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- Lateinamerika
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Zwei Strategien stehen sich in der lateinamerikanischen Diskussion über den
Sozialismus des 21. Jahrhunderts gegenüber. Der Vorschlag, in wachsendem Maß
radikale Transformationen voranzutreiben, kollidiert mit der Haltung,
zunächst eine kapitalistische Etappe einer regionalen
"Neo-Entwicklungsstrategie" einzuleiten ("neo-desarrollismo", im Weiteren
als "Neo-Entwicklung" abgekürzt). Die Debatte dreht sich um die Einleitung,
nicht um die Vollendung des Sozialismus. In der Region gibt es Ressourcen,
die ausreichen, um diesen Prozess zu beginnen, und das unmittelbare Dilemma
ergibt sich aus der Frage, wer aus der derzeitigen Bonanza den Nutzen ziehen
wird.
Von Claudio Katz
Die These der "Neo-Entwickler" geht der Diskussion über die Zweckmäßigkeit
eines solchen lateinamerikanischen Kapitals aus dem Wege. Darüber hinaus
unterschätzt sie die Schwierigkeiten, ein solches aufzubauen und die
Hindernisse, die der Überwindung des peripheren Charakters des regionalen
Kapitals entgegenstehen. Dieses Vorhaben vergisst die sozialen Kosten eines
solchen Modells und übertreibt die Uneinigkeit zwischen Bank- und
Industriekapital.
Die Fokussierung auf Etappen schwächt die Kämpfe der Unterdrückten, lässt
das Projekt des Volkes aus dem Blick geraten und reduziert die politischen
Kontroversen auf den Gegensatz zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts. Diese
Art der Polarisierung behindert die sozialen Forderungen und ist tendenziell
dazu geeignet, den Antiimperialismus der nationalistischen Regierungen zu
neutralisieren.
Diese beiden Richtungen drücken sich in Venezuela in Initiativen entweder
zur Radikalisierung oder zum Einfrieren des bolivarianischen Prozesses aus.
Die gleiche Divergenz zeigt sich in Bolivien bezüglich der Frage, ob die
Öleinnahmen für soziale Verbesserungen oder für Subventionen für das Kapital
verwendet werden sollen. Das Resultat dieser Auseinandersetzung auf
regionaler Ebene wird entweder die Erneuerung des Sozialismus oder die
Wiedereinführung des Kapitalismus in Kuba begünstigen.
Das Hauptproblem der Linken ist die Definierung von Allianzen und von
politischen Prioritäten. Die verschiedenen Vorschläge in der Debatte haben
sowohl lokale wie externe Wurzeln, aber sie greifen gegensätzliche
Traditionen der Unterordnung bzw. des Widerstandes gegen die herrschenden
Klassen Lateinamerikas auf.
Das Fehlen von sozialistischen Vorschlägen ist erheblich schlimmer als die
Irrtümer über den Charakter des zeitgenössischen Kapitalismus. Der
Sozialismus ist ein ebenso abgegriffenes wie unersetzliches Konzept wie die
Demokratie. Seinen Inhalt zu erneuern ist die Herausforderung dieser Epoche.
SOZIALISMUS ODER "NEO-ENTWICKLUNG"
Der Aufruf von Chávez, den Sozialismus des 21. Jahrhunderts aufzubauen, hat
die Debatte über Wege, Zeiträume und Allianzen für die Durchsetzung einer
nichtkapitalistischen Gesellschaft wiederbelebt. Diese Diskussion entsteht
zu einem Zeitpunkt, zu dem der größte Teil der fortschrittsorientierten
Menschen sich daran gewöhnt hat, jeglichen Bezug auf den Sozialismus zu
unterlassen. Die Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit dieses Projektes im
breiten Volk ist zwar noch nicht sichtbar, aber das emanzipatorische Ziel
wird neuerdings in den Volksorganisationen diskutiert, die eine strategische
Richtung für den Kampf der Unterdrückten suchen. Was ist die aktuelle
Bedeutung eines sozialistischen Vorschlags?
FÜNF GRÜNDE
Lateinamerika wurde aus verschiedenen Gründen zu dem privilegierten Szenario
dieser Überlegungen. Zuvörderst ist die Region das Hauptzentrum des
internationalen Widerstandes gegen den Imperialismus und den
Neoliberalismus. Verschiedene Volkserhebungen führten in den letzten Jahren
zum Sturz von neoliberalen Präsidenten (Bolivien, Ecuador und Argentinien)
und ermöglichten die fortdauernde Präsenz von sozialen Bewegungen.
In einer Reihe von Kämpfen -- eingeschlossen die, bei denen Rückschläge oder
Repression die Folge waren (Peru, Kolumbien), bzw. Abebben oder Enttäuschung
(Brasilien, Uruguay) -- haben sich neue Kräfte dem Volksprotest
angeschlossen. Diese Sektoren brachten eine neue Basis von Jugendlichen
hinzu (Chile) und ausgesprochen kämpferische Formen der Selbstorganisation
(die Kommune von Oaxaca in Mexico). Der Sozialismus bietet einen
strategischen Lösungsvorschlag für diese Aktionen und könnte bei neuen
Überlegungen zu einem Thema werden.
Zum zweiten gewinnt der Sozialismus in Venezuela zunehmend an öffentlicher
Präsenz. Diese Ausbreitung bestätigt die ideologische Nähe des
bolivarianischen Prozesses zur Linken, etwas, was es in anderen
nationalistischen Experimenten nicht gab. In der Epoche der UdSSR
adaptierten einige Amtsträger der dritten Welt aus geopolitischen (um dem
Druck der USA widerstehen zu können) oder ökonomischen Gründen (um
materielle Unterstützung der Sowjetunion zu erhalten) eine sozialistische
Identität. Da nun diese Gründe entfallen sind, bekommt das Projekt eine
deutlich eigenständigere Konnotation.
Das Wiedererstarken des Sozialismus beweist sich auch an den Vorschlägen
verschiedener Funktionäre in Bolivien und selbst in Kuba -- nach 45 Jahren
Embargo, Sabotage und imperialistischer Aggression. Wenn der Niedergang, den
die UdSSR und Osteuropa erlebten, sich auch auf diese Insel erstreckt hätte,
würde heute niemand eine antikapitalistische Perspektive für Lateinamerika
sehen. Die politischen Auswirkungen eines solchen Rückschlags wären
vernichtend gewesen.
Zum dritten fungiert der Sozialismus als die neu aufgerichtete Standarte für
die Linksopposition gegen die sozialliberalen Präsidenten, die jeglichen
Bezug auf dieses Thema fallengelassen haben, um sich mit den KapitalistInnen
auszusöhnen. Bachelet, Lula und Tabaré Vazquez lassen in ihrem Diskurs
jegliche Bezugnahme auf den Sozialismus vermissen, nahmen von sozialen
Reformen Abstand und haben gegen die Interessen der Mehrheit des Volkes
Position bezogen. Bachelet erinnert sich noch nicht einmal an den Namen
ihrer Partei, wenn sie der konzertierten Aktion präsidiert, die das
neoliberale Modell neu auflegt. Lula hat sein früheres Kokettieren mit dem
Sozialismus vergessen und fördert das Finanzkapital, und Tabaré kopiert
diesen Herren, wenn er das Freihandelsabkommen mit den USA sondiert. In
diesen drei Ländern ist der Sozialismus ein Leuchtfeuer gegen den Verrat,
der in einem Szenario stattfindet, das völlig anders ist als in den
neunziger Jahren.
Die Etappe der Einheit der Rechten ist vorbei und die führenden
Persönlichkeiten des extremen Neoliberalismus sind von der Bühne abgetreten.
Der militärische Putschismus ist kein gangbarer Weg mehr, und durch die
Massenmobilisierungen sind breite demokratische Freiräume erkämpft worden.
Aus diesem Grund koexistieren die konservativen Mandatsträger mit den
Präsidenten der Mitte-Links-Parteien und mit radikalen nationalen
Regierungen.
Viertens setzt sich in Lateinamerika ein Wandel des ökonomischen Kontextes
durch, der die Debatte über Alternativen für das Volk begünstigt.
Verschiedene Sektoren der herrschenden Klasse tendieren zu einem Prozess der
"Neo-Entwicklung" und wenden sich vom orthodoxen Neoliberalismus ab -- nach
einer traumatischen Periode der überregionalen Konkurrenz, der
Entnationalisierung des Produktivvermögens und dem Verlust der
internationalen Konkurrenzfähigkeit.
Das Modewort ist "Neo" und nicht einfach "Entwicklung", denn man behält die
restriktive Geldpolitik, die fiskalische Anpassung, die Priorisierung des
Exports und die Konzentration der Einkommen bei. Das Ganze zielt
ausschließlich darauf ab, die staatliche Unterstützung für die Industrie zu
steigern, um die Konsequenzen des extremen Freihandels abzufedern. Die
finanzpolitische Verwundbarkeit der Region und die Fesselung an ein
Wachstum, das stark von den Preisen der Grundstoffe abhängig ist,
begünstigen diesen Wandel. Aber dieser Weg stellt alle ökonomischen Dogmen
in Frage, die das letzte Jahrzehnt dominierten, und gibt Raum, um dem Modell
der "Neo-Entwicklung" sozialistische Alternativen entgegenstellen zu können.
Fünftens schält sich in Lateinamerika eine allgemeine Tendenz heraus,
nationale Programme im regionalen Kontext zu sehen. Diese Haltung herrscht
auch in den Volksorganisationen vor, die die Notwendigkeit begreifen, ihre
Überzeugungen im regionalen Zusammenhang zu überprüfen. Dieser neue Geist
ermöglicht es, die Debatte über ALCA, MERCOSUR und ALBA mit regional
bezogenen Neuformulierungen des sozialistischen Projekts zu führen. Die drei
in Gang befindlichen Integrationsprojekte umfassen strategische Pläne zur
erneuten Lancierung neoliberaler Politik (ALCA), regionale kapitalistische
Regulierung (MERCOSUR) und die mit dem Sozialismus kompatible Einführung von
Formen solidarischer Zusammenarbeit (ALBA).
Der aktuelle lateinamerikanische Kontext regt also dazu an, auf
verschiedenen Feldern die antikapitalistische Programmatik wieder
aufzunehmen. Aber diese Orientierung schlägt sich in unterschiedlichen
Strategien nieder. Ein möglicher Weg würde bedeuten, den Kampf des Volkes zu
entfesseln, soziale Reformen voranzutreiben und die von den
nationalistischen Regierungen eingeleiteten Veränderungen zu radikalisieren.
Ein solcher Kurs würde es erfordern, die Zweideutigkeit der Mandatsträger
von Mitte-Links zu demaskieren, das Projekt der "Neo-Entwicklung" in Frage
zu stellen und den ALBA als Werkzeug zur regionalen postkapitalistischen
Integration zu nutzen. Wir haben einige Grundlinien dieser Option kürzlich
in einem Text dargelegt. [1]
Ein anderes Lager schlägt ein abweichendes Projekt vor. Es sieht vor, dem
Aufbau des Sozialismus eine längere kapitalistische Phase vorzuschalten. In
dieser Phase, so wird argumentiert, sollte eine protektionistische Politik
mit dem Ziel, die Region konkurrenzfähiger zu machen, betrieben werden.
Deshalb betrachtet man den derzeitigen Weg der "Neo-Entwicklung" mit
Sympathie, ermutigt den MERCOSUR und begrüßt die Ausbreitung einer
regionalen Unternehmerschaft. Diese Leute rufen dazu auf, eine Front aus den
sozialen Bewegungen und den Mitte-Links-Regierungen zu bilden (Regionaler
Block der Volksmacht) und sehen den Sozialismus als ein späteres Stadium
nach dem neuen regulierten Kapitalismus. [2]
DAS PROBLEM DES BEGINNENS
In keinem Aspekt der Debatte spielt der volle Aufbau des Sozialismus eine
Rolle. Man diskutiert ausschließlich über den Beginn dieses Projektes. Eine
Gesellschaft von Gleichheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen aufzubauen, ist
eine harte und langwierige historische Aufgabe, die es erfordert, zunehmend
die Regeln von Konkurrenz, Ausbeutung und Profit auszuschalten. Das lässt
sich nicht in kurzer Zeit realisieren.
Besonders in peripheren Regionen wie Lateinamerika setzt so ein Prozess
voraus, dass bestimmte ökonomische Bedingungen heranreifen, die es erlauben,
den Lebensstandard der Bevölkerung qualitativ zu verbessern. Dies wird sich
parallel zur Ausdehnung des öffentlichen Eigentums und zur Konsolidierung
der Selbstverwaltung des Volkes entwickeln. Weil es für diese Entwicklung
mehrerer Generationen bedarf, bezieht sich die derzeitige Debatte
ausschließlich auf die Einleitung dieses Prozesses.
Den Aufbau des Sozialismus zu beginnen, bedeutet, die Vorherrschaft eines
Systems, das nach den Regeln des Profits funktioniert, durch eines zu
ersetzen, das sich an der Befriedigung der sozialen Bedürfnisse orientiert.
Von dem Moment an, in dem ein solches ökonomisches und politisches Modell --
geleitet durch den Willen der Mehrheit der Bevölkerung -- diese
charakteristischen Merkmale annimmt, beginnt eine embryonale Form von
Sozialismus zu regieren. [3]
Dieser Beginn ist die Vorbedingung für jeden weiteren Fortschritt. Eine
postkapitalistische Gesellschaft wird niemals entstehen, wenn der
sozialistische Weg sich nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt konkretisiert.
Die repressiven Mechanismen von Gewinn und Konkurrenz müssen drastisch
neutralisiert werden, damit eine neue Form menschlicher Zivilisation sich
abzuzeichnen beginnt.
Der Startpunkt einer solchen sozialistischen Transformation ist dem des
Modells der "Neo-Entwicklung" diametral entgegengesetzt. Beide Perspektiven
sind völlig konträr und es gibt weder einen Kompromiss zwischen ihnen, noch
können sie sich parallel entwickeln. Die Konkurrenz um die Profite
verhindert den allmählichen Aufbau kollektivistischer Inseln im Inneren des
Kapitalismus dadurch, dass die Konkurrenz mittelfristig alle kooperativen
Ansätze dieser Unternehmungen umkehrt. Diese beiden gesellschaftlichen
Projekte können auch nicht friedlich koexistieren, bis eines von beiden
größere Effizienz und Akzeptanz bewiesen hat. Nur die Beseitigung des
Kapitalismus kann das Tor zur sozialen Emanzipation öffnen. Die große Frage
ist, ob es möglich ist, in Lateinamerika diesen Wandel einzuleiten.
ETAPPE ODER PROZESS?
Die These der "Neo-Entwicklung" gibt auf die Schlüsselfrage der aktuellen
Periode eine negative Antwort. Sie unterstellt, dass in der Region "nicht
die Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft" existierten. [4]
Aber sie erklärt nicht, ob diese Mängel auf dem Gebiet der Ökonomie, der
Technologie, der Kultur oder der Erziehung zu finden sind. Was genau fehlt
der Region, um eine antikapitalistische Transformation einzuleiten?
Lateinamerika nimmt in der globalen Struktur des Kapitalismus eine periphere
Stellung ein, verfügt aber über solide Ressourcen, um einen sozialistischen
Prozess zu beginnen. Das lässt sich an verschiedenen Bereichen nachweisen:
Fruchtbares Land, Erzlagerstätten, Wasserkraft, reiche Energieressourcen,
industrielle Grundlagen. Das große Problem der Region ist, dass diese
Möglichkeiten nicht genutzt werden.
Die verdrehte Form der Akkumulation, die die zunehmende Integration in den
Weltmarkt und die entsprechende Abhängigkeit von ihm produzierte, hat
geschichtlich die regionale Entwicklung deformiert. Es gibt keinen Mangel an
lokalem Einkommen, sondern exzessive Mittelabflüsse in die Ökonomien des
Zentrums. Die rückständige Landwirtschaft, die niedrige industrielle
Produktivität, die mangelnde Kaufkraft sind Effekte dieser imperialistischen
Ausplünderung. Das Drama Lateinamerikas ist nicht in erster Linie die Armut,
sondern die empörende soziale Ungleichheit, die der Kapitalismus in allen
seinen Ländern hervorruft.
Die Hypothese von der Unreife der Ökonomie wird durch die aktuelle
Konjunktur widerlegt, die das große Dilemma produziert hat, wer von dem
laufenden Wachstum profitieren soll. Die "Neo-Entwickler" versuchen, diese
Mittel zugunsten der Industrie zu kanalisieren, die Neoliberalen möchten die
Vorherrschaft der Banken aufrechterhalten. Die SozialistInnen müssen in
Opposition zu beiden Haltungen für eine radikale Umverteilung des Reichtums
kämpfen, die unmittelbar den Lebensstandard der Unterdrückten verbessert und
den Primat der Rentabilität beseitigt. Die Ressourcen sind verfügbar. Es
gibt einen breiten Rahmen für Programme für das Volk und nicht nur
Bedingungen für einen kapitalistischen Kurs.
Es stimmt, dass die objektiven Rahmenbedingungen in den verschiedenen
Ländern sehr ungleich sind. Die Vorteile, die die mittleren Ökonomien haben,
betreffen nicht die kleineren und stärker verarmten Länder. Die Situation in
Venezuela unterscheidet sich von der in Bolivien, und Brasilien hat nicht
mit Einschränkungen zu tun wie etwa Nicaragua. Aber die Vorstellung von
einem sozialistischen Wandel unter rein nationalen Vorzeichen hat an Kraft
verloren.
Wenn schon die herrschende Klasse ihre Strategie auf die Gesamtregion
ausrichtet, so muss auch ein Projekt für das Volk regional ausgerichtet
sein. Die Unterdrücker bestimmen ihren Horizont nach den Profitaussichten --
die Sozialisten könnten ihre Option in den Begriffen Kooperation und
wirtschaftliche Komplementarität ausdrücken. Das ist es, was dahinter
steckt, wenn ALBA dem ALCA oder dem MERCOSUR entgegengestellt wird.
Es gibt keine objektive Begrenzung für die Entwicklung eines solchen
egalitären Kurses. Es ist ein Irrtum, zu meinen, dass die Region die
gleichen Entwicklungsetappen durchlaufen müsse wie die Länder des Zentrums.
Die Geschichte hat immer wieder unverhoffte Wege beschritten, in denen sich
verschiedene Epochen mischten. Lateinamerika entwickelte sich nach einem
disharmonischen Modell der ungleichen und kombinierten Entwicklung, das
dazu neigt, auch die sozialistischen Lösungswege zu bestimmen.
WER WIRD DAS BEZAHLEN?
Die These, dass dem Sozialismus eine kapitalistische Phase vorausgehen
müsse, ähnelt der "Etappentheorie der Revolution". Diese Konzeption -- die
viele Anhänger in der Linken hatte -- postulierte, dass die "feudalen
Wurzeln (Lateinamerikas) auszumerzen" seien, bevor eine irgendwie geartete
sozialistische Transformation beginnen könne. Um dieses erste Ziel zu
erreichen, schlug man vor, auf die Unterstützung der jeweiligen nationalen
Bourgeoisie zurückzugreifen.
------------ KASTEN -----------------------------------------------
STICHWORTE
Desarrollismo: Wirtschaftstheorie lateinamerikanischen Ursprungs, die sich
auf die wirtschaftliche Entwicklung (desarrollo económico) bezieht; sie
vertritt die Auffassung, dass die Verschlechterung der Tauschbeziehungen im
internationalen Handel mit einem Schema industrielles Zentrum versus
landwirtschaftliche Peripherie die Unterentwicklung reproduziert und die
Kluft zwischen den entwickelten Ländern und den unterentwickelten Ländern
vertieft. Als Konsequenz hieraus vertritt der /desarrollismo,/ dass die
nicht entwickelten Länder aktive Staaten mit einer Wirtschaftspolitik haben
müssen, die die Industrialisierung vorantreiben, damit sie eine autonome
Entwicklung erreichen. [http://es.wikipedia.org/wiki/Desarrollismo]. Der
/desarrollismo/ prägte besonders die entwicklungsorientierte
Wirtschaftspolitik in Argentinien unter Peron in den 50er Jahren.
Neo-Desarrollismo: Nach Ende der Militärdiktatur und verstärkt nach der
Wahl von Nestor Kirchner wurde in Argentinien eine wachstumsfördernde
Wirtschaftspolitik mit starkem staatlichem Anteil entwickelt, die mir dem
Namen /neo-desarrollismo/ an die früheren Konzepte anknüpft.
[http://www.worldeconomyandfinance.org/
working_papers_publications/working_paper_PDFs/WEF0018.pdf[http://inprekorr.
de/http://www.worldeconomyandfinance.org/working_papers_publications/working
_paper_PDFs/WEF0018.pdf]] Da es bislang keine deutsche Übersetzung gibt,
verwenden wir hier den Begriff "Neo-Entwicklung".
Sozialismus des 21. Jahrhunderts: Von Heinz Dieterich entwickeltes und vom
venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez 2005 verkündetes Konzept einer
sozialistischen Gesellschaft. Ziele sind unter anderen die staatliche
Enteignung stillgelegter Betriebe und Wiederaufnahme der Produktion unter
Arbeitermitverwaltung beziehungsweise Arbeiterkontrolle. Weitere Aspekte
stellen die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und Infrastruktur dar
sowie die Regulierung der Länge des Arbeitstages.
[http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus_des_21._Jahrhunderts] Der
nebenstehende Artikel beschäftigt sich mit dem Unterschied zwischen diesen
Konzepten, die in Lateinamerika derzeit intensiv diskutiert werden.
Die neue Version führt nun mit dem gleichen Ansatz einen regionalen Bezug
ein. Sie beschränkt sich nicht mehr auf die nationale Bourgeoisie, sondern
sie ruft dazu auf, die Herausbildung eines regionalen Kapitals zu
protegieren. Die erstere Version hatte während des gesamten 20. Jahrhunderts
keinen Erfolg, und es gibt erhebliche Beschränkungen für das Vorhaben,
aktuell die regionale Variante zu verwirklichen.
Eine gesamtsüdamerikanische Bourgeoisie wäre in der Tat stärker als die
balkanisierten Fraktionen der Vergangenheit, aber sie würde sich auch einer
erheblich stärkeren Konkurrenz ausgesetzt sehen. Im Fall des Wettstreits mit
nordamerikanischen Gesellschaften stünde sie ebenfalls regionalisierten
imperialistischen Blöcken und einem globalisierten Finanzkapital gegenüber.
Diejenigen, die auf eine Neubelebung des lateinamerikanischen Kapitalismus
setzen, unterstellen, dass in den nächsten Jahrzehnten der internationale
Kontext multipolar sein wird. Nur in diesem Rahmen könnten tragfähige
Prozesse der Akkumulation in den peripheren Regionen florieren. Diese
Annahme geht außerdem davon aus, dass Lateinamerika ein Hauptgewinner in
diesem Szenario wäre. Aber wer wären dann die Verlierer? Die großen
imperialistischen Mächte? Andere abhängige Regionen? Die ProtagonistInnen
des Kapitalismus bleiben die Antwort schuldig. Weder sprechen sie -- wie die
Neoliberalen -- von einer allgemeinen Prosperität, noch von einem
Profitboom, der über den ganzen Planeten verteilt wird. Sie sagen große
Erfolge für einen lateinamerikanischen Kapitalismus in einem nicht
definierten globalen Rahmen voraus.
Diese Herangehensweise setzt voraus, dass die herrschende Klasse in
Südamerika ihre bisherige zentrifugale Tendenz aufgibt und unter der
Disziplin des MERCOSUR gemeinsam arbeitet. Real setzt das voraus, dass sich
ein ähnlicher Prozess wie bei der Bildung der europäischen Union abspielt --
trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen beiden Regionen. Die
Entnationalisierung, die in Lateinamerika vorherrscht, wird nicht als großes
Hindernis für die Herausbildung eines regionalen Kapitals gesehen. Und auch
die intensive Verbindung, die jedes der lokalen Kapitalien mit ausländischen
Partnern unterhält, wird nicht als Hindernis für eine regionale
"Neo-Entwicklung" betrachtet.
Nüchtern betrachtet ist die Konkretisierung dieses Projektes nicht völlig
unmöglich, aber höchst unwahrscheinlich. Der zeitgenössische Kapitalismus
bietet zwar plötzliche Überraschungen (China), aber der gemeinsame und
erfolgreiche Aufstieg eines peripheren lateinamerikanischen
Wirtschaftsblocks ist wenig realistisch. Die Spekulationen über diese
Möglichkeit sind unbegrenzt, aber die Opfer wie auch die Nutznießer dieses
Prozesses sind absehbar. Jedwede kapitalistische Entwicklung wird von der
Mehrheit der Bevölkerung bezahlt werden, weil die Bankiers auf
internationalem Niveau überdurchschnittliche Gewinne verlangen werden, um
bei der Initiative mitzumachen. Weil die Ausgebeuteten und Unterdrückten die
ganzen Verluste zu tragen haben werden, plädieren wir SozialistInnen für ein
antikapitalistisches Modell.
In jeder seiner Varianten wird der auf die "Neo-Entwicklung" ausgerichtete
MERCOSUR ein Projekt darstellen, das mit wesentlichen sozialen Reformen und
nachhaltigen Verbesserungen des Lebensstandards der Bevölkerung unvereinbar
ist. Er bewegt sich im Rahmen der Konkurrenz um Profite, die Angriffe auf
die Arbeiterklasse zwangsläufig folgen lässt. Diese Angriffe können für eine
gewisse Zeit abgeschwächt werden, aber sie werden in der folgenden Etappe um
so brutaler sein. Keine staatliche Regelung kann auf die Dauer dem Druck der
Offensive des Kapitals standhalten.
Dieses sichere Wissen muss jede/n SozialistIn dahin führen, sich weniger um
die Gangbarkeit des einen oder des anderen bürgerlichen Modells zu kümmern
und stattdessen den Möglichkeiten eines antikapitalistischen Kurses mehr
Aufmerksamkeit zu widmen. Um dies auf den Sankt Nimmerleinstag zu
verschieben, beziehen sich die UnterstützerInnen des MERCOSUR mit keinem
Wort auf den Sozialismus. Sie predigen den Aufbau eines Regionalkapitals,
ohne auch nur einen einzigen Vorschlag für ein emanzipatorisches Projekt für
das 21. Jahrhundert zu liefern.
Das Entwicklungsschema der "Neo-Entwickler" ist mit abgestuften Kriterien,
vorgefertigten Etappen und festen Koppelungen zwischen der Reife der
Produktivkräfte und den sozialen Transformationen konzipiert. Das gibt zwar
viel Raum, um über den Kapitalismus zu reden, allerdings lässt es wenig
Platz, um etwas Konkretes zum Sozialismus zu sagen.
DIE THESE VOM HAUPTFEIND
Die Aussicht auf ein "Neo-Entwicklungs"-Modell übersetzt sich in das
Vertrauen auf die politische Achse von Mitte-Links, die in Südamerika von
Lula und Kirchner angeführt wird. Ihre Vorkämpfer glauben, dass diese
Regierungen den industriellen Aufbau gegenüber der Finanzspekulation
vertreten und den Fortschritt gegen die rechte Oligarchie. Sie sehen das
sozialistische Projekt als eine Etappe jenseits der Niederlage der Rechten
und begreifen diesen Sieg als eine unabdingbare Voraussetzung für den
Sozialismus des 21. Jahrhunderts. [5]
Aber ist der Graben zwischen den "Neo-Entwicklern" und den Neoliberalen
tatsächlich so tief? Gibt es nicht unzählige Verbindungen zwischen dem
Industrie- und dem Finanzkapital? Die Verbindungen zwischen beiden Sektoren
wurden gründlich untersucht und es erstaunt, dass dies vergessen wird,
gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es zu einem Zusammenstoß zwischen beiden
Gruppen kommt. Dieses Amalgam ist so ausgeprägt, dass selbst ein natürlicher
Vorkämpfer der "Neo-Entwicklung" wie Lula bewies -- bis dato --, dass er
eine größere Affinität zum Finanzkapital als zur Industrie hat.
Aber auch wenn man das Szenario einer starken Konfrontation zwischen beiden
kapitalistischen Fraktionen unterstellt, stellt sich eine andere Frage: Auf
welche Weise könnte eine Unterstützung der "Neo-Entwickler" die
Unterdrücktem ihrem sozialistischen Ziel näher bringen? Man könnte
argumentieren, dass das industrielle Modell Arbeitsplätze schafft, die
Einkommen verbessert und den Kampf der ArbeiterInnen für ihr eigenes Projekt
befeuert. Aber wenn der Kapitalismus in der Lage wäre, derartige Ergebnisse
zu garantieren, dann würde der Kampf für den Sozialismus keinen Sinn haben.
Unter dem aktuellen Herrschaftssystem kommt es niemals zu einer Verteilung
der Gewinne der Besitzenden auf die gesamte Gesellschaft. Sie erzeugen nur
größeren Wettbewerb betreffend die Ausbeutung und die periodischen
dramatischen Krisen, die über die Unterdrückten hereinbrechen.
Eine andere Rechtfertigung für das Konzept der "Neo-Entwicklung" könnte die
Annahme eines positiven Effektes dieses Kurses auf das Kräfteverhältnis
zwischen Arbeit und Kapital sein. Aber wenn die Ausgebeuteten ein Projekt
stützen, das nicht das ihre ist, verlieren sie die Möglichkeit zur Aktion.
Niemals können sie ihre Lage verbessern, indem sie für das System arbeiten,
das sie unterdrückt. Auf diesem Weg unterminieren sie ihre ureigenen
Interessen.
Das Fehlen eines eigenen Plans ist das Haupthindernis, vor dem die
Unterdrückten stehen, wenn sie für den Sozialismus kämpfen wollen. Die
Politik der "Neo-Entwicklung" verschärft diese fehlende Autonomie, weil sie
Überzeugungen der Lohnabhängigen den Bedürfnissen der Kapitalisten
unterordnet. Anstatt das Vertrauen der Massen in die eigene Aktion zu
stärken, verstärkt diese Orientierung die Erwartungen in den bürgerlichen
Paternalismus.
Einige Theoretiker beteuern unisono, dass die "Neo-Entwicklung" eine
Übergangsphase sei. Aber was für eine Zeitspanne gestehen sie dieser Periode
zu? Ein paar Jahre oder ein paar Jahrzehnte? Eine Industriegesellschaft
reift nicht in kurzer Zeit. Um eine gewisse Entwicklung zu generieren,
bedarf es einer langen Übergangsetappe der Akkumulation auf Kosten der
Ausgebeuteten. Während dieser Phase würde sich das System nur dann
stabilisieren, wenn die Kapitalisten Gewinnaussichten haben, die sie dazu
bringen, zu investieren. Und diese Voraussetzung -- im Kontext des
internationalen Wettbewerbs -- würde ein Maß an Arbeitsdisziplin erfordern,
das mit jeglicher antikapitalistischen Perspektive unvereinbar ist.
Der Sozialismus wird nur auf dem entgegengesetzten Weg vorankommen, dem der
überzeugenden Aktionen und sozialer Errungenschaften, die tendenziell die
Grenze des kapitalistischen Systems überschreiten. Und dieser Kampf wird nur
dann erfolgreich sein, wenn die Unterdrückten ausgehend von einer radikalen
Kritik des aktuellen Systems revolutionäre Ideen aufgreifen. Die Lobreden
für die Option der "Neo-Entwicklung" sind diesem politischen Reifungsprozess
entgegengesetzt.
DER SINN VON BÜNDNISSEN
Diejenigen, die die wirtschaftliche Zukunft der Region in Abhängigkeit von
der Kontroverse zwischen "Neo-Entwicklern" und Neoliberalen betrachten,
neigen zu der Ansicht, dass die einzig möglichen politischen Alternativen
sich auf Mitte-Links und Mitte-Rechts beschränken. [6] Aber aus der
Verfolgung dieses Konflikts ergibt sich kein Weg zum Sozialismus des
21. Jahrhunderts. In einem Szenario, in dem Lula, Kirchner oder Tabaré mit
ihren jeweiligen rechten Widersachern streiten, gibt es keinen Raum für
Vorstellungen davon, welchen Weg ein antikapitalistischer Prozess nehmen
müsste. Diese Blockade wird noch größer, wenn man Chávez und Morales in dem
gleichen Block von Mitte-Links verortet und der Linken die Rolle eines
stillen Begleiters dieser Allianz zuweist.
Diese Strategie setzt voraus, dass die Volksorganisationen und die
Mitte-Links-Regierungen zu einem natürlichen Annäherungsprozess neigen, so
als ob die Interessen der herrschenden Klasse und der sozialen Bewegungen
spontan zusammenfallen würden. Derartiges würde in Wirklichkeit harte Arbeit
bedeuten, um vorab sämtliche Mehrheitsüberzeugungen umzudrehen.
Bündnisse, die dazu bestimmt sind, kapitalistische Modelle zu installieren,
haben noch ein anderes Problem: Sie neigen unweigerlich dazu, nach rechts zu
rücken. Ihre Promotoren entdecken ständig das Auftauchen eines neuen
oligarchischen Feindes, für dessen Niederlage es größerer Konzessionen an
das Establishment bedarf. Diese Tendenz bringt viele Sektoren, die zuvor mit
der Rechten identifiziert wurden, dazu, sich als fortschrittlich zu
verkleiden. Der Vorschlag, neue Partner in den MERCOSUR zu holen, um den
Kampf gegen den ALCA zu stärken, ist ein typisches Beispiel für diese
Politik. Manchmal wird selbst der "Subimperialist Spanien" als Kandidat für
diese Koalition angesehen. [7] Auf diese Weise verlieren sämtliche Fragen
bezüglich der Ausplünderung durch [den Ölkonzern] Repsol ihre Relevanz, und
man beerdigt in wenigen Sekunden die Anklagen von Jahren.
Die Strategie, mehr und mehr Allianzen gegen die Oligarchie zu schmieden,
führt dazu, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Es ist dies der Weg, der
Lula, Tabaré und Bachelet in Richtung Sozialliberalismus trieb und es ist
auch die Richtung, die gegenwärtig Daniel Ortega einschlagen möchte. Der
neue Präsident von Nicaragua ähnelt in nichts mehr seinem alten
revolutionären Bild. Er garantiert Privatisierungen, verteidigt die
Überwachung durch den IWF und akzeptiert die Kontinuität des
Freihandelsabkommens mit den Vereinigten Staaten. [8]
Ein regionaler Machtblock, der zum Aufbau des Sozialismus beiträgt, kann so
nicht entstehen. Der Sozialliberalismus und die Zentrumslinke verhindern
nicht nur einen Schritt in diese Richtung, sondern sie behindern auch die
antiimperialistischen Tendenzen und sozialen Reformen, die die
radikal-nationalistischen Regierungen vorantreiben. Ein großes Ziel der
Konservativen vom MERCOSUR ist genau, ALBA aufzulösen.
Die "Neo-Entwicklung" ist das Programm von /Petrobrás/, um sich die
Ausbeutung von Gas auf dem Altiplano zu sichern. Es ist auch die Grundlage,
auf der das Handelsabkommen mit Israel entstand, das Kirchner vorantrieb,
während Chávez die Tötungen der PalästinenserInnen anprangerte. Ein
regional-kapitalistisches Modell verlangt, alle Konflikte mit dem
Imperialismus zu mäßigen, um ein günstiges Klima für die Geschäfte in der
Region zu fördern. Deshalb gibt es im Augenblick die großen
Auseinandersetzungen in Bolivien und Venezuela.
DER VENEZOLANISCHE SCHEIDEWEG
Seit den PutschistInnen in Venezuela ein schwerer Schlag versetzt wurde, hat
sich das Land in einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung sozialistischer
Prozesse verwandelt. Die Rechte erlitt einige Rückschläge bei Wahlen und ist
stark geschwächt. Sie zettelte einige Putschversuche an (Versuche, das Land
zu teilen, bewaffnete Provokationen, internationale Kampagnen), aber es
fehlt ihr ein gangbarer Plan, um Chávez zu ersetzen.
Dieser Triumph hat sich auch auf internationaler Ebene gespiegelt, als Folge
von Unehrerbietigkeiten, die Bush an verschiedener Stelle akzeptieren
musste (auf diplomatischer Ebene bei der UNO und den Blockfreien; bei der
OPEC; auf geopolitischer Ebene in Bezug auf Iran und Mittlerer Osten; auf
ökonomischer Ebene in Bezug auf die Abkommen mit China).
Die Vereinigten Staaten sind angewiesen auf die Versorgung mit Erdöl aus
Venenzuela. Solange sie noch mit der Katastrophe im Irak beschäftigt sind,
können sie sich auch auf kein weiteres Kriegsabenteuer einlassen. Die Figur
Chávez hat an Bedeutung gewonnen. Viele AnalystInnen bewerten daher die
Wahlen in der Region daraufhin, ob der venezolanische Präsident
BündnispartnerInnen hinzu gewinnt oder verliert.
Der Konflikt zwischen Tendenzen, die von einer Radikalisierung ausgehen, und
Tendenzen, die von einem Einfrieren des bolivarianischen Prozesses ausgehen,
verweist in Venezuela auf das Dilemma "Sozialismus oder Neo-Entwicklung". Es
ist derselbe Konflikt, mit dem sich schon andere nationalistische Prozesse
auseinandersetzen mussten und der mit der kubanischen Revolution ein
positives Ende gefunden hat, aber in vielen anderen Fällen einen
rückwärtsgewandten Ausgang hatte. Dieser Konflikt in Venezuela stellt
diejenigen, die für eine vertiefte Fortführung der sozialen Reformen sind,
denjenigen gegenüber, die die kapitalistische Ordnung verteidigen. Die
Bevölkerung sieht hier einen Konflikt zwischen der fortschrittlichen Führung
von Chávez und dem Druck der konservativsten Gruppierungen der staatlichen
Bürokratie.
Den bolivarianischen Prozess zu vertiefen, würde auch heißen, die sozialen
Verbesserungen (Reduzierung der Armut, Steigerung der Ausgaben der
Bevölkerung, finanzielle Unterstützung von Projekten) durch eine Strategie
der produktiven Nutzung der Einkünfte aus der Erdölindustrie zu ergänzen.
Diese Politik sollte versuchen, die Industrialisierung auszuweiten,
Arbeitsplätze zu schaffen und die Ausbreitung von Kooperativen zu fördern.
Auf diese Weise könnte der Schwund, an dem eine von Importen abhängige und
von Subventionen an die herrschenden Klasse ausgezehrte Ökonomie leidet,
verringert werden.
Die Wendung hin zu einer sozialistischen Perspektive würde es notwendig
machen, diese Subventionen abzuschaffen, die Eigentumsverhältnisse zu
verändern (vor allem auf dem Land) und Formen der Mitbestimmung der
Arbeitenden, wie sie in staatlichen Firmen (Alcasa) und zurückgewonnenen
Unternehmen (Invepal) bereits praktiziert werden, allgemein anzuwenden.
Das Programm der "Neo-Entwicklung" zeigt in die entgegengesetzte Richtung.
Es versucht, mit kapitalistischen Gruppen, die sich an die Regierung wenden,
um lukrative Geschäfte zu machen (die Gruppen Mendoza und Polar),
Verbindungen einzugehen, und es unterstützt eine neue Schicht von
Geschäftsleuten, die unter gewissen Gruppen des /Chavismus/ in Erscheinung
treten. Wenn sich dieser Kurs festsetzt, wird sich das Ungleichgewicht
vertiefen, das die Verwaltung einer blühenden Konjunktur ohne die Strategie
einer radikalen Veränderung mit sich bringt (Anstieg der Importe,
Inflationstrieb, Fehlen von privaten Investitionen, Konsum ohne produktive
Deckung). [9]
Bei dieser Perspektive werden so fragwürdige Projekte anberaumt wie der
/Gasoduct, /umstrittene Verträge bzgl. der Erdölindustrie (gemischte
Unternehmensformen, Öffnung für ausländisches Kapital) und der schlechte
Gebrauch öffentlicher Gelder für die Abzahlung von Auslandsverschuldung, die
den großen Banken zugute kommt.
In Venezuela treffen die Projekte der "Neo-Entwicklung" der Bourgeoisie auf
eine sozialistische Perspektive. Diese sollte von Mobilisierungen gestützt
werden, welche in den letzten Jahren durch neu entstandene radikalisierte
Gruppen von Jugendlichen, Frauen, Bauern und Bäuerinnen und
Kooperativenmitgliedern gestärkt wurden. Der intensive Prozess der
Mitgliedergewinnung in einem neuen Gewerkschaftsverband unter großer
Teilnahme der Linken ist ein zentraler Aspekt für Fortschritt. [10] Je
größer die Autonomie und je gefestigter die Organisationen der sozialen
Bewegungen sind, desto mehr Gewicht werden die Subjekte haben, die bei einem
Schritt in Richtung Sozialismus eine Hauptrolle spielen könnten.
DIE ALTERNATIVEN IN BOLIVIEN
Auf etwas andere Weise befindet sich Bolivien vor demselben Scheideweg wie
Venezuela. Auch hier ist der /Sozialismus des 21. Jahrhunderts/ als Ziel in
die Debatten der sozialen Bewegung eingedrungen. [11] Mehrere Aufstände
(2000, 2003 und 2006) auf dem bolivianischen Altiplano stürzten die
neoliberalen Herren mit -- auf verschiedenen Ebenen -- sehr radikalen
Forderungen: auf der politischen Ebene mit der Forderung nach einer
verfassungsgebenden Versammlung, auf der wirtschaftlichen Ebene mit der
Forderung nach der Verstaatlichung der Ressourcen an Erdgas und Erdöl und
auf der sozialen Ebene mit der Forderung nach einer sofortigen Verbesserung
der Situation für alle Unterdrückten.
------------ KASTEN -----------------------------------------------
STICHWORTE
ALCA: "Amerikanische Freihandelszone" (engl.: FTAA) -- US-Plan eines
"Gemeinsamen Markts von Alaska bis Feuerland". Erster der Schritt soll der
Abbau von Zollschranken sein, wogegen sich die Länder des Südens wehren.
MERCOSUR: "Gemeinsamer Markt des Südens" -- südamerikanisches
Wirtschaftsabkommen mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Marktes.
Mitglieder sind Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay; Venezuela hat
den Beitritt beantragt. Assoziierte Staaten sind Chile, Bolivien, Peru,
Kolumbien und Ecuador.
ALBA: "Bolivarianische Alternative für Amerika" -- von Hugo Chávez
initiierte lateinamerikanische Wirtschaftsgemeinschaft, die von Europa und
den USA unabhängig sein soll. Außer den Gründungsmitgliedern Venezuela und
Kuba gehören ihr derzeit Bolivien und Nicaragua an.
Morales' Triumph ist für die Rechte ein schwerer Schlag. Die Rechte
versucht, diesen Rückschlag umzukehren, indem sie mehrere Verschwörungen
unterstützt, z.B. die Sabotage der konstituierenden Versammlung, Streiks der
ArbeitgeberInnen in /Oriente/, die Drohung mit der Abspaltung eines
Landesteiles (Santa Cruz) und Kirchenkampagnen. Die Eliten üben auch
innerhalb der Regierung Druck aus, um die Reformprojekte zu neutralisieren.
Im Kabinett sitzen sowohl konservative Geschäftsleute, Intellektuelle aus
der Mittelklasse, als auch Führer von sozialen Bewegungen. Aber die
MAS-Regierung kann nicht auf eine politische Struktur zurückgreifen, die
darauf vorbereitet wäre, durch Präsenz auf der Straße und mit den rechten
Komplotten zu kämpfen. Und das in einem Land, das sich durch seine raschen
und gewalttätigen Konflikte auszeichnet. Morales' Politik ist bis jetzt sehr
widersprüchlich. Er vermeidet sowohl besänftigende als auch radikalisierende
Aussagen. [12]
Der Widerspruch zwischen "Neo-Entwicklung" und Sozialismus ist bedingt vom
Kräftegleichgewicht der Rechten und der Massen. Einige Zentrumslinke trauen
den sozialen Forderungen keine Ausdauer zu. Sie registrieren jedoch nicht,
dass die Zukunft des Projekts von der Fähigkeit der LehrerInnen,
BergarbeiterInnen und SiedlerInnen, abhängt, ihren Forderungen Ausdruck zu
verleihen. Die Unterdrückten, die 5 Jahrhunderte gewartet haben um endlich
in Würde leben zu können, möchten nicht eine Minute mehr ertragen. Diese
Entscheidung nährt den Kampf um den Sozialismus.
Der soziale Disput, der ins Spiel gebracht wurde, hängt auch davon ab,
welche Form die Nationalisierung der Erdöl- und Erdgasvorkommen annehmen
wird. Wenn sich der Staat 70% der Einkommen aus der Erdölindustrie aneignet,
würde der Fiskus mit 67 000 Millionen Dollar genug Ressourcen haben, um die
Armut abzuschaffen (67% der Bevölkerung können im Augenblick ihre
Grundbedürfnisse nicht abdecken). Allein durch die Anwendung der Gesetze,
die die Steuern und weitere Einnahmen anheben, würde der Staat sofort das
Dreifache der letzten Jahre einnehmen. Die Verstaatlichung hat dazu gedient,
sich die Einkünfte aus der Erdölindustrie, die bisher die multinationalen
Konzerne einsackten, zurückzuholen. Der Preis dafür war jedoch, die Präsenz
dieser Unternehmen im Land zu bestätigen. [13]
Bisher hat erst die erste Runde einer langen Schlacht zur Festlegung des
Umfangs der [verstaatlichten] Ressourcen stattgefunden. Aber wesentlich
bedeutsamer wird sein, wie die Mittel verteilt werden. Unter günstigen
ökonomischen Umständen -- und genau entgegengesetzt zu Verschuldung und
Hyperinflation, die Siles Suazo in den 80 Jahren untergruben -- kann der
neue Überschuss entweder dazu dienen, ein Modell der "Neo-Entwicklung" zu
fördern oder dazu, die Verbesserungen für die Bevölkerung einzulösen.
Der kapitalistische Pfad würde es erfordern, dass die Einkünfte zur
Sicherung des Anbaus von Soja auf Großplantagen, zur Privatisierung der
Metallvorkommen und zur Rückkehr zur orthodoxen Geldpolitik eingesetzt
würden.
Ein sozialistisches Vorgehen würde die Agrarreform, den Anstieg der Löhne,
die Wiederverstaatlichung der Minen und einen Prozess der Industrialisierung
ohne Hilfen für das Kapital unterstützen. Wie im Rest der Region, sind auch
hier die beiden möglichen Wege einander entgegengesetzt.
DIE AUSWIRKUNGEN AUF KUBA
Sowohl die Stabilisierung eines kapitalistischen Modells in Lateinamerika
als auch ein Linkskurs würden sich direkt auf die Zukunft Kubas auswirken.
Bis jetzt hat die kubanische Revolution alle fatalistischen Vorhersagen
bzgl. ihres Scheiterns Lügen gestraft. Die kubanische Bevölkerung hat das
Regime trotz des ökonomischen Zusammenbruchs und trotz des erstickenden
imperialistischen Drucks gestützt. Diese Tatsache sollte Spekulationen
darüber, welche Form die Restauration nach Fidel Castros Tod annehmen wird,
etwas bremsen. Für diejenigen, die sich in die Rückkehr des Kapitalismus
fügen bzw. sie sogar feiern, ist die kubanische Identität, die die
Revolution stützt, ein Rätsel: Es ist eine doppelte, eine nationale und
sozialistische Identität, die auf antiimperialistischem Stolz und auf der
Verteidigung des Gleichheitsprinzips basiert. [14]
Der /Sozialismus des 21. Jahrhunderts/, zu dessen Aufbau Venezuela aufruft,
bietet angesichts solcher Aussichten eine Alternative. Er steht vor einem
ganz anderen Hintergrund als dem, den noch die 90er Jahre abgaben. Damals
musste sich Kuba mit unzähligen Verschwörungen auseinandersetzen (Pläne der
CIA, Fidel zu ermorden) und befand sich in einem Klima von regionaler
Isolation und neoliberaler Anfeindungen. Im Gegensatz dazu ist im Augenblick
Bush isoliert, hat die Rechte einige Regierungen verloren und hat die
kubanische Diplomatie wieder an Einfluss gewonnen. Fidels Autorität und die
Erinnerung an Che Guevara sind heutzutage in den sozialen Bewegungen in
Lateinamerika präsent und mit Hilfe der /bolivarianischen Solidarität/
konnten viele Schwierigkeiten auf der Insel abgeschwächt werden.
Kubas Wachstum hat sich stabilisiert und die Probleme bei der
Energieversorgung haben mit den Einnahmen aus dem Tourismus, den neuen
Exporten und den Abkommen mit China abgenommen. Möglicherweise kann jetzt
auch damit begonnen werden, die Qualifikationen, die Kubas Bevölkerung
erworben hat, produktiv zu nutzen.
Aber das Land steht vor einer wichtigen Entscheidung: Denn die Revolution
kann sich -- wie Fidel Castro in einer wichtigen Rede im November 2005 ganz
richtig sagte -- auch selbst zerstören. Angesichts dieser Bedrohung können
Wege eingeschlagen werden, die auf eine Erneuerung des Sozialismus
hinwirken. Es können aber auch Wege gegangen werden, die zurück zum
Kapitalismus führen. In welche Richtung gegangen wird, wird nicht
unerheblich von den Entwicklungen in Lateinamerika beeinflusst.
Wenn sich in Lateinamerika die Strömungen, die sich auf die
"Neo-Entwicklung" beziehen, durchsetzten, würde der kapitalistische Druck
auf Kuba bestehen bleiben, auch wenn die Blockade gelockert würde. Das Geld
würde nicht mehr versuchen, mit militärischen Mitteln nach Kuba zu gelangen,
sondern durch die großen Konzerne. Bereits in den letzten Jahren musste die
kubanische Revolution mit einer von Geldsendungen und der Einführung von
Dollar-Enklaven verursachten sozialen Ungleichheit leben. Die vom MERCOSUR,
die der "Neo-Entwicklung" anhängen, werden versuchen, diese Spaltung zu
verstärken. Sie werden die Bildung einer neuen Bourgeoisie auf der Insel
fördern. Dagegen würden sozialer Widerstand, Wachstum der Linken und das
Aufkeimen des Sozialismus in Lateinamerika einen entgegengesetzten Kurs
fördern.
Kuba kann und darf sich nicht isolieren. Der "nordkoreanische Bunker" wäre
die schlechteste Option. Deshalb ist es für Kuba notwendig, auf die
Möglichkeiten des Marktes und auf Assoziationen mit Investoren
zurückzugreifen, was unter anderen Umständen nicht akzeptabel wäre. Daher
muss erklärt werden, wie sich die Restauration in Kuba möglicherweise
gestalten könnte. Sie würde nicht so sehr in den kleinen Märkten, dem
informellen Handel und der selbstständigen Arbeit vonstatten gehen, sondern
vielmehr in den internationalen Verbindungen der Eliten, die daran
interessiert sind, entweder ein sozialdemokratisches Modell (mit Europa
abgestimmt) oder ein autoritäres Modell (analog zu China) zu befehligen. Für
beide Modelle könnte die lateinamerikanische "Neo-Entwicklung" als Partner
zur Verfügung stehen.
Eine Etappe der regionalen Anhäufung von Unternehmen hätte auch Auswirkungen
auf zwei Probleme, die erst kürzlich von verschiedenen Anführern der
Revolution unterstrichen wurden: die Konsumorientierung und die Korruption.
Je gefestigter sich der Kapitalismus in der Nachbarschaft gibt, desto größer
wäre der Druck auf das in Kuba wichtige Prinzip der kollektiven Solidarität.
Es könnte aufgeweicht werden. Anstatt eines Konzepts des kollektiv
verabredeten Konsums mit der Funktion, Ressourcen und Mängel zu nivellieren,
würde ein zerstörerischer Individualismus gefördert werden.
Die Korruption stellt ein noch größeres Problem dar. Sie lässt an die
Korruption in der UdSSR und Osteuropa denken. Dort nährten sich die
restaurativen Gruppen an der schlechten Behandlung, dem Raub und der
Ausplünderung von staatlichen Ressourcen. Die Nachlässigkeit gegenüber
öffentlichem Eigentum zeigte, dass ein Teil der Bevölkerung diese Ressourcen
nicht als etwas /Eigenes/ betrachtete. Diese Haltung wird nicht allein durch
Zureden überwunden, vor allem wenn nebenher Anzeichen von Apathie in der
Jugend existieren. Das einzige effektive Gegenmittel ist hier die
Beteiligung der Bevölkerung, und zwar in einem politischen System der
fortschreitenden Demokratisierung.
Die Verteidigung der Revolution in Einklang zu bringen mit offeneren
Debatten, differenzierteren politischen Ausrichtungen, gewerkschaftlichen
Freiheiten und modernisierten Kommunikationsmedien -- das ist die große
Aufgabe, die ansteht, um den Sozialismus in Kuba zu erneuern. Die
lateinamerikanische "Neo-Entwicklung" ist der Feind dieser Entwicklung.
ZWEI TRADITIONEN
Alle Anhänger und Anhängerinnen des /Sozialismus des 21. Jahrhunderts
/unterstreichen treffend, dass die lateinamerikanische Befreiung keine Kopie
von Befreiungsversuchen in anderen Breiten sein wird. Sie heben hervor, dass
sich der Kampf um eine egalitäre Gesellschaft in Lateinamerika mit eigenen
antiimperialistischen Traditionen verbindet. Das gegenwärtige
emanzipatorische Projekt fußt einerseits auf einer historischen Linie des
radikalen Nationalismus -- die mit Martí, Zapata und Sandino ihren Ausdruck
fand -- und andererseits auf unterschiedlichen Strömungen des Marxismus.
Dieses Vermächtnis führt zu einer Tradition, die sich sehr vom konservativen
Nationalismus im patriotischen Stil unterscheidet und die auch vom
sozialdemokratischen Freihandel auf der sozialistischen Seite (den Juan B.
Justo einführte) sehr weit entfernt ist. Der antiimperialistische
Nationalismus ist dem militaristischen Chauvinismus entgegengesetzt, und die
radikale Linke ist die Antithese des Sozialliberalismus des Dritten Weges.
Diese Verbindung von zwei Pfeilern des Sozialismus findet in Lateinamerika
ihren Ausdruck in einer Fülle von Symbolen (z.B. Ablehnung der Yanquis),
Figuren (z.B. Che Guevara) und Realitäten (z.B. die kubanische Revolution),
die einen großen Einfluss auf die junge Generation ausüben. Aus diesem Grund
wird das emanzipatorische Projekt als eine Synthese verschiedener regionaler
Wege geschildert. [15] Auch die Wertschätzung und Einbeziehung indigener
Traditionen und der Kultur der Anden, welche durch Jahrhunderte andauernde
ethnische und kulturelle Unterdrückung zum Schweigen gebracht worden waren,
sind Teil dieser Synthese.
Der /Sozialismus des 21. Jahrhunderts /ist eine universelle Formel, die ihre
Fundamente in den einzelnen Regionen und Gebieten hat. Er ist eine Mischung,
die den Reichtum und die Vielfalt des kommunistischen Programms
widerspiegelt. Als Ideal entstand der Sozialismus Mitte des
19. Jahrhunderts. Während der verschiedenen Versuche seiner Realisierung in
Russland, Asien und Osteuropa nahm er unterschiedliche Formen an. Diese
regionalen Anpassungen sind bestimmend für die intellektuellen
Einzigartigkeiten, die uns der Marxismus in Ost und West gebracht hat. [16]
Viele KritikerInnen sehen die lateinamerikanische Linke als einen Haufen,
der zerfressen ist vom Konflikt zwischen positiven einheimischen Tendenzen
und negativen europäisierenden Einflüssen. Die vereinfachenden Thesen der
KritikerInnen blenden jedoch aus, dass die lateinamerikanische Linke auf
einer Mischung aus einheimischen /und/ ausländischen Traditionen beruht.
Diese Vielfalt muss anerkannt werden.
Aber nicht nur die am meisten von Konzeptionen von außen beeinflussten
linken TheoretikerInnen griffen auf außerregionale Quellen zurück. Auch die
Denker, die eine Theorie des nationalen (oder regionalen) Sozialismus
entwickelten -- wie Jorge Abelardo Ramos -- ließen sich von Thesen
inspirieren, die sie in Europa gehört hatten und die in Asien oder den
Vereinigten Staaten angewandt worden waren. Ihre These besagt, dass die
Nation (bzw. die /Zone/) eine Einheit darstellt, die /über /dem sozialen
Leben steht und die /schwerer /wiegt als Klasse und soziale Widersprüche.
Der einzige lateinamerikanische Aspekt dieser These ist der geographische
Bereich, auf den sie sich bezieht. Auf alle Probleme gehen die
lateinamerikanischen VertreterInnen des /nationalen Sozialismus/ mit den
gleichen Argumenten ein wie die nationalistischen TheoretikerInnen aus
anderen Ecken der Welt. Ihr Universalismus unterscheidet sich von dem der
InternationalistInnen nur dadurch, dass sie eine andere Synthese zwischen
nationalen und ausländischen Anteilen des Volkskampfes vorschlagen.
Von dieser Differenz gibt es unzählige Schattierungen, und für sich genommen
hat sie auf der politischen Ebene keine große Bedeutung. Was im Gegensatz
dazu eine unbestreitbare Spaltung in der lateinamerikanischen Linken ist,
ist die Frage, bis zu welchem Grad der Kampf um den Sozialismus konsequent
geführt wird. Ob die Affinität zum europäischen Denken größer oder kleiner
ist, ist ein zweitrangiges Problem verglichen mit dem Vorhaben, die
kapitalistische Unterdrückung zu überwinden.
Was das Erbe von Jorge Abelardo Ramos vom Vermächtnis marxistischer
TheoretikerInnen wie Mella oder Mariátegui unterscheidet, ist die Frage, ob
dem Sozialismus eine kapitalistische Etappe vorausgehen soll oder nicht.
Dies ist der wichtigste Aspekt der gegenwärtigen Debatte. Ersterer suchte in
den Reihen der lokalen Bourgeoisie VorkämpferInnen für die regionale
Entwicklung, letztere setzten auf die sozialistische Aktion der Massen.
Jetzt im 21. Jahrhundert werden wieder diese beiden entgegengesetzten
politischen Richtungen diskutiert und es wird der Anschein geweckt, dass
beide Wege gangbar wären. [17]
Die Tradition von /Mariátegui/ und /Mella /ist besonders dem Erbe von /Haya
de la Torre/ entgegengesetzt. Die Sozialisten, die den Marxismus in Peru und
Kuba einführten, vertraten eine sozialistische Strategie ohne
Unterbrechungen. Torre dagegen bevorzugte die Vereinigung der Region unter
kapitalistischem Vorzeichen als unausweichliche Stufe zu einer wie auch
immer gearteten egalitären Zukunft. [18] Die laufende Debatte über den
Sozialismus als einen aktuellen antikapitalistischen Prozess oder als eine
dem MERCOSUR nachfolgende Etappe aktualisiert diese alten Kontroversen.
ZWEI HALTUNGEN
Die Überzeugung, dass der Sozialismus jetzt sofort, zum jetztigen Zeitpunkt,
begonnen werden kann, erlaubt die Annahme einer sozialistischen Identität,
die sich nicht verstecken muss. Glaubt man dagegen, dass der Sozialismus
erst nach einer Etappe der "Neo-Entwicklung" kommen kann, wird der Kampf
gegen den Kapitalismus unschlüssig und inkonsequent geführt werden. Um
gemeinsam mit den Industriellen und den InvestorInnen eine Wegstrecke gehen
zu können, muss gegenüber den GeldgeberInnen ein gemäßigtes und
verantwortungsvolles Benehmen an den Tag gelegt werden. Alle sozialistischen
Intentionen müssen auf eine mögliche zweite Phase vertagt werden.
Für diejenigen TheoretikerInnen, die die Welt nur interpretieren, ohne sie
verändern zu wollen, ist der Sozialismus schon immer ein lästiges Thema, da
er Probleme aufwirft, die ihren beschaulichen Blick auf das sie umgebende
Universum durcheinander bringen. Somit stellt auch das Projekt des
/Sozialismus des 21. Jahrhunderts/ ein Problem für diese TheoretikerInnen
dar, da sie nur das Ungleichgewicht des Kapitalismus studieren, ohne sich
darüber Gedanken zu machen, wie eine andere Gesellschaft erreicht werden
könnte.
Aber viel schädlicher als jede Fehleinschätzung bei der Analyse des
gegenwärtigen Kapitalismus ist das Fehlen von sozialistischen Projekten in
der Linken. Deshalb ist es unausweichlich notwendig, den Begriff
/Sozialismus/ wieder vorurteilslos zu gebrauchen, ohne ihn durch andere
Begriffe ersetzen zu wollen. Das sozialistische Konzept ist nicht nur ein
ungefähres Synonym für "das Soziale". Es bezieht sich konkret auf ein von
Ausbeutung befreites System, und nicht auf ungefähre Unschicklichkeiten
irgendeiner menschlichen Gemeinschaft. Sich diffus auf den
"Postkapitalismus" zu beziehen, reicht nicht aus, um sich vorstellen zu
können, wie eine zukünftige Gesellschaft aufgebaut sein soll. Dazu müssen
alternative Programme vorgestellt werden.
Einige Analysten vermuten, dass sich der Sozialismus nach dem Kollaps der
UdSSR nicht mehr ausbreiten kann. Sie geben zu bedenken, dass der Begriff
an Prestige verloren hat und seitdem nicht mehr in Gebrauch ist. Aber das
wiederholte Auftauchen des Konzepts in Lateinamerika sollte sie dazu
bringen, die Totenmesse, die sie dem Begriff schon gelesen haben, zu
überdenken.
Viele Begriffe erlitten eine ähnliche Erschütterung wie der des
"Sozialismus". Der Begriff "Demokratie" zum Beispiel wurde in
vergleichbarer Weise verzerrt. Die Demokratie war das Feldzeichen der
schlimmsten imperialistischen Zusammenstöße während des vergangenen
Jahrhunderts und diese Verformung führte nicht dazu, dass das Wort durch ein
anderes ersetzt wurde. Niemand schlug vor, für die Souveränität des Volkes
einen anderen Begriff zu verwenden als "Demokratie". Um bestimmte Phänomene
zu benennen, gibt es einfach Wörter, die nicht ersetzt werden können.
Der Begriff des "Sozialismus" war einem ähnlichen Hin und Her wie die
"Demokratie" ausgesetzt, daher sollte seine Gültigkeit unter Berücksichtung
einer gewissen historischen Perspektive bewertet werden. Die Demokratie als
Ideal wurde im Jahr 1789 erfunden, aber erst während einer langen,
nachfolgenden Periode konnte das Prinzip der /politischen Gleichheit
/durchgesetzt werden. Am Ende wurde es als Prinzip akzeptiert und überwand
die mittelalterlichen Hierarchien, die in der Vergangenheit mit der
menschlichen Existenz selbst identifiziert worden waren.
Mit der Erfindung des Sozialismus geschah etwas Ähnliches. Sein Debut 1917
wird in Erinnerung bleiben als großer Vorläufer für die menschliche
Ruhmestat, die /soziale Gleichheit/ zu erringen und das Individuum von den
Ketten des Marktes zu befreien. Am Beginn des 21. Jahrhunderts kann an der
Verwirklichung dieser beiden Ziele gearbeitet werden.
Claudio Katz ist Ökonom und Professor an der Universität von Buenos Aires,
Forscher am Conicet, Mitglied der EDI (Kollektiv linker ÖkonomInnen). Seine
Website ist: www.netforsys.com/claudiokatz
Übersetzung aus dem Spanischen: Thadeus Pato (1. Hälfte) und Luise Lustig
Aus: Inprekorr Nr. 430/431 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: inprekorr@comlink.org
Bestellungen: Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] Claudio Katz: El rediseño de America Latina, ALCA, MERCOSUR y ALBA;
Ediciones Luxemburg, Buenos Aires, 2006
[2] Diesen Standpunkt entwickelt Heinz Dieterich. Hugo Chávez y el
socialismo del siglo XXI, Editorial Por los caminos de América, Caracas,
2005, (besonders in Kapitel 6)
[3] Dies ist ausgeführt bei: Michael Lebowitz. "El socialismo no cae del
cielo". Colección Ideas Claves,
Caracas, 2006. Wir haben verschiedene Aspekte dieses Prozesses erläutert in:
Claudio Katz. El porvenir del socialismo. Ed. Herramienta e Imago Mundi,
Buenos Aires, 2004.
[4] Heinz Dieterich. Entrevista, Interpress Service, (BI-Red solidaria de la
izquierda radical, n 9268, 21-1-06.)
[5] Heinz Dieterich. "Quién ganará. Ofensiva oligárquica y contraofensiva
popular". Argenpress, 19-10-06.
[6] Das ist die Haltung in: Heinz Dieterich. "Demanda el bloque regional de
poder popular debatepublico con los presidentes de la cumbre sudamericana de
naciones". Argenpress, 1-11-06
[7] Heinz Dieterich "Triunfa el bloque regional de poder. Falta construir el
bloque de poder popular"./Rebelión/ 22-7-06
[8] Als Ortega an die Macht gelangt, schleppt er einen großen Rucksack
voller Vorwürfe mit sich. Korruption und Veruntreuungen öffentlichen
Eigentums werden ihm vorgeworfen. Außerdem umgab er sich mit Menschen, die
bei den "Contras" und bei der CIA waren. Er schloss Straffreiheitsabkommen
mit Präsidenten, die sich mit DrogenhändlerInnen abgaben und vereinbarte
mit den kirchlichen Hierarchien, Abtreibung unter Strafe zu stellen. Mónica
Baltodano: "Nicaragua sin izquierda?", /Rebelión/, 1.11.06; Ernesto
Cardenal: "Los Sandinistas no deben confundirse", /Rebelión/, 27.1.06
[9] Siehe hierzu: Francisco Mieres, "Notas para el simposio sobre deuda",
Primer simposio internacional sobre deuda pública, auditoria popular y
alternativas de ahorro e inversión para los pueblos de América Latina,
Centro Internacional Miranda, 22.-24. Sept. 2006, Caracas
[10] Siehe hierzu: Modesto Emilio Guerrero: "Constitución, dínamica y
desafíos de las vanguardias en la revolución bolivariana", /Herramienta/ Nr.
33, Okt. 2005, Buenos Aires
[11] Die Analyse der "Allianz zwischen Staaten und sozialen Bewegungen ...
als Repräsentation des Sozialismus des 21. Jahrhunderts" war Thema auf dem
jüngsten Sozialgipfel von Sucre. Pablo Ortiz: "Sozialgipfel um vom
kommenden Sozialismus zu sprechen". S. 12, 29.10.06, Buenos Aires
[12] Mehrere Analysten beschreiben diesen Kurs. Pablo Stefanoni, Do Alto
Herve: "La revolución de Evo Morales." Editorial Capital Intelectual, Buenos
Aires, 2006. Lorgio Aillon Orellana: "Haciendo una caracterización del
gobierno de Evo Morales", OSAL n 19, Jan.- April 2006. Daniel Campione: "O
los caminos se abren", RSIR, n 9276, 23.1.06
[13] Noch fehlt das Kleingedruckte der Abkommen, das die Dauer der
Verträge, die letztendlichen Preise und die Normen der internationalen
Rechtswege festschreiben wird. Wie auch immer das Ergebnis dieses Geplänkels
aussehen wird, die Unternehmen werden sicher im Land verbleiben, da sie sich
immernoch eine Rentabilität in Bolivien ausrechnen. Zwar könnten sie
vermutlich das Verhältnis zwischen Investitionen und Gewinn nicht mehr so
gut halten (auf internationaler Ebene betrug es 1:3, in Bolivien 1:10). Aber
sie würden weiterhin verdienen und sie könnten weiterhin Druck ausüben, so
wie kürzlich, als sie die Entlassung des Ministers Solíz Rada erwirkten.
Zwei sehr unterschiedliche Seiten des Nationalisierungsprozesses zeigen
Montero und die Redakteure von /Econoticias. /Alberto Soler Montero:
"Bolivia y la nacionalización de los hidrocarburos: Tantas cosas que
aprender", /Rebelión/, 3.11.06, Redacción Econoticias: "Borrón y cuenta
nueva", www.econoticiasbolivia.com, 29.10.06
[14] Einige Betrachtungen, wie die von Farber, kombinieren die
fatalistischen Prognosen mit dem ungewöhnlichen Ausblick auf ein linkes
Projekt nach dem Zusammenbruch der Revolution. Andere Autoren -- wie Dilla
-- vermuten, dass das sozialistische Projekt schon jetzt untergegangen ist,
welchen Weg auch immer Fidels NachfolgerInnen einschlagen würden. Samuel
Farber: "Cuba: La probable transición y sus políticas", /Herramienta/ Nr.
33, Oktober 2005; Alfonso Haroldo Dilla: "Hugo Chávez y Cuba: subsidiando
posposiciones fatales", /Nueva Sociedad/ Nr. 205, Sept.-Okt. 2006, Buenos
Aires
[15] "Ein lateinamerikanischer und karibischer Sozialismus, der unsere
historischen Wurzeln und unsere Spiritualität aufnimmt". Hector Soto:
"Bolivarianische, sozialistische Revolution: Eine Entdeckung?" /A Plena
Voz/, Nr. 15, August 2005, Caracas
[16] Klassische Studien zu diesem Thema machte Perry Anderson:
"Consideraciones sobre el marxismo occidental", Siglo XXI, Mexiko 1979
[17] "Wenn beide Wege angeboten werden, ohne dass über die damit
zusammenhängenden Divergenzen aufgeklärt wird, dann verliert das
sozialistische Projekt an Inhalt. Das ist der Fehler." Fernando Ramón Bossi:
"Reflexiones sobre el socialismo del siglo XXI", www.red-bolivariana,
25.7.05
[18] Vitale, Kohan und Löwy präsentieren ein detaillierte Analyse dieser
Diskussionen. Luis Vitale: "De Bolivar al Che", Cucana ediciones, Buenos
Aires 2002, Kapitel 5,6,9,10; Nestor Kohan: "La gobernabilidad del
capitalismo periférico y los desafíos de la izquierda revoluvionaria", La
Haine, 26.11.06; Michael Löwy: "El marxismo latinoamericano", ERA, México,
1980
Inprekorr-l mailing list
Inprekorr-l ät inprekorr.de
http://lists.trilos.net/mailman/listinfo/inprekorr-l
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