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Buchbesprechung: Dissidente Praktiken

Aus CONTRASTE Nr. 268 (Januar 2007)

Dissidente Praktiken

Hannah Arendt sagt, dass das "Wunder der Freiheit" darin besteht, dass Menschen Prozesse unterbrechen und einen Neuanfang machen koennen. Jede Krise ist Niedergang und Erneuerung. Am Anfang des Sammelbands dokumentieren zwei Berichte ueber lokale und nachbarschaftsbasierte Initiativen in Detroit, einer Stadt auf dem Tiefpunkt industrieller und sozialer Zerstoerung, diese Freiheit in einer Weise, die unter die Haut der Zeit geht. Neuanfaenge von Menschlichkeit und Sozialem entstehen, indem Jugendliche in sichtbare Projekte einbezogen, oeffentliche Raeume z.B. durch Kultur wiederangeeignet und humane Beziehungen zwischen Menschen und zur Natur wiederhergestellt werden.

Nahezu alle Beispiele und Ansaetze von Selbstorganisierung in dem Sammelband sind aus gesellschaftlichen Krisen geboren. Sie versuchen soziale und oekonomische Zusammenhaenge neu zu erfinden und Kooperation als Form der Vergesellschaftung zu entwickeln. Sie stehen in dem Widerspruch, subversiv und herrschaftskritisch sein zu wollen, aber als Selbsthilfe und Eigeninitiative fuer den Sozialabbau und das Armutsmanagement aeusserst funktional, ja herrschaftssichernd zu sein. Stephan Lanz analysiert in einem Vergleich von Fabrikbesetzungen, Kooperativen und einer Reggae-Gruppe in Argentinien und Brasilien, wie unterschiedlich die herrschaftskritischen und emanzipatorischen Potentiale sind. Alle bewegen sich in dem Dilemma, Elemente einer solidarischen Alternative vorwegzunehmen und gleichzeitig aber verflochten mit dem kapitalistischen Markt zu wirtschaften.

Ulla Peters unterscheidet drei Handlungsorientierungen in
Wirtschaftsalternativen: "Integration (verbessern, mit denselben Methoden arbeiten), Alternative (Vision einer anders strukturierten Gesellschaft) und Dissidenz (dem Gegenwaertigen Energie entziehen, stoeren)". Dissidente Praktiken verschieben - im Sinne Holloways -
Machtverhaeltnisse, erweitern die Zwischenraeume innerhalb
kapitalistischer Herrschaft - ohne nach der Staatsmacht zu greifen. Verschiebung von Kraefteverhaeltnissen schafft Raum fuer praktische Erkundungen, fuer kleine Schritte ohne gleich grosse Gegenentwuerfe von alternativer Oekonomie herstellen zu wollen.

In der Krise, so Irina Vellay, gewinnt die Gebrauchssphaere jenseits der Kapitalverwertung und Warenform an Bedeutung. Selbstorganisation und Selbsthilfe auf der
Grundlage von Zugangsrechten zu "Gemeinheiten" wie oeffentlichen Guetern ermoeglichen dissidente Praktiken, die sich der Verwertungslogik zumindest teilweise entziehen. In den Rissen der neoliberalen Verhaeltnisse laesst sich so "von unten... Verfuegungsmacht ueber die eigenen
Existenzbedingungen" aufbauen.

Der Sammelband loest einen wichtigen Anspruch von Selbstorganisation ein: sie braucht eine staendige Reflektion und selbst-kritische Debatte. Auch wenn die Risiken der Kooptation und der Nischenexistenz gross sind, macht er mit den Worten von Friederike Habermann deutlich: "Glokale Inseln einer emanzipatorischen Lebensweise zu schaffen, ist unabdingbar bei der Suche nach der neuen Welt."

Christa Wichterich

Stiftung Fraueninitiative, Carola Moeller, Ulla Peters, Irina Vellay (Hg.): Dissidente Praktiken. Erfahrungen mit herrschafts- und warenkritischer Selbstorganisation,
Ulrike Helmer Verlag, Koenigstein/Taunus 2006, 287 Seiten, 19,90 EUR


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Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugruendungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
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25.05.07    Christa Wichterich <contraste@t-online.de>
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