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Fragwürdige Gesellen - Regiogeld in Düsseldorf: Goldglänzende Verstrahlung

Aus CONTRASTE Nr. 269 (Februar 2007)

FRAGWUERDIGE GESELLEN - REGIOGELD IN DUESSELDORF

Goldglaenzende Verstrahlung

In rund neunzig Fachgeschaeften und Kneipen von Duesseldorf kann nun mit "Rheingold" bezahlt werden. Die VerteilerInnen dieser selbst gedruckten, nach einer Wagner-Oper benannten Geldscheine treibt ein messianischer Ehrgeiz zur Erloesung der Welt vom Fluch des Zinswesens an - ein Monopoly-Spielchen fuer Verklaerte mit fragwuerdigen politischen Verflechtungen...

Infantile Gelddruckerei

"Rheingold im Umlauf", so hiess es in der Lokalpresse der
Landeshauptstadt. Dies sei ein Gutscheinsystem im Verhaeltnis 2:1 zum Euro, so der Initiator Jost Reinert. Geht man auf die Homepage des hinter der Initiative stehenden Vereines, so trifft man auf eine ominoese Organisation namens "Initiative Rheingold e.V. (i.G.)" mit Postadresse eines Rechtsanwaltes in Duesseldorf. Ein noch zu gruendender Verein, bei dem ich meine Euros gegen selbst gebastelte Scheinchen eintauschen kann? Eine Moeglichkeit zum Bezug dieses Spielgeldes wird auf der Homepage nicht angeboten. Seine Euros kann der Interessierte in den Laeden gegen "Rheingold" eintauschen, die eine solche Waehrung als
Aequivalenzzahlungsmittel annehmen, was auf einen offensichtlich geringen Verteilungsgrad hinweist. Doch die InitiatorInnen des "Regionalgeldes" scheint dies nicht zu entmutigen, denn sie sehen sich als Teil eines viel groesseren Ganzen, einer Bewegung von Glaeubigen gegen die unheilvolle Macht des Zinses. Mit Tauschscheinen will diese Bewegung ihren Kreuzzug gegen die Zinswirtschaft zum Wohle einer besseren Wirtschaftsordnung beschreiten.

Der Verein

Als eine Art Dachverband operiert ein gewisser Regiogeld e.V., der im Februar 2006 gegruendet wurde. Auf dessen Homepage heisst es: "Zweck des Vereins ist die Erforschung von regionalen Komplementaerwaehrungen sowie die Entwicklung und Verbreitung von wissenschaftlich gesicherten Verfahren, Methoden und Ergebnissen mit dem Ziel, nachhaltige Regionalentwicklungsprozesse zu initiieren und zu unterstuetzen." Soso - doch was ganz wissenschaftlich klingt, entpuppt sich bei naeherer Betrachtung als ziemlicher Hokuspokus. Nach dem Motto "think global - act local" werden in den Kommunen Initiativen zur Verbreitung von so genannten Tauschscheinen und Tauschringen initiiert. So gibt es nicht nur in Duesseldorf das "Rheingold", sondern auch in Bielefeld den "Teutotaler", in Hagen den "Volmetaler" oder in Berlin das "Knochengeld". Der Name fuer das jeweilige selbst kreierte Zahlungsmittel spiegelt die Vorstellungswelt seiner Erzeuger: Der schnoede Euro wird in jenen Glaubenskreisen ersetzt durch wohlklingende "Sterntaler" oder "Urstromtaler" - je nach gefuehlsmaessiger Neigung zum Bezahlen stehen den Glaeubigen auch "Havelblueten" oder "Kirschblueten" als Aequivalenzwaehrung zur Verfuegung. Ein Spiel mit Blueten ohne Grenzen, so scheint es.

Doch die Bundesbank belaechelt die neuen Regiotaler, von denen im Jahr 2005 43 Regionalwaehrungen im Wert von 200.000 Euro im Umlauf gewesen seien. Als einen "Marketing-Gag" bezeichnet Ralf Zimmermann von der Deutschen Bundesbank in NRW diese Initiativen. Angelika Woesthoff von der Verbraucherzentrale NRW bestreitet ebenfalls den Nutzen dieser Aktion fuer die VerbraucherInnen: "Man muss immer gucken, wann der Geldschein ungueltig ist, und im Zweifelsfall auch noch 5 Prozent Umtauschgebuehr zahlen."

Die Kundschaft

Doch es scheint gerade die offensichtliche esoterische Verklaerung des kapitalistischen Geldwesens zu sein, die diese Spielchen mit gebastelten Zahlscheinchen fuer die Mitwirkenden so anziehend macht. So finden die Regiogeld-Initiativen Resonanz in Biolaeden und Reformhaeusern, in so genannten Alternativwerkstaetten und Alternativkneipen sowie in Oekokreisen und Leuten aus sozialen Bewegungen, die "irgendwie" ein ungutes Gefuehl zu Begriffen wie Globalisierung oder Finanzkapital haben. Es ist der naive Wunsch nach einem ueberschaubaren und harmonischen Wirtschaften im Einklang mit sich und der Umwelt, der hier ziemlich infantil durch Kaufmannsladenspielchen befriedigt werden soll, indem den GlaeubigerInnen vorgegaukelt wird, mit "Rheingold" oder sonstigen Blueten das kapitalistische Geldsystem ausser Kraft setzen zu koennen nach dem Motto: "Nun kauf ich mit meinem guten Hokuspokus-Taler gute Milch beim guten Mueslimann und - schwupp! - ist das Uebel vom boesen Mammon Geld verschwunden!"

Geschaeft mit Blueten?

Die in alternativen Kreisen beliebte "taz" berichtet in ihrem NRW-Teil, dass in Duesseldorf bereits 94 Geschaefte die selbst gedruckte Waehrung akzeptieren und laesst den Initiator des "Rheingoldes" Werbung machen: "Es ist sehr faelschungssicher - auf geheimen Spezialpapier gedruckt, mit Silberstreifen und Seriennummer", so Reinert, der der taz erklaert, dass "Rheingold als Kunstprojekt" zu verstehen sei, da auf der Rueckseite der Scheine Comedians, Bands und Verlage Werbung machen. "So findet Kunst in allen Geldboersen statt", sagt Reinert. Seine politischen und kuenstlerischen Ambitionen scheint Reinert ganz der Auseinandersetzung mit dem unheilvollen Mammon "Geld" zu widmen. Als "ehrenamtlich taetiger Kurator" des "Kunstfonds Artfond" wird er auf dessen Homepage ausgewiesen. Und auch da geht`s - na? - ums Geld: "Der Kunstfond wird nicht gewinnbringend, sondern nutzbringend anlegen." Wie loeblich! Doch so ganz uebel scheint der Euro doch nicht zu sein, denn wir lesen dort weiter: "Der Leser ist deswegen herzlich eingeladen, sich mit einem kleinen Obulus am Kunstfond zu beteiligen, denn Anteilsnoten werden bereits ab einer Investition von 1.000 Euro abgegeben."

Fragwuerdige Gesellen

Was soll's, so koennte man diese Bestrebungen belaecheln, waere da nicht noch die Verquickung von spinnertem politischen Bekehrungseifer und unumstoesslichen Glauben an die Wahrheit der eigenen Lehre. Denn schnell verfestigt sich beim Lesen der Texte dieser alternativmonetaeren Glaubensgemeinde der Eindruck, dass es sich dabei um die Anhaenger einer Sekte handelt. Die Linkverweise auf den Internetseiten erhaerten diese Vermutung und fuehren die Leserschaft in den verschworenen Kreis der Anhaenger des Begruenders der so genannten Freiwirtschaftslehre, Silvio Gesell. Dessen krude Theorien ueber das Uebel des Zinses und ein zinsfreies Wirtschaften mit "rostendem Geld ohne Wucher" sind von seinen JuengerInnen zur unhinterfragbaren Weltverbesserungslehre auserkoren worden. In der TERZ ist ueber das wirre Wirken dieser Sekte der Gesellianer schon ausfuehrlich berichtet worden (nachzulesen unter www.terz.org - 1/1999). Der Bekehrungseifer dieser Sekte zieht weite Kreise und versichert sich prominenter Unterstuetzung, die naehere Aufmerksamkeit verdient.

Es handelt sich um den Schlagersaenger Christian Anders, bekannt durch den Hit "Es geht ein Zug nach Nirgendwo" aus dem Jahre 1972. Nach seinem Karriereknick schreitet er als Verkuender von Gesells Lehre durch die Welt, wie es sein offenes Schreiben an den frueheren Bundeskanzler Schroeder exemplarisch verdeutlicht: "Herr Bundeskanzler, ich kann Sie nur BITTEN, diesen Brief und das Buch zu lesen und dem von mir in meinem Buch DER RUBEL MUSS ROLLEN vorgeschlagenen neuen Waehrungssystem Z.U.G. eine Chance zu geben. Z.U.G. bedeutet Zinsfreies Umlaufgesichertes Geld. Der Zins ist der Krebs einer jeden Wirtschaftsform."

Tja, haette der Schroeder das damals gelesen, haetten wir heute wohl keine grosse Koalition... Unter dem Pseudonym "Lanoo" veroeffentlichte Anders mehrere Buecher zu esoterischen Themen und Verschwoerungstheorien. Leider laesst er auch das Singen nicht sein und rutscht in seinen Liedern mit seiner Aversion gegen Zinsen in klassisch antisemitische Topoi: "Sieben Familien haben das Geld. Ob Rothschild, Cohn oder Donati, man nennt uns auch Illuminati. Mit Aids verseuchen wir die Welt", heisst es in einem Liedtext, der Stellen aus der gefaelschten antisemitischen Hetzschrift "Protokolle der Weisen von Zion" aufgreift.

Brauner Dunstkreis

Spaetestens beim unverhohlenen Antisemitismus hoert der Spass auf. Es sind jedoch beileibe nicht nur solche Sonderlinge wie der wiedergeborene "Lanoo", die aus diesen Kreisen auf einen solchen Trip kommen. Die Parolen gegen das Uebel des Zinses und deren Personifizierung in den "Schwindlern" und "Betruegern", gegen die der Mythos vom "gerechten Wirtschaften" mit selbst gebastelten "Urstromtalern" und dergleichen gesetzt wird, ist anschlussfaehig an faschistisches Gedankengut.

Neonazistische Parteien wie die NPD greifen deshalb diese Lehren auf und tummeln sich mit in dieser kruden Schar der alternativmonetaeren Glaubensgemeinden. So beispielsweise Matthias Paul aus Dresden, NPD-Mitglied des Saechsischen Landtags. Auf seiner Homepage kommuniziert er mit Interessierten und antwortet auf folgende Frage einer NPD-Sympathisantin: "Was halten Sie davon, bundesweit zinsfreies, umlaufgesichertes Geld einzufuehren, so wie es im Buch "DER RUBEL MUSS ROLLEN" von Lanoo (Christian Anders) vorgestellt und in Sachsen-Anhalt vorreitermaessig schon eingesetzt wird (siehe: www.urstromtaler.de)?"

"Wir Nationaldemokraten setzen uns schon lange mit Regionalwaehrungen auseinander, unter anderem mit dem Ziel, rechtliche Huerden aus dem Weg zu raeumen. Da wir fuer eine raumorientierte nationale (und regionale) Volkswirtschaft eintreten, ist uns der Gedanke der Nachfragebindung an die Region grundsaetzlich sympathisch. In der wirtschafts- und
waehrungspolitischen Diskussion sind uns die Konzepte der "Natuerlichen Wirtschaftsordnung" (Silvio Gesell) ebenfalls gut bekannt. Der heutige monetaristische Kapitalismus mit seinen neoliberalen Exzessen zeigt in der Tat besonders deutlich, dass das Waehrungssystem reformiert werden muss, insbesondere im Hinblick auf den Zinsmechanismus."

Im Parteiorgan der NPD, der "Deutschen Stimme", wird sich gar ausfuehrlich mit Gesells Lehre und mit dem "Regionalgeld" auseinandergesetzt. Unter dem Titel "Regionales Geld fuer ein Europa der Regionen. Regionalwaehrungen koennten vor den negativen Globalisierungsfolgen schuetzen und die regionale Wirtschaft staerken" wird Propaganda fuer die
Regionalgeldbewegung gemacht. Das Uebel ist auch hier - wie koennte es anders sein - der Zins: "Die weniger Begueterten sind direkt abhaengig von den Vermoegenden, weil sie von diesen Geld leihen muessen. Hinzu kommt die noch viel schlimmere indirekte Abhaengigkeit, die durch den Zins diktiert wird." Nicht der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit im Kapitalismus wird hier aufgezeigt, sondern lediglich der "Wucher" angeprangert mit dem Ziel, dagegen eine die Klassen uebergreifende "Volksgemeinschaft" zu setzen und die personifizierten "Wucherer" auszumerzen. Wie das funktioniert, steht in den Geschichtsbuechern. Nicht ohne Grund sucht die NPD hierzu Anknuepfungspunkte bei den Regionalgeld-Initiativen. Denn nicht nur ideologisch gibt es Schnittmengen, sondern auch ganz praktisch, wie in dem Artikel des NPD-Blattes zu lesen: "Angefangen damit hat bereits vor geraumer Zeit in Norddeutschland der selbstaendige Unternehmer, ehemalige Olympiasieger im Rudern und NPD-Bundestagskandidat von 1969, Dr. Frank Schepke, in Kiel, Luebeck und Neumuenster
mit seinem Regiogeld "Kann Was".

Kann "Rheingold" auch was?

Nun bedeuten derartige Verbindungen der Regionalgeld-Initiativen mit dem braunen Sumpf beileibe nicht, dass jeder Mitwirkende an diesem Spielchen mit selbst gebastelten Zahlungsscheinchen derartige Positionen teilt. Der groesste Teil der Interessierten an derartigen Regionalgeld-Initiativen und erst recht die diversen LadeninhaberInnen, die solche "Waehrungen" angenommen haben, stehen faschistischem Gedankengut fern. Im Gegenteil ist vielmehr die Vorstellung ausschlaggebend fuer die Mitwirkung, dadurch einer scheinbar originellen Idee mit einem "irgendwie" humanwirtschaftlichen Hintergrund zur Umsetzung zu verhelfen. Daher kann die Auseinandersetzung mit "Rheingold" durchaus was: Den Blick dafuer schaerfen, fuer was man sein Geld und seine ideelle Unterstuetzung hergeben will und wovon man besser Abstand halten sollte!

Aus: terz - autonome Stattzeitung fuer Politik und Kultur in Duesseldorf und Umgebung, Nr. 11/2006
www.terz.org


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