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Aus CONTRASTE Nr. 276 (September 2007, Seite 14)
Bewegungsdiskurs
Die elf Beiträge des Bandes sind ein Ergebnis der Berliner
Veranstaltungsreihe »Kritischer Bewegungsdiskurs«, deren erste Staffel im
Anfang 2006 in Berlin begann. Diese Reihe von Abendvorträgen ging von zwei
Hauptthesen aus. Der Dominanz des Neoliberalismus mit all ihren Folgen wie
Hartz IV, Verunsicherung und Flexibilisierung, Abbau sozialer Rechte,
Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge bei steigender
Arbeitslosigkeit. Zum zweiten sollte untersucht werden, inwiefern der
Sozialstaat des »goldenen Zeitalters« des Fordismus heute noch als
Gegenmodell taugt. Man wollte nicht zuletzt der Auffassung entgegen
treten, der Neoliberalismus würde von oben oktroyiert, denn damit werde
die Subjektivität derer verneint, die durch die Überwindung des
hierarchischen und patriarchalen Fordismus neue Freiräume und
Möglichkeiten erkämpften. Nicht zuletzt müsste die gesellschaftliche
Analyse die Gewerkschaften erkennen lassen, dass eine betriebliche
Sichtweise auf Arbeitsverhältnisse und Konflikte heute nicht mehr
ausreiche.
Dirk Hauer weist darauf hin, dass es »Prekarisierung« schon immer gegeben
habe und das sogenannte Normalarbeitsverhältnis in der Geschichte des
Kapitalismus historisch und erst recht global gesehen die absolute
Ausnahme war. Prekariät sei derzeit als »prinzipielle und fundamentale
Verunsicherung aller Lebens- und Arbeitsbereiche« zu verstehen und nicht
nur als Phänomen, das die vielzitierten »neuen Selbständigen« oder die
»Generation Praktikum« betreffe.
Die beiden Schweizer Wissenschaftler und Aktivisten Christian Zeller und
Alessandro Pelizzari wenden sich ausführlich gegen die Privatisierung
öffentlicher Güter und beharren auf der öffentlichen Verfügbarkeit, der
demokratischen Kontrolle und der Chancengleichheit in Zugang und Nutzung
bei der Nutzung dieser Güter. Dafür sei eine gesellschaftliche Aneigung
der öffentliche Daseinsvorsorge durch die Bürger und Bürgerinnen selbst
notwendig, eine Verstaatlichung reiche dafür nicht aus.
Der utopischste und deswegen radikale Beitrag stammt von Werner Rätz, der
dem Spekrum der post-autonomen interventionistischen Linken zuzurechnen
ist. Rätz plädiert in seinem Beitrag für ein weltweites bedingungsloses
Grundeinkommen und kann dies sogar einigermaßen begründen. Die Beiträge
sind durchweg eher auf einer analytischen Ebene angesiedelt, Beiträge zu
realen sozialen Bewegungen finden sich nicht. Viele tragen die Krux ihres
akademischen Entstehungszusammenhanges mit sich, einige, wie etwa der von
Alex Demirovic zu Wirtschaftsdemokratie und Gewerkschaften oder der von
Christop Spehr zu alternativer Produktion und Selbstverwaltung sind eher
seltsam. Vielleicht wird das Buch zur zweiten Staffel ja besser.
www.bewegungsdiskurs.de
Bernd Hüttner
Roland Klautke/Brigitte Oehrlein (Hrsg.): Prekariät, Neoliberalismus,
Deregulierung; 214 S., 11,80 EUR, VSA Verlag, Hamburg 2007
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