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persönlichen Information.
- Italien
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Von Salvatore Cannavò
Die jüngste Krise der Regierung Prodi hat den Prozess der Neuordnung der
italienischen Linken beschleunigt. Hinsichtlich der Bedeutung der
Regierungskrise verweisen wir auf das von der nationalen Koordination von
/Sinistra Critica /(Kritische Linke) am 18. März 2007 [1] angenommene
Dokument. Hier möchten wir uns damit begnügen, die wichtigsten laufenden
Projekte der italienischen Linken vorzustellen, die im Lauf der kommenden
Jahre, ja Monate zu ihrer grundlegenden Veränderung führen werden.
DIE DEMOKRATISCHE PARTEI
Bekanntlich soll eine Demokratische Partei entstehen. Ihre Gründung wird
wohl nicht an den zahlreichen Widersprüchen in ihren Reihen scheitern, denn
sie wird durch den gewaltigen Druck in Richtung "Einheit" und der
grundsätzlichen Übereinstimmung in ihrer "neoliberalen" Sichtweise genährt.
Die Einheit ist einerseits ein abstrakter Begriff, wird aber von einem
Großteil der Wählerschaft der linken Mitte verlangt, die vor allem die
Rechte und eine "Rückkehr von Berlusconi" fürchten. Sie stellt die
wesentlichste Zutat dar, die es ermöglichen soll, die aus der
Kommunistischen Partei stammende Linke zu transformieren. Mit der Entstehung
der Demokratischen Partei, deren Projekt auf dem Kongress der
LinksdemokratInnen und dem von Marguerita (die Teile der früheren
Christdemokratie, die in der linken Mitte angesiedelt sind) Ende April
abgesegnet wurde, beschließen die LinksdemokratInnen den Prozess ihrer
Anpassung an den Kapitalismus, der seit langem im Gange war und auf
symbolische Weise durch die Liquidierung der alten KPI 1989 durch Occhetto
sanktioniert wurde.
Heute ist man nun "endgültig" bei der Gründung jener liberaldemokratischen
Kraft mit fortschrittlicher Färbung angelangt, über die bereits seit gut
einem Jahrzehnt geredet wurde. Es handelt sich um eine ganz und gar
sozialliberale Kraft, die die Stimmen eines Großteils der Welt der
Arbeitenden auf sich ziehen kann, ohne dass jene aber ihre zentrale Achse
darstellten; denn die neue Partei begibt sich unter den Schirm eines Teils
der italienischen Bourgeoisie aus Großbetrieben und Banken, soweit diese
sich nach der EU ausrichtet.
EINE NEUE LINKE PARTEI
Das andere, weniger sichtbare Projekt wird sich wohl den Namen "Linkspartei"
geben. Es handelt sich hierbei um eine Neuauflage der sozialistischen bzw.
neo-sozialdemokratischen Partei. Darüber ist noch wenig bekannt, denn die
große Presse beginnt gerade, darüber zu berichten. Doch erste Anfänge wurden
in den Führungszirkeln der Linken bereits gemacht, die nicht nur den Platz,
der durch das Verschwinden der DS frei wurde, besetzen, sondern auch drei
sich gegenseitig bedingende Krisen lösen möchten:
Die erste Krise ergab sich aus der Niederlage des linken Flügels in der DS
(Linksdemokraten). Auf dem letzten Parteitag trug der Generalsekretär
Fassino mit fast 75% der Stimmen eine ungefährdeten Sieg davon, während die
Linke gerade mal auf 15% kam. Die GegnerInnen des Projektes der
Demokratischen Partei wurden platt gemacht und waren nicht in der Lage,
einen Gegenangriff zu starten.
Die zweite Krise ist die Krise der Partei der kommunistischen Neugründung
(PRC, kurz /Rifondazione/ genannt), die dieses Projekt als für sie
interessant befunden hat, wie das Fausto Bertinotti in einem Interview mit
/Liberazione/ [2]
klar geäußert und die Ende März abgehaltene Konferenz zu eigen gemacht hat
-- um die Sackgasse zu verhüllen, in die die PRC im Verlauf der Krise der
Regierung Prodi geraten ist, eine Krise, die das Scheitern der auf dem
letzten Kongress in Venedig angenommenen Strategie klar erwiesen hat.
Nach Vicenza (wo über 100 000 Menschen gegen die Vergrößerung der
US-amerikanischen Militärbasis demonstriert haben), nach der Abstimmung zu
Afghanistan (die die Regierung Prodi im Senat nur mit Unterstützung der
Rechten gewonnen hat, bei der Gegenstimme von Franco Turigliatto [3] und
einer Nichtteilnahme von mehreren anderen Senatoren der Linken), und nach
mehr als einem Jahr Regierung Prodi, haben sich die drei Hypothesen, die dem
Projekt der Mehrheit der PRC auf dem Kongress von Venedig zugrunde lagen,
nicht bestätigt:
- Die Idee, die Kräfteverhältnisse würden der Regierung eine "große Reform"
ermöglichen, wurden durch das Wahlergebnis vom 9. Mai 2006 zunichte gemacht;
es hat ein zweigeteiltes Land offenbart, in dem die Kräfte der Linken an den
Rand gedrängt sind (sie repräsentieren nur 26% bis 27% der Wählerschaft).
- Die Idee, Mitte-Links habe sich seit 1996 geändert (als die erste
Regierung Prodi mit genau denselben politischen Kräften und fast denselben
Leuten amtierte -- abgesehen von Rifondazione), wurde durch das Handeln der
Regierung sogleich dementiert (die die klassischen neoliberalen Rezepte der
Finanzierung der Firmen mit starken Einschnitten ins soziale Netz und einer
Erhöhung der Militärausgaben angewandt hat, die außerdem zur Gründung der
Demokratischen Partei schreitet, von der wir gerade gesprochen haben).
- Die Idee der "Durchlässigkeit" der Regierung Prodi für gesellschaftliche
Konflikte wurde am Abend des 17. Februar begraben, als Prodi anlässlich der
riesigen Demonstration in Vicenza gegen die Erweiterung der Militärbasis der
USA erklärt hat, "die Basis wird in jedem Fall gebaut".
DAS SCHEITERN DER REGIERUNG
Die dritte Krise ist die Krise der Regierung. Sie ergab sich aus
verschiedenen Faktoren, etwa wegen des Konfliktes um den Militärstützpunkt
in Vicenza und das Verhalten von alten Christdemokraten wie Andreotti und
Cossiga; sie hatte ihre Ursache aber in den Enttäuschungen und
Ernüchterungen der Mitte-Links-WählerInnen.
Die Regierung Prodi hat recht schnell viele Erwartungen vom Tisch gewischt,
die ihr Sieg hatte aufkommen lassen. Eine gewisse Enttäuschung konnte man
schon in den Pfiffen von Mirafiori [4] erkennen. Aber im Fall von Vicenza
hat sich, angesichts der blinden und tauben Haltung von Prodi und d'Alema,
der erreichte Abstand deutlich gezeigt.
Keiner der Bestandteile der kommenden Linkspartei hat bislang eine Bilanz
dieser Realität ziehen wollen. Sie haben sich entschieden, diese Regierung
bedingungslos zu unterstützen, auch was ihre Kriegsmissionen anbetrifft. Sie
haben den Wert der /Realpolitik/ und des Überlebens der politischen Klasse
zu Lasten der Erwartungen und Hoffnungen, die in Porto Alegre und Genua [5]
geweckt wurden, wiederentdeckt.
Diejenigen, die sich diesem Schema und dieser politischen Logik entzogen
haben (wie der Genosse Franco Turigliatto), wurden sogleich in die Kategorie
"Politik des Bekennertums", "hart und rein" eingeordnet, denen jegliche
Wirkung abgehe. Aber sie haben gezeigt, wieweit die Linke heute bereits
degeneriert ist.
EINE ANDERE LINKE
Wenn die alternative Linke auf diese Krise reagieren will, denn muss sie in
den grundlegenden Werten verankert bleiben und darf nicht auf die
Radikalität des Antikapitalismus verzichten. Wer sagt, die Verweigerung des
Kompromisses und der Vermittlung begünstige die Rückkehr der Rechten und von
Berlusconi [6], geht in die Irre. In Wirklichkeit führt die Begünstigung
einer Politik des Krieges und des Sozialabbaus zu einer Revanche der
Rechten. Im Übrigen zeigen nur ein Jahr nach dem Wahlsieg von 2006 über die
Rechte viele Meinungsumfragen, dass die Rechte mit etwa 55% gewinnen würde,
würden heute Wahlen stattfinden
Wir wehren uns also -- und haben dies auch öffentlich gesagt -- gegen das
x-te Arrangement der politischen Klasse, das immer nach dem gleichen Schema
abläuft. Wir sind nicht bereit, den Weg hin zum "gesellschaftlichen
Kompromiss" einzuschlagen, wofür sich die kommende Linkspartei bereits
ausgesprochen hat, um damit den Versuch zu machen, die Anomalie, die
Rifondazione communista auf der italienischen politischen Karte darstellte,
zu beenden. Es handelte sich um ein Ende sowohl hinsichtlich des Inhalt wie
des Gravitationszentrums der Linken: Eingeschlossen in der Perspektive der
Regierungsbeteiligung, gegründet auf der Logik der Vermittlung und unfähig,
eine Alternative zur neoliberalen Linken zu denken. Wenn die Demokratische
Partei sich als moderner Block der demokratischen und progressiven
Bourgeoisie definieren möchte, mit dem Ziel, mit Stimmen aus dem einfachen
Volk zu regieren, dann möchte die Linkspartei (deren Name an die deutsche
Linke erinnert), wie sie sich Bertinotti und Mussi [7], Diliberto [8] und
Boselli [9] vorstellen, eine neue Sozialdemokratie sein, in der die
"reformistischen" und die "maximalistischen" Sozialisten [10] wie zu Beginn
des 20. Jahrhunderts zusammen wären.
Wir sagen Nein zu dieser Perspektive und beginnen mit dem Aufbau einer
alternativen Linken. Einer Alternative zur Rechten, aber auch zu Mitte-Links
der Regierung, der gemäßigten Mitte-Links-Parteien, die zugunsten des
"sozialen Kompromisses" votieren.
Die alternative Linke muss vor allem in Opposition zur gegenwärtigen
Politik, der Politik des Krieges und des Neoliberalismus, handeln. Sie wird
der "Konterreform" bei den Renten, sie wird den Großvorhaben der
Umweltzerstörung nicht zustimmen. Sie wird sich nicht für Kompromisse mit
den Revanchisten der Hierarchie des Vatikans hergeben. Die alternative Linke
ist so "ohne wenn und aber". [11] Wir haben im Verlauf der vergangenen
Monate versucht, sie im Parlament zu repräsentieren, was zu einer großen
Diskussion und zu Disziplinierungsmaßnahmen gegen uns -- so der Ausschluss
von Franco Turigliatto aus der PRC --, aber auch zu Diskussionen und einer
großen Klärung in den Reihen der PRC geführt hat.
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WEITERE ARTIKEL ZU ITALIEN
Offener Brief von Franco Turigliatto an seine Unterstützerinnen und
Unterstützer[http://inprekorr.de/426-it-turigliatto-antw.htm],
/Inprekorr/ Nr. 426/427 (Mai/Juni 2007)
Solidarität mit Senator Franco
Turigliatto[http://inprekorr.de/426-ik-ital.htm],
/Inprekorr/ Nr. 426/427 (Mai/Juni 2007)
Romano Prodi unter Druck von links[http://inprekorr.de/424-italien.htm],
/Inprekorr/ Nr. 424/425 (März/April 2007)
"Das Projekt der /Unione/ ist
gescheitert"[http://inprekorr.de/416-italien.htm],
/Inprekorr/ Nr. 416/417 (Juli/August 2006)
Nur eine alternative Linke nimmt die Kämpfe und die sozialen Bewegungen als
Ausgangspunkt und möchte auf dieser Grundlage ein Projekt des
gesellschaftlichen Umbaus, und somit auch der politischen Neuzusammensetzung
erschaffen.
Aktuell heißt von alternativer Linker zu sprechen, eine "gesellschaftliche
Opposition" zur Regierung Prodi aufbauen. Die Entscheidung, im Senat dieser
Regierung ein "technisches Vertrauen" zu gewähren (während wir in der Kammer
nicht abgestimmt haben), bedeutet keinen Rückzug, sondern eine Betonung
dieser Haltung. Das linke Italien lebt gerade in einer Paranoia der Angst
vor der Rückkehr der Rechten und von Berlusconi: Eine konsequent linke Kraft
darf nicht der Blitzableiter dieser Lage werden und muss ohne rechnerisches
Hin und Her den Widerstand gegen die Regierung aufbauen. Diese Linie hat uns
geleitet, als wir die "Unterstützung von außen" ankündigten und klar
äußerten, die Regierung würde nach ihren Maßnahmen und ihren Handlungen
beurteilt. Wir begannen mit dem Votum gegen die Finanzierung der
"Militärmission" in Afghanistan, das wir am 27. März abgegeben haben, als im
Senat Franco Turigliatto der einzige Linke war, der sich weigerte, dieses
Militärprojekt zu unterstützen.
Heute müssen wir nun auf konstruktive Weise die neue Phase angehen,
beginnend mit der Konsolidierung der Vereinigung /Sinistra critica/ als
Instrument für den neuen Prozess der Umgruppierung und für den Aufbau einer
antikapitalistischen Linken als Alternative zur bestehenden Linken.
DAS ENDE DES ZYKLUS VON RIFONDAZIONE
Dies führt natürlich zu enormen Problemen im Inneren von Rifondazione
comunista, die gerade dabei ist, die eigene politische Ausrichtung zu
ändern.
Wir meinen, dass sich der Zyklus von Rifondazione erschöpft hat und diese
Partei am Ende ihres Weges angekommen ist. Die Entscheidung, sich von den
Beschlüssen der Regierung abhängig zu machen, für den Krieg zu stimmen, zur
alten Methode der Ausschlüsse und Säuberungen zurückzukehren (und sogar zum
politischen und moralischen Lynchen), die Entscheidung, gleichzeitig den
Aufbau eines neuen politischen Subjekts zu beginnen, darunter den Aufbau der
europäischen Linkspartei als erster Etappe, sind Charakteristika, die das
Ende des Zyklus anzeigen. Eine neue Phase ist nun eröffnet.
Sicherlich war Rifondazione nie das revolutionäre Subjekt, welches wir
aufbauen wollen. Es ging vielmehr um einen Prozess des gesellschaftlichen
und politischen Widerstands, um eine neue Phase einzuläuten. Solches ist
teilweise auch geschehen, aber eben nur teilweise.
Die Partei der kommunistischen Neugründung kann für sich ein historisches
Verdienst in Anspruch nehmen. Jenes, in der Phase der Depression und der
Aufgabe eines Teils der Avantgarden der alten Arbeiterbewegung eine
kommunistische Perspektive aufrecht erhalten zu haben. Es ist ihr jedoch
nicht gelungen, die vorherrschende Tendenz umzudrehen, obgleich sie sich auf
bedeutsame Weise in die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung
eingebracht hat. Es ist ihr auch nicht gelungen, in ihrer gesellschaftlichen
Verankerung einen qualitativen Sprung zu machen, der es ihr erlaubt hätte,
das Subjekt von -- auch nur partiellen -- gesellschaftlichen Siegen zu
werden, um eine Gegentendenz zu verkörpern, ein Symbol einer möglichen
Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Diese Begrenztheit
war besonders in ihrer fehlenden gewerkschaftlichen Verankerung sichtbar.
Rifondazione tritt nicht gestärkt aus dieser Widerstandsperiode hervor --
man muss sich nur die Aktivität der Mitgliedschaft, das
Mobilisierungspotenzial, den Zustand der Zirkel, die Verbreitung der Zeitung
usw. ansehen.
Das Projekt der kommunistischen Neugründung hat wegen seiner
Zerbrechlichkeit eine Niederlage erlitten, aber auch, weil die verschiedenen
Führungsgruppen der Partei -- von Magri [12] bis Cossuta, ohne Bertinotti zu
vergessen -- nie in der Lage waren, mit ihrer Verankerung im Reformismus zu
brechen. Im Verlauf der fünfzehn Jahre hat die Parteiführung ihre
Inspiration in den Konzeptionen des linken Ingrao-Flügels [13] der früheren
italienischen kommunistischen Partei gesucht. Sogar die Idee einer Politik
der "Bewegungen" -- verbunden mit den Gewerkschaften und wichtigen
Vereinigungen, um gesellschaftliche Kämpfe entwickeln zu können -- wurde von
der Mehrheit der PRC-Führung in Aussicht auf die Möglichkeit einer Teilnahme
an einer reformistischen Regierung im Rahmen des kapitalistischen Staates
gesehen. Ihre Konzeption der Einheit der Linken war ebenfalls im Rahmen
dieser strategischen Perspektive gefasst. Mit der Regierung Prodi ist diese
Perspektive Wirklichkeit geworden und stellt jetzt die Grundlage des
Projektes einer neuen linken Partei dar, wiewohl Prodi sich weigert,
irgendeine fortschrittliche Reform durchzuführen.
Die PRC scheint nicht fähig zu sein, über sich hinaus zu wachsen und eine
neue Phase einzuleiten. In den Augen der Parteimehrheit soll gerade jener
Umbau ihr wichtigstes Projekt ermöglichen, also die europäische Linke, die
nur eine Etappe auf dem Weg zur neuen Linkspartei sein soll. Dieses Projekt
wird als Fortsetzung des Geistes der Neugründung ausgegeben.
Doch diese neue Etappe hat aufgehört, auf konsequente Weise
antikapitalistisch zu sein und stellt keine Alternative zur neoliberalen
Linken mehr dar. Die Logik der Regierungsbeteiligung -- ein richtiges
Hindernis in der Phase des Aufbaus einer klassenbasierten Linken -- hat zu
einer Reihe von Kompromittierungen geführt, die einen Bruch mit der
Tradition und Geschichte der PRC darstellen.
/SINISTRA CRITICA/ FÜR EINE ALTERNATIVE LINKE
Wenn Rifondazione einen Zyklus abgeschlossen und sein Ziel, die
klassenbasierte und antikapitalistische Linke neu zusammenzusetzen, verfehlt
hat, dann ziehen wir heute daraus den Schluss, dass dieses Ziel auf neuen
Wegen erreicht werden muss.
Es handelt sich um ein schwer erreichbares Ziel, und es wird aufgrund der
Tatsache des Scheiterns von Rifondazione noch schwieriger. Diesbezüglich
darf man sich keine Illusionen machen: Eine Niederlage der Linken führt zu
neuen Demoralisierungen und Rückzügen besonders wegen des Fehlens einer
klaren Alternative. In der Lage zu sein, eine Perspektive des Aufbaus einer
antikapitalistischen Linken aufrecht zu erhalten, ist dennoch unabdinglich,
wenn wir Bezugspunkte und Praktiken bewahren wollen, die für den
konsequenten Antikapitalismus einen Referenzpunkt abgeben.
Die Formen, die diese neue Phase annehmen wird, sind nicht vorhersehbar. Sie
werden wahrscheinlich den üblichen Wegen der Linken folgen. Was uns angeht,
so meinen wir, dass die Reorganisation um zentrale Inhalte und Parolen herum
erfolgen muss, bevor organisatorische Formen gefunden werden. Sicher ist,
dass wir nicht in eine neo-sozialdemokratische Partei eintreten und dass wir
die Option einer antikapitalistischen, ökologischen, feministischen und
internationalistischen Linken aufrecht erhalten werden. Dies ist die Achse
unserer Arbeit, die wir festlegen. Indem wir die Bewegung und die Kämpfe
aufbauen, häufen wir positive Erfahrungen in Richtung einer Avantgarde an.
Aus diesen Gründen haben wir den Beschluss gefasst, die neue Vereinigung
/Sinistra critica/ (kritische Linke) zu gründen, aus der bei der letzten
Koordination die "Kritische Linke, eine Vereinigung für eine alternative
Linke" geworden ist. /Sinistra critica/ war eine antikapitalistische
Strömung, wie sie im Kampf auf dem letzten Parteitag der PRC entstanden war.
Ihr Aufbau als politisches Subjekt stellt heute unsere Priorität dar, doch
wir erwarten, eine Projekt einer breiteren Linken realisieren zu können, die
noch nicht besteht, die aber eine wirkliche klassenbasierte Alternative zum
Neoliberalismus sein soll.
Denn der Aufbau eines neuen Mittels für eine politische Alternative -- eines
"politischen Subjekts", wie wir in Italien gerne sagen --, bedeutet nicht,
dass der Raum der antikapitalistischen Linken sich darauf reduziert. Die
Schwierigkeiten der gegenwärtigen sozialen Phase, die Begrenztheiten der
Bewegungen, die Stagnation des Konflikts zwischen den Klassen, das
Weiterlaufen der Krise der Arbeiterbewegung bringen immer die Notwendigkeit
mit sich, auf der Ebene der politischen Umgruppierung zu handeln. Dass dies
heute schwieriger ist als in der Vergangenheit, schließt nicht aus, dass die
Achse unserer Arbeit im Kampf um eine antikapitalistische, breite, plurale,
demokratische, feministische, ökologische und internationalistische Linke
ausgerichtet ist.
DIE ENTSCHEIDENDE BEDEUTUNG DER GESELLSCHAFTLICHEN UMGRUPPIERUNG
Hier handelt es sich um ein Projekt, das die gesamte Linke in Europa
betrifft, und das von der "europäischen Linken" vernachlässigt und
aufgegeben wurde, weil sie die Strategie eines organischen Bündnisses mit
der Sozialdemokratie verfolgt. Dabei weiß sie, dass die notwendige
Umgruppierung heute mehr noch als zu Beginn der 1990er Jahre eine klare
klassenbasierte und antikapitalistische Ausformung haben muss. Unmittelbar
nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung der UdSSR war die Idee
vorherrschend, man müsse "Widerstand leisten" und die kommunistischen
Avantgarden zusammenführen, die mit Klassenpolitik verbunden waren und einen
Prozess der politischen und programmatischen Klärung anstrebten. Diese Phase
ist nun zu Ende gegangen.
Heute kann der Prozess der Umgruppierung auf einige wichtige Erfahrungen
zurückgreifen -- in Italien, in Brasilien und in anderen Bereichen auf die
französischen und britischen Fälle. (Wir möchten anmerken, dass es sich bei
den vier Ländern um diejenigen handelt, in denen die
globalisierungskritische Bewegung die engagierteste und einflussreichste
ist.) Die Frage der Regierungsbeteiligung in einem kapitalistischen und/oder
imperialistischen Land scheint nun grundlegend zu sein: Sie nach den
Ereignissen in Brasilien und Italien zu unterschätzen, könnte tödlich sein!
Diese Debatte muss die europäische antikapitalistische Linke (die
Rifondazione nicht ohne Grund verlassen hat) führen. Heute ergibt sich die
Möglichkeit zu einem qualitativen Sprung, nicht auf der Ebene der
Diskussion, sondern vor allem auf der Ebene der politischen und
gesellschaftlichen Initiative.
Aus dem Scheitern des Projektes der Rifondazione ergibt sich die
entscheidende Bedeutung des Prozesses einer erneuerten gesellschaftlichen
Umgruppierung. Und die Gewerkschaftsfrage ist auf dieser Ebene am meisten
offen. Wir brauchen zu diesem Thema eine adäquate Reflexion, denn ohne ein
-- evtl. partielles -- Projekt der Verankerung und Neuzusammensetzung wird
es keinen Neuaufbau einer klassenbasierten Linken geben. Auch müssen wir
unsere Reflexionen über die globalisierungskritische Bewegung fortsetzen,
unsere Analyse der besonderen Krise, die sich heute zwischen der
organisierten Politik, die häufig von professionellen politischen Klassen
gemacht wird, und der Gesellschaft auftut, um besser bestimmen zu können,
was die politischen und gesellschaftlichen Avantgarden sein sollten. Es
handelt sich um einen Reflexionsprozess, der für die revolutionäre Linke
eine neue Phase des "sozialen Lernens" erfordert, um die Verwurzelung und
Integration in diesen Prozess voranzutreiben.
Salvatore Cannavò ist Abgeordneter und Mitglied des Internationalen Komitees
der IV. Internationale. Er ist führendes Mitglied von Sinistra critica in
Italien.
Übersetzung: Paul B. Kleiser
Aus: Inprekorr Nr. 428/429 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: inprekorr@comlink.org
Bestellungen: Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] Siehe /Inprecor/ Nr. 526/527 (nur französisch).
[2] Fausto Bertinotti hat den Platz des Sekretärs der Rifondazione
freigemacht, weil er Vorsitzender der Abgeordnetenkammer geworden ist,
leitet aber auch weiterhin die Partei. /Liberazione/ ist die Tageszeitung
von Rifondazione.
[3] Franco Turigliatto, Senator der PRC und Mitglied von /Sinistra
critica/, ist aus der PRC ausgeschlossen worden, weil er sich im Senat
geweigert hatte, für den Afghanistan-Krieg und für die Erweiterung der
US-Militärbasis bei Vicenza zu stimmen. In Solidarität mit ihm hat Salvatore
Cannavò seinen Rücktritt aus der Parteiführung erklärt.
[4] Die FIAT-ArbeiterInnen haben die Gewerkschaftsführung der drei
Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL ausgepfiffen -- nachdem die Gewerkschaften
mit der Regierung ein Abkommen über die Reform der Renten unterzeichnet und
sie das Gesetz über den Haushalt unterstützt hatten.
[5] Anspielung auf die Weltsozialforen und die große internationale Demo
gegen die G 8 im Juli 2001 in Genua, bei der Mitglieder von Rifondazione
eine bedeutende Rolle gespielt haben.
[6] Dies ist eine wirkliche Obsession der "offiziellen" italienischen
Linken geworden, die auch in einer Antwort von Bertinotti auf Fragen von
StudentInnen, die ihn an der Universität Rom angegriffen haben, deutlich
geworden ist: "Wer sich außerhalb des Kompromisses stellt, stellt sich
außerhalb der Politik".
[7] Fabio Mussi ist der Führer der wichtigsten Strömung auf der Linken der
DS (Linksdemokraten). Seit Mai 2006 ist er Minister für die Universitäten
und die Forschung.
[8] Oliveiro Diliberto ist gegenwärtig Sekretär (Vorsitzender) der Partei
der italienischen Kommunisten (PdCI), einer von Armando Cossutta gegründeten
Partei. Cossutta hatte im Oktober 1998 Rifondazione verlassen, als die
Führung der PRC (mit Unterstützung der GenossInnen, die später /Sinistra
critica/ gründen sollten) den Beschluss fasste, dem Ministerpräsidenten
Prodi ihre Unterstützung zu entziehen, wodurch dieser gestürzt wurde.
[9] Enrico Boselli ist Vorsitzender und Führer der kleinen sozialistischen
Partei, der italienischen demokratischen Sozialisten (SDI). Er gehörte von
1999 bis 2004 der sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament an.
[10] Die Maximalisten waren eine Strömung der italienischen Sozialisten,
die 1919 von Giacinto Menotti Serrati gegründet wurde. Verbal unterstützten
sie die antikapitalistische und revolutionären Zielsetzungen des
Sozialismus, aber in den Taten machten sie eine reformistische Politik, die
der Tätigkeit im Parlament den Vorrang gab.
[11] Anspielung auf ein Motto der -- in Italien ziemlich starken --
Friedensbewegung, die den bedingungslosen Rückzug (also "ohne wenn und
aber") der italienischen Truppen aus Afghanistan und dem Irak fordert.
[12] Lucio Magri, Journalist und Politiker, Mitarbeiter der Tageszeitung
/Il Manifesto/, gehörte von 1991 bis 1995 Rifondazione an und gründete
sodann die Bewegung der unitarischen Kommunisten.
[13] Pietro Ingrao war nach dem Zweiten Weltkrieg die unbestrittene
Referenz der "marxistisch-leninistischen" Strömung in der KPI, sodann der
offizielle Führer ihres linken Flügels. Er folgte 1991 der Mehrheit und ging
zur PDS; erst 2004 schloss er sich Rifondazione an.
Inprekorr-l mailing list
Inprekorr-l@inprekorr.de
http://lists.trilos.net/mailman/listinfo/inprekorr-l
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