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Historisches - Wandelsblatt Nr. 1 (1984): Offener Brief - Ein alltäglicher Konflikt?

Aus Wandelsblatt Nr. 1 (Oktober 1984, Seite 8)

OFFENER BRIEF

Ein alltäglicher Konflikt?

Nachstehender Artikel wird hier nicht abgedruckt, um der Gerüchte- und Tratschküche Nahrung zu liefern. Er soll von einer ganz persönlichen Warte aus die Diskussion anfachen, um einen Konflikt, den sicherlich auch andere Betriebe in ähnlicher oder anderer Form haben.

Aus diesem Grund sind die Namen verändert worden, obwohl es nicht vermeidbar war, daß für Insider erkenntlich ist, um wen es dabei geht. Wichtig ist dem Schreiber die Diskussion und der Erfahrungsaustausch und nicht gegenseitige Anpisserei.

Ansatzweise ist dieses Problem “Generationskonflikt" auch schon auf der Projektmesse angesprochen worden. Viele Aspekte spielen hier mit herein, es ist nicht nur ein Konflikt innerhalb der Gruppen, sondern ist auch im Verhältnis von “alten" und “neuen" Gruppen spürbar. Es geht dabei auch um politische und persönliche Utopien und wie diese umgesetzt werden, sowohl in den zwischenmenschlichen Beziehungen als auch im Verhältnis nach außen.

...frißt ihre väter,
sie haben sich selbst
überflüssig gemacht.
Der motor läuft
auch ohne sie
und während er zufrieden brummt,
ist er sich selbst zufrieden,
bloß keine lauten töne mehr,
damit man ihn noch hört
den bauch.
Guten Morgen,
setzt erst mal Kaffeewasser auf, frühstückt, lest in Ruhe die Zeitung und dann meinen Brief.

So, fertig?

Also, was ist der Konflikt?

Egon ruft am Freitag erbost an und beschwert sich, daß ich die Baugruppen zu uns eingeladen habe, ohne vorher noch mal ausdrücklich Bescheid zu sagen. Außerdem wäre ich nicht auf der Teamsitzung gewesen. (Wieso ausgerechnet Egon, der gerade seinen zweiten Urlaub nacharbeitet, um dann in seiner individuellen Freiheit glücklich zu werden?)

Ich sag ihm, daß ich in Urlaub war (eine Woche in diesem Jahr!) und am Dienstag den ganzen Tag im Verbandsbüro gearbeitet habe. Einen Tag nach meinem Urlaub, habe ich gerade das notwendigste gemacht und fühlte mich nicht in der Lage noch zur Sitzung zu kommen, was ich aber vorher schon angekündigt habe...

...

Mein Vorschlag, in der nächsten Teamsitzung darüber zu reden, wurde abgelehnt, weil da der Betriebsberater eingeladen wäre, ich solle sofort kommen, um mich zu rechtfertigen.

Weiter will ich auf dieses etwas kleinliche Hick-Hack nicht eingehen, das können wir auch noch mündlich klären. Ich denke, dies ist auch nicht der eigentliche Konflikt. Er steht stellvertretend für andere nicht ausgesprochene Punkte. Diese wichtigeren Meinungsverschiedenheiten werden jedoch nicht ausgesprochen und werden dann an Nebenpunkten ausgetragen.

...

Der Konflikt zwischen “Gründungsvater" und “Neumitgliedern", zwischen alt und jung, zwischen Weitergehen, Neues ausprobieren und Bestehendes erhalten und genießen steht für mich dahinter.

Es ist ein Unterschied, ob man einen Kollektivbetrieb aufbaut mit der ganzen Power, Kreativität und politischen Idee, die dafür nötig sind, oder ob man in schon was Bestehendes reinkommt und der alltägliche Kram halt schon läuft. Dazu noch so gut Iäuft, daß kaum ein Druck besteht, der dazu zwingt, sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen, als wer fährt wann in Urlaub, wer kocht das Mittagessen und wie verdient man noch mehr Kohle.

So entsteht eine Entfremdung, die durch neue Mitglieder gleichen Typs verstärkt wird. Die Isolation des „alten Vaters" ist vollkommen, wenn er dann noch den Fehler gemacht hat, sich selbst überflüssig zu machen, indem er sein Wissen voll und ganz weitergegeben hat und damit seine Privilegien aufgibt.

Zur Emanzipation der neuen Mitglieder gehört wohl auch zwangsläufig der Machtkampf, die Auseinandersetzung mit dem oder den Gründern. Wobei nicht selten die Gründer als Sparringspartner für den eigenen Vaterkonflikt herhalten müssen.

(...)

...

Bei allen Entscheidungen, die ich in der letzten Zeit getroffen habe, habe ich darauf geachtet, Euch so wenig wie möglich zu belasten. Ich habe akzeptiert, daß eine Veränderung des Arbeitsstils mit mehr Arbeitsteilung - um es mir möglich zu machen, weiter mit Euch zusammen zu arbeiten für Euch nicht zumutbar ist. Ich hatte dabei allerdings nicht den Eindruck, daß Euch dies Kopfzerbrechen bereitet. Auch meine Mitteilung, daß ich wahrscheinlich nie mehr richtig als Schreiner arbeiten kann und deshalb (und weil eine Arbeitsteilung ja nicht möglich ist) “vorsorglich" gekündigt habe, hat Euch nicht gehindert, zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen. Wenn ich bedenke, wie sonst mit solchen Situationen umgegangen wurde, so war dieses Übergehen ziemlich schmerzhaft. Zumal für mich die konkrete Arbeit im Kollektiv eine wichtige Rolle in meinem Leben und für mein Selbstbewußtsein gespielt hat. Vielmehr als Schreinern habe ich ja auch nicht gelernt.

...

Ich kann verstehen, daß für Euch das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund steht. Aber dazu ein Beispiel, wie andere damit umgehen: Zwei Leute aus dem Verband, denen ich erzählt habe, wie ungewiß meine wirtschaftliche Lage in der nächsten Zukunft ist, werden sich dafür einsetzen, daß meine Arbeitsmöglichkeit im Verbandsbüro verlängert wird. Das, obwohl beide glühende Verfechter für eine schnellstmögliche professionelle Besetzung des Büros sind und unsere Auffassungen von dieser Arbeit nicht identisch sind!

Bei Eurem geringen Interesse an Diskussion um Lehrlingsausbildung, Baugruppentreffen, Vernetzung und Verband, habe ich nicht viel Hoffnung, das Euch das besonders interessiert. Vor allem nicht solange Euch nur Euer wirtschaftliches Wohlergehen wichtig ist.

...

In der Hoffnung, daß die Definition „Kritik ist auch eine Zuwendung in einer Zeit der Gleichgültigkeit" will ich gern weiter mit Euch streiten.


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19.05.08    Dieter Poschen <contraste@t-online.de>
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