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- Venezuela
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Die Herausforderung des Sozialismus im 21. Jahrhundert
Von Stuart Piper
Es gibt eine Spannung, die im Zentrum der Bolivarianischen Revolution in
Venezuela steht. Es hat sie seit mehreren Jahren gegeben. Sie ist jedoch in
den letzten Monaten in den Vordergrund getreten, seit Hugo Chavez'
Wiederwahl als Präsident im Dezember 2006, seit seiner Verkündung von "fünf
Motoren", die das Übergehen des Landes zum "Sozialismus des
21. Jahrhunderts" antreiben sollen, und seit seinem Aufruf zur Bildung einer
neuen vereinigten sozialistischen Partei, die diesen Übergang organisieren
soll. Nämlich die Spannung zwischen dem, was die Revolution -- ganz
unbestreitbar -- auf den Gebieten Anti-Neoliberalismus und Antiimperialismus
erreicht hat, und ihrem sozialistischen Versprechen, das bisher eben dies
geblieben ist -- ein Versprechen.
Natürlich hat zuerst einmal die Tiefe der strukturellen Reformen in
Venezuela -- sein oftmals lauthals verkündeter, aber dennoch realer Bruch
mit den marktorientierten Prioritäten des Konsenses von Washington -- diesen
Prozess für die globalisierungskritische Bewegung und die internationale
Linke zum Leuchtfeuer werden lassen. Wegen dieser konsequenten
anti-neoliberalen Haltung wurde Hugo Chavez im Januar 2005 auf dem
Weltsozialforum in Porto Alegre sehr willkommen geheißen, noch bevor der
venezolanische Präsident sich zu dem "S"-Wort bekannt hatte.
Der Widerhall reichte deutlich über Lateinamerika und die traditionellen
Solidaritätszirkel in Europa und Nordamerika hinaus. Ein paar Beispiele sind
erhellend. Eines kommt aus Indonesien, dort hat sich die neue Linkspartei
PAPERNAS wiederholt auf das Beispiel Venezuela bezogen, um ihren
Programmpunkt Wiedergewinnung der nationalen Souveränität über die
natürlichen Ressourcen des Landes und die wirtschaftliche Entwicklung zu
erklären und zu rechtfertigen. Ein anderes kommt aus Ägypten, dort gibt es
auf dem Basar in Kairo die Tradition, den zum Verkauf angebotenen Datteln
die Namen von bekannten Persönlichkeiten zu geben, zum Zeichen für die
Qualität der jeweiligen Bündel dieser getrockneten Früchte. Nach dem
Libanonkrieg des vergangenen Jahrs war es keine Überraschung, dass die
bittersten Sorten "Bush", "Blair" und "Olmert" benannt wurden. Ebenso wenig
konnte es besonders überraschen, dass die feinsten und süßesten Datteln nach
dem Hisbollah-Anführer "Nasrallah" genannt wurden. Von den anderen
geschmackvollen, knapp dahinter liegenden Sorten wurde eine "Chavez"
genannt. Nun hatte der venezolanische Präsident in der Tat als Protest gegen
die Aggression seinen Botschafter aus Israel abberufen.
All dies illustriert bloß die außerordentlich große Resonanz, die Venezuelas
beherzte Opposition gegen das Empire unter vielen Millionen von, wie Frantz
Fanon das einmal genannt hat, "Verdammten der Erde" gefunden hat -- eine
Resonanz, die sich nach der Niederlage des Putschs gegen ihn im April 2002
und nach der Entwicklung der auf den Gebieten Gesundheit und
Alphabetisierung aktiven "misiones" im Jahr 2003 bemerkbar gemacht hat und
die über alles hinausgeht, was es seit einigen Jahrzehnten gegeben hat.
In der jüngeren Zeit ist nun aber etwas entstanden, was dem venezolanischen
Prozess einen noch größeren, noch tiefer reichenden Widerhall verliehen hat.
Dies setzte mit Chavez' Aufforderung 2005 ein, über den "Sozialismus des
21. Jahrhunderts" zu diskutieren. Solch eine Diskussion wird heute noch
intensiver fortgeführt, nachdem er im Dezember 2006 die Aussage traf, dies
sei nun die hauptsächliche Herausforderung der nächsten Periode in
Venezuela. Sie verwandelt aber auch das internationale Potential.
Zum einen ist es für uns in Ländern, wo das Wort "Sozialismus" seit
mindestens 17 Jahren aus dem politischen Vokabular der meisten Menschen
gestrichen worden ist, plötzlich möglich geworden, über Sozialismus zu
reden, ohne dass man so angeschaut würde, als sei man gerade von einer
anderen Galaxis gekommen. Zudem ist Venezuela das erste lebendige
Laboratorium -- zumindest seit Nicaragua in den 80er Jahren des vorigen
Jahrhunderts --, in dem getestet wird, wie genau im 21. Jahrhundert eine
sozialistische Demokratie aussehen könnte und welche Strategien es gibt, um
dahin zu gelangen. In den letzten Jahren sind einige dieser strategischen
Fragen in theoretischer Form wieder aufgetaucht. Es hat beispielsweise auf
den Seiten von /Critique Communiste/, der Zeitschrift der französischen LCR,
eine bedeutende Debatte mit Beiträgen von Daniel Bensaid, Antoine Artous,
Alex Callinicos und anderen gegeben. [1] Zu den zentralen Fragen, die sie
aufwerfen, gehören: Sind eine sozialistische Revolution und der Aufbau eines
neuartigen Staats unter den gegenwärtigen Bedingungen notwendigerweise mit
einem einzigen, explosiven Moment verknüpft, in dem der alte Staatsapparat
zusammenbricht, einer Art von "Sturm auf den Winterpalast", Ergebnis eines
aufständischen Generalstreiks oder vielleicht eines langandauernden
militärischen Kampfes mit Rückhalt in der Bevölkerung? Oder lässt sich das
Entstehen von neuen staatlichen Strukturen, die für neue Klasseninteressen
einstehen, an der Seite oder sogar innerhalb des alten Staats, der für die
alten Klasseninteressen einsteht, vorstellen?
Wahrscheinlich ist dies die entscheidende Frage, vor der die bolivarianische
Bewegung in Venezuela jetzt steht. Denn, auf die Gefahr hin zu vereinfachen,
kann der politische Prozess in Venezuela als eine nationalistische,
anti-neoliberale, antiimperialistische Revolution beschrieben werden,
innerhalb deren eine sozialistische Revolution Mühe hat, nach draußen zu
dringen. Und paradoxerweise sind beide Aspekte in der Persönlichkeit von
Chavez selber kristallisiert. Die sozialistische Revolution hat Mühe, nach
draußen zu dringen, denn es handelt sich um einen Prozess, der sich aus
einem konventionellen (d. h. bürgerlich-repräsentativen) Wahlsieg 1998
heraus entwickelte, mit Rückhalt bei einer recht breiten
klassenübergreifenden Allianz, und in dem mindestens bis zu dem
fehlgeschlagenen Putsch vom April 2002 wenig geschah, damit er über diesen
institutionellen Rahmen hinaus ging. Gewiss hat die neue Bolivarianische
Verfassung von 2000 diese Institutionen gründlich ausgebessert, und sie
hatte viele radikale Dinge über Partizipation des Volks und die zentrale
Bedeutung der menschlichen Bedürfnisse und der menschlichen Potentiale zu
sagen. Sie stellte jedoch die Grundprämissen nicht in Frage -- weder die
Prämisse der auf Delegation beruhenden, repräsentativen Demokratie noch die
der privaten Eigentumsverhältnisse. [2] Und in gewissem Masse schanzte sie
die Klassenallianz ein, die hinter ihr gestanden hatte.
Seit der Erhebung gegen den Putsch 2002 und vor allem seit dem Kampf gegen
die Unternehmeraussperrung am Ende des Jahres gingen die Mobilisierungen der
Bevölkerung, die "misiones", die städtischen Landkomitees, einige
sporadische oder partielle Erfahrungen der Arbeiterkontrolle, einige der
Kooperativen auf dem Land oder in der Stadt und unlängst die entstehenden
Kommunalräte ansatzweise über diesen alten Rahmen hinaus und "stellten" ihn
sogar "in Frage". Doch sind die zentralen Machthebel in Venezuela --
einschließlich des Präsidentenamts -- institutionell innerhalb der alten
Verwaltungsstrukturen angesiedelt, ja sogar "gefangen". Das Problem der
Bolivarianischen Bewegung -- und das gilt vielleicht für die meisten in der
heutigen Welt vorstellbaren revolutionären Situationen -- ist, wie man den
bestehenden Apparat umgehen kann, wenn man über ihn an die Macht gekommen
ist (d. h. wenn man in das Amt gewählt worden ist). Im Fall von Venezuela
ist dieses Problem mit einem weiteren verbunden: Wie kann die Bewegung eine
wirkliche kollektive Führung entwickeln und sich von der Übermacht eines
einzigen revolutionären "caudillo" frei machen, wie ehrlich und fähig der
auch sein mag (wobei Chavez selber zu erkennen scheint, dass dies geschehen
muss)?
Zwei der jüngsten Entwicklungen in Venezuela und eine ein klein wenig weiter
zurückliegende scheinen auf eine mögliche Lösung hinzudeuten. Die letzte ist
die Erfahrung mit einer um die Arbeiterkontrolle erweiterten
"Mitbestimmung", die sich seit Anfang 2005 in einigen Betrieben entwickelt
hat, am bedeutsamsten in dem Aluminiumwerk ALCASA in Ciudad Guayana. Das
bleibt vom Umfang her sehr begrenzt, von der Umsetzung her voller Flicken,
und es gibt einige besorgniserregende Anzeichen dafür, dass diese Ansätze
bei der zentralen Führung in Ungnade gefallen sind. Chavez erwähnte sie in
seinen richtungweisenden Reden von Dezember und Januar, in denen er die
Prioritäten in der neuen Periode der Revolution darstellte, so gut wie gar
nicht. Sie bleiben jedoch das anspruchsvollste und anregendste Beispiel für
eine radikale Alternative zum alten System. Die beiden neueren Entwicklungen
sind der Aufruf für eine Vereinigte Sozialistische Partei als "die
demokratischste Partei, die Venezuela jemals gesehen hat", und die
"revolutionäre Explosion der kommunalen Macht", die Chavez als den fünften
und wichtigsten Motor für den Übergang Venezuelas zum Sozialismus des
21. Jahrhunderts bezeichnet hat.
Zusammengenommen scheinen diese drei Elemente einer alten Wahrheit wieder
zur Geltung zu verhelfen. Die Lösung kann nur in Demokratie bestehen -- in
der radikalen Ausdehnung von Demokratie in jeden Bereich des
gesellschaftlichen Lebens, denn das ist letzten Ende das, worin Sozialismus
besteht. "Kollektiveigentum" an den Produktionsmitteln ist in der Tat
witzlos, solange sie nicht die Ausdehnung von demokratischer kollektiver
Kontrolle über die Wirtschaft bedeutet.
Präsident Chavez hat die Herausforderung der kommunalen Macht am 8. Januar
bei der Vereidigung seiner neuen Regierung so umschrieben:
"In diesem Jahr müssen wir mit den Kommunalen Räten über die örtliche Ebene
hinausgehen. Wir müssen damit anfangen, in erster Linie per Gesetz, eine
neue Art von regionaler, lokaler und nationaler Konföderation von Kommunalen
Räten zu schaffen. Wir müssen an die Schaffung eines kommunalen Staats
herangehen. Und der alte bürgerliche Staat, der noch da ist, der noch am
Leben und durchaus rührig ist, wir müssen anfangen, ihn Stück um Stück
abzutragen, in dem Maße wie wir den kommunalen Staat, den sozialistischen
Staat, den bolivarianischen Staat aufbauen, einen Staat, der dazu in der
Lage ist, eine Revolution durchzuführen. Nahezu alle Staaten sind
entstanden, um Revolutionen zu verhindern. Wir haben also eine ganz schöne
Aufgabe vor uns: einen konterrevolutionären Staat in einen revolutionären
Staat umzuwandeln."
Das ist nun in der Tat eine weit reichende Vision. Der venezolanische
Revolutionär und frühere Minister Roland Denis -- der Chavez oft von links
kritisiert -- hat sicherlich recht, wenn er sagt, dass die kommunalen Räte
-- die 200 bis 400 Familien für Diskussionen und Entscheidungen über lokale
Ausgaben und Entwicklungspläne zusammenbringen sollen -- eine historische
Gelegenheit bieten, den bürgerlichen Staat zu beseitigen. Theoretisch gibt
es davon bereits 18 000. Die Zahl soll auf 30 000 ansteigen. In der Praxis
müssen viele erst in Gang kommen.
Es gibt aber zwei miteinander verbundene Probleme mit den kommunalen Räten,
wie sie gegenwärtig konzipiert sind. Eines besteht darin, dass sie nicht
vollständig autonom sind. Selbst wenn "chavistas" in diesem alten Staat
sitzen, gilt: Sie wurden per Gesetz geschaffen und reguliert, durch eine von
dem "alten Staat" verfasstes und verabschiedetes Gesetz. Das ist ein
bemerkenswerter Unterschied zu dem Partizipatorischen Haushalt in Porto
Alegre und einigen anderen radikaleren Ausformungen an anderen Orten in
Brasilien, von denen die venezolanische Initiative sich beträchtlich hat
leiten lassen. Dort wurde der Partizipatorische Haushalt von einer
Konvergenz sozialer Bewegungen in den armen Stadtteilen und der Partei (der
Arbeiterpartei, PT), die im Rathaus war, "informell" aufgestellt; man machte
sich ein Schlupfloch in der brasilianischen Verfassung nach der Diktatur
zunutze. Einer der grundlegenden Leitsätze war, dass der Partizipatorische
Haushalt autonom sein und sich selber regulieren sollte; es hat dazu nie
eine Gesetzgebung gegeben, man stellte eigene Regeln auf und konnte sie nach
Belieben ändern, und weder die VertreterInnen des Rathauses noch der Partei
hatten in diesen Angelegenheiten direkt etwas zu sagen.
Zum zweiten, und ebenfalls anders als bei dem Partizipatorischen Haushalt in
Porto Alegre, haben die Kommunalen Räte keine souveräne
Entscheidungsbefugnis über 100 % der örtlichen Haushalte (ein weiterer
zentraler Grundsatz der Erfahrung in Porto Alegre, wenngleich er nur
teilweise umgesetzt wurde). Das Geld, über das die kommunalen Räte in
Venezuela diskutieren und das sie ausgeben, kommt in runden Summen, die
direkt von der Präsidentenkommission für Kommunalmacht zugewiesen werden,
insgesamt etwa 1,6 Milliarden Dollar im vergangenen und ungefähr das
Doppelte in diesem Jahr. Sie üben keine Kontrolle über die bestehenden
öffentlichen Haushalte aus, und es bleibt unklar, welches Verhältnis sie zu
den Ressourcen und den Verwaltungsstrukturen haben, die gegenwärtig den
gewählten Bürgermeistern, Gouverneuren und Gemeindeversammlungen unterstehen
-- ob sie anfangen werden, diese zu absorbieren und zu überlagern, oder ob
sie bloß neben ihnen bestehen.
Diese beiden Probleme sind zum Teil Resultat eines weiteren. Trotz der
Explosion aller Arten von lokaler Mobilisierung, die es in den letzten
Jahren gegeben hat, gibt es in Venezuela weder eine Tradition von fest
organisierten sozialen Bewegungen noch einer revolutionären Massenpartei
oder auch nur einer klassenkämpferischen Partei, die solche Initiativen
organisieren könnte. Zu einem gewissen Grad steht das "Phänomen Chavez" für
beides.
Von daher ist der Aufruf zum Aufbau einer neuen Vereinigten Sozialistischen
Partei (PSUV) potentiell ein so wichtiger Schritt. Auf diesem Weg könnte man
vielleicht am ehesten dahin kommen, dass man sich nicht mehr auf eine
einzige zentrale Führungsperson verlassen muss. Doch nur unter der
Bedingung, dass es eine wirklich offene und demokratische Partei und nicht
irgendein monolithisches Instrument für die Weitergabe von bereits
getroffenen Entscheidungen wird. Dies ist eine große Herausforderung für die
verschiedenen kleinen Strömungen und Parteien, die sich bereits als
marxistisch oder sozialistisch verstehen. Die bedeutendste aus einer
revolutionär-marxistischen Tradition kommende -- die PRS, die Partei
Revolution und Sozialismus, der die zentralen Führungspersonen des derzeit
gespaltenen Gewerkschaftsverbands UNT angehören -- hat sich vor kurzem über
diese Frage gespalten; einige ihrer bekanntesten Führungspersonen sind für
die Beteiligung an dem Projekt PSUV, während sich andere dafür entschieden
haben, draußen zu bleiben. [3]
Meiner Ansicht nach hat die erste Gruppe absolut recht, wenn sie
argumentiert, man dürfe diese Gelegenheit nicht verpassen und, dass gerade
weil die reale Gefahr besteht, dass eine Reihe von alten bürokratischen
Elementen dieses Projekt an sich reißt, Revolutionäre darum kämpfen müssen,
dass die PSUV durchgehend demokratisch wird und keine RepräsentantInnen der
venezolanischen Kapitalistenklasse oder der neuen Bürokratie aufnimmt, die
die Bolivarianische Revolution von innen untergraben hat. Das ist dem Kampf
sehr ähnlich, den die GenossInnen der brasilianischen Sektion der Vierten
Internationale in den 1980er Jahren geführt haben, um die PT zu einer
"Arbeiterpartei ohne Bosse" und einer Partei mit maximaler interner
Demokratie zu entwickeln, mit umfassenden Rechten für Tendenzen,
proportionaler Vertretung von Minderheiten in der Leitung, einer 30 %-Quote
für Frauen usw. -- einem weitgehend erfolgreichen Kampf, der sehr viel dazu
beigetragen hat, dass die PT für die internationale Linke ein Jahrzehnt lang
oder länger zu einem Leuchtfeuer geworden ist.
Zusammengefasst gibt es offenbar für den revolutionären Prozess in Venezuela
drei unmittelbar und mittelfristig anstehende Herausforderungen.
- Kann die neue Partei eine wirkliche revolutionäre Massenpartei werden,
kann sie also einen durchgängig pluralistischen, demokratischen Raum für die
Organisierung und Koordinierung der Aktivität aller Sektoren und Strömungen
der venezolanischen Arbeiterklasse (im breitesten Sinne) und anderer
unterdrückter Teile der Gesellschaft bieten?
- Können die exemplarischen Erfahrungen mit Arbeiter-Mitbestimmung mit
Arbeiterkontrolle, wie sie bei ALCASA und anderswo begonnen wurden, auf viel
breitere Teile des öffentlichen und des privaten Sektors ausgeweitet werden?
Und können sie miteinander und mit den Kommunalen Räten und anderen Formen
von territorialer Volksmacht in Verbindung treten, um demokratische
Kontrolle über die Betriebe und die Wirtschaft im allgemeinen auszuüben?
- Können die neuen Kommunalen Räte zu wirklichen Zentren der Volksmacht
werden, die souveräne Entscheidungsmacht über alle Aspekte der lokalen und
regionalen Haushalte und Entwicklungspläne übernehmen? Und können diese
Körperschaften national miteinander in Verbindung treten, um eine neue Art
von Staat aufzubauen, der im Dienst der Interessen des Volks steht?
Mit anderen Worten, die unmittelbar anstehenden Herausforderungen liegen auf
dem Feld Demokratie. Sie verweisen auf die radikale Ausdehnung von
partizipatorischer Demokratie in jede Ecke und jeden Schlupfwinkel des
gesellschaftlichen Gebildes. Und so sollte der Sozialismus -- vor, in und
nach dem 21. Jahrhundert -- stets aussehen. Eine beispiellose Ausweitung von
demokratischen Rechten. So gesehen wird die Frage der Verstaatlichungen und
der Enteignung des privaten Kapitals eine natürliche Konsequenz statt einer
Vorbedingung. Denn sobald über das Kapital nicht mehr KapitalistInnen
bestimmen, sobald es vielmehr demokratischen Entscheidungen der
Beschäftigten und der Gemeinschaft auf lokaler und nationaler Ebene
unterliegt, hört es auf, als Privatkapital zu fungieren, und beginnt es,
einer anderen Logik zu gehorchen, nämlich der Logik der menschlichen
Bedürfnisse, des menschlichen Potentials und, was jetzt ebenso dringlich
ist, des Überlebens der Umwelt. Und die Wegstrecke zwischen diesen beiden
Punkten ist auch eine der Angelegenheiten, die vor etwa einhundert Jahren
die Theorie der permanenten Revolution zu analysieren sich vorgenommen
hatte.
Zuerst veröffentlicht: "The challenge of socialism in the 21st century: Some
initial lessons from Venezuela",
IV online magazine -- IV389 May 2007,
http://www.internationalviewpoint.org/spip.php?article1269
Aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Dorn
Aus: Inprekorr Nr. 430/431 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: inprekorr@comlink.org
Bestellungen: Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] Siehe /Critique communiste/, Nr. 179, April 2006, und Nr. 181, November
2006.
[2] Michael A. Lebowitz arbeitet in der exzellenten Analyse der
Bolivarianischen Revolution im Schlusskapitel seines Buchs /Build it Now:
Socialism for the 21st Century/ diesen humanistischen Imperativ in der
Verfassung von 2000 heraus und weist zurecht darauf hin, dass dies
Ausgangspunkt für jedes glaubwürdige sozialistische Projekt sein muss. Er
übertreibt unserer Ansicht nach die positiven Aspekte dieser Verfassung und
spielt herunter, dass sie begrenzte und begrenzende Aspekte enthält.
[3] Zu der Strömung der PRS, die beschlossen hat, der PSUV beizutreten,
gehören insbesondere Stalin Pérez Borges, Gonzalo Gómez, Vilma Vivas, José
Meléndez und Rubén Linares, während zu der anderen, die sich dafür
entschieden hat, die PRS fortzuführen, das bekannte Leitungsmitglied der UNT
Orlando Chirino gehört; sie hat zu einer öffentlichen Kundgebung , die am
21. April im Teatro Impérial in Caracas stattfand, 500 Personen
zusammengebracht.
Inprekorr-l mailing list
Inprekorr-l@inprekorr.de
http://lists.trilos.net/mailman/listinfo/inprekorr-l
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