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Aus CONTRASTE Nr. 279 (Dezember 2007, Seite 14)
Von Ex-Hausbesetzern und Alten-WGs
In linken Büchern geht es oft um politische Ideen, Bewegungen oder
Systeme, Erscheinungen, hinter denen die Menschen in ihrer Einzigartigkeit
all zu leicht verschwinden. In diesem rund um die anstiftung in München
entstandenen Buch ist das anders.
In dem Band werden 28 Menschen vorgestellt, die hauptsächlich in Bayern
und Nordrhein-Westfalen wohnen und sich um andere sorgen, ihren
persönlichen Nahraum gestalten, die »Natur« bewahren und erleben wollen
oder Eigenarbeit in verschiedenen Zusammenhängen leisten. Es geht um
Menschen, die etwas tun, empfinden und begehren – und sich offensichtlich
kaum als »Linke« begreifen.
Das Buch ist in vier Kapitel untergliedert, zu Beginn werden jeweils die
sozialen Praxen des Sorgens, der Gestaltung, der Bewahrung und des
»Selbermachens« kurz vorgestellt und analysiert, dann folgen die
Beispiele. Diese sind breit gestreut, sie reichen von der ehemaligen
Hausbesetzerin bis zum im Heimatverein engagierten Bauern, von Menschen,
die eine Alten-WG gründen wollen, bis zu denjenigen, die auf
unterschiedliche Weise die politische Kultur demokratisieren oder
Selbsthilfe organisieren wollen.
Ein verbindendes Element vieler Porträts ist die Einsicht, dass soziale
Beziehungen auch ökonomische Beziehungen sind – und umgekehrt. Der auch
aus der Armutsforschung bekannte Umstand lautet: Wer keine Netzwerke hat,
ist schlechter dran. Nicht zuletzt geht es auch darum, ökologisch
verträglich zu leben und ein anderes Verständnis von »Zeit« zu
praktizieren: der vorherrschenden Zeitnot und Erfahrungsarmut wieder Muße
und Entschleunigung, wirkliche »freie Zeit« entgegenzusetzen.
Den Abschluss bildet ein längerer wissenschaftlicher Essay der drei
Autorinnen, der den Gedanken der ökofeministisch inspirierten Subsistenz
mit postmodernen Theorien zur Individualisierung kurzschließt. Subsistenz
wird nicht als weltfremde oder moralisierende Ökologisiererei, sondern als
Orientierung auf Selbstbestimmung und den Tausch von Gütern und
Dienstleistungen auf Gegenseitigkeit verstanden. Sie existiert auch nicht
unabhängig von der gewaltförmigen Marktlogik, sondern ist vielfältig mit
ihr verzahnt. Die Autorinnen sind auch nicht naiv, was die
geschlechtsspezifische Zuweisung von bestimmten Verantwortlichkeiten oder
die durch den Umbau des Sozialstaates und die Verarmungspolitik
verursachte Einengung von individuellen und kollektiven Freiräumen – die
für subsistenzorientiertes Handeln unabdingbar sind – angeht. Der allseits
diagnostizierten Entbettung und Individualisierung stellen sie ein
selbstbewusstes Individuum gegenüber, das selbsttätig seinen neuen Platz
im sozialen Leben wie auch in seiner räumlichen Umgebung sucht. Subsistenz
sei mittlerweile mehr ein bestimmtes Verständnis von Beziehungsarbeit als
die klischeehafte Produktion von Lebensmitteln in Selbstversorgung.
Handeln nach Subsistenzprinzipien ist ein Bestandteil des allgegenwärtigen
Hungers nach Sinn und Zugehörigkeit, der in-, aber auch außerhalb der
Lohnarbeit erfüllt werden kann. www.anstiftung.de
Bernd Hüttner
Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner: Wovon Menschen leben. Arbeit,
Engagement und Muße jenseits des Marktes; oekom Verlag München 2007, 304
Seiten, 24,90 EUR (mit DVD)
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