sich aufgrund der
steigenden Brennstoffpreise verteuerte, oder, wenn möglich, zu Fuß gehen.
Die Militärjunta hatte diese Proteste vorausgeahnt und ihre Milizen in
Alarmbereitschaft versetzt, um die DemonstrantInnen einzuschüchtern. Dennoch
kam es täglich in zahlreichen Städten zu friedlichen Demonstrationen, die
meist von StudentInnen initiiert wurden. Lange hielten sich Armee und
Aufstandsbekämpfungseinheiten der Polizei im Hintergrund. Die ersten
Demonstrationen wurden durch Handlanger der Union Solidarity and Development
Association (USDA) und die paramilitärische Gruppe "Swan Arr Shin" (die
"Allmächtigen") unterdrückt, die von der Regierung unterstützt werden.
Berichten zufolge ließ das Regime auch Kriminelle auf die DemonstrantInnen
los, die extra aus den Gefängnissen geholt wurden. [1]
Schon in den ersten Wochen wurden Hunderte friedliche DemonstrantInnen, die
gegen ihre schwierige wirtschaftliche Lage protestierten, von der Polizei
festgenommen und zu schweren Gefängnisstrafen verurteilt. [2]
JournalistInnen wurde verboten, über die Ereignisse zu berichten, und die
Mitglieder der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der die seit Verleihung
des Friedensnobelpreises 1991 weltweit bekannte Aung San Suu Kyi angehört,
wurden streng überwacht, verfolgt und verhaftet. [3] Ab Ende August wurden
bedeutende PolitaktivistInnen, viele von ihnen NLD-Mitglieder, verhaftet,
darunter Min Ko Naing und Ko Ko Gyi. [4] Andere konnten flüchten, wie die in
Fragen des Arbeitsrechts engagierte Su Su Nway [5] oder Phyu Phyu Thin, die
ein HIV-Programm leitet.
MÖNCHE VEREINT MIT DEM VOLK
Anfang September nahmen die Demonstrationen einen neuen Verlauf, als sich
ihr buddhistische Mönche in Pakokku im Verwaltungsbezirk Magwe anschlossen.
Rund 500 Mönche, die Schilder mit der Aufschrift "Mönche vereint mit dem
Volk" trugen, nahmen an einer Demonstration für die Rücknahme der
Preiserhöhungen und die Freilassung der Verhafteten teil. Die Kundgebung
wurde brutal niedergeschlagen, ein Mönch kam ums Leben. Das schürte die Wut
der Mönche, die mehrere Behördenvertreter festhielten, als diese kamen, um
sich für die Repression zu entschuldigen. [6] Damit nahm die Bewegung eine
Wende hin zu politischen Forderungen.
Nach diesen Zusammenstößen kam es in allen größeren Städten zu
Massenkundgebungen, wobei die Mönche zuerst allein demonstrierten, um die
Bevölkerung zu schützen, und später mit deren Unterstützung. Die
mehrheitlich sehr jungen Mönche organisierten sich in einem "Bündnis
birmesischer Mönche" und stellten drei Hauptforderungen: die Entschuldigung
der Regierung für die in Pakokku begangenen gewaltsamen Übergriffe,
Wirtschaftsreformen und die Freilassung der politischen Gefangenen, u. a.
Aung San Suu Kyi.
Die AktivistInnen für Demokratie und die Bevölkerung setzten stark auf das
Engagement und die Unterstützung der buddhistischen Mönche, die sehr
geachtet sind und wiederholt eine sehr fortschrittliche Rolle im Land
gespielt haben. Sie hatten schon früh gegen die englische Kolonialmacht
aufbegehrt und während des Studentenaufstands 1988 eine bedeutende Rolle
gespielt. Das Vorgehen gegen die Mönche in Pakokku war daher für die
Militärjunta sehr riskant und ist vielleicht dem Übereifer eines lokalen
Handlangers zu verdanken.
Das seit 45 Jahren herrschende Militärregime genießt in der Bevölkerung
keinerlei moralische oder politische Legitimität und hat versucht, sich
diese durch Förderung und Schutz der buddhistischen Tradition zu
verschaffen. [7] 1979 wurden ein Oberster Mönchsrat (Sangha Maha Nayaka)
sowie Räte auf allen Ebenen (Städte, Gemeinde, Verwaltungsbezirke)
eingeführt, um die Mönche und Klöster zu überwachen. Alle traditionellen
Zeremonien, Kloster- und Tempelbauten mussten vom örtlichen Vertreter der
Sangha Maha Nayaka bewilligt werden. Mönche, die dem Rat nicht beitreten
wollen, werden streng überwacht. Gleichzeitig überhäuften die Militärs
Mönche und Klöster, die ihre Autorität akzeptieren, mit Opfergaben. In einem
zutiefst durch den buddhistischen Glauben geprägten Land müssen die
Militärmachthaber sich auch um "Verdienste" bemühen, um "die Folgen ihrer
Brutalität in ihrem zukünftigen Leben abzuschütteln". [8] Das erklärt die
Wirkung des von Mönchen organisierten Boykotts von Opfergaben der Militärs
und ihrer Familien auf die Junta, die es wagt, sich als Staatlicher
Friedens- und Entwicklungsrat (SPDC) [9] zu bezeichnen und die Mönche
eindringlich warnte und beschwor, sich nicht in politische Ereignisse
einzumischen.
MILITARISIERUNG DER GESELLSCHAFT
Die Kontrolle des Militärregimes beschränkt sich nicht auf die
Religionsgemeinschaften. Seit dem Staatsstreich von General Ne Win 1962
beherrscht die birmesische Armee (Tatmadaw) nahezu alle Bereiche des
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Außerhalb der
Armee gibt es keinerlei Mobilität oder Aufstiegsmöglichkeit. Von der lokalen
zur nationalen Ebene steht die gesamte Reichtums- und Landverteilung unter
Kontrolle der Armee.
Auf wirtschaftlicher Ebene kontrolliert die Armee zwei der mächtigsten
Unternehmen Birmas, die Union of Myanmar Economic Holdings (UMEH) und die
Myanmar Economic Cooperation (MEC). Erklärtes Ziel der UMEH ist es, "den
Bedarf der Armeeangehörigen und ihrer Familien zu decken" und "die zentrale
logistische Stütze der Armee zu werden". Das Ziel der MEC ist der "Transfer
der zur Verteidigung des öffentlichen Sektors vorgesehenen Mittel auf den
Privatsektor". Sie ist befugt, Geschäfte in nahezu allen Bereichen zu
tätigen, die für sie interessant sind. Alle Auslandsinvestitionen in Birma
müssen von der Myanmar Investment Commission (MIC) bewilligt werden, die
direkt unter Kontrolle der Junta steht, womit diese die Gewinne aus
Investitionen in Unternehmen leiten kann, die von der Armee kontrolliert
werden. [10] Total und andere Konzerne, die in Birma investieren oder
investiert haben, können noch so sehr beteuern, keine Politik zu machen.
Kein einziger Cent dieses von ihnen erwirtschafteten Geldes kommt der
Bevölkerung zugute. Vielmehr bereichern sich die Militärs und sichern damit
ihre Herrschaft.
Um ihre Macht über die Bevölkerung zu festigen, gründete das Militärregime
im September 1993 die bereits erwähnte USDA, die als Organisation der
Zivilgesellschaft dargestellt wurde, aber direkt mit Than Shwe, dem
Oberbefehlshaber der Armee, in Verbindung steht, dem mächtigsten Mann im
Land und seit 1992 Chef der Junta. Die USDA rühmt sich, unterdessen 22,8
Millionen Mitglieder zu zählen, also rund die Hälfte der Bevölkerung.
Tatsächlich wird StudentInnen und der Bevölkerung vermittelt, ein Beitritt
sei verpflichtend; zudem wurden viele ohne ihr Wissen aufgenommen.
Andererseits setzt man sich Schikanen aus und verwirkt Bildungs- und
Berufschancen, wenn man die Mitgliedschaft verweigert. In der Vereinigung
selbst werden Studenten dazu aufgefordert, ihre StudienkollegInnen zu
überwachen. Die Mitgliedschaft in der USDA ermöglicht den Zugang zu
Englisch- und Informatikkursen sowie außerschulischen Aktivitäten und Sport.
1996 benutzte das Regime die USDA, um gegen Mitglieder der NLD vorzugehen.
Seither beteiligen sich USDA-Mitglieder oft an vorderster Front an der
Repression. Auf ihr Konto geht auch der Angriff und versuchte Anschlag auf
Aung San Suu Kyi im Jahr 2003. [11]
FINANZINTERESSEN GEGEN MENSCHENRECHTE
Im Gegensatz zu den Ereignissen 1988 wird diesmal in den internationalen
Medien viel über Birma berichtet. Damit wurden die Lebensumstände der
Bevölkerung und der repressive Charakter des Regimes weithin bekannt.
Welchen Mut die DemonstrantInnen aufbringen, die mit ihrem Widerstand
Prügel, Folter, Gefängnis und Tod riskieren, muss nicht mehr bewiesen
werden. So wären eine scharfe Verurteilung durch die "internationale
Gemeinschaft" und eine kräftige Unterstützung der demokratischen Kräfte
sowie realer Druck zu erwarten gewesen.
Die Reaktionen blieben jedoch weit hinter den Erwartungen zurück, denn
Menschenrechte und Demokratie fallen gegenüber den Finanzinteressen kaum ins
Gewicht. Außer den Vereinigten Staaten hat kein einziger Staat und keine
einzige Organisation zwingende Maßnahmen angekündigt, um die Junta zum
Einlenken zu bewegen.
Am 6. September verurteilte das Europaparlament die
Menschenrechtsverletzungen und beschuldigte das Regime, eine Bedrohung für
Südostasien darzustellen. Gleichzeitig erklärte EU-Kommissarin Vivian
Reding: "Myanmar zu isolieren ist kein Weg, um Veränderungen herbeizuführen
(...). Wir glauben nicht, dass verschärfte Maßnahmen die Regierung zu
Schritten in die von uns gewünschte Richtung bewegen und das Leid der
Bevölkerung Birmas erleichtern würden." [12]
Obwohl die EU zu Birma geschlossen das Anliegen vertritt, "eine legitime
Zivilregierung zu etablieren, die die Menschenrechte einhält" [13], haben
sich die Mitglieder der Union auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt.
Einzelne Länder wie Großbritannien, die Republik Tschechien, die
Niederlande, Irland und Dänemark würden zwar eine schärfere Gangart
befürworten, Frankreich, Deutschland, Österreich, Spanien und Polen sind zur
Zeit aber dagegen. Ihre Haltung erklärt sich vor allem aus
Wirtschaftsinteressen, die sie in diesem Land verfolgen. Trotz regelmäßiger
Aufrufe zur Freilassung von Aung San Suu Kyi hat sich Frankreich immer für
die Verteidigung der französischen Finanzinteressen in Birma eingesetzt.
Ohne Zögern wurde der Total-Konzern, einer der größten Investoren in Birma,
dem der Rückgriff auf Zwangsarbeit vorgeworfen wird, unterstützt. [14] Total
bestimmt maßgeblich die Erdgasgewinnung in Yadana, die der birmesischen
Regierung zwischen 200 und 450 Millionen US-Dollar jährlich einbringt, also
rund 7 % des geschätzten Staatshaushalts. [15]
Die gegenwärtigen Maßnahmen der EU-Kommission schließen ein Embargo über den
Verkauf von Waffen und Kriegsmaterial sowie ein Verbot jeglicher
nichthumanitärer Hilfe und der Investition in gewisse staatliche Unternehmen
ein. Strategische Sektoren, die der Junta Geld bringen und ihr helfen, sich
an der Macht zu halten, wie Bauholz, Edelsteine, Erze, Erdgas und Erdöl,
sind von den Maßnahmen aber nicht betroffen. [16] Der finanzielle Druck der
EU ist damit wirkungslos und scheinheilig. Wirksame Sanktionen sind nur im
Rahmen eines völligen Investitionsverbots denkbar oder zumindest eines
Verbots, das sich auf Bereiche bezieht, die für das Überleben der Junta
entscheidend sind.
In politischer Hinsicht zeigt sich die EU nicht viel entschlossener. In den
letzten Jahren hat die EU-Kommission ihre Subventionen für Projekte zum
Ausbau von Menschenrechten und Demokratie abgebaut. Die Vereinigung
Info-Birmanie betont, die EU habe Anfang 2007 im Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen Resolutionsentwürfe zu Birma nur halbherzig
unterstützt. [17]
RÜCKHALT IN DER REGION
Aus Asien haben die demokratischen Kräfte Birmas genauso wenig Unterstützung
zu erwarten. Die Nachbarländer, allen voran China und Indien, sind
Großabnehmer für Rohstoffe, die Birma im Überfluss besitzt, und haben
beschlossen, ihre Augen vor den systematischen Menschen- und
Kinderrechtsverletzungen zu verschließen. In Indien und China werden
ArbeiterInnen (Erwachsene wie Kinder) schließlich auch hart ausgebeutet. Die
geografische Lage Birmas ist für Indien, das eine Politik der Ostöffnung
verfolgt, und für China, das hofft, die Meerenge von Malakka umgehen und
sich über den Indischen Ozean Zugang zur Erdölversorgung aus dem Nahen Osten
verschaffen zu können, ausgesprochen interessant.
- China und Birma pflegen seit jeher gutnachbarschaftliche Beziehungen.
Birma war das erste Land außerhalb des kommunistischen Ostblocks, das die
Volksrepublik China 1949 anerkannte und mit seinem Nachbarn 1961 einen
Freundschafts- und Nichtangriffspakt unterzeichnete. Nach der
Niederschlagung der Proteste auf dem Tian-Anmen-Platz 1989 war die
birmesische Führung ebenfalls die erste, die die Regierung in Peking ihrer
Sympathie versicherte. Umgekehrt war die chinesische Führung die erste, die
der Junta in Birma Waffen, Flugzeuge, Fregatten und anderes Kriegsmaterial
verkaufte. [18] China hat auch stark in die Infrastruktur des Landes (Häfen
im Indischen Ozean, Straßen etc.) investiert. Es importiert im großen Stil
Holz und Erze aus Birma. Seit Anfang 2007 hat China seine Unterstützung für
Birma deutlich intensiviert, um seine Wirtschafts- und Finanzverbindungen zu
stärken, die der Entwicklung der an Birma grenzenden Provinz Yunnan dienen
sollen. Politisch erachtet China Birma als Trojanisches Pferd des Verbands
Südostasiatischer Nationen (ASEAN), da es zu stark unter dem Einfluss der
Vereinigten Staaten stehe.
China hat sich kürzlich vorsichtig dem internationalen Druck gegen die
Repression angeschlossen, hält aber an seiner Politik der "Nichteinmischung
in innere Angelegenheiten" Birmas fest. China war sehr daran gelegen, dass
Birma "einen dem Land gemäßen demokratischen Prozess" einleitet und "so
rasch wie möglich die innere Stabilität wiederherstellt". Das Wohlergehen
der birmesischen Bevölkerung hat darin wenig Platz. Peking ist sehr
beunruhigt über die momentane Instabilität, die die erheblichen chinesischen
Investitionen in Birma gefährden und die Grenzregion zwischen beiden Ländern
destabilisieren könnte, was eine starke Bevölkerungsverschiebung nach sich
ziehen könnte. In jüngster Vergangenheit haben sich über eine Million
Chinesen in Birma niedergelassen. [19]
b) Indien verhielt sich ebenfalls abwartend und gab erst am 26. September,
als die Junta Truppen gegen die Demonstrierenden einsetzte und mehrere
Zivilpersonen tötete, seiner "Sorge" über die Niederschlagung der
Mobilisierung Ausdruck. Nach den engen Beziehungen der birmesischen
Militärführung und Indien befragt, gab der indische Wirtschaftsminister den
Botschaftern der Vereinigten Staaten und Großbritanniens anlässlich eines
Besuchs in Thailand zu verstehen, "das Kardinalprinzip der indischen
Außenpolitik sei stets die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten (...).
Es ist Sache der Bevölkerung Birmas, seine Regierung zu wählen". [20] Die
Birmesen, deren Forderungen nach Demokratie und einem Regierungswechsel mit
blutiger Repression beantwortet werden, wissen das sicherlich zu schätzen.
Fern ist die Zeit der gegenseitigen Unterstützung von Jawaharlal Nehru und
Aung San, Held der nationalen Unabhängigkeit Birmas. Vor dem Hintergrund
erhöhter Spannungen und der Gefahr unbarmherziger Repression zögerte Indien
nicht, am 23. September seinen Erdölminister Murli Deora nach Birma zu
entsenden. [21] Indien wollte überprüfen, ob einerseits die in Birma
entdeckten Kohlenwasserstoffvorkommen ausgebeutet und andererseits die
Entscheidung Birmas gekippt werden könne, das Erdgas, das zwei indische
Konzerne gemeinsam mit birmesischen Unternehmen die Off-shore-Fundstätten im
Indischen Ozean entdeckt hatten, nicht an China, sondern an Indien zu
verkaufen.
Indien ist entschlossen, seine Beziehungen zu Birma um jeden Preis
auszubauen, um China das Terrain streitig zu machen. New Delhi plant eine
Reihe von Projekten, vom Bau einer Pipeline zwischen der birmesischen Küste
und Indien bis zum Bau eines Hafens in der Bucht von Bengalen, der den
Nordstaaten (die nur zu 2 % an den Subkontinent angebunden sind) einen
Zugang zu den Handelsstraßen zu sichern und die indische Politik gegenüber
den ASEAN-Ländern ("Look East Policy") voranzutreiben. [22] Dass Birma von
der internationalen Gemeinschaft als Paria-Staat erachtet wird, hat Indien
nicht daran gehindert, militärische Kooperationsabkommen mit der Junta
anzustreben. Indien soll Birma laut Human Rights Watch im Austausch gegen
die Bekämpfung indischer Rebellen, die Birma als Rückzugsbasis für ihre
Unabhängigkeitsbestrebungen benutzen, leichte Kampfhubschrauber und
Spitzentechnologie für Kampf- und Marineüberwachungsflugzeuge angeboten
haben.
c) Japan ist seit den 50er-Jahren die wichtigste Quelle für
"Entwicklungshilfe" an Birma. Seit dem 17. Februar 1989 hat Tokio den
militärischen State Law and Order Restauration Council (SLORC)
anerkannt [23] und die während des Staatsstreichs aus Gründen der
politischen Instabilität ausgesetzte Hilfe [24] wieder aufgenommen. In der
gegenwärtigen Krise rief Japan die Junta zwar zur "Zurückhaltung" auf, gab
aber zu verstehen, dass es sich trotz der Bilder der Erschießung eines
japanischen Journalisten durch birmesische Soldaten aus nächster Nähe an
einer Demonstration möglichen Handelssanktionen gegen Birma nicht
anschließen werde. Japan beschreibt seine Investitionen in den Handel als
"öffentliche Entwicklungshilfe" (PAD), die es nicht überdenken will. Diese
Hilfsgelder sind Japans Mittel, Einfluss in der Region zu nehmen und
gleichzeitig das verfassungsmäßige Verbot einzuhalten, Militärkräfte ins
Ausland zu entsenden. [25]
d) Thailand ist der drittwichtigste Investor in Birma und Hauptabnehmer für
Erdgas aus Birma, aus dem das Militärregime allein im Jahr 2005/2006 eine
Milliarde Dollar generierte und im Jahr darauf, vor allem aufgrund von
Preissteigerungen, sogar das Doppelte. Thailand schreckt nicht davor zurück,
unter Beihilfe der regierenden Junta die birmesischen Ressourcen
auszubeuten. Der staatliche thailändische Elektrizitätskonzern EGAT
(Electricity Generating Authority of Thailand) unterzeichnete eine
Absichtserklärung mit der Junta, die den Weg zum Bau mehrerer Staudämme am
Salween-Fluss an der Grenze zwischen Thailand und Birma ebnet, um die
thailändische Industrie mit Strom und Wasser zu versorgen. Falls diese Pläne
realisiert werden, wird sich daran nicht nur die Junta bereichern können,
sondern sie bedeuten auch eine ökologische und menschliche Katastrophe. Der
erste Staudamm, Hatgyi Dam, ist in einem Gebiet des Teilstaates Karen
vorgesehen, in dem das birmesische Militär gewaltsam DorfbewohnerInnen
vertrieben und ihre Häuser zerstört hat.
Im Jahr 2006 bombardierte die Armee Dörfer der Karen, um sie aus der Region
zu vertreiben. Verschont wurden nur Erwachsene und Kinder, die gezwungen
werden, auf den Staudammbaustellen zu arbeiten. Viele Frauen und Mädchen
wurden von Soldaten vergewaltigt. Ein Großteil des von Karen-Rebellen
kontrollierten Gebietes wird durch den Staudamm überflutet werden, wogegen
das birmesische Militär natürlich nichts einzuwenden hat. Ein weiterer
Staudamm ist in Shan geplant und soll der größte Asiens werden. Er ist in
einem Gebiet vorgesehen, wo zivile Shans seit 1996 ebenfalls zu
Hunderttausenden gewaltsam vertrieben wurden. Während in Thailand das
Abholzen von Teak-Bäumen verboten ist, wird dieses Edelholz in großem Stil
aus Birma importiert. Teak ist die zweitwichtigste offizielle Einnahmequelle
des Regimes, mit der 2004/2005 427 Millionen Dollar erwirtschaftet wurden.
Durch die legale wie illegale Abholzung von Teak werden die Urwälder so
schnell zerstört, dass diese Ökosysteme bis 2020 vollständig verschwunden
sein könnten. [26]
e) Südkorea veranschaulicht ebenfalls bestens die Heuchelei und
Doppelzüngigkeit zahlreicher Staaten gegenüber Birma. Korea, dessen
Bevölkerung in Menschenrechtsfragen sehr sensibel reagiert, hat den Verkauf
von Waffen an Birma verboten. Trotz des Sanktionsrisikos schreckte das
Unternehmen Daewoo International nicht davor zurück, Kriegsmaterial und
Technologie auszuführen und eine Waffenfabrik auf birmesischem Boden zu
errichten. Ihr damaliger Vorsitzender Lee Tae-Young muss sich dafür soeben
vor Gericht verantworten. Andererseits hat Daewoo International, das 60 %
der drei Erdgasfelder in Birma besitzt, gerade ein neues Vorkommen mit
219,2 Milliarden Kubikmetern an förderbarem Erdgas entdeckt, das größte von
einem koreanischen Unternehmen je entdeckte Vorkommen mit einem Volumen, das
den gesamten Bedarf Südkoreas für sieben Jahre decken würde. Die koreanische
Regierung gab schnell zu verstehen, dass sie wünsche, das Erdgas solle ins
Land gelangen. [27]
Um das Bild abzurunden, sei noch erwähnt, dass viele Staaten zwar keinen
direkten Handel mit Birma betreiben, aber nicht zögern, Waffen und alles
mögliche andere Material, das die Junta für militärische Zwecke einsetzt, an
die Schweiz, Singapur und Pakistan zu verkaufen, die sie an das birmesische
Militärregime weiterverkaufen. [28]
"POLITIK DES KONSTRUKTIVEN ENGAGEMENTS"
Die Diktatur in Birma verdankt ihr Überleben im Wesentlichen den von Ländern
wie Indien, China und Frankreich großzügig im Land getätigten
Finanzinvestitionen. Versuche, auf politischer Ebene Druck auszuüben, sind
verpufft. Die ASEAN-Politik [29] gegenüber Birma ist dafür ein glänzendes
Beispiel. Birma wurde 1997 Mitglied den ASEAN-Verbund aufgenommen. Dessen
Mitgliedsländer, insbesondere Malaysia, Indonesien und Singapur,
verteidigten ihre Position gegenüber der internationalen Kritik mit dem
Argument, ein Staat, der Menschenrechte verletze, dürfe nicht isoliert
bleiben, um seine Misshandlungen fortzusetzen. Der damalige malaysische
Regierungschef Mahatir Mohammed meinte: "Wenn Birma ausgeschlossen bleibt,
ist es frei, sich wie ein Verbrecher oder Paria aufzuführen, während es als
Mitglied gewissen Normen unterliegt." [30] Im Sprachgebrauch der ASEAN hieß
das "Politik des konstruktiven Engagements". Sie sollte die Junta auf den
Weg demokratischer Reformen bringen. In den zehn Jahren der Mitgliedschaft
Birmas im ASEAN ließ die Junta allerdings keinerlei Bereitschaft zu
demokratischen Reformen erkennen. Ihr repressives Vorgehen gegenüber der
politischen Opposition und ethnischen Minderheiten verschärfte sich seit
2000 sogar, als hätte ihr der Beitritt moralisch den Rücken gestärkt. Der
kontinuierliche Strom an Flüchtlingen aus Birma insbesondere nach Indien und
Thailand, der Drogenhandel, die Ausbreitung von Aids und neuerdings der
Mangel an Kontrolle gegenüber der Vogelgrippe bedrohen die Sicherheit der
gesamten Region. Dennoch bauen manche ASEAN-Länder ihre Handelsbeziehungen
mit der birmesischen Regierung weiter aus, als wäre nichts geschehen, und
sind nicht bereit, sie aufs Spiel zu setzen.
EINE HÄUFUNG TRAURIGER REKORDE
Das machthabende Militärregime in Birma hat nie andere Ziele verfolgt als
persönliche Bereicherung und Machterhalt. Seit dem Sturz der demokratisch
gewählten Regierung von U Nu im März 1962 wurde kein einziger Versuch einer
der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und der Verbesserung des
Lebensstandards der Bevölkerung förderlichen Politik unternommen. [31] Die
verschiedenen Militärjuntas sind vielmehr an verschiedensten
Drogengeschäften und der Plünderung der Rohstoffe des Landes beteiligt.
Jahrzehnte der Reform unter dem Vorzeichen des "birmesischen Wegs zum
Sozialismus" [32] führten gleichsam zum wirtschaftlichen Ruin und zum
Zusammenbruch der Institutionen im Bildungs- und Gesundheitsbereich usw. Die
Wirtschaft ist so rückständig, dass Birma den Vereinten Nationen zufolge zu
den ärmsten und am stärksten unterentwickelten Ländern der Welt zählt.
Die einzigen noch bestehenden Institutionen sind die Armee und der Klerus.
Birma sticht in verschiedener Hinsicht besonders negativ hervor:
- Es hält den absoluten Rekord an Zwangsrekrutierung von Kindern für die
Armee. Gemäß der Vereinigung Coalition to Stop The Use of Child Soldiers
soll es bei einer Armee von geschätzten 380 000 bis 400 000 Soldaten bis zu
20 % Kindersoldaten zählen.
- Zehntausende Zivilpersonen werden für die Umsetzung von Projekten wie
Strassen-, Brücken- und Flughafenbauten zwangsrekrutiert. Die Arbeit ist
unbezahlt und Pflicht. Wer sich weigert, muss eine Strafe bezahlen oder
jemand anderen (Mann, Frau oder Kind) schicken, der oder die die Arbeit an
seiner Stelle verrichtet. Von dieser Form "moderner Sklaverei", um einen
Ausdruck der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aufzugreifen,
profitierten Konzerne wie Total oder Unocal (unterdessen von Chevron
aufgekauft) am Standort Yadana, auch wenn Bernard Kouchner, der 2003 für
sein Beratungsbüro 25 000 Euro kassierte, um Total von jedem Vorwurf
freizusprechen, diese bestreitet. [33]
- Die birmesische Armee ist federführend in der Verletzung von
Menschenrechten. Im Kampf gegen die aufständischen Minderheiten (insb. Karen
und Shan) greift sie zu standrechtlichen Erschießungen, Vergewaltigung von
Frauen und Kindern, Folter, Zwangsumsiedlung und Plünderungen. Sie steckt
Dörfer in Brand, brennt Vieh und Nahrungsmittelvorräte der Dorfbevölkerung
nieder und tötet GesundheitsarbeiterInnen, die diesen zu Hilfe kommen. [34]
- 2006 erreichte Birma laut "Reportern ohne Grenzen" in der Wertung der
Nationen bezüglich Pressefreiheit den 164. von 169 Rängen.
Birma ist dank Komplizenschaft der Polizei und der Armee offenbar zum
zweitgrößten Opiumhersteller und ersten Hersteller von Amphetaminen weltweit
aufgestiegen. Die Drogen werden über Indien, China, Thailand und Bangladesh
ins Ausland gebracht, mit oft verheerenden Folgen. Aufgrund des verbreiteten
Drogenkonsums durch Spritzen findet sich in der Grenzregion zwischen China
und Birma eine der höchsten Infektionsquoten mit HIV in Asien. Auf indischer
Seite hat das Fehlen eine entsprechende Reaktion seitens Indiens und
Birmas [35] sowie der fehlenden Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern
zu einer katastrophalen humanitären Lage geführt. Rund 730 Dörfer des
Teilstaates Mizoram sollen bereits von Drogen betroffen sein. 60 % der
Angehörigen des Singpho-Stamms im indischen Bundesstaat Arunachal Pradeh
sollen drogenabhängig sein und in Manipur nicht weniger als 50 000
Menschen. [36] Entlang der Grenze zwischen Birma und Thailand ist die Lage
nicht viel besser. Die United Wa State Army (UWSA) konnte der Junta 1989 im
Gegenzug zu einem Waffenstillstand abringen, dass diese die Augen vor dem
von ihr betriebenen Drogenhandel verschließt. Die ursprünglich entlang der
chinesischen Grenze im Bundesstaat Shan angesiedelten Wa wurden ermächtig,
sich in den Staaten entlang der Grenze zu Thailand anzusiedeln, wo sie ihren
"Handel" ausdehnen konnten. 2001 vollzog Thaksin Shinawatra, der neue
thailändische Regierungschef, eine politische Wende in der bewegten
historischen Beziehungen zwischen den zwei Ländern, um sich "für beide
Seiten gewinnbringenden Wirtschaftsabkommen" zu verschreiben. Obwohl er
einen "Krieg gegen Drogen" vom Zaun brach, der in Thailand zu über 2000
außergerichtlichen Tötungen führte, beschränkte Thaksin den Einsatz der
thailändischen Luftwaffe auf die Grenzregion, um die Aktivitäten der
Drogenhändler der Wa nicht zu behindern. [37]
BILDUNG UND GESUNDHEIT
Einer der tragischsten Aspekte in der Bilanz der Diktatur betrifft den
Bildungs- und Gesundheitsbereich. Die Grundschule ist offiziell gratis, doch
sind nicht genügend Mittel vorhanden, um normal funktionieren zu können.
Bücher, Hefte, Stift und die Unterhaltskosten müssen von den Eltern getragen
werden. In einem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung unter dem von der
Weltbank als absolute Armutsgrenze angegebenen Betrag von 1 Dollar pro Tag
lebt, hat dies einen extrem niedrigen Bildungsstand zur Folge. "Für die
Jahre 1998 und 1999 hat der Staat weniger als 7 % seiner Ausgaben in Bildung
investiert, gegenüber 49 %, die in die Armee geflossen sind." [38] Gemäß
Unicef, deren statistische Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, da sie im
Wesentlichen von der Regierung Birmas kommen, schließen 79 % der Kinder
einen Grundschulzyklus vollständig ab. Da dies auch Wiederholungsjahre
einschließt, lässt sich ableiten, dass weniger als die Hälfte der
SchülerInnen die letzte Stufe der Grundschule erreichen, was in einem
Unicef-Bericht auch bestätigt wird. Denselben Quellen ist zu entnehmen, dass
nur knapp ein Drittel der SchülerInnen bis zur Sekundarstufe kommen. Seit
der Erhebung 1977 und bis zum Jahr 2000 waren die Hochschulen öfters
geschlossen als geöffnet. Dies ist eines der Mittel der Militärjunta, um die
Proteste im Studentenmilieu einzudämmen. [39]
Einem Bericht von ForscherInnen der Berkeley- und der
John-Hopkins-Universität zufolge [40] stellt die Politik der "öffentlichen
Gesundheit" der birmesischen Junta ein Problem für die Gesundheit auf
nationaler, regionaler und weltweiter Ebene dar. Die Gesundheitsausgaben
gehören zu den tiefsten weltweit. Nur 3 % des Staatshaushalts fließen in
diesen Bereich. Das jährliche Budget für HIV-Behandlung und -Prävention
liegt bei 22 000 Dollar bei einer Bevölkerung von rund 50 Millionen
EinwohnerInnen. Die Lebenserwartung bei der Geburt liegt daher nur bei
61 Jahren, und die Kindersterblichkeit bei 76 ? (Quelle Unesco für 2004).
Zum Vergleich: In Indonesien liegt die Lebenserwartung bei Geburt bei
67 Jahren und die Kindersterblichkeit bei 30 ?.
Das Gesundheitssystem wurde so sehr ausgehöhlt, dass es nicht in der Lage
ist, die schwerwiegenden Gesundheitsprobleme des Landes zu lösen. Malaria,
HIV/Aids und Tuberkulose sind landesweit verbreitet. Im Jahr 2005 waren 34 %
aller Tuberkulosefälle -- und damit doppelt so viele wie etwa im
benachbarten Thailand -- resistent gegen alle Behandlungen. Nahezu 90 % der
Bevölkerung leben in malariaverseuchten Gebieten; so entfällt auch die
Hälfte aller verzeichneten Malariafälle in Asien auf Birma. Der Bericht
zeigt auf, dass fast 70 % aller in Birma verkauften Malaria-Medikamente
gefälscht oder schlecht dosiert sind, was die Gefahr von Resistenzen erhöht.
Dasselbe gilt für Tuberkulose. Seit dem Putsch 1988 wurden Hunderttausende
Birmesen umgesiedelt oder sind in die angrenzenden Länder, vor allem
Thailand, Bangladesh und Indien, geflüchtet, meist ohne einen
Flüchtlingsstatus in diesen Ländern zu erhalten. Über zwei Millionen
Birmesen leben beispielsweise illegal in Thailand, nur 140 000 wurden
offiziell als Flüchtlinge anerkannt. Dies trägt zum Aufkommen bzw.
Wiederaufkommen von Krankheiten wie Tuberkulose, Dengue-Fieber und Syphilis
in den Nachbarländern bei. Die Nichtanerkennung des Flüchtlingsstatus zwingt
Millionen von ImmigrantInnen aus Birma in die Illegalität, zur Prostitution
oder zur Annahme von gefährlichen, unterbezahlten Stellen. Der Zugang zu
Gesundheitsdiensten ist ihnen verwehrt, und ihre durch den illegalen Status
bedingte hohe Mobilität erschwert die Unterstützungsarbeit durch NGOs. Das
trägt zur Weiterverbreitung von Infektionen wie die mit dem Aids-Virus bei.
Das Problem hat bereits derartige Proportionen angenommen, dass das
thailändische Gesundheitsministerium eine Gefährdung des öffentlichen
Gesundheitssystems einräumen musste. [41] Seit 2005 hat sich die Situation
mit der Verhärtung der Politik der Junta gegenüber NGOs und karitativen
Organisationen, deren Arbeitsmöglichkeiten im Land eingeschränkt wurden --
was einige von ihnen, wie das Internationale Rote Kreuz (IKRK) und Ärzte
ohne Grenzen (MSF), zum Rückzug bewogen hat --, noch mehr verschärft.
SOFORTHILFE DRINGEND GEFRAGT
Seit ihrer Machtergreifung hat die birmesische Militärjunta selbst die
elementarsten Rechte der birmesischen Bevölkerung mit Füßen getreten,
während ihr keinerlei Wille zu Reformen oder zur Wiederherstellung einer
Zivilregierung zugute gehalten werden können. Der kürzlich einberufene
Nationalkonvent, der der Ausarbeitung einer neuen Verfassung diente, ist nur
eine weitere politische Farce, mit der die Junta ihre Macht hinter einem
angeblich partizipativen Prozess festigen will. Die Armee hat den gesamten
Prozess sehr sorgfältig überwacht, 99 % der Delegierten ausgewählt, die
Opposition ausgeschlossen und Fragen, Vorschläge und Bemerkungen der
Delegierten verboten. Diese durften auch nicht mit der Presse sprechen. Das
Ergebnis ist eine von Generälen für Generäle geschriebene "Verfassung" [42],
ohne jegliche Hoffnung auf Änderung oder eine Verbesserung der Lage.
Das Leiden der Bevölkerung Birmas dauert schon allzu lange an, und Aufrufe
der UNO oder anderer Regierungen zur "Mäßigung" sind ein weiterer Skandal.
In der brutalen Repression der letzten Septemberwoche wurden sicher mehrere
hundert Zivilpersonen und Mönche umgebracht und Tausende verhaftet. Doch
anders als 1988 konnten Millionen Menschen weltweit zusehen, wie
Zivilpersonen, die friedlich für ihre elementarsten Forderungen des Rechts
auf ein anständiges Leben, auf Freiheit etc. auf die Straße gingen,
umgebracht wurden. Regierungen, die die birmesische Junta unterstützen,
stehen diesmal klar am Pranger und sind moralisch verurteilt. China, Indien,
Russland, aber auch die ASEAN-Länder, Südkorea oder Japan können ihre
Heuchelei nicht mehr länger verbergen.
Die ASEAN-Staaten bringen zwar ihre Abscheu gegenüber der Gewalt der Junta
zum Ausdruck, haben aber keinerlei konkrete Zeichen gesetzt, dass sie
gewillt wären, auch nur die geringste Maßnahme zu ergreifen. Zumindest
können all diese Länder nicht mehr länger verheimlichen, dass sie lukrative
Geschäfte mit der Junta tätigen und sich an der Ausplünderung der Rohstoffe
beteiligen.
Die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten
haben auf die Unterdrückung der DemonstrantInnen sofort reagiert. Ihre
Aufrufe zur "Zurückhaltung" und zum "Einsatz von friedlichen Mitteln zur
Wiederherstellung der Stabilität" sind dennoch Heuchelei. Wer glaubt schon,
dass eine der unbarmherzigsten Diktaturen der Welt, deren verrückter
Regierungschef Than Shwe unter einer Paranoia leidet, sich von solch
zurückhaltenden Worten einschüchtern lässt?
Europäische und amerikanische Großkonzerne wie Total und Chevron haben seit
vielen Jahren Niederlassungen in Birma. Mit ihrem Handel und ihrer Tätigkeit
bereichern sie direkt die Junta. Das Volk ist dagegen zu Zwangsarbeit
verurteilt, hat Angst und lebt im Elend. Diese Situation ist untragbar, und
Argumente, die zur Untätigkeit führen, sind fehl am Platz.
China kann eine Schlüsselrolle spielen, die birmesischen Militärs zu einem
Wandel zu zwingen. Es ist aber nicht das einzige Land, das die blockierte
Situation aufbrechen kann, wie oft behauptet wird, um sich der eigenen
Verantwortung zu entziehen. In jedem Land muss Druck ausgeübt werden, um den
Handel und Finanzinvestitionen mit der Junta zu unterbinden. Oft heißt es,
wenn sich ein Unternehmen zurückzieht, sei sofort ein anderes zur Stelle.
Das mag sein, doch der Rückzug eines Unternehmens wie Total kann für die
Junta unmittelbar oder ein paar Monate lang einen echten Einkommensverlust
bedeuten, ohne dass es die Bevölkerung trifft, die von diesem Geldsegen in
keiner Weise profitiert. Ganz abgesehen von der Frage, wie es moralisch zu
rechtfertigen ist, Geschäfte mit dieser Diktatur zu machen.
Auf Ebene der Europäischen Union müssen die Sanktionen ebenfalls ausgebaut
werden, insbesondere das Verbot, in den für die Militärjunta einträglichsten
Sektoren zu investieren, wie Edelhölzer, Erze, Erdöl und Erdgas. Ebenso muss
jeder Handel mit Birma verboten werden. Mit dem Boykott von Konzernen wie
Total und Chevron, die ihre Niederlassungen in Birma haben, ist unmittelbar
zu beginnen.
Auf internationaler Ebene dürfen sich die Vereinten Nationen nicht damit
begnügen, einen "friedlichen Dialog zwischen beiden Seiten" zu fordern. Sie
müssen die Ausschreitungen der Junta explizit verurteilen und alles dafür
tun, dass so schnell wie möglich eine Zivilregierung gebildet wird. Diese
Regierung muss soziale Notmaßnahmen ergreifen, die die Bevölkerung so sehr
braucht, und die demokratischen Freiheiten wiederherstellen, um
mittelfristig die Wahl einer wirklichen Konstituierenden Versammlung zu
erlauben, die alle Teile der birmesischen Gesellschaft berücksichtigt.
Erlaubt sein sollte einzig humanitäre Hilfe, die nicht von der Junta und den
von ihr kontrollierten Verbänden vereinnahmt wird.
China hat realen Einfluss auf die birmesische Junta. Angesichts der
bevorstehenden Olympischen Spiele, die 2008 in Peking stattfinden werden,
achtet China sehr auf sein Image und legt Wert darauf, nicht gerade mit den
reaktionärsten Diktaturen in Verbindung gebracht zu werden. Druck auf die
chinesische Regierung lässt sich durch eine Kampagne ausüben, die klar
vermittelt, dass die Philosophie der Olympischen Spiele unvereinbar ist mit
der Unterdrückung demokratischer Freiheiten in China wie in Birma und
anderenorts. [43]
30. September 2007
Danielle Sabaï ist Inprekorr-Korrespondentin in Südostasien.
Aus dem Französischen: Tigrib
Aus: Inprekorr Nr. 434/435 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: vertrieb@inprekorr.de
Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] Burma's Democracy Challenge Flickers Out. Aung Zaw. The Irrawaddy
Online, 3.9.2007. Für die birmesische Junta ist es durchaus üblich,
gewöhnliche Straftäter gegen DemonstrantInnen einzusetzen.
[2] In der Stadt Taunggok im Teilstaat Arakan wurde der Demonstrant Soe Win
zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er allein mit einem Schild
demonstriert hatte, in dem er die Freilassung von PolitaktivistInnen wie
Aung San Suu Kyi und die Exkommunizierung von General Than Shwe, Chef der
birmesischen Militärjunta, forderte. Burma Protests: the Situation on
September 12. The Irrawaddy Online
[3] Myanmar. Friedliche Demonstrationen müssen von den Behörden bewilligt
werden. Amnesty International, 31.8.2007.
http://www.amnesty.fr/index.php/amnesty/s_informer/communiques_de_presse/mya
nmar_les_autorites_doivent_autoriser_les_manifestations_pacifiques
[4] Paw U Tun alias Min Ko Naing und Ko Ko Gyi sind zwei führende
Mitglieder einer Studentengruppe der 1988er-Generation. Sie haben 1988 bei
der Organisierung der Großdemonstrationen mitgewirkt. Das Militärregime
reagierte darauf mit der Ermordung von mindestens 300 Studierenden und
AktivistInnen. Min Ko Naing und Ko Ko Gyi wurden 2004 und 2005 nach 15
Jahren hinter Gittern und jahrelanger Folter und Misshandlung freigelassen.
Die Liste der 14 wichtigsten verhafteten AnführerInnen der Proteste findet
sich auf der Website der World Organisation against torture (OMCT):
http://www.omct.org/index.php?id=&lang=eng&actualPageNumber=1&articleId=7216
&itemAdmin=article
[5] Hundertausende Menschen in Birma werden zu Zwangsarbeit verpflichtet
oder sind Opfer bzw. bedroht von anderen Menschenrechtsverletzungen. Der
ständige Rückgriff auf Zwangsarbeit ist oft begleitet von Folter und anderen
Formen der körperlichen und psychischen Gewalt. Siehe dazu die World
Organisation against torture, die ein Netzwerk von 280
Nichtregierungsorganisationen koordiniert, das sich die Verhinderung von
Folter und anderen grausamen, unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlungen zum Ziel setzt.
http://www.omct.org/index.php?id=&lang=eng&actualPageNumber=1&articleId=5485
&itemAdmin=article
[6] Burma Protests: the Situation, vom 5. September und Folgetagen. The
Irrawaddy Online.
[7] Birma ist ein multiethnisches Land mit 52 Millionen EinwohnerInnen.
Zwei Drittel sind Birmesen, das restliche Drittel setzt sich aus rund 100
Nationalitäten zusammen, darunter Karen, Karenni, Mon, Shan, Kachin, Rakhine
und Rohingya. Etwa 80 % der Bevölkerung sind buddhistisch.
[8] The Politic of Piety: Pageantry and the Struggle for Buddhism in Burma.
Stephen MacCarthy. Working Paper Series Nr. 85. SEARC.
[9] 1997 verkündigte die Militärjunta einen Namenswechsel. Le State Law and
Order Restoration Council (SLORC) wurde in "State Peace and Development
Council" (SPDC) umbenannt.
[10] The Gathering Storm. Infections, Diseases and Human Rights in Burma.
Universität Berkeley und John Hopkins Universität, Juli 2007.
http://www.hrcberkeley.org/download/BurmaReport2007.pdf
[11] Ebenda.
[12] Reuters: EU calls rights violations in Myanmar a scandal, 7.9.2007.
[13] The EU's relations with Burma/Myanmar. Überblick.
http://ec.europa.eu/external_relations/myanmar/intro/index.htm
[14] Info-Birmanie: France-Culture est-elle la voix de la diplomatie
française?
http://www.info-birmanie.org/images/stories/birmanie%20france-inter.pdf
[15] Total pollue la démocratie. Lettre ouverte aux actionnaires. (Total
verschmutzt die Demokratie. Brief an Aktionäre) FIDH
http://www.birmanie.net/birma/pdf/AGLettreOuverterevODS.pdf
[16] Info-Birmanie. L'UE doit renforcer sa position commune sur la
Birmanie. 27.8.2007. http://www.info-birmanie.org
[17]
http://www.info-birmanie.org/images/stories/depuis%20le%2015%20ao%FBtib.pdf
[18] Many Firsts with China. Aung Zaw.
www.burmanet.org/news/2007/09/14/irrawaddy-many-firsts-with-china-aung-zaw.
[19] Les nouvelles de Birmanie Nr. 20, Juin 2007.
[20] Deutsche Presse-Agentur: Indian foreign minister grilled on Myanmar.
Freitag, 14.9.2007.
http://www.burmanet.org/news/2007/09/14/deutsche-presse-agentur-indian-forei
gn-minister-grilled-on-myanmar/
[21] http://www.mizzima.com/MizzimaNews/News/2007/Sep/67-Sep-2007.html
[22] India and Burma: Such Good Friends. Nava Thakuria. 26.2.2007. Asia
sentinel.
htpp://www.asiasentinel.com/index.php,option=com_content&task=view&id=397&It
emid=31
[23] Der neue Name, den sich die Militärjunta nach dem Staatsstreich 1988
gegeben hat.
[24] Japan's Aid Relations with Military Regimes in Burma 1962--1991. The
Kokunaika Process. Donald M. Seekins.
[25] Ebenda.
[26] HNS-Info. Teck de Birmanie: luxe au Nord, dictature au Sud.
http://www.hns-info.net/article.php3?id_article=10002.
[27] South Korea Has a Burma Problem. Correspondant. 24.8.2007. Asia
Sentinel.
[28] Burma's Generals on a Buying Spree. David Fullbrook. 18.11.2006. Asia
Sentinel.
[29] Der Zusammenschluss der Südostasiatischen Nationen ASEAN wurde 1968
auf Initiative der Vereinigten Staaten gegründet, um den kommunistischen
Einfluss in Asien zu bekämpfen.
[30] Engaging Burma. The ASEAN Experience. Mario Aguja. 6.4.2006. In Europe
solidaire sans frontières (ESSF, www.europe-solidaire.org).
[31] U Nu war zwischen 1948 und 1962 mit Ausnahme einer kurzen
Unterbrechung zwischen 1958 und 1960 Regierungschef der Union Birma. Er trat
die Nachfolge von Aung San, der treibenden Kraft der
Unabhängigkeitsbestrebungen Birmas, an, der 1947 ermordet wurde. Aung San
ist zu einer legendären Figur des Landes geworden. Er ist der Vater von Aung
San Suu Kyi, der wichtigsten Führungspersönlichkeit der NLD, die in Umfragen
bei den Wahlen 1990, die die Militärjunta unter dem Druck der Straße
anberaumen musste, auf 80 % der Stimmen kam.
[32] Nach dem Staatsstreich 1962 verkündete General Ne Win eine Reihe von
institutionellen und politischen Reformen unter dem Banner des "birmesischen
Wegs zum Sozialismus". An den Reformen war nichts "Sozialistisches" außer
dem Namen. Zwischen 1962 und 1988 lebte Birma mehr oder weniger autark im
Rhythmus abwegiger Wirtschaftsreformen, die dieses rohstoffreiche Land in
unsägliche Armut stürzten.
[33] Die Zwangsarbeit kommt nicht direkt am Standort zum Tragen, doch die
Zivilpersonen werden zwangsweise für die gesundheitsgefährdende Rodung des
Dschungels entlang der Pipeline eingesetzt. Dabei erkranken viele an
Malaria. Wird sie der französische Außenminister und Mitbegründer von Ärzte
ohnen Grenzen, Bernard Kouchner, gesund pflegen? Siehe auch Kouchners
Bericht unter
http://birmanie.total.com/fr/publications/rapport_bkconseil.pdf
[34] Zu diesem Thema liegt reichhaltige Literatur vor. Siehe beispielsweise
das /Interview with Brad Adams, outlining Burmese Ethnic Minority
Communities' Ongoing Horrors./Human Rights Watch.
http://hrw.org/english/docs/2005/09/22/burma11774.htm
[35] 1994 unterzeichneten Indien und Birma ein Handelsabkommen, das den
unbegrenzten Zugang zu einer Zone von 40 Kilometern beiderseits der 1643
Kilometer langen Grenze erlaubt. Damit wurde insbesondere der Drogenhandel
in beide Richtungen erleichtert.
[36] Burma Briefing. October--December 2005. A Campaign by the Asian Center
for Human Rights and Mizzima News.
[37] The Gathering Storm. Infectious Diseases and Human Rights in Burma.
University of Berkeley and John Hopkins. Juli 2007.
http://www.hrcberkeley.org/download/BurmaReport2007.pdf
[38] Les enfants sacrifiés de la junte birmane. Hebdo Net N°52
http://www.birmanie.org/Fichiers/File/NETHEBDO/hebdo52.html
[39] UNICEF in Myanmar: Protecting Lives, Nurturing Dreams. Unicef Report
2004. Siehe auch The Gathering Storm, Fußnote 37.
[40] Siehe Fußnote 37.
[41] Siehe Fußnote 37.
[42] Nähere Informationen zum Nationalkonvent unter Human Rights Watch.
http://hrw.org/
[43] Ein Jahr vor den Olympischen Spielen hat "Reporter ohne Grenzen" eine
Kampagne lanciert, um für die Frage von Menschenrechten in China zu
sensibilisieren: http://www.rsf.org/article.php3?id_article=23181
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